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Hans Hermann Henrix

„Ihre Klage klingt noch fort“

Äußerungen von Papst Johannes Paul II. zu Antisemitismus und Schoa

Der Antisemitismus und die Schoa sind immer wiederkehrende Themen in den Ansprachen Johannes Paul II. Sein tiefer Abscheu gegen den Antisemitismus meldet sich bereits in seiner ersten Begegnung mit jüdischen Repräsentanten und hält sich als Grundtenor durch. Er ist bei ihm nicht nur theoretisch, sondern von seiner Lebenserfahrung in Polen unter dem Nationalsozialismus geprägt, wo er mit der Bösartigkeit des alten Übels des Judenhasses persönlich in Berührung kam (vgl. Ansprache vom 3. Oktober 1979).1 Seine Aussagen zur Schoa gewinnen im Laufe der Jahre an interpretatorischer Schärfe, wobei seine Ansprache an die jüdische Gemeinschaft Polens am 14. Juni 1987 eine besondere Bedeutung hat.

In seiner ersten Begegnung mit einer jüdischen Delegation ruft der Papst die Klage des Zweiten Vatikanums über alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus in Erinnerung und zitiert die Aussage der „Richtlinien“ vom 1. Dezember 1974, wonach „jede Form des Antisemitismus und der Diskriminierung als dem wahren Geist des Christentums widerstreitend“ angesehen werden muß, „wie sie ja auch bereits aufgrund der Würde der menschlichen Person an und für sich verurteilt wird“ (12. März 1979).2 Der Papst hat diese Botschaft bei seinen Pastoralreisen und den darin geschehenen Begegnungen mit der jeweiligen jüdischen Repräsentanz in zahlreichen Ländern wiederholt.

Bei seiner ersten Reise nach Polen vom 2. bis 10. Juni 1979 hielt er am 7. Juni auf der Selektionsrampe des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau eine Messe mit Homilie. Er beugte dort sein

„Knie auf diesem Golgota unserer Zeit, vor diesen Gräbern ... vor allen Tafeln ... Ich verweile am Ende gemeinsam mit euch, liebe Teilnehmer dieser Begegnung, vor der Tafel mit hebräischer Inschrift. Sie weckt das Andenken an das Volk, dessen Söhne und Töchter zur totalen Ausrottung bestimmt waren ... Gerade dieses Volk, das von Gott das Gebot empfing: ,Du sollst nicht töten!, hat an sich selbst in besonderem Ausmaß erfahren müssen, was Töten bedeutet. An diesem Gedenkstein darf niemand gleichgültig vorbeigehen.“3

Bei einem Grußwort an die jüdische Gemeinschaft Frankreichs vom 1. Juni 1980 sagte er u. a.:

„Ebenso wahr ist — und es liegt mir daran, das zu erwähnen —, daß eure Gemeinde in den düsteren Jahren der Besatzung und des Krieges viel zu leiden hatte. Ich würdige diese Opfer, von denen wir wissen, daß sie nicht vergeblich geblieben sind.“4

Die Frage christlicher und kirchlicher Mitverantwortung und Schuld am Antisemitismus ist bei Johannes Paul II. nicht mit einer Aussage expliziter Schuldanerkenntnis aufgenommen. Implizit ist eine solche Anerkenntnis bei seinem Besuch der römischen Synagoge am 13. April 1986 vorsichtig angesprochen, wenn er u. a. sagte:

„Ja, die Kirche beklagt nochmals durch mich mit den Worten des bekannten Dekrets ,Nostra aetate (Nr. 4)‘ alle Haßausbrüche und Verfolgungen, alle Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemand gegen die Juden gerichtet haben.“

Daß Johannes Paul II. mit seinen Worten auch den christlichen, ja kirchlichen Anteil an solcher Verfolgung zum Ausdruck bringen wollte, war der unmittelbare Eindruck seiner Hörerschaft in der Synagoge, als er nach dieser Pause und mit besonderem Nachdruck in der Stimme fortfuhr: „ich wiederhole: von wem auch immer.“5 Es muß sich im Augenblick der Ansprache der römischen Gemeinde intuitiv die Einschätzung vermittelt haben: Die höchste Autorität der katholischen Kirche selbst beklagt hier kirchliches Versagen! Denn es sprangen einige der Anwesenden auf, und es brach an dieser Stelle ein wahrer Beifallssturm in der römischen Synagoge los.

