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Christiane Müller

Zum 450.Todestag Martin Luthers

Martin Luther und die Juden

1. Die Juden zur Zeit Luthers

Auch ein Genius wie Luther ist nicht frei von den Einflüssen seiner Zeit.1 Die jüdische Bevölkerung, mit der Luther sich auseinandersetzt, findet sich überwiegend in ländlichen Gegenden, denn zur Zeit Luthers gab es in kaum mehr einer Stadt jüdische Bevölkerung. „... um 1520 (standen den Juden) nicht einmal mehr 1/9 (der Städte) offen.“ Es war eine schlechte Zeit für die Juden in Europa. Sie waren bereits aus England, Frankreich, Spanien und Portugal vertrieben. In Deutschland war die Lage uneinheitlich. Die Juden waren „Kammerknechte“ des Kaisers, unter dessen Schutz sie standen, teuer erkauft durch eine Vielzahl von Steuern. Dieses finanziell ergiebige Schutzrecht dem Kaiser abzutrotzen, war ein Zeichen des Machtzuwachses der Fürsten gegenüber dem Kaiser. Andererseits forderten die Zünfte die Vertreibung der Juden zur Wucherbekämpfung. Dem gaben viele Fürsten nach. Tief sitzender Judenhaß geht mit Synagogenverbrennungen (über 350 Synagogen bis 1510) und Pogromen einher.

Nicht nur die Inquisition, sondern auch die, die dem Geistesleben neue Impulse vermitteln, schüren den Judenhaß. So sieht z. B. Erasmus hinter allem Aufruhr seiner Zeit die Juden am Werk.

2. Reformatorische Erkenntnis und Antijudaismus

Martin Luther als Junker Jörg Foto: dpa

Martin Luther als Junker Jörg. Foto: dpa

Luther kommt als junger Doktor der Theologie im steten Nachdenken über die Psalmen und den Römerbrief zur Formulierung seiner Rechtfertigungslehre.2 Er ist gequält und umgetrieben von der Frage: „Oh, wenn wiltu einmal from werden und gnug thun, das du einen gnedigen Gott kriegst?“3 Die Antwort auf seine brennende Frage wird ihm zuteil, als er erkennt, daß „Gottes Gerechtigkeit seine Barmherzigkeit ist, durch welche er uns gerecht macht.“4 —  Doch der Mensch muß auch Ankläger seiner selbst sein. Er muß einstimmen in Gottes vernichtendes Urteil über ihn, so wird ihm im Glauben an Christus Gottes Gerechtigkeit zuteil. Das Gegenteil einer solchen Haltung ist die Anklage des Nächsten und das Beharren auf eigener Gerechtigkeit. Luther lehrt nun seine Studenten in der Römerbrief-Vorlesung (1515/16), zum 2. Kap.: „An dieser Krankheit litten vor allen anderen Völkern besonders heftig die Juden; daher bringt der Apostel gewissermaßen als Vorspiel gleich zu Beginn dieses Kapitels einen Angriff gegen die Juden. In ihre Fußstapfen treten dann unmittelbar alle Ungläubigen und Heuchler, und was es heute alles an Juristen und Pfaffen gibt ... Ihre eigene Gerechtigkeit rühmen sie selbstgefällig und verwünschen sogar die Rettung durch Gott.“5

2.1. Jüdische Selbstgerechtigkeit contra Gottes Gerechtigkeit

In den Vorlesungen über die Psalmen (1513/15) hören die Studenten diese Sicht des Judentums zwar eher beiläufig, dafür stetig und eingängig. Für die ungezählten Stellen soll hier nur ein Beispiel aus der Auslegung zu Ps 1,5 stehen: „,darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht‘ (V.5), weil die Juden ihren Irrtum nicht bekennen (und) sich nicht anklagen. Aber wie der Gerechte grundsätzlich ein Ankläger seiner selbst ist, so der Gottlose grundsätzlich ein Verteidiger seiner selbst. So klagen die Juden ihre Gottlosigkeit nicht an, sondern verteidigen sie. Daher ist es unmöglich, daß sie bestehen, solange sie in der Verteidigung beharren.“6

