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Käser-Leisibach, Ursula

Die begnadeten Sünder

Stimmen aus den Schweizer Kirchen zum Nationalsozialismus 1933-1942. Geleitwort von E. Stegemann. Cardun Verlag, Winterthur 1994. 188 Seiten.

U. Käser-Leisibach bietet mit diesem Buch eine Premiere. Zum erstenmal in der Nachkriegsgeschichte der Schweiz wird hier eine kritisch durchgesehene Herausgabe der Reaktionen der Schweizer Kirchen auf den Nationalsozialismus vorgestellt. Als Quellen dienen die Schweizerische Kirchenzeitung, das Kirchenblatt der reformierten Schweiz, die Jahresberichte und Protokolle der Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Pressedienstes, die Hirtenbriefe der Bischöfe. Käser-Leisibachs Art der zurückhaltenden und dabei sehr gut aufbereiteten Vorstellung des Materials macht dieses Buch nicht nur ausgesprochen spannend, es läßt einen des öfteren erschauern. Bis zu den aufsehenerregenden Prozessen um Polizeihauptmann Paul Grüninger war die Rolle der Schweiz in der Nazi-Ära kaum kritisch betrachtet worden.

Nun stehen endlich auch die kirchlichen Dokumente einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung. Dabei fallen einmal die erstaunlichen Parallelen zu den Schwesterkirchen in Österreich und Deutschland auf. Hier wie dort paart sich die Ablehnung des rassisch begründeten Antisemitismus mit gleichzeitig deutlich geäußertem Antijudaismus, hier wie dort wird der Nationalsozialismus einerseits in seinem Totalitätsanspruch als bedrohlich empfunden, andererseits als Verbündeter im Kampf gegen „Bolschewismus“ und „Freimaurerei“ angesehen. Die Dokumente zeigen, daß die Kirchen durch Flüchtlingshilfswerke und Hilfsaktionen vor allem in der ruhmlosen Schweizer Asylpolitik helfend und leidmildernd agiert haben, sie zeigen auf evangelischer Seite Sympathien für die Bekennende Kirche und ihre Politik, sie zeugen auch von vereinzelten Stimmen für das Judentum. Die evangelischen Kirchenräte in Basel, Zürich und Genf rangen sich so zu deutlichen Worten gegen den Antisemitismus durch. Letztlich überwiegt aber der Eindruck des Schweigens gegenüber den antisemitischen Greueln, auf katholischer ebenso wie auf evangelischer Seite. Und selbst da, wo man über ein Wort gegen den Antisemitismus erfreut ist, fehlen des öfteren die antijudaistischen Untertöne nicht. Immer wieder stößt man auf dieselben Vorurteile und Anschuldigungen. Die Juden seien zum einen überproportioniert in der Geschäftswelt vertreten, mitschuld am Bolschewismus und der Freimaurerei, vor allem aber gebrandmarkt durch die standhafte Weigerung, Christus als Messias zu verehren und sich taufen zu lassen. Man übersah, daß der wirtschaftlich und religiös-dogmatisch begründete Antijudaismus erst den Weg zum ungeliebten Rassenantisemitismus bereitete. Und man schwieg, wo man hätte reden sollen. Neben der Judenfrage informiert das Buch von Käser-Leisibach über die Haltung der Schweizer Kirchen zur nationalsozialistischen antichristlichen Politik, zum Sterilisations- und Euthanasieprogramm, zur Asylfrage, über die Stellung der Schweiz zum Krieg und zur Landesverteidigung, über die besondere Rolle der Kirche in einem autoritären Staat und vieles mehr. Die Dokumente berichten vom heimlichen Hoffen der evangelischen Kirchen, unter und mit dem Nationalsozialismus einen Sieg über den Katholizismus zu erringen, ebenso wie über den antisemitischen Schweizer Vaterländischen Verband oder den Redakteur der katholischen Kirchenzeitung, Alois Schenker, der am 31. Dezember 1942 u. a. schrieb:- „Die Juden haben sich in Vergangenheit und Gegenwart so häufig und so unverschämt frech und ungerecht auf Kosten der Christen breit gemacht in allen Schlüsselstellungen des privaten und öffentlichen Lebens ..., daß es ein Akt primitivster Notwehr gewesen ist und noch ist, sie zurückzubinden und an parasitärer Ausnützung ihrer Unverfrorenheit zu hindern.“

Gerhard Bodendorfer


Jahrgang 4/1997 Seite 136



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