Im Jahr 1987 beginnt der Papst, vom nationalsozialistischen Massenmord als der Schoa zu sprechen, so z. B. in seiner Ansprache an den Zentralrat der Juden in Deutschland am 1. Mai 1987 nach der Seligsprechung Edith Steins:

„Heute ehrt die Kirche eine Tochter Israels, die während der nationalsozialistischen Verfolgung als Katholikin dem gekreuzigten Herrn Jesus Christus und als Jüdin ihrem Volk in Treue und Liebe verbunden geblieben ist. Zusammen mit Millionen von Brüdern und Schwestern hat sie Erniedrigung und Leiden bis zum letzten, bis zur unmenschlichen Vernichtung, der Schoa, erlitten ... Zugleich wollen wir in ehrfürchtiger Stille verharren und die fürchterlichen Konsequenzen in unserem Gewissen bedenken, die sich aus der Leugnung Gottes und aus kollektivem Rassenhaß immer wieder ergeben können. Dabei erinnern wir uns in brüderlicher Solidarität auch an das Martyrium vieler Völker Europas unserer Tage und bekennen uns zu einem gemeinsamen Einsatz aller Menschen guten Willens für eine erneuerte ,Zivilisation der Liebe‘ hier in Europa, die von den besten jüdischen und christlichen Idealen beseelt ist. Dazu gehören auch ein wachsames Auge, ein mutiges Wort und ein klares Vorbild bei allen neuen Formen von Antisemitismus, Rassismus und neuheidnischer Glaubensverfolgung. Ein solcher gemeinsamer Einsatz wäre die kostbarste Gabe, die Europa der Welt auf ihrem mühsamen Weg zur Entwicklung und Gerechtigkeit anbieten könnte.“6

Eine Reihe interpretatorisch ausgreifender Aussagen des Papstes zur Schoa beginnt mit seiner Ansprache an die jüdische Gemeinschaft Polens vom 14. Juni 1987 in Warschau:

„Seien Sie versichert, liebe Brüder, daß die Polen, die polnische Kirche im Geist tiefer Solidarität mit euch verbunden ist, wenn sie aus der Nähe auf diese schreckliche Realität der Vernichtung — der bedingungslosen Vernichtung — eures Volkes sieht, einer Vernichtung, die mit Vorsatz ausgeführt wurde. Die Bedrohung für euch war auch eine Drohung gegen uns: sie wurde nicht im selben Ausmaß verwirklicht, weil die Zeit dazu nicht ausreichte. Sie waren es, die diese schrecklichen Opfer erlitten haben: man könnte sagen, daß Sie es auch erleiden mußten wegen jener, die ebenso zur Ausrottung bestimmt waren. Wir glauben an die reinigende Kraft des Leidens. Je grausamer das Leiden ist, um so größer die Läuterung ...

Heute steht das Volk Israel wohl im Mittelpunkt des Interesses aller Nationen der Welt — vielleicht mehr als je zuvor — vor allem wegen seiner schrecklichen Erfahrung: dadurch wurden Sie zu einer lauten, warnenden Stimme für die ganze Menschheit, für alle Nationen, alle Mächte dieser Welt, alle Systeme und jeden Menschen. Mehr als irgend jemand sonst sind Sie es, die zu dieser rettenden Warnung wurden. In diesem Sinne setzen Sie Ihre besondere Berufung fort und erweisen sich immer noch als die Erben jener Auserwählung, der Gott treu ist. Dies ist Ihre Sendung in der Welt von heute, vor den Völkern, den Nationen, der ganzen Menschheit, der Kirche. Und in dieser Kirche fühlen alle Völker und Nationen sich mit Ihnen in dieser Sendung verbunden. Mit Sicherheit empfinden Sie die große Bedeutung Ihres Volkes und seiner Leiden, seines Holocausts, wenn Sie eine Warnung für den einzelnen und die Nationen aussprechen wollen; in eurem Namen erhebt der Papst seine Stimme zu dieser Warnung.“7

