Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1997 > 438  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Jüngst, Britta

Auf der Seite des Todes das Leben

Auf dem Weg zu einer christlich-feministischen Theologie nach der Shoah. Mit einem Vorwort von Leonore Siegele-Wenschkewitz. Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1996. 240 Seiten.

„Antisemitismus ist ein Tabu —  auch in der Frauenbewegung“ und „es ist aber nach den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen, die Auschwitz ermöglichten“, stellt die junge evangelische Theologin lapidar fest. Ihr Ausgangspunkt ist die bedrückende Erfahrung, daß feministische Theologie und jüdisch-christliches Gespräch im Hauptstrom der Theologie als „marginal und exotisch“ betrachtet werden und „sich getrennt voneinander zu behaupten“ suchen. Ziel ihrer Arbeit ist es deshalb, beide Fragestellungen aufeinander zu beziehen.

Feministisch-theologische Ansätze haben bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam, erfahrungsbezogen und kontextbezogen zu arbeiten. Im deutschen Kontext des ausgehenden 20. Jh. darf die Wirklichkeit der Schoa nicht ausgeblendet werden, denn sie ist in den Erfahrungen der Töchter und Enkelinnen sowohl von Opfern wie von Tätern und Täterinnen gegenwärtig —  bei den ersteren in schmerzlicher Deutlichkeit, bei letzteren oft unbewußt oder verdrängt, weil ihnen die Geschichte ihrer Verstricktheit in die NS-Zeit vorenthalten wurde.

Es kann nur angedeutet werden, welchen Berg an Literatur, einschließlich der Antijudaismusdebatte in der feministischen Theologie der achtziger Jahre, die Autorin aufgearbeitet und damit ihren Leserinnen und Lesern aufgeschlüsselt hat, um letztendlich zu der vorsichtigen Hoffnung durchzustoßen: daß jüdische und christliche Feministinnen sich gegenseitig ermutigen und unterstützen, auch in der Kritik an der je eigenen Tradition —  und das, „ohne ihre jeweiligen Gemeinschaften zu verlieren oder zu verraten“.

Billige Anbiederungen sind Britta Jüngsts Sache nicht, jedoch sieht sie mögliche Konvergenz im Eschatologischen, weil sowohl jüdisches wie feministisches Denken sich mit der Unerlöstheit der Welt nicht abfinden können, und auch nicht mit der Spiritualisierung und Verjenseitigung der messianischen Hoffnungen. —  Ein wichtiges, ein notwendiges Buch, allerdings nicht ganz leicht zu lesen.

Ruth Ahl


Jahrgang 4/1997 Seite 53



top