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Clemens Thoma

Heinrich Heine, Streiter für Freiheit und Umkehr der Juden und der Christen

Heine-Jubiläumsjahr 1997

Am 13. Dezember 1797 wurde der nach Goethe und Schiller bedeutendste deutsche Dichter Heinrich Heine in Düsseldorf als Sohn eines jüdischen Kleinhändlers geboren. Er starb 1856 in Paris, nachdem er die letzten neun Lebensjahre in fürchterlicher Krankheit und Verbitterung — in seiner „Matratzengruft“ — verbracht hatte. Fünf Jahre vor seinem Tod deponierte er im Gedicht „Vermächtnis“ in ätzendem Sarkasmus folgende „Wünsche“ an seine kulturellen und publizistischen jüdischen und christlichen Gegner:

Ich vermach' euch die Koliken, die den Bauch wie Zangen zwicken, Harnbeschwerden, die perfiden preußischen Hämorrhoiden! Meine Krämpfe sollt ihr haben, Speichelflug und Gliederzucken, Knochendarre in dem Rucken. Lauter schöne Gottesgaben.1

Das Jahr 1997 ist ein Heine-Jubiläumsjahr. Sein 200. Geburtstag wird begangen. Da geht es um ein reichlich verspätetes Auspacken von Gründen und Umständen, die zu Heines Verbitterung und dann — bis tief ins 20. Jahrhundert hinein — zu seiner Verunglimpfung und Nichtbeachtung geführt haben. Als ärgerlich und widersprüchlich an Heine wurde von vielen empfunden: seine jüdische Herkunft, sein Übertritt zum Protestantismus am 28. Juli 1825, sein Umzug von Deutschland nach Paris, seine verletzenden und hämischen Aussagen über Katholizismus, Protestantismus und Judentum samt den dazwischen hineingeschobenen und hineingewobenen Liebes- und Anhänglichkeitsbeteuerungen an diese drei Institutionen, seine kritischen und zersetzenden Ausfälle gegen Kulturschaffende in Deutschland und Frankreich, und seine vage Rückkehr zum Judentum und zum Glauben seiner Väter nach allem Wirrwarr und allen Enttäuschungen seines Lebens. Bezüglich seiner umstrittenen Rückkehr zu den jüdischen Ursprüngen ist das 1851 von Heine verfaßte „Nachwort“ zur Gedichte-Sammlung „Romanzero“ aufschlußreich. Auf sein Leben zurückblickend, schrieb er:

In der Theologie hingegen muß ich mich des Rückschreitens beschuldigen, indem ich ... zu dem alten Aberglauben, zu einem persönlichen Gott, zurückkehrte ... Ausdrücklich widersprechen muß ich jedoch dem Gerüchte, als hätten mich meine Rückschritte bis zur Schwelle irgendeiner Kirche oder gar in ihren Schoß geführt. Nein, meine religiösen Überzeugungen und Ansichten sind frei geblieben von jeder Kirchlichkeit; kein Glockenklang hat mich verlockt, keine Altarkerze hat mich geblendet. Ich habe mit keiner Symbolik gespielt und meiner Vernunft nicht ganz entsagt. Ich habe nichts abgeschworen, nicht einmal meine alten Heidengötter, von denen ich mich zwar abgewendet, aber scheidend in Liebe und Freundschaft.2