In einem Brief an Erzbischof John May, den Vorsitzenden der US-Bischofskonferenz, vom 8. August 1987, griff der Papst seine Warschauer Gedanken wieder auf:

„Voll unerschütterlicher Hoffnung und zutiefst beeindruckt, erinnern wir Christen uns an die Massenvernichtung, die Schoa, der die Juden während des Zweiten Weltkriegs ausgesetzt waren, und wir versuchen, deren wahre, besondere und allgemeingültige Bedeutung zu verstehen. Wie ich vor kurzem in Warschau sagte, ist es gerade dieser schrecklichen Erfahrung wegen, daß das Volk Israel, seine Leiden und seine Vernichtung heute im Blickfeld der Kirche, aller Menschen und Nationen stehen — gleichsam als eine Warnung, ein Zeugnis und eine schweigende Anklage ... Die Betrachtung der Schoa zeigt uns, welch schreckliche Folgen der Mangel des Glaubens an Gott und die Verachtung für den nach seinem Ebenbild geschaffenen Menschen haben können.“8

Einen Monat später ging Johannes Paul II. bei seiner Ansprache an jüdische Persönlichkeiten vom 11. September 1987 in Miami erneut auf die Schoa ein:

„Betrachten wir die Geschichte im Licht der Prinzipien des Glaubens an Gott, müssen wir auch über das katastrophale Ereignis der Schoa, den gnadenlosen und unmenschlichen Versuch, das jüdische Volk in Europa auszurotten, nachdenken. Dieser Versuch forderte Millionen von Opfern — Frauen und Kinder, alte und kranke Menschen eingeschlossen —, die nur deswegen ausgerottet wurden, weil sie Juden waren. Wenn sie dieses Geheimnis des Leidens der Kinder Israels und deren Zeugnis der Hoffnung, des Glaubens und der Menschlichkeit unter entmenschlichenden Gewalttätigkeiten betrachtet, erfährt die Kirche immer tiefer ihre gemeinsame Verbindung mit dem jüdischen Volk und mit dessen Erbe spiritueller Reichtümer aus Vergangenheit und Gegenwart.“9

Gegenüber den Vertretern der jüdischen Gemeinschaft Österreichs betonte der Papst am 24. Juni 1988 in Wien die Frage der Schuld an der Schoa ebenso wie ihren Bezug zur Glaubenserfahrung: Es

„lastet weiter auf Ihnen und auch auf uns die Erinnerung an die Schoa, den millionenfachen Mord an den Juden in den Vernichtungslagern. Es wäre ungerecht und unwahr, diese unsäglichen Verbrechen dem Christentum anzulasten. Vielmehr zeigt sich hier das grauenvolle Antlitz einer Welt ohne und sogar gegen Gott, deren Vernichtungsabsichten sich erklärtermaßen gegen das jüdische Volk richteten, aber auch gegen den Glauben derer, die in dem Juden Jesus von Nazaret den Erlöser der Welt verehren. Einzelne feierliche Proteste und Appelle ließen solche Absichten nur noch fanatischer werden. Eine angemessene Betrachtung der Leiden und des Martyriums des jüdischen Volkes kann nicht ohne innersten Bezug auf die Glaubenserfahrung erfolgen, die seine Geschichte kennzeichnet, angefangen vom Glauben Abrahams, beim Auszug aus der Knechtschaft Ägyptens, beim Bundesschluß am Sinai. Es ist ein Weg in Glaube und Gehorsam als Antwort auf den liebenden Ruf Gottes. Wie ich im vergangenen Jahr vor Vertretern der jüdischen Gemeinde in Warschau gesagt habe, kann aus diesem grausamen Leiden eine um so tiefere Hoffnung erwachsen, ein rettender Warnruf für die ganze Menschheit sich erheben. Sich der Schoa erinnern, heißt hoffen und sich dafür einsetzen, daß sie sich niemals mehr wiederholt. Wir können gegenüber einem so unermeßlichen Leid nicht unempfindlich bleiben; aber der Glaube sagt uns, daß Gott die Verfolgten nicht verläßt, sondern sich ihnen vielmehr offenbart und durch sie jedes Volk auf dem Weg zur Erlösung erleuchtet. Dies ist die Lehre der Heiligen Schrift, dies ist uns in den Propheten, in Jesaja und in Jeremia, offenbart. In diesem Glauben, dem gemeinsamen Erbe von Juden und Christen, hat die Geschichte Europas ihre Wurzeln. Für uns Christen erhält jeder menschliche Schmerz seinen letzten Sinn im Kreuz Jesu Christi. Dies aber hindert uns nicht, es drängt uns vielmehr dazu, solidarisch mitzufühlen mit den tiefen Wunden, die durch die Verfolgungen dem jüdischen Volk, besonders in diesem Jahrhundert aufgrund des modernen Antisemitismus, zugefügt worden sind.“10

