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Mayer, Reinhold

Zeit ist‘s

Zur Erneuerung des Christseins durch Israel-Erfahrung. Bleicher Verlag, Gerlingen 1996. 263 Seiten.

Reinhold Mayer, Hebraist und Judaist (Tübingen) und engagierter Gesprächspartner im christlich-jüdischen Dialog, legt mit diesem Buch einen Teil seiner Vorträge vor, die er „in Jahrzehnten ... an Volkshochschulen und Akademien, bei Kongressen und in Gemeinden“ gehalten hat. „Um unnötige Wiederholungen und Überschneidungen zu vermeiden, sind die Texte leicht überarbeitet. Dabei soll die Spannung zwischen verschiedenen Themen, vor allem aber die Gesprochenheit erhalten bleiben“ (Vorwort). Trotzdem hätte man gerne am Ende der Vorträge Literaturhinweise gesehen und am Schluß des Buches ein Sachregister.

Die Themen:

Begegnung mit Jerusalem. Leiderfahrung in der Diaspora — Heilserfahrung im Israelland. Zur Geschichte des Zionismus. Zur Bedeutung des „Heiligen Landes“ für die Christen. Erfahren der Israelwüste.

Hillel, der Babylonier. Jesus von Nazareth. Du bist der Fels. Großpriester und Messias in den Auseinandersetzungen mit Rom. Jakobus, der unbekannte Herrenbruder. Jesus, Messias Israels— Christus der Kirche.

Jüdische Gotteserfahrung gemäß der Tora. Freude am Gebot. Lesen Juden und Christen dieselbe Bibel? Talmud und Neues Testament. Sterben müssen wir — wie Wasser, zur Erde gegossen.

Altheidnischer Antijudaismus und innerjüdisches Streitgespräch. Über die Unmöglichkeit von Judenmission. Zur Geschichte der Juden in Deutschland. Luther und die Juden. Die Christen und der Talmud. Zur Geschichte der Juden in Prag.

Leo Baeck, Apologet des Judentums. Martin Buber und Franz Rosenzweig: Ihre Stellung zu Land und Gebot. Apologie und Polemik bei Franz Rosenzweig.

Es folgen noch ein Glossar und Bemerkungen zum Verfasser.

Im folgenden zitiere ich einige Sätze aus dem Buch, das Mayer in einem Brief an mich als „eine Bilanz meiner Lebensarbeit“ bezeichnet hat, die mir als besonders hilfreich erscheinen. „Denn nächst den Juden sind Christen mit dem Zion bleibend verbunden, da Tora und Christusbotschaft gleichermaßen vom Zion ausgegangen sind. So stark ist diese Verbundenheit, daß, wer sie bestreitet, aufhört, Christ zu sein“ (38). „Wüste und Israel gehören zusammen, weil Israel sich aus der Erfahrung der Gottesbegegnung, wie sie nur in der Wüste möglich war, konstituiert und definiert“ (66). „Der Gott Israels braucht Partner und Verbündete, Israels sonderliches Wissen ist nicht nur, daß wir ihn brauchen — das wissen die anderen auch –, sondern daß Er uns braucht trotz all seiner Fülle. Das ist der einzig zureichende Grund dafür, daß Israel erhalten blieb und erhalten bleibt: Israel, der einzige theologisch stichhaltige Gottesbeweis, den es gibt“ (124). Am Schabbat, am „Gedenktag der Schöpfung, am Tag der Vorwegnahme der Erlösung, ruhen Juden von allem Werk, fühlen sich, wie wenn alles noch und schon wieder heil werde“ (139). Zu Martin Luther bemerkt Mayer kritisch: „Nicht interessierten ihn zuerst die zentralen Themen der hebräischen Bibel — Land und Volk, Gebot und Gott Israels –, vielmehr trug er, der stets mit sich und seiner Kirche im Streit lag, seine Probleme, seine Zweifel und seinen Glauben an die Texte heran, legte sie hinein und hörte sie dann entsprechend wieder heraus: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Die persönliche wurde so zu einer theologischen Voreingenommenheit“ (146). „Wo Juden nach dem Gesetz der Freiheit suchten, fragten Christen nach Gesetzesfreiheit, und beide haben entsprechend der entgegengesetzten Fragestellung auch jeweils andere Antworten gefunden“ (148). Zu Röm 11 bemerkt Mayer: „Nur durch Israel kommen die Völker zum Heil, nur von den Juden her kommt das Heil. Und nur wenn die Völker für Weltzeit die Juden als Partner, als kritisches Gegenüber und als Mahner im Nochnicht ertragen, nur dann bleiben sie im Heil“ (187). „Gerade Christen sollten von den Juden her und auf sie zu, mit ihnen und für sie leben. Denn nur durch den Juden Jesus bekommen die Völker Teil am Heil Israels. Als Messias Israels ist Jesus der Heiland der Welt“ (210).

Schon diese wenigen Zitate lassen die Bedeutung dieses in einem glänzenden Stil geschriebenen Werks von R. Mayer genügsam erkennen. Ich habe aus ihm sehr viel gelernt. In einem Punkt sehe ich allerdings die Dinge anders als Mayer. Ich glaube nämlich nicht, daß durch die Kyrios-Christologie „aus dem Juden Jesus ein griechischer Gott-Mensch geworden“ (114) ist (vgl. auch 87; 144 f.). Durch das Kyrios-Prädikat ist Jesus von Nazaret nicht in den heidnisch hellenistischen „Kyrios-Christos-Mythos“ transponiert worden, vielmehr wurde er durch seine Auferweckung und Erhöhung zum himmlischen „Herrn der Herrlichkeit“ (Jak 2,1), auf den nach dem Zeugnis des Neuen Testaments der Ps 110,1 Anwendung fand: „Es sprach der Herr (der Gott Israels!) zu meinem Herrn (dem Messias Jesus): Setze dich zu meiner Rechten.“ Dieses Kerygma machte den Juden Jesus „evangelial“ für die Völkerwelt; es ist gut „jüdisch“ und hat nichts mit „Hellenisierung“ zu tun.

Ich wünsche dem Buch R. Mayers weite Verbreitung.

Franz Mußner


Jahrgang 4/1997 Seite 59



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