Heine verstand sich in seinen erwachsenen Jahren als eine kritische Instanz gegenüber allem, was sich in den Religionen und Konfessionen — besonders im traditionellen Katholizismus — an Freiheits- und Menschenfeindlichem eingenistet hatte. Er ist dadurch zu einer „Voraus-Figur“ für unsere Zeit mit ihren Gesprächsversuchen zwischen Judentum, Protestantismus, Katholizismus und Islam geworden. Die heutigen mehr oder weniger offiziellen Bemühungen um gegenseitige religiöse Akzeptanz dürfen sich nicht nur auf den institutionellen und religionsobrigkeitlichen Ebenen abspielen. Sie müssen auch (schwierige) Persönlichkeiten — „Heine-Menschen“ — einbeziehen, die zwar noch Licht von ihren religiösen Ursprüngen her in sich bergen, die sich aber enttäuscht und isoliert zwischen allen Religionen und Konfessionen mühsam einen Weg zur eigenen Wahrheit bahnen. Um mit Hilfe von Heines Blickpunkten und genialen Einfällen einige Schritte aus den bereits etwas ausgetretenen Dialogpfaden wagen zu können, wird hier zuerst auf den Religions- und Konfessionskritiker eingegangen. Dann wird seine Einstellung zu Gott und zur Hebräischen Bibel beleuchtet. Am Schluß finden sich Beobachtungen und Fragen.

Religions- und Konfessionskritik

Hohn, Spott und Sarkasmus in höchster literarischer Perfektion hat Heine seit seiner Studienzeit über Institutionen und Personen ausgegossen, die das Leben, die Freude, die Freiheit, die zwischenmenschlichen Beziehungen und anderes mehr einengten. Über seinen Zeitgenossen, den Maler Jan Steen, schrieb er einmal, dieser habe im Gegensatz zu vielen oberflächlichen Kulturschaffenden und Predigern begriffen, „daß unser Leben nur ein farbiger Kuß Gottes“ sei. Steen „wußte, daß der Heilige Geist sich am herrlichsten offenbart im Licht und Lachen“3

Das Christentum und das Judentum bzw. deren geistige und institutionelle Führer galten ihm meistens als Hauptverursacher der Einengung und der Vergiftung des menschlichen Lebens und des ungehemmten Gottesglaubens. Das Christentum sei

eine Religion, ... welche ewig die Menschen in Erstaunen setzen und den späteren Geschlechtern die schauerlichste Bewunderung abtrotzen wird. Ja, es ist eine große, heilige, mit unendlicher Seligkeit erfüllte Religion, die dem Geiste auf dieser Erde die unbedingteste Herrschaft erobern wollte — aber diese Religion war eben allzu erhaben, allzu rein, allzu gut für diese Erde, wo ihre Idee nur in der Theorie proklamiert, aber niemals in der Praxis ausgeführt werden konnte. Der Versuch einer Ausführung dieser Idee hat in der Geschichte unendlich viel herrliche Erscheinungen hervorgebracht ... Der Versuch, die Idee des Christentums zur Ausführung zu bringen, ist jedoch, wie wir endlich sehen, aufs kläglichste verunglückt, und dieser unglückliche Versuch hat der Menschheit Opfer gekostet, die unberechenbar sind, und trübselige Folge derselben ist unser jetziges soziales Unwohlsein in ganz Europa.4

Das Christentum habe „... die edelsten Genüsse herabgewürdigt, und die Sinne mußten heucheln, und es entstand Lüge und Sünde“.5 Als gemeinsame protestantisch-katholisch-institutionelle Sünde betrachtete er das die Freiheit und den Verstand des einzelnen unterdrückende Intrigantenturn:

Ihr wißt, ich bin kein Anhänger des Katholizismus. Ich bin also für die protestantische Kirche immer noch parteiisch. Und doch muß ich der Wahrheit wegen eingestehen, daß ich nie in den Annalen des Papismus solche Miserabilitäten gefunden habe, wie in der Evangelischen Kirchenzeitung ... zum Vorschein kamen. Die feigsten Mönchstücke sind noch immer noble Gutmütigkeiten in Vergleichung mit den Heldentaten, die unsere protestantischen Orthodoxen und Pietisten gegen die verhaßten Rationalisten ausübten.6

