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Krabbe, Dieter

Freuet euch mit Jerusalem

Jüdisches Leben, Denken und Gedenken. Eine Einführung. Claudius Verlag, München 1995. 286 Seiten.

In 15 Abschnitten eröffnet uns der Autor einen Zugang zu einem tieferen Verständnis des Judentums, gibt uns sozusagen den Schlüssel, den jeder Jude bei seiner Geburt in die Hand bekommt (Yehoshua Amir) und durch den sich eine unmittelbare Glaubenserfahrung erschließt.

Der 1. Abschnitt ist Jüdischem Leben —  Jüdischem Glaubensleben (13-34) gewidmet. Die Frage, was es bedeutet, Jude zu sein, kann nur eine Heterogenität der Antworten mit sich bringen. Doch das Spezifikum, Jude zu sein (im religiösen Sinne: „Bundespartner Gottes“), ist auf alle Fälle unverlierbar (16). Jüdisches Leben und Jüdisches Glaubensleben beinhalten Erinnern als Geheimnis der Erlösung. Am Schabbat, dem höchsten Festtag, wird besonders deutlich, daß Erinnern der Befreiung dient. Es sind Gottes Taten, die im Erinnern lebendig werden und Mut machen, sich dem Schöpfer aufs neue anzuvertrauen (22).

Nach jüdischem Verständnis ist der Mensch Lernender wie Lehrender von Anfang an. Sowohl die schriftliche Tora (die fünf Bücher Mose) als auch die mündliche Tora (Talmud = Kompendium der mündlichen Lehre, bestehend aus Mishna und Gemara) werden gelernt und gelehrt, denn Judentum ist Tora und Talmud.

Im 2. Abschnitt lernen wir die Gedenk- und Festtage des Jüdischen Jahres kennen (35-81), beginnend mit dem Neujahrsfest. Das Neue Jahr beginnt mit Tagen des Gerichts, die aber mit Gottes Erbarmen enden. Rosh Hashana und Yom Kippur sind die Hohen Feiertage. Yom Kippur, der heiligste Tag des jüdischen Kalenders, gilt als Yom tow, als guter Tag, an dem aber die Freude nur einzieht, wenn man zuvor mit seinem Nächsten ins Reine gekommen ist. Solange sich die Menschen nicht untereinander versöhnt haben, dürfen sie nicht auf die Vergebung Gottes hoffen (40).

Mit Sukkot, dem Laubhüttenfest, wird sieben Tage lang in einer unvollkommen gedeckten Hütte (Sukka) gefeiert, gegessen, studiert und auch geschlafen und der Wüstenwanderung der Kinder Israels gedacht (43). An Simchat Tora, dem Fest der Torafreude, rühmen die Juden Mose dafür, daß es ihm gelungen ist, die Tora vom Himmel auf die Erde herunterzuholen. Die Engel waren, wie der Talmud erzählt, damit gar nicht einverstanden (45).

Das achttägige Lichterfest (Chanukka) erinnert an die Neueinweihung des Tempels im Jahre 165 v. Chr.

Purim (Pur = Los, Purim = Fest der Lose) ist ein freudiger Gedenktag an die Errettung aus der Gefahr der Verfolgung im persisch-medischen Reich.

An den Auszug aus Ägypten, das wichtigste Ereignis der jüdischen Geschichte bis heute, erinnert Pesach. Es vergeht auch kein Schabbat, an dem nicht die überragende Bedeutung dieses Befreiungsgeschehens reflektiert würde (60).

Zum Gedenken an die Wiedervereinigung der von 1948 bis 1967 geteilten Stadt Jerusalem wird der Yom Jerushalayim gefeiert.

Shawuot, das Wochenfest, wurde ursprünglich als Erntedankfest gefeiert. In talmudischer Zeit wurde es das Fest der Erinnerung an die Gottesoffenbarung am Sinai (2 Mose 19 und 20).

Der 9. Tag des Monats Aw (Tisha beAw) ist der Gedenktag der Zerstörung von Tempel und Stadt Jerusalem. Eine lange Kette leidvoller Erfahrungen steigt an diesem Tag im Gedächtnis auf (77).

Der wichtigste Feiertag jüdischen Lebens begegnet uns im 3. Abschnitt (82-96): der Schabbat, ein wöchentlicher Ruhetag, den die Welt Israel verdankt. Wer einmal den Schabbat mitgefeiert hat, weiß, daß man das Judentum nicht nur aus Büchern kennenlernen kann, sondern als gelebte Wirklichkeit erfahren haben muß. Die Schabbatruhe ermöglicht ein Innehalten und eine bewußte Hinwendung zu Gott und den Mitmenschen.

