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„... eine ganz kleine jüdische Gemeinde, die nur von den Erinnerungen lebt.“

Juden in Hohenems. Katalog des Jüdischen Museums. Hg. von Eva Grabherr. Hohenems 1996. 271 Seiten.

Geschichtsschreibung ist die geistige Form, in der sich eine Kultur über ihre Vergangenheit Rechenschaft gibt. Die Geschichte der Juden im vorarlbergischen Hohenems und das Gedenken an diese einst bedeutende Gemeinde ist der Gegenstand dieses Sammelbandes. Den Anlaß zu dieser Publikation gibt das fünfjährige Bestehen des Museums und der zehnte Jahrestag der Gründung seines Trägervereins. Der Museumskatalog „dokumentiert die Sammlung, die in der Ausstellung des Museums gezeigt wird, vermittelt den Stand der Forschung zur jüdischen Geschichte Vorarlbergs und beschreibt die Geschichte des Museums und die konzeptionellen Überlegungen, die ihm zugrunde liegen“ (E. Grabherr, 13).

Unter den jüdischen Gemeinden Mitteleuropas nahm die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gegründete Hohenemser Gemeinde eine wichtige Stelle ein. Diese Stellung verdankte sie in erster Linie ihrem Alter als Siedlung, wie auch ihrer religiös-kulturellen und historischen Bedeutung.

In 20 Beiträgen wird die vielschichtige geschichtliche Vergangenheit, dem derzeitigen Forschungsstand entsprechend, unter verschiedenen Aspekten dargestellt. Dieser Zielsetzung widmen sich die Aufsätze von K. H. Burmeister über „Die jüdische Gemeinde in Hohenems“ im 17. und 18. Jahrhundert, über „Jiddisch in Hohenems“ und über „Die Juden in der Vorarlberger Landesgeschichtsschreibung“. E. Grabherr schildert eindrücklich „Die bürgerliche Gleichstellung der Juden im 19. Jahrhundert am Beispiel der Jüdischen Gemeinde Hohenems“. B. Purin behandelt das „Landjudentum im süddeutschen Raum“ und vermittelt Einblicke in die heutige Problematik der Museumspraxis über Erwerb und Ausstellung von Ritualgegenständen in dem Beitrag „Jüdische Altertümer —  vom Ritualgegenstand zum Museumsobjekt“.

Das jüdische Leben des 19. Jahrhunderts hat viele Anregungen und „Trends“ von den europäischen Bewegungen der Romantik, des Nationalismus und des Liberalismus aufgenommen. Die Ausprägung religiösen Denkens und Lebens modernen und konservativen Stils, die wissenschaftliche Beschäftigung mit der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart, die Entstehung eines jüdischen Bürgertums und der jüdisch-nationalen Bewegung stehen in engster Beziehung zu den eben erwähnten Anschauungen und Strukturen. U. Kaufmann orientiert über „Die Hohenemser Rabbiner A. Kohn und A. Tänzer und die jüdischen Bestrebungen ihrer Zeit“. In den Beiträgen von S. Fuchs, K. Greussing und W. Dreier wird die politisch-soziale Realität der Juden im 19. und im 20. Jahrhundert thematisiert. Mit kulturgeschichtlichen Aspekten befassen sich H. Walser („Die jüdische Schule in Hohenems im 19. Jahrhundert“), B. Purin („Der Komponist und Kantor S. Sulzer“), E. Weltsch („Die Geschichte des Vereins jüdisches Museum Hohenems“‘) sowie B. Winkler („Kommunikation an einem Erinnerungsort“). Schließlich seien die Beiträge von E. Prochazka („Blicke durch das Fenster“) und R. Gnaiger („Vom ,Burtscher Haus‘ zur ,Villa Heimann-Rosenthal‘) erwähnt. Die Verfolgungszeit und die Nachkriegsgeschichte wird von W. Dreier („Antisemitismus und Nationalsozialismus in Vorarlberg“) und von T. Albrich („Die jüdischen ,Displaced Persons‘ in Vorarlberg 1945-1954“) eingehend analysiert. Eine Auswahlbibliographie zur Geschichte der Juden in Vorarlberg rundet diesen mit zahlreichen Abbildungen ausgestatteten Band ab. Die Einbettung der Hohenemser Geschichte der Juden in den jeweiligen Zeithorizont, die methodische und sprachliche Prägnanz verleihen dem Band seine ganz besondere Bedeutung.

Hermann I. Schmelzer


Jahrgang 4/1997 Seite 43



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