An die Stelle der katholischen Form des Christentums sei bereits in seinen Tagen eine Moral getreten, die sich „mißmutig welk an den dürren Stäben der Vernunft“7 festklammere. Das katholische Christentum habe die Menschheit jahrhundertelang um die irdischen Genüsse geprellt. Nun sei zu erkennen,

daß die Menschen nicht bloß zu einer himmlischen, sondern auch zu einer irdischen Gleichheit berufen sind. Die politische Brüderschaft, die uns von der Philosophie gepredigt wird, ist uns wohltätiger als die rein geistige Brüderschaft ..., und wir können noch bei Lebzeiten auf dieser Erde selig werden. Wenn wir dann noch obendrein der himmlischen Seligkeit, die uns das Christentum so bestimmt verspricht, nach dem Tode teilhaftig werden, so soll uns das sehr lieb sein.8

Über das Judentum fällt Heine bisweilen ähnlich wegwerfende Urteile wie über das Christentum. Er lehnt vor allem den „Talmudismus“ ab, der „der Katholizismus der Juden“ sei. Da gebe es im Grunde dieselben Rechthabereien wie im traditionellen Katholizismus. In einer poetischen Verarbeitung einer mittelalterlichen jüdisch-christlichen Disputation in Toledo läßt Heine einen Mönch und einen Rabbiner mit theologisch geschliffenen Messern gegeneinander über Gott und die einzig wahre Religion streiten. Der Sieger sollte den unterlegenen Opponenten in seine Religion hineinzwingen dürfen. Heine legt der als Zuschauerin der Disputation über die Rechthabereien zunehmend unwillig gewordenen spanischen Königin abschließend folgende Worte der Verachtung in den Mund: „Welcher recht hat, weiß ich nicht — doch es will mich schier bedünken, daß der Rabbi und der Mönch, daß sie alle beide stinken.“9

Heine ist andererseits tief betroffen über die christliche und kulturell-gesellschaftliche Judenfeindschaft. Er kennt sich in der Antisemitismus-Geschichte gut aus. Als 27jähriger schreibt er am 25. Juni 1824 an seinen Freund Moser:

Außerdem treibe ich viel Chronikstudium und ganz besonders viel historia judaica ... Ganz eigene Gefühle bewegen mich, wenn ich jene traurigen Annalen durchblättere – eine Fülle der Belehrung und des Schmerzes. Der Geist der jüdischen Geschichte offenbart sich mir immer mehr und mehr, und diese geistige Rüstung wird mir gewiß in der Folge sehr zustatten kommen.10

Die leider nur fragmentarisch erhaltene „Legende des Rabbi von Bacharach“11 und die „Hebräischen Melodien über die Prinzessin Sabbat“, über Jehuda Hallevi und Schlomo ibn Gabirol und auch über die Disputation zu Toledo12 sind wunderschöne Zeugnisse seiner Jüdischkeit, in die Heine immer wieder hineingetaucht ist, um sich dann wieder zu seiner Freiheit und Unabhängigkeit aufzuraffen. Heine zeigt aber auch große Bewunderung für den Islam, besonders für dessen großartige geistige Leistung im mittelalterlichen Spanien. In seiner Tragödie „Almansor“,13 die er 1820/21 als Student verfaßte, „hat er seiner jüdischen Abneigung gegen das Christentum die Zügel schießen lassen“ und mußte deshalb nach seinen eigenen Worten auch „die Wogen des Judenhasses“ gegen sich „anbranden lassen“14. Heine bewundert im „Almansor“ die kulturell hochstehende islamische Religiosität und verurteilt die räuberische und menschenverachtende christliche Konversionspolitik. Dem edlen Muslim Almansor wird seine Braut Zuleima von einem christlichen Ritter für sich und für das Christentum geraubt. Als Almansor sie unter Lebensgefahr und aus Treue zu Allah wieder zurückzuholen vermag, werden beide von den christlichen Verfolgern in den Tod gejagt.