Auch die Vorlesung zum Römerbrief, ein Jahr später, ist durchzogen von solchen Äußerungen. 27 Jahre später heißt es in der Schrift „Die Juden und ihre Lügen“: „Sie wollen Gottes Volk sein in ihrem Tun, Werken und äußerlichem Wesen, und nicht aus lauter Gnade und Barmherzigkeit.“7

Diese Haltung, die Luther bei den Juden zu erkennen glaubt, leitet sich für ihn her:
1. Von ihrem Beharren darauf, durch leibliche Abstammung zum Volk Gottes zu gehören.
2. Von ihrem Verständnis der Schrift. Luther kann dieses nur als reines Kleben am Buchstaben verstehen, ein sklavisches Festhalten an Geboten und Gesetzen, das den Blick auf den eigentlichen Sinn der Schrift verstellt. Wiederum in der Psalmenvorlesung sagt er (zu Ps 74,6): „Es gab nämlich einst in der Synagoge eine Kenntnis Gottes und eine geistliche Einsicht. Diese wurde bei der Ankunft Christi durch die Auslegung der Schriftgelehrten gewaltig verändert zum bloßen Buchstaben, wie der Herr es ihnen im Evangelium nachweist. Das ist ihr Talmud, voller Lügen und Verdrehungen, ja Umkehrungen der Schrift.“8

Diese Haltung der Juden ist nach Luthers Meinung ein bewußtes Beharren auf eigener Gerechtigkeit und damit eine willentliche Ablehnung des Werkes Christi und damit eine Verleugnung Gottes.

Zu Ps 32,2: „,Wohl dem, dem der Herr die Schuld nicht zurechnet‘ ... ,In dessen Geist kein Trug ist!‘ Trug, d. h., daß einer die Sünde nicht bekennen will, sondern sich verteidigt und die Gerechtigkeit Christi nicht anerkennt. Das ist nämlich Heuchelei im innersten Herzen, wenn man seine Sünden nicht bekennen will, obwohl man sehr wohl weiß, daß man sündig ist. Das ist die Art der Juden, die sich um die Sünden des Herzens gar nicht bekümmerten, während diese allein doch zählen.“

Über Ps 1,4 („Nicht so die Gottlosen, sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.“) lehrt Luther seine Studenten —  in einer Zeit schlimmer Judenvertreibungen:
„Spreu ist zermahlene, dürre, leichte Erde, die jeder Wind verweht. Mit diesen Worten werden sehr passend die Juden bezeichnet, die dürr im Geist und gedemütigt sind, daher auch zu schwach zum Widerstand, über alle Länder verstreut und in jedem Augenblick bedroht in ihren Niederlassungen. Sie werden niedergetreten wie der Schmutz der Straße und der Staub der Wege ... Die Kirche aber steht felsenfest auf festem Grunde von auserwählten und kostbaren Steinen.“9

Bereits beim jungen Luther finden wir Elemente der althergebrachten antijüdischen Vorurteile:

  • die elende, von Christen gemachte Situation der Juden wird als Strafe Gottes gesehen;
  • die Synagoge unter dem Zorn steht der aufrechten Kirche gegenüber;
  • Verunglimpfung des Talmud.

Aus seiner Befreiungs- und Erlösungserfahrung, die ihm im Glauben an Jesus Christus zuteil wurde, zieht Luther fatalerweise den Umkehrschluß: Alle, die Christus nicht anerkennen, sind selbstgerecht. Die Juden sind für ihn der Prototyp solcher Menschen.