Die Synagoge, die uns im 4. Abschnitt (97-106) vorgestellt wird, ist in erster Linie Versammlungshaus, wie es der hebräische Name sagt: Bet Hakneset. Sie ist aber auch Haus des Gebets (Bet HaT‘fillah) und des Lernens (Bet Hamidrasch).

Im Beten (5. Abschnitt, 107-124) richtet der Jude sein Herz auf Gott hin aus, sagt Ja zu Gott, seinem Weg und seinem Willen. Der Zuspruch Gottes an sein Volk und die antwortende „Liebeserklärung“ Israels heißt: Sh‘ma Jisrael —  Höre Israel ... Diese verstummte auch nicht an den Orten des Grauens unseres Jahrhunderts. Wir wissen, daß viele Juden mit dem Sh‘ma Jisrael auf den Lippen starben.

Die Heiligung des Lebens durch treues Beschreiten des Weges der Tora ebnet den Weg, an dessen Ende der Messias erscheint, den Gott —  wann und wie er allein bestimmt —  seinem Volk und aller Welt offenbaren wird (9. Abschnitt, 160-172). In dieser Erwartung soll jeder Jude leben.

Das Interesse an jüdischer Mystik wuchs vor allem in Verfolgungszeiten. Die Kabbala (Überlieferung, Weiterführung) gilt neben den rabbinischen und den rein philosophischen Strömungen als dritte wesentliche Kraft innerhalb des Judentums (10. Abschnitt, 173-180). Gershom Scholem hat mit seinem Werk „Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen“ die wissenschaftliche Grundlage für das Studium der jüdischen Mystik geschaffen. Daneben entstand zu Beginn des 18. Jahrhunderts nach den schlimmen Judenpogromen in Podolien und Ostgalizien der Chasidismus. Es ist das Verdienst Martin Bubers, die chasidischen Legenden gesammelt, sprachlich geformt und philosophisch durchleuchtet zu haben.

Im 11. Abschnitt (181-190) kommen namhafte jüdische Philosophen und Rabbiner zu Wort, die auch nach der Schoa die Frage nach Gott und nach dem Menschen in Auschwitz stellen.

Vereint unter dem großen Dach der Kehilla (= Gemeinde, Versammlung) finden bis heute die unterschiedlichsten Richtungen und Ausrichtungen des Glaubens an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs Platz (12. Abschnitt, 191-205). Dies ist nur möglich, weil Glaubensaussagen nicht dogmatisiert wurden. Denk- und Lehrfreiheit, Flexibilität und Pluralität kennzeichnen den Geist des Bet Jisrael.

Auch im Judentum wird die Stellung der Frau hinterfragt (13. Abschnitt, 206-214). Nicht jede jüdische Frau fügt sich heute noch widerspruchslos in die ihr zugedachte Rolle der „Priesterin des Hauses“. Als solche hat sie über die Erziehung der Kinder zu wachen, dem Ehemann das Studium der Tora zu ermöglichen oder als Hüterin der Tradition für den Fortbestand ihres Volkes zu sorgen. Das Reformjudentum hatte bereits im Jahre 1846 die religiöse Gleichstellung beider Geschlechter gefordert (213).

Die Zionssehnsucht hat sich tief in die jüdische Frömmigkeit eingegraben. In der Liturgie zu Rosh Hashana heißt es: „Stoße in das große Horn zu unserer Befreiung, erhebe das Zeichen, unsere Verbannten zu sammeln, und bringe uns zusammen von den vier Enden der Erde“ (14. Abschnitt, 215-229). Auch im Talmud hat sich die Liebe zum Zion und zum Land Israel niedergeschlagen. Nach jedem Pesachfest ruft man sich hoffnungsvoll zu: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“

Mit Jerusalem im Titel fängt das Buch an, mit Jerusalem, das nicht vergessen werden darf, hört es auf (15. Abschnitt, 230-239). Möge sich erfüllen, daß in den Mauern Jerusalems Friede herrsche (Psalm 122).

Den Verfasser kann man zu seinem gelungenen Werk nur beglückwünschen. Seine Liebe zu den Kindern Israels wird in allen Abschnitten spürbar und es ist keine Frage, daß er damit seinen Lesern zur Freude an Jerusalem verhilft.

Gertrud Rapp


Jahrgang 4/1997 Seite 53



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