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Bober, Robert

Was gibt‘s Neues vom Krieg?

Übersetzt aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Antje Kunstmann Verlag, München 1995. 187 Seiten.

Bescheiden ist das Buch dem äußeren Umfang nach. Groß und weit ist es in der Vermittlung der Erinnerung und der Wahrhaftigkeit des Gefühls. Robert Bober, Dokumentarfilmer polnisch-jüdischer Herkunft, als Kleinkind mit den Eltern via Berlin nach Paris gekommen, nimmt sich der der Hölle von Auschwitz Entkommenen an. Aber Auschwitz und der Holocaust tauchen nur ganz beiläufig auf. Das war ein das Leben so essentiell veränderndes Erlebnis, daß man davon gar nicht oder eben nur nebenbei reden kann.

Bober nimmt uns in seiner Geschichte mit in die Schneiderwerkstatt des Monsieur Albert, eines polnischen Emigranten, der in Frankreich in einem Versteck bei seinem ehemaligen Patron überlebt hat. Bober kennt so ein Schneideratelier aus eigener Erfahrung, denn er hat in seiner Jugend dort gearbeitet. Wir sind im Jahr 1946, und der Krieg ist vorbei. Fast alle hier arbeitenden Schneider, Näher, Bügler und die Fertigmacherinnen sind polnisch-jiddische Holocaustüberlebende, bis auf ein paar französische Frauen, die aber auch ihre Kriegsverletzungen mit sich tragen.

Die Gespräche in dieser kleinen Schneiderwelt sind alltäglich, Familiensorgen, Zukunftsaussichten für die Kinder, Eheprobleme. Die Deportationszeit wird mit Diskretion und Takt übergangen, das macht jeder mit sich ab. Man weiß, daß Monsieur André nach langen hartnäckigen Demarchen seine ehemalige Wohnung wiedererlangt hat und daß er jeden Monat die Miete dafür bezahlt, jedoch in einem Hotel genau gegenüber lebt und jeden Abend am Fenster steht und wartet, daß hinter den Fenstern gegenüber das Licht angeht und Frau und Kinder zurückgekommen sind. Man spricht nicht darüber.

So nebenbei erzählt einer aus dem Schneideratelier ein Erlebnis, wohlgemerkt 1946!, von der unveränderten Arroganz eines Beamten anläßlich des Gesuchs um Einbürgerung. Die Antwort: „Sie können sicher sein, daß ich alles nur Mögliche tun werde, daß Ihrem Gesuch nicht stattgegeben werde.“ Tempora non mutantur ...

Ganz besonders anrührend sind die novellenartigen Geschichten, die den Kindern gewidmet sind. Sehr selten gelingt es einem Autor, sich so subtil in Kinderseelen einzufühlen, so zart und unsentimental. Da ist zum Beispiel der kleine Sohn Raphael des Monsieur Albert, der mit seinem Schwesterchen Ferien in einem jüdischen Kinderheim verbringt und an jedem Posttag seinen Eltern seine Ferienerlebnisse in einem Brief erzählt. Er berichtet da von einem Buben, der Filmtitel sammelt und während der Briefschreibzeit Listen von Filmstars zusammenstellt, weil er niemanden hat, dem er schreiben könnte und sich so über seine Verlassenheit wegschmuggelt.

Die „Auszüge aus dem Tagebuch von Raphael, 1981-1982“ des nun erwachsenen Sohnes, des Schneidermeisters Monsieur Albert bilden einen ziemlich pessimistischen Schluß des beinah heiteren, so gelösten, ersten Teils. Raphael, der Fotograf geworden ist, nimmt an der Beerdigung eines an der „Auschwitz-Krankheit“ Verstorbenen teil. (Auschwitz-Krankheit ist die tödliche Krankheit, an der Primo Levi, Jean Améry, Bruno Bettelheim u. a. gestorben sind: Selbstmord.) Er sieht die vielen Grabsteine mit den eingravierten Namen, unter denen keiner begraben ist, weil sie alle im Osten in Rauch aufgegangen sind. Und er überlegt sich, daß man nur das Sichtbare fotografieren kann. Wie also ist die Erinnerung zu vermitteln? Von nun an fotografiert er nur noch verödete, aufgelassene Friedhöfe, die eben durch ihre Leere, das Nicht-mehr-Gebrauchtwerden den totalen Abbruch der Generationenfolge sichtbar machen. Da wird ihm aber bewußt, daß es etwas gibt, das nicht dem Vergessen anheimgefallen ist: der Antisemitismus, von dem man doch annahm, daß ihn Auschwitz für immer zum Verschwinden gebracht habe, der öffentlich zur Schau gestellte Judenhaß und die Fremdenfeindlichkeit der „wahren und guten“ Franzosen. Doch die sind noch immer die gleichen wie vor dem Krieg. Dieser unausrottbare Haß hat freilich etwas bewirkt, was er nicht beabsichtigt hatte. Er hat Bober und andere dazu geführt, sich ganz bewußt auf ihre Zugehörigkeit zu diesem geschmähten Volk zu bekennen und einen Stolz auf ihr Herkommen zu fördern, der sonst vielleicht außerhalb Israels eingeschlafen wäre.

Wir dürfen Robert Bober sehr dankbar sein für sein Buch, das verdientermaßen den begehrten Prix Livre Inter bekommen hat.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 4/1997 Seite 47



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