Glaube an Gott

Zeitgenössische Kritiker haben Heine unterstellt, er wühle „im untersten Grunde, in der Religion, um hier entweder ein neues Fundament zu legen, oder auch nur das letzte Vorhandene zu zerstören“15. Der Dichter mag diesen Eindruck bisweilen erweckt haben. In Tat und Wahrheit kämpfte er aber gegen ein deistisches und gegen ein konfessionell verengtes, Freudlosigkeit und Knechteshaltung hervorrufendes Gottesverständnis. Er hatte über seinen oft pantheistisch gefärbten Gottesglauben bisweilen ernste Zweifel. „Ich bekenne unumwunden“ – so sagt er 1852 in der Vorrede zur zweiten Auflage des zweiten Teiles seines Werkes „Der Salon“ –, „daß alles, was in diesem Buche namentlich auf die große Gottesfrage Bezug hat, ebenso falsch wie unbesonnen ist“16. Trotzdem ließ er als Anhänger von Baruch Spinoza (1632-1677) nicht von seinem „Gott alles in allem“ (vgl. 1 Kor 15,28) ab: Der heilige Augustinus (354-430) habe Gott einmal mit einem großen See und die Welt mit einem großen Schwamm verglichen, der in der Mitte liege und die Gottheit einsauge. Dieses Bild überbietend meint Heine:

Nein, die Welt ist nicht bloß gottgetränkt, gottgeschwängert, ... sie ist identisch mit Gott. Gott, welcher von Spinoza die eine Substanz und von den deutschen Philosophen das Absolute genannt wird, ist alles, was da ist; er ist sowohl Materie wie Geist, beides ist gleich göttlich, und wer die heilige Materie beleidigt, ist ebenso sündhaft wie der, welcher sündigt gegen den heiligen Geist ...17

Gott ist

der eigentliche Held der Weltgeschichte, diese ist sein beständiges Denken, sein beständiges Handeln, sein Wort, seine Tat; und von der ganzen Menschheit kann man mit Recht sagen, sie ist eine Inkarnation Gottes“18. „Der Gedanke will Tat, das Wort will Fleisch werden ... Der Mensch, wie der Gott der Bibel, braucht nur seinen Gedanken auszusprechen, und es gestaltet sich die Welt, es wird Licht oder es wird Finsternis ... Die Welt ist die Signatur des Wortes.“19 Gott war immer der Anfang und das Ende aller meiner Gedanken.20

Aus alledem leuchtet ein starker Einfluß seitens des jüdisch-hellenistischen und des Kantischen Gottesverständnisses heraus, aber auch seitens neuplatonischer Gottesideen, wie sie im mystisch-kabbalistischen Judentum gängig sind.

Das heilige Buch

Jetzt, in meinen späteren und reiferen Tagen, wo das religiöse Gefühl wieder überwältigend in mir aufwogt, ... jetzt würdige ich den Protestantismus ganz absonderlich ob der Verdienste, die er sich durch die Auffindung und Verbreitung des heiligen Buches erworben. Ich sage die Auffindung, denn die Juden, die dasselbe aus dem großen Brande des zweiten Tempels gerettet und es im Exile gleichsam wie ein portatives Vaterland mit sich herumschleppten das ganze Mittelalter hindurch; sie hielten diesen Schatz sorgsam verborgen in ihrem Ghetto, wo die deutschen Gelehrten, Vorgänger und Beginner der Reformation hinschlichen, um Hebräisch zu lernen, um den Schlüssel zu der Truhe zu gewinnen, welche den Schatz barg.21

Für Heine selbst waren die heiligen Schriften des jüdischen Volkes sein persönliches „portatives Vaterland“. Die Anregung zu unzähligen Reminiszenzen, poetischen Ergüssen, historischen Urteilen und harten Polemiken verdankt er der Bibel, die er gelegentlich auch „die Memoiren Gottes“22 nennt. Heine ist sich aber auch der tragischen biblisch-jüdischen Geschichte bewußt:

Das ist ein liebes Buch. Meine Vorfahren haben es in der ganzen Welt mit sich herumgetragen und gar viel Kummer und Unglück und Schimpf und Haß dafür erduldet oder sich gar dafür totschlagen lassen. Jedes Blatt darin hat Tränen und Blut gekostet.23

Heine ist eine jener seltenen Persönlichkeiten, denen die Bibel Richtschnur ist und die Judentum und Christentum durch die Geschichtszeit hindurch an ihr messen. Damit steht er weitab von jedem Fundamentalismus und ganz nahe beim Geist der Bibel.