Die bereits 1979 beginnende Verknüpfung von Auschwitz, Holocaust oder Schoa mit dem Golgota-Thema klingt im Apostolischen Schreiben Johannes Paul II. zum 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs vom 27. August 1989 an:

„Unter all diesen unmenschlichen Maßnahmen gibt es aber eine, die für immer eine Schande für die Menschheit bleiben wird: die organisierte Barbarei, die gegen das jüdische Volk gewütet hat. Für die ,Endlösung‘ bestimmt, die von einer irrsinnigen Ideologie ausgedacht worden war, sind die Juden kaum zu beschreibenden Entbehrungen und Grausamkeiten unterworfen worden. Zuerst verfolgt durch unterdrückende oder diskriminierende Maßnahmen, endeten sie schließlich zu Millionen in den Vernichtungslagern. Die Juden in Polen haben mehr als andere diese Kalvarienstunde erlebt: Die Bilder von der Belagerung des Gettos in Warschau wie auch das, was man über die Lager von Auschwitz, Majdanek oder Treblinka gehört hat, übersteigen an Entsetzen das menschliche Fassungsvermögen.“11

Das 13. Treffen des Internationalen Verbindungskomitees zwischen der katholischen Kirche und dem jüdischen Volk gebrauchte in seinem Kommuniqué vom 6. September 1990 die Formel vom Antisemitismus als einer „Sünde gegen Gott und die Menschheit“. Diese macht sich der Papst in seinem Grußwort an den Britischen Rat der Christen und Juden vom 18. November 1990 zu eigen: In Prag wurde mit Recht „anerkannt, daß der Antisemitismus ebenso wie jede andere Form des Rassismus ,eine Sünde gegen Gott und die Menschheit‘ ist und als solche von allen abzulehnen und zu verurteilen ist“.12

Daß die Schoa im christlichen Europa geschah, erinnert Johannes Paul II. bei seiner erneuten Begegnung mit der jüdischen Gemeinschaft Polens am 13. Juni 1991:

„Soviel kann man zumindest sagen, daß das präzedenzlose Verbrechen, mit dem ein ganzes Volk getötet werden sollte, das christliche Europa entsetzt und es dazu mobilisiert hat, Unrecht wiedergutzumachen, das den Juden jahrhundertelang zugefügt und das recht oft in die Denk- und Sittenstrukturen hineingeschrieben wurde ... Die Nationen christlicher Zivilisation haben sich an die mühselige Arbeit gemacht, aus ihrer Mentalität jegliche ungerechten Vorurteile gegenüber den Juden sowie andere Erscheinungen des Antisemitismus auszumerzen. An dieser Tätigkeit beteiligen sich die christlichen Kirchen, darunter auch die katholische Kirche, in aktiver Weise.“13

In einer großen Würdigung der jüdischen Märtyrer in der Schoa anläßlich seiner Budapester Begegnung mit der ungarischen Judenheit vom 18. August 1991 bezieht sich der Papst auch auf den Auferstehungsglauben:

„Gib uns deinen Frieden, Herr! Wie oft wurde diese Bitte an Gott gerichtet, wenn Sie in diesem Tempel zusammenkamen, damals, als sich die dunklen Wolken der Verfolgung über der jüdischen Gemeinde Ungarns zusammenzuziehen begannen und die gehässigen Diskriminierungsmaßnahmen ihr das Leben immer mehr erschwerten. In ihren Herzen erwachten wieder die Gebete, die seit der Antike unzählige Male von den Lippen Ihrer Väter zu hören gewesen waren: ,Warum, Gott, hast du uns für immer verstoßen? Warum ist dein Zorn gegen die Herde deiner Weide entbrannt?‘ (Ps 74,1). Aber die Verfolgung wurde immer härter. Da packte Sie die Angst um Ihr Leben. Zu Tausenden wurden die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Konzentrationslager gesperrt und dann umgebracht ... Mit Ergriffenheit und Achtung denke ich an die großen Gläubigen, die es auch in jenen Tagen der Angst und Trübsal, in jenen Tagen der Vernichtung — ,Yom Shoa‘ — vermochten, an die Verheißungen des Herrn zu glauben und zu sprechen: ,Er hat uns Wunden gerissen, er wird uns auch heilen; er hat uns verwundet, er wird auch verbinden‘ (Hos 6,1) ... Aber zugleich gedenke ich aller und jedes einzelnen Juden — Frauen und Kinder, Alte und Junge —, die selbst bei drohendem Verlust ihres Lebens ihr Vertrauen in die Verheißungen des Herrn wahrten. Ich glaube in der Tat fest daran, daß sich an ihnen das Wort Gottes aus dem Buch Daniel erfüllt: ,Von denen, die im Land des Staubes schlafen, werden viele erwachen ... Die Verständigen werden strahlen, wie der Himmel strahlt ...‘ (Dan 12,23). Die sichere Erwartung der Auferstehung der Toten ist ein Schatz, den viele Söhne Israels genau zu dem Zeitpunkt entdeckten, als ihr unbedingtes Gottvertrauen es mit dem Offenkundigwerden einer menschlich verzweifelten Situation aufnehmen mußte. Diese von messianischer Hoffnung erfüllte Erwartung stellte einen Riß in dem düsteren menschlichen Horizont dar und eröffnete ihnen eine entscheidende Dimension ihres Daseins. Voll Hochachtung nehme ich das Zeugnis dieser Gerechten an; ich zweifle nicht daran, daß ihre Überzeugung nicht enttäuscht worden ist und hege Zuversicht, daß alle, die eine solche Erwartung teilen, immer die Kraft besitzen werden, Gottes Geboten zu gehorchen.“14

An anderer Stelle der Rede kennzeichnet der Papst „den Antisemitismus und alle Formen von Rassismus als Sünden gegen Gott und gegen die Menschheit“.

Die Verurteilung des Antisemitismus als Sünde gegen Gott und Menschen war uns zum ersten Mal in der Erklärung „Das christliche Verhalten gegenüber den Juden“ der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen von 1948 in Amsterdam begegnet.15 Sie ist zu einem Basissatz des Pontifikats von Johannes Paul II. geworden, auf den der Papst sich auch in allgemeinen Zusammenhängen bezieht.16 Aber auch mit dem Thema der Schoa konfrontiert er die Gläubigen in übergreifenden thematischen Zusammenhängen. So erinnerte er z. B. am 18. April 1993 die zum traditionellen Mittagsgebet der österlichen Zeit Versammelten an den 50. Jahrestag des Warschauer Gettoaufstandes:

„Die Freude dieses Tages darf uns nicht daran hindern, unsere Aufmerksamkeit auf ein Ereignis zu richten, das vor fünfzig Jahren geschehen und mit unmenschlichem Leid belastet ist: der Aufstand des Warschauer Gettos. Ich empfinde das dringende Bedürfnis, alle Christen und Juden zu grüßen, die heute auf diesem Platz zusammengekommen sind, um dieses Ereignis und die gegen das jüdische Volk im letzten Weltkrieg verübten Verbrechen in Erinnerung zu rufen. In tief empfundener Solidarität mit diesem Volk und in Einheit mit der gesamten Gemeinschaft der Katholiken möchte ich dieser schrecklichen Geschehen gedenken, die schon lange Zeit zurückliegen, aber im Gedächtnis vieler von uns haften geblieben sind: Die Tage der Schoa haben eine wahre Nacht der Geschichte angezeigt und unerhörte Verbrechen gegen Gott und gegen den Menschen verzeichnet. Wie sollten wir euch, liebe jüdische Schwestern und Brüder, nicht nahe sein im Gebet und Nachdenken über einen so schmerzlichen Jahrestag?“17

