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Röhm, Eberhard; Thierfelder, Jörg

Juden — Christen — Deutsche

Band 3/I-II: 1938-1941. Calwer Verlag, Stuttgart 1995. Teilband I: 452 Seiten, Teilband II: 400 Seiten.

Drei Jahre hat es gedauert, bis der dritte Band des auf vier Bände konzipierten Werkes über das Schicksal „nicht-arischer Christen“ in Deutschland von 1933-1945 erschienen ist. Röhm und Thierfelder liefern auch diesmal wieder zwei fundiert und umfassend recherchierte Teilbände ab, die sich mit den Ereignissen der Jahre 1938 bis 1941 befassen. Der dritte Band setzt dabei mit den dramatischen Ereignissen der Pogromnacht vom 9. November 1938 ein. Dieses Ereignis hat die wahren Absichten des Naziregimes gegen die Juden und damit auch gegen die sogenannten „nicht-arischen Christen“ offen zutage gebracht.

Auch wenn es immer wieder herausragende und aufopfernde Leistungen von seiten kirchlicher Stellen und Amtsträger aufzulisten gibt, Röhm und Thierfelder verschweigen deshalb nicht, daß alles in allem zu spät, zu wenig, zu zögernd geholfen wurde. Einzelaktionen bestätigen vielmehr die allgemeine Hilflosigkeit der Kirchen gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern.

Verschwiegen wird auch nicht der unheilvolle Irrweg der „Deutschen Christen“, die in ihrer Begeisterung für den Nationalsozialismus selbst gegen die eigenen Glaubensschwestern und -brüder zu Felde zogen. Und dies trieb die abstrusesten Früchte, die von den Autoren ausführlich dargelegt werden. Mit vollem Ernst wurden beispielsweise theologische Studien betrieben, die nachweisen sollten, daß Jesus Christus selbst Vollarier und Antisemit gewesen sei. Dazu kam die kirchlich verordnete „Reinigung“ von alttestamentlichen Begriffen, die allzu deutlich auf die jüdischen Wurzeln des Christentums verwiesen. Der Energie, mit der dieses Ziel verfolgt wurde, steht man als Leser gerade deshalb auch fassungslos gegenüber, da genau dort, wo es galt, Menschenleben zu retten, diese Energie fast völlig zu fehlen schien. Nur wenige versuchten mit ganzer Kraft, den Opfern des NS-Regimes zu helfen. Einer dieser wenigen Ausnahmen ist der Schlußteil des zweiten Teilbandes gewidmet. Dieser schildert das Ende des Berliner „Büros Pfarrer Gräber“, dem der Wille zum Helfen trotz großer Schwierigkeiten nicht genommen werden konnte. Erst die Inhaftierung Heinrich Gräbers und dessen Stellvertreters, Werner Sylten, und das staatliche Verbot für die Weiterarbeit legten diesen Hilfswillen lahm.

In den beiden vorliegenden Teilbänden ist es den Autoren wiederum gelungen, deutsche (Kirchen-)Geschichte von vier Jahren zu dokumentieren, an die wir uns nicht gerne erinnern.

Herbert Winklehner


Jahrgang 4/1997 Seite 61



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