Beobachtungen und Fragen

„Heine war die prophetische Gabe in einem selten hohen Grade eigen. Es gibt in seinen Prosaschriften Stellen, welche sich auf die politische und die soziale Zukunft Europas beziehen und die sich, zum Teil erst in den letzten Jahren, mit einer solchen Genauigkeit verwirklicht haben, daß sich selbst erklärte Heine-Gegner ihrer Evidenz nicht verschließen können.“24 Heine wollte nach seinen eigenen Worten „Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich zu vermitteln suchen“ und mußte erleben, daß deshalb teutonische Franzosenhasser gegen ihn zu Felde zogen.25 Er kämpfte gegen den wuchernden Kapitalismus. Einmal fragt er höhnisch: „Besteht nun die heutige Religion in der Geldwerdung Gottes oder in der Gottwerdung des Geldes?“26

Auch den Antisemitismus des 19. Jahrhunderts hat er in seiner Gefährlichkeit und Wandelbarkeit durchschaut:

Die Antipathie gegen die Juden hat jetzt bei den oberen Klassen keine religiösen Wurzeln mehr, und bei den unteren Klassen transformiert sie sich täglich mehr und mehr in einen sozialen Groll gegen die überwuchernde Macht des Kapitals, gegen die Ausbeutung der Armen durch die Reichen. Der Judenhaß hat jetzt einen anderen Namen, sogar beim Pöbel. Was aber die Regierungen betrifft, so sind sie endlich zur hochweisen Ansicht gelangt, daß der Staat ein organischer Körper ist, und daß derselbe nicht zu einer vollkommenen Gesundheit gelangen kann, solange ein einziges seiner Glieder ... an einem Gebrechen leidet.27

Er bezeichnet die „Judenbeschränkungen“ als „Hühneraugen an den deutschen Füßen“. Die Judenfeindschaft ist ein vom Staat zu bereinigendes sozial-gesellschaftliches Problem. Der Staat muß an der Heilung seiner eigenen Wunde — seinen „Hühneraugen“ — arbeiten. Heine gibt in diesem Zusammenhang zu bedenken, daß auch die jüdischen Gemeinschaften „erst dann wahrhaft emanzipiert werden können, wenn auch die Emanzipation der Christen vollständig erkämpft und sichergestellt worden ist“28. Die kulturelle und soziale christlich-jüdische Parität ist ihm ein Kernanliegen. Die Bedingungen für beide Gemeinschaften müssen auf gleicher Höhe sein, sonst entstehen jüdisch-christliche Hader- und Beschuldigungssituationen. Heine ist zukunftsorientiert. Er sieht die Zukunft oft grau bis schwarz. „Die Zukunft riecht nach Juchten (= Schuhfett), nach Blut, nach Gottlosigkeit und nach sehr vielen Prügeln. Ich rate unseren Enkeln, mit einer sehr dicken Rückenhaut zur Welt zu kommen.“29 Mehrere Stellen klingen wie eine Vorahnung der Ereignisse in Deutschland nach 1933: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“30

Aus dem nun gewonnenen — gewiß unvollständigen — Überblick über das Beziehungsgeflecht zwischen Heine, seinen Zeitgenossen und den damaligen religiösen und kulturellen Institutionen drängen sich vor allem drei Konsequenzen für heute auf.