2.2 Juden und Christen: dieselbe Krankheit

Die Juden sind sozusagen die ersten, die sich so verhalten haben. Doch denken wir an den zweiten Satz aus Luthers Römerbrief-Vorlesung: „In ihre Fußstapfen treten dann unmittelbar alle Ungläubigen und Heuchler, und was es heute alles an Juristen und Pfaffen gibt.10

Dieser Satz sagt zweierlei:

Die Juden stehen nicht allein da. Im Hinblick auf ihre selbstgerechte Haltung stehen sie in einer Reihe mit allen Ungläubigen und falschen Christen. Diese begehen genau dieselbe Sünde der Gottlosigkeit: sie lassen Gott nicht Gott sein.

Das Interesse Luthers liegt nicht allein bei den Juden. Er zielt mit solchen Äußerungen vielmehr auch auf die auf Werke beharrenden Christen. Warum benutzt er die Juden dazu? Das begründet sich von Luthers Schriftauslegung her. Sie ist wie alle damalige Auslegung primär auf Anwendung ausgerichtet. So hat ein und dieselbe Bibelstelle mehrere Bedeutungen. Sie berichtet zunächst, wörtlich genommen, von Gott und Mensch in der Vergangenheit. Zugleich beinhaltet das Schriftwort aber immer auch eine Glaubenslehre und eine ethische Aufforderung an den einzelnen für die Gegenwart. „Angewendet auf die Juden heißt das: Was von ihnen als Verstockten im Wortsinn gesagt wird, gilt im übertragenen ... Sinn für alle ,aufsässigen Christen und zielt ... auf die hartnäckige Sündenmacht im Menschen.“11

Luther nimmt das Bild der Juden, das er in der Bibel zu finden meint, um durch sie hindurch auf die Christen zu zielen. Indem er jedoch die Juden dafür benutzt, zementiert er das althergebrachte Judenbild und streicht — von seiner reformatorischen Erkenntnis her — ihre angebliche Werkgerechtigkeit besonders heraus. Er verlängert dabei das aus dem Neuen Testament gewonnene Bild in die Gegenwart hinein, indem er immer wieder einmal den Satz „das tun sie bis auf den heutigen Tag“ einfügt oder von „dem“ Juden spricht, so daß deutlich wird, daß kein Unterschied zwischen den Juden zur Zeit Jesu und den zeitgenössischen Juden besteht.

Für Luther sitzen Juden und Christen im gleichen Boot. Damit sind wir bei dem dritten Satz aus der Römerbrief-Vorlesung:

Am Beispiel der Juden erkennt Luther: Wie Gott Israel mit Verderben geschlagen und ins Exil verstoßen hat, so kann es auch der Kirche ergehen. Immer mehr verstärkt sich in ihm der schreckliche Verdacht, daß dies vielleicht schon geschehen ist: Unter dem Eindruck des ihm angedrohten Bannes schreibt Luther 1520 „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“. Damit besteht aber eine gewisse Solidarität zwischen den in derselben Sünde verhafteten Juden und der Kirche.

2.3 Juden und Christen in der Endzeit

Was für eine Zeit ist das, in der die Kirche in der babylonischen Gefangenschaft ist, in der ihr die größte Gefahr von innen (von Christen selbst) droht?

Heute sehen wir Luther am Anfang der Neuzeit. Er selbst hingegen sieht sich am Ende aller Zeiten. Luthers Zeitdeutung speist sich aus der Tradition (Augustin, Bernhard v Clairvaux). Danach ist die Geschichte vom Fortschritt des Unglaubens gekennzeichnet. In jeder Epoche finden sich neue „Bannerträger“ des Unglaubens: „die Juden zur Zeit Christi, dann die Häretiker zur Zeit der Kirchenväter und schließlich, am schlimmsten, ,wir elenden Christen selber‘“ — das ist dann Zeichen der Endzeit.12

Nachdem nun in dieser Endzeit das Evangelium wiederentdeckt ist, zieht der Teufel mit ungekannter Vehemenz all seine Kräfte zusammen. Denn Endzeit ist Zeit des Entscheidungskampfes.

Das Evangelium ist dem immer mehr als Antichrist identifizierten Papst entrissen, die Kirche