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Homolka, Walter; Seidel, Esther (Hg.)

Nicht durch Geburt allein

Übertritt zum Judentum. Knesebeck Verlag, München 1995. 303 Seiten.

Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren ist, aber jeder kann Jude werden, der sich zu einem solchen Übertritt entschließt.

Der vorliegende Band schildert ganz verschiedene Fälle von Konversionen zum Judentum.

Der Publizist Henryk M. Broder steuert einen kritischen Artikel über Konversionen zum Judentum im heutigen Deutschland bei. Die Lust zu schockieren verleitet ihn zu oft abstrusen Formulierungen. Christine Brinck erinnert an eine positive Einstellung des Talmud zu den Proselyten: „Rabbi Elasar sagte: Der Heilige, gelobt sei er, hat Israel nur darum unter die Völker verbannt, damit ihnen Proselyten hinzugefügt werden. Denn es heißt: ich will sie mir in die Erde einsäen.“

Es gibt aber auch eine gegenteilige Auffassung im Talmud, die die Proselyten mit einem Aussatz am Volkskörper Israels vergleicht. Einen religionsgeschichtlichen Rückblick auf biblische Zeiten gibt Rabbiner Jonathan Magonet. Dieser historische Rückblick wird durch einen Beitrag von Dirk Herweg und Rachel Monika Herweg ergänzt, die Übertritte zum Judentum in der Antike darlegen. Mitherausgeberin Esther Seidel stellt eine ganze Reihe historischer Übertritte zum Judentum zusammen. Ilan Hameiri gibt einen Überblick über die Bedingungen des Übertrittes zum Judentum aus eigener Erfahrung. Von Bibel und Talmud, über die Vorschriften der Dezisoren bei Maimonides und im Schulchan Aruch, bis zu den Bestimmungen im Mandats-Palästina und schließlich im Staate Israel, werden mit größter Akribie alle Einzelheiten vermerkt. Der Londoner Reformrabbiner Lionel Blue schildert mit viel Humor seine persönlichen Erfahrungen bei Übertritten zum Judentum. Er ist als Verfasser mehrerer Bücher über das Judentum bekannt geworden, wobei sich Franz Rosenzweigs Wort vom „Humor als Milchbruder des Glaubens“ bewährte. Dorothea Magonet schildert ihren eigenen Weg, den einer deutschen Mennonitin zum Judentum.

Rabbiner Albert H. Friedlander beschreibt tief ergreifend seine Begegnungen mit der berühmten Cellistin Jacqueline du Pré, Gattin des Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim. Friedlander betreute sie seelsorgerisch bis zu ihrem Tode und gibt Ausschnitte aus den Gesprächen mit ihr, die durch schwere Krankheit gekennzeichnet war. Die Gespräche führen in die letzten Tiefen des Glaubens, im Ringen um den Sinn des Leblens.

Überraschend wirkt die Nachricht vom Übertritt der Sibylle Sarah Niemöller-von Sell. Die Witwe des hessischen Kirchenpräsidenten Martin Niemöller wird aus tiefer Glaubenserkenntnis den Weg zum Judenturn geführt, wovon ein Interview, das Walter Homolka aufzeichnete, Zeugnis gibt. Walter Homolka ist selbst Konvertit und war zeitweise Rabbiner in England. Ein einmaliger Fall ist der eines indischen Moslems, der in London zum Judentum konvertierte. Es blieb ihm unfaßlich, daß er für den neugewonnenen Glauben nicht missionieren solle, was ihm sein liberaler rabbinischer Seelsorger ans Herz gelegt hat. Der dunkle Mohammed David Rehman kann in seiner Gemeinde nicht recht heimisch werlen. Er bleibt ein Fremdkörper. Das israelische Konsulat lehnt seine Alija unter dem Vorwand ab, daß eine liberale Konversion in Israel nicht anerkannt werde. Schwer ist der Weg für diesen ehemaligen Moslem in die neue Glaubensgemeinschaft geblieben. Walter Homolka, der heute wieder in Deutschland lebt, schließt den interessanten Band mit einem Epilog, in welchem er das erschütternde Schicksal einer Konvertitin beschreibt, die in München zum Judentum übergetreten war und dennoch ihren jüdischen Freund nicht heiraten konnte, da sich dessen Eltern in blinden Vorurteilen widersetzten.

Menschen aus den Völkern, die den Weg zu Israel suchen, sollten mit offenen Armen aufgenommen werden, denn sie bezeugen durch ihre Existenz die Aufgabe Israels, zum Lichte der Völker zu werden.

Schalom Ben-Chorin


Jahrgang 4/1997 Seite 133



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