Papst Johannes Paul II. hat für eine Kultur des Gedenkens an die Schoa eigene Akzente gesetzt. So hat er 1994 den alljährlich in Israel gehaltenen „Tag der Schoa“ in betonter Weise mitvollzogen. Am Vormittag des 7. April 1994 empfing er die jüdischen Vertreter aus Israel und der Diaspora, die zu einer Gedenkfeier nach Rom gekommen waren, in einer Privataudienz und sagte u. a. zu ihnen:

„Das Konzert heute abend ist ein Gedächtnis an diese entsetzlichen Ereignisse. Die Kerzen, die leuchten, während wir der Musik lauschen, werden uns die lange Geschichte des Antisemitismus vor Augen halten, die in der ,Schoa‘ gipfelte.

Aber es genügt nicht, daß wir Erinnerungen wachwerden lassen, denn in unseren eigenen Tagen gibt es bedauernswerte neue Erscheinungen des Antisemitismus, der Fremdenfeindlichkeit und des Rassenhasses, welche die Saat dieser unaussprechlichen Verbrechen waren. Die Menschheit darf nicht zulassen, daß das alles wieder geschieht.“

Das Gedenken entläßt aus sich heraus die ethische Mahnung. Zugleich liegt dem Papst auch die Erinnerung an jene, die in den Jahren der Schoa halfen, am Herzen:

„In dieser Hinsicht darf als historische Tatsache nicht vergessen werden, daß in meiner eigenen Heimat wie auch in anderen Ländern und ebenso hier in Rom in den furchtbaren Tagen der ,Schoa‘ viele Christen zusammen mit ihren Hirten sich bemüht haben, ihren Brüdern und Schwestern der jüdischen Gemeinschaft zu Hilfe zu kommen, selbst auf Kosten ihres eigenen Lebens. Angesichts der Gefahren, welche die Söhne und Töchter dieser Generation bedrohen, haben Christen und Juden zusammen einer Welt, die darum kämpft, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, viel anzubieten, einer Welt, die vom Schöpfer berufen ist, das Leben zu verteidigen und zu schützen, die aber Stimmen gegenüber, die nur tod- und verderbenbringend sind, so verletzlich ist.“18

Im Zentrum des Gedenkens an die Schoa stehen für Johannes Paul II. die Opfer. Dies wurde bei seinem Schlußwort und dem abendlichen Gedenkkonzert in der Vatikanischen Aula Paul VI. vom 7. April 1994 deutlich:

„Unter denen, die heute abend hier bei uns sind, befinden sich Menschen, die am eigenen Leib Entsetzliches erlebt haben, die eine dunkle Wüste durchschritten haben, in der selbst die Quelle der Liebe ausgedörrt schien. Viele haben damals geweint, und ihre Klage klingt noch fort. Wir hören sie auch hier. Sie ist nicht mit ihnen gestorben, sondern erhebt sich laut, qualvoll, traurig und sagt: ,Vergeßt uns nicht!‘ Sie wendet sich an alle und an jeden.

