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Maier, Johann

Die Qumran-Essener: Die Texte vom Toten Meer

3 Bände (UTB 1862. 1863. 1916). Ernst Reinhardt Verlag, München/Basel 1995-1996. XVI, 477 Seiten.

In der Erforschung der Schriften aus Qumran herrscht seit den medienwirksamen „Enthüllungen“ und einigen etwas undurchsichtigen Textpublikationen eine Aufbruchstimmung: Seit die Arbeiten an der Publikation der Fragmente vom Toten Meer reorganisiert wurden, ist der größte Teil veröffentlicht. Darüber hinaus ist eine umfangreiche Literatur über die Fragmente erschienen. Laien ist eine Übersicht über die Texte und erst recht über die Forschung zu den Texten kaum möglich. Johann Maier, der emeritierte Kölner Ordinarius für Judaistik, hat mit seinem umfassenden Übersetzungs- und Einleitungswerk ein Arbeitsinstrument geliefert, das für die kommenden Jahre eine unverzichtbare Grundlage für die Qumranforschung sein wird.

Band 1 enthält die Texte aus den Höhlen 1-3 und 5-11. Ebenfalls in diesem Band findet sich die Übersetzung der Damaskusschrift. Sie wurde am Anfang dieses Jahrhunderts in der Kairoer Geniza gefunden. Das Original stammt wahrscheinlich aus Qumran. Die Schriftrollen aus den Höhlen 1 und 11 befinden sich in einem guten Zustand. Neben dem liturgisch-poetischen Werk der Hymnenrolle fanden sich in der ersten Höhle von Qumran das biblische Buch des Propheten Jesaia, die Kriegsrolle, eine Schrift über den Ablauf des endzeitlichen Kampfes der Söhne des Lichts gegen die Söhne der Finsternis, ein aktualisierender Kommentar zum Buch des Propheten Habakuk und die Sektenregel. Das letzte umfangreichere Buch ist das sogenannte Genesis Apocryphon. Daneben finden sich Fragmente biblischer Schriften sowie Überreste frühjüdischer Texte. Relativ gut erhalten ist aus der dritten Höhle die Kupferrolle, die den Zugang zu Schätzen weist, die in Jerusalem und Umgebung versteckt sein sollen. Aus der elften Höhle stammt neben einer Sammlung kanonischer und nichtkanonischer Psalmen ein Hiob-Targum sowie die umfangreiche Tempelrolle, die als Sinaioffenbarung an Mose gestaltet ist und darauf hinweist, daß im Judentum des zweiten Tempels der Prozeß der Verschriftlichung der Tora durchaus noch im Fluß war.

Band 2 umfaßt die Funde aus der vierten Höhle. Hier findet sich der größte Teil des „neuen“ Materials, das erst in den letzten Jahren der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde und das hier teilweise erstmals in deutscher Übersetzung greifbar ist. Diese Höhle enthielt ursprünglich zwar die meisten Schriftrollen, doch sind von vielen Werken nur teilweise winzige Fragmente übriggeblieben. Dennoch sind diese Reste von unschätzbarer Bedeutung. Zahlreiche Überreste biblischer Texte und aktualisierender Kommentare (Pescher) zeugen von der Entwicklung des biblischen Textes und von dessen Deutung in jenen Jahrhunderten. Daneben finden sich umfangreichere Verarbeitungen von erzählendem Material, das sich in kürzerer Form auch in der Hebräischen Bibel vorfindet, gesetzliche Schriftstücke sowie poetisch-liturgische, weisheitliche, astronomische und apokalyptische Texte. Neben der hebräischen Sprache ist vor allem das Aramäische, aber auch das Griechische bezeugt.

Beide Textbände sind mustergültig gestaltet. Die Texte sind nach der Reihenfolge ihrer Numerierung angeordnet. Dadurch ist ein Fragment jeweils leicht auffindbar und seine Benennung unabhängig von einer inhaltlichen Deutung. Eine alphabetische Liste gängiger Titel ist jeweils am Anfang der Bände angeführt. So ist es möglich, Passagen zu finden, die in der Literatur nicht nach der Nummer angegeben sind. Den Texten vorangestellt ist jeweils ihre Nummer (z. B. 4Q 381). Daneben findet sich der Verweis auf die Standardedition, eine kurze Charakterisierung und eine ungefähre Datierung der Schriftrollen. Es folgen die Nummern der Fotos der Texte nach der Mikrofiche-Edition und die bibliographischen Angaben der Texteditionen. Bei größeren und vieldiskutierten Schriften gibt Maier auch eine kurze Einführung und einen Verweis auf wichtige Sekundärliteratur. Anschließend folgen die Fragmente.

Band 3 erschließt die beiden ersten auf mehrfache Weise. Er enthält eine Einführung in Schriften, Geschichte und Gedankenwelt der Gemeinde vom Toten Meer. Die Bibliothek in Qumran ermöglicht einen Blick in einen Teil des Judentums vor der Zeitenwende, das sich vom Judentum, wie wir es heute kennen, in wichtigen Punkten unterscheidet. Die Schriften zeigen ein stark priesterlich geprägtes Judentum, in dem zahlreiche exegetische, erzählerische, gesetzliche, liturgische und weisheitliche Traditionen überliefert wurden, die keinen Eingang in die später kanonisch gewordenen biblischen Schriften gefunden haben.

Den größten Raum dieses Bandes nimmt der Kalender und die Zeiteinteilung von Qumran ein, einer der meistdiskutierten Punkte. Hier geht Maier durchaus eigene Wege. Der Kalender von Qumran basiert auf einem Sonnenjahr von 364 Tagen. Das Kalendersystem, das aus neu edierten Schriften aus Qumran rekonstruiert werden kann, erlaubt eine Datierung von kultischen und geschichtlichen Daten und ist daher für die Geschichtsforschung von großer Bedeutung. In seiner Diskussion der kalendarischen Schriften der Sekte vom Toten Meer betont Maier, daß sich die entscheidenden Auseinandersetzungen im zweiten vorchristlichen Jahrhundert wohl nicht nur zwischen toratreuen und hellenisierten Juden abspielten. Ebenso wichtig waren die Auseinandersetzungen innerhalb des Priestertums um die Anwendung des Kultkalenders auf alle Bereiche des Lebens. Eine späte Folge dieser Auseinandersetzungen war die Gründung der Siedlung in Qumran, die Maier etwa im Jahr 100 v. Chr. ansetzt.

Zahlreiche Tabellen dienen der Untermauerung und Illustration der Thesen Maiers. In diesem Sinne ist die „Einführung“ weniger eine Übersicht über die bisherige Forschung als ein origineller und äußerst anregender eigener Forschungsbeitrag, der auf einen wichtigen Bereich der Geschichte des jüdischen Volkes einen neuen Blick erlaubt.

Ein Stellenregister und ein sehr detailliertes Wort- und Begriffsregister erschließen die Texte auf vorbildliche Weise. Abgeschlossen wird der Band durch eine weitere hundert Seiten umfassende Bibliographie.

„Die Qumran-Essener“ ist ein Buch, das in mancher Hinsicht noch nicht ganz abgeschlossen ist. Noch immer warten einige wenige Texte auf ihre Veröffentlichung. Zahlreiche Fragmente aus der Übersetzung sind erst vorläufig ediert. Die Diskussion ist in vollem Gange, und es ist zu erwarten, daß künftige Forschungsergebnisse wiederum Auswirkungen auf das Verständnis der Texte haben werden.

Hans A. Rapp


Jahrgang 4/1997 Seite 57



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