Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1997 > 459  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Heinsohn, Gunnar

Warum Auschwitz?

Hitlers Plan und die Ratlosigkeit der Nachwelt. Rowohlt Verlag, Reinbek 1995. 222 Seiten.

Der Verfasser, Historiker, Ökonom und Soziologe, Professor an der Universität Bremen, Leiter des Raphael-Lemkin-Instituts für Xenophobie und Genozidforschung, nimmt erneut die Frage nach der Ursache von Auschwitz auf mit dem Ziel, für sie eine rational einsichtige und wissenschaftlich vertretbare Antwort zu finden. Er stellt fest: „Wie sollte aufgearbeitet werden und — vor allem — in Zukunft verhindert werden, was nicht begriffen war?“ So erklärt der Verfasser in der Einleitung über den „ungeklärten Völkermord“: „Ich vertrete die Auffassung, daß der Mord an den Juden aus Fleisch und Blut der Versuch gewesen ist, die Ethik des Judentums zu beseitigen, die ihren überwältigenden Kerngedanken in dem aus der Opferverwerfung resultierenden Recht auf Leben hat“ (18). Denn: „Mit der Ausschaltung der jüdischen Ethik wollte Hitler die ,nordischen‘ Völker vom Gewissens- und Gesetzeskonflikt fürs Töten beim Erobern und Ausmorden von Lebensraum befreien, ihnen also einen entscheidenden strategischen Vorteil verschaffen“ (ebd.).

Dieses vorweggenommene Ergebnis wird nach einem kurzen „Abriß der Vernichtungspolitik der antisemitischen deutschen Diktatur zwischen 1939 und 1945“ in einer Auseinandersetzung mit den 42 bekannten Theorien über Auschwitz vorbereitet, deren Anzahl die „Ratlosigkeit der Nachwelt“ zeigt und deren Darlegung belegt, daß es kaum einen Gesichtspunkt gibt, unter dem man nicht versucht hat, diesen Massenmord zu erklären oder unerklärt zu lassen. Unter den Theorien, die von der Leugnung von Auschwitz über die „ewige Unerklärbarkeit“ bis hin zur Ableitung aus geschichtlichen und zeitgeschichtlichen Vorzeichen reichen und hier nicht alle wiedergegeben werden können, sind manche theologische Erklärungsversuche bemerkenswert: Auschwitz als Hitlers negativer Gottesbeweis (87), der Sünden des jüdischen Volkes wegen (90), im Gefolge des Gekreuzigten Jesus von Nazaret als Sühne für die Sünden der Welt, vor allem die der Christen (92). Manche Theorien versuchen, der Schoa sogar noch einen positiven Sinn zu geben, etwa Menachem Begins Deutung: Auschwitz als Rettung der Menschheit vor Hitlers Atombombe (95).

In weiteren fünf Teilen versucht der Verfasser nun seine eigene obige Behauptung zu erhärten. Dabei werden Lebensraumpolitik und Judenvernichtung zusammen gesehen. Hitlers Plan, dem deutschen Volk große neue Lebensräume, vor allem im Osten, zu erobern, wäre nur möglich, wenn es gelänge, die dortigen Völker zu vernichten. Dazu aber mußte das deutsche Volk zu gewissenlosem Töten seiner Feinde erzogen und von jener jüdischen Ethik befreit werden, die es im Gewissen am Töten hinderte. Jüdische Ethik — damit ist jener Humanitätsgedanke gemeint, der zum erstenmal in Israel als dem Volke Gottes, niedergelegt in den Heiligen Schriften, ersonnen bzw. geoffenbart wurde und durch die Vermittlung des Christentums zur ethischen Grundlage der Menschheit geworden ist. Man kann diese Ethik nach Stichworten aufschlüsseln wie: Lebensheiligkeit, Lebensschutz für alle Menschen, auch für Kinder und Alte, Kranke und Behinderte, Liebes- und Gerechtigkeitsgebot, Erbarmen, Mitleid, Nachsicht, Gleichheit aller Menschen, Abkehr von allem Rassismus oder: „Ihr Kerngedanke verdichtet sich in einem einzigen prophetischen Satz: Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer (Hosea 6,6)“ (137). Dieser Humanitätsgedanke findet schon im Alten Testament seinen Ausdruck im 5. Gebot: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Lev 19,18), das Jesus von Nazaret nochmals radikalisiert in dem Gebot: Liebet eure Feinde (Mt 5,44).

Hitler, der wußte, „daß die ,Erwägungen von Humanität‘ ihren geschichtsmäßigen Anfang im jüdischen Monotheismus hatten“ (134), will dagegen zurück zu etwas Urtümlichen, nämlich zum archaischen Gesetz der Mutter Natur, zum Recht des Stärkeren auf Tötung des Schwächeren. Den Beweis liefert der Verfasser nicht nur durch eine Anzahl von Zitaten aus Reden und Aussprüchen Hitlers und seiner Helfershelfer, sondern auch durch den Hinweis auf die Einübung zum Töten in Guernica und im Rußlandfeldzug, besonders durch die Ermordung der polnischen Führungsschicht, durch die Ausmerzung von Millionen Kriegsgefangenen und durch die „Endlösung“ der Judenfrage. Auch die Einmaligkeit zeigt sich in diesem Motiv Hitlers: „Eine militärstrategisch motivierte Beseitigung des Tötungsverbotes war im neuzeitlichen Abendland noch nie versucht worden ... Der Gedanke, sich durch genozidale Ausschaltung der jüdischen Liebes- und Lebensschutzgebote überlegene Schlagkraft zu sichern, wurde Hitlers ureigener Beitrag zur modernen Kriegsgeschichte“ (132). Damit stellt der Autor irrationale, rassistische, mythische, ökonomische Motive oder gar theologische Erklärungsversuche als letzte Ursachen in Frage.

Am Ende weist der Verfasser hin auf jenen heute fast unbekannten Juden Raphael Lemkin, der den Begriff „Genozid“ prägte und dafür kämpfte, daß 1948 Völkermord von der UNO verfemt wurde. „Im Jahre 1948 ... sind die ,Tafeln vom Berge Sinai‘ nicht nur in Deutschland von neuem zur Geltung gebracht, sondern zum Gesetz der gesamten Menschheit geworden“ (177).

Bernd Bothe


Jahrgang 4/1997 Seite 130



top