Wir sind also an diesem Abend vereint, um des Holocaust von Millionen von Juden zu gedenken ... Wir haben eine Verpflichtung, die einzige vielleicht, die jeder Träne, die der Mensch des Menschen wegen vergossen hat, Sinn zu geben und sie zu rechtfertigen vermag ... Wir haben gesehen und sehen noch, wie der Friede verhöhnt und die Brüderlichkeit verspottet wird, wie Eintracht geringgeschätzt und Barmherzigkeit verächtlich gemacht wird. Und doch trachtet der Mensch nach Gerechtigkeit. Er ist das einzige Wesen, der sie begreifen kann. Den Menschen retten, heißt nicht nur, ihn nicht töten, ihn nicht verstümmeln, ihn nicht foltern. Es heißt auch, dem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, die in ihm sind, die Möglichkeit geben, gesättigt zu werden. Das ist nun unsere Verpflichtung. Wir würden Gefahr laufen, aufs neue Opfer grausamster Tode sterben zu lassen, wenn wir nicht leidenschaftlich nach der Gerechtigkeit verlangen und wenn wir uns nicht dafür einsetzen würden, jeder nach seinen eigenen Fähigkeiten, daß nicht das Böse die Vorherrschaft gewinne über das Gute, wie es Millionen von Söhnen und Töchtern des jüdischen Volkes gegenüber geschehen ist.“19

Überblickt man die vorgestellten päpstlichen Äußerungen zum Antisemitismus und zur Schoa, so läßt sich festhalten: Papst Johannes Paul II. widmet diesem Thema eine beharrliche Aufmerksamkeit. Sein Abscheu gegen den Antisemitismus ist zweifelsfrei. Zurückhaltend behandelt er die Frage nach dem kirchlichen Anteil an der Geschichte der Judenfeindschaft. Auch wenn der Papst deutlich wahrnimmt, daß die Schoa im christlichen Europa geschah, bezeichnet er es als ungerecht und unwahr, die Verbrechen der Schoa dem Christentum anzulasten. Seine Wahrnehmung der Schoa verschärft sich im Laufe der Jahre. Dabei werden seine interpretierenden Aussagen expliziter. Er sieht deren Ursache im Rassenhaß und in der Leugnung Gottes. Aus der jüdischen Erfahrung der Schoa leitet er eine Sendung des jüdischen Volkes vor der Welt und auch vor der Kirche ab. Dem jüdischen Glaubenszeugnis in der Schoa zollt er seinen Respekt bis zur zuversichtlichen Äußerung, daß sich an diesen großen jüdischen Gläubigen deren Auferstehungshoffnung erfüllt. Die jüdischen Opfer stehen im Mittelpunkt der von ihm akzentuierten Kultur des Gedenkens an die Schoa. Er erinnert aber auch an diejenigen, die damals halfen. Opfer und Helfer der Jahre der Schoa sind ihm Grund zur Hoffnung, mehr aber noch Anlaß zur ethischen Mahnung. Das päpstliche Gedenken an die Schoa vereinigt die Dimensionen eines mitmenschlichen, theologischen sowie moralischen Eingedenkseins.

  1. Rolf Rendtorff/Hans Hermann Henrix (Hg.), Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1945-1985. Paderborn/München 1988, 71.
  2. ebd., 65.
  3. ebd. 68; vgl. ebenda 80 sowie 108, wo der Papst diese Worte in seinen Ansprachen vom 13. April 1983 und in der römischen Synagoge vom 13. April 1986 zitiert.
  4. ebd. 72.
  5. ebd. 108.
  6. „Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls“ des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz 77, 36 f.
  7. „Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls“ 1987, 89 f.; vgl. das Zitat des Papstes aus dieser Rede bei seiner erneuten Begegnung mit der jüdischen Repräsentanz Polens am 13. Juni 1991: L‘Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache vom 30. August 1991, 13.
  8. L‘O. R. vom 11. September 1987, 11.
  9. „Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls“ 1987, 926.
  10. L‘O. R. vom 1. Juli 1988, 15.
  11. L‘O. R. vom 1. September 1989, 9.
  12. L‘O. R. vom 21. Dezember 1990, 7.
  13. L‘O. R. vom 30. August 1991, 13.
  14. L‘O. R. vom 13. September 1991, 97.
  15. ebd. 327.
  16. vgl. seine Ansprache bei der Generalaudienz vom 28. Oktober 1992, in: L‘O. R. vom 6. November 1992.
  17. L‘O. R. vom 23. April 1993, 3.
  18. L‘O. R. vom 29. April 1994, 15.
  19. L‘O. R. vom 29. April 1994, 15.

Jahrgang 4/1997 Seite 115



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