1. Viele Menschen des 20. Jahrhunderts stehen, ähnlich wie damals Heinrich Heine, außerhalb der christlichen oder der jüdischen Gläubigkeit und Organisation. Sie haben eine kulturelle, technische und/oder säkulare Identität. Es glimmen aber noch die Gluten der persönlichen Herkunft und Religiosität unter der Asche ihrer Weltlichkeit, Intelligenz und Entfremdung. Diese Menschen äußern sich emotional — positiv oder negativ, enttäuscht oder wehmütig — über Religion und Konfession. Auch ihre Stimme muß im modernen Dialog der Religionen und Konfessionen gehört werden.
Heinrich Heine ist das beste Beispiel dafür, wie wichtig kritische, außerhalb der normalen Rahmenbedingungen lebende Menschen für konfessionell organisierte Gruppen sind.
Es geht im religiösen Dialog auch immer um die Verminderung von Entfremdungen. Wenn die katholischen, evangelischen und jüdischen Gemeinschafts- und Gesprächsbeauftragten sich nur wie geistig Eingeengte religionsstrategisch den anderen Offiziellen dialogisch zuwenden, dann ziehen sie einen Graben gegen das Leben und können keinen religiösen und gesellschaftlichen Frieden bewirken.

2. Zum jüdisch-christlichen Dialog muß sich auch der Dialog mit den Muslimen gesellen.
Auch dies hat bereits Heine suggeriert. Es ist ein Hoffnungszeichen, wenn heute vielerorts „Trialoge“ stattfinden.

3. Die zwei Hauptprobleme aller religiösen Dialoge sind Gott und die religiös bedingten Gruppenfeindschaften.
Der uneingeschränkte Austausch von Gottesvorstellungen und Gotteserfahrungen führt — auch dies zeigt Heinrich Heine — zu beglückenden Anreicherungen der persönlichen und konfessionellen Existenz. Religiös bedingte Verengungen, Exklusivismen und Feindschaften sind — das hat die Geschichte gezeigt, und davon kündet auch Heine auf jeder Seite seines Werkes — ein die ganze Gesellschaft vergiftendes Krebsgeschwür. Wenn das christlich-jüdische Gespräch nicht zum vollen Abbau des „sinnlosen Hasses“ bzw. der gegenseitigen Verachtungs- und Verleumdungstopoi führt, dann ist es umsonst. Heinrich Heine hat gegen religiöse Abkapselung und Isolierung alle Register seiner poetischen Phantasie gezogen.

  1. Alle Belege der Heine-Aussagen stammen aus „Heinrich Heines Sämtliche Werke, hg. v. Ernst Elster, 7 Bde., Band I: Leipzig 1890. Die Bände II-VII sind ohne Angabe des Erscheinungsjahres. Das Gedicht „Vermächtnis“ findet sich in I, 429 f.
  2. Werke I, 487
  3. Werke IV, 128.
  4. Werke IV, 220.
  5. Werke IV, 221.
  6. Werke IV, 230 f.
  7. Werke IV, 596.
  8. Werke V, 261.
  9. Werke I, 464-477, zit. 477.
  10. Werke IV, 18.
  11. Werke IV, 448-488.
  12. Werke I, 431-477.
  13. Werke II, 240-310.
  14. Werke II, 242.
  15. Werke IV, 150.
  16. Werke IV, 248.
  17. Werke IV, 257.
  18. Werke IV, 156.
  19. Werke IV, 219.
  20. Werke IV, 223.
  21. Werke VI, 57 f.: Geständnisse 15-74.
  22. z. B. in Werke III, 43.
  23. Werke IV, 138.
  24. Die Weltwoche, Zürich, 26. Januar 1945, Literatur und Kunst, 5.
  25. Werke IV, 317 f.
  26. Werke V, 332.
  27. Werke VI, 120 f.
  28. Werke VI, 125 f.
  29. Werke VI, 316 f.
  30. Werke II, 259.

Jahrgng 4/1997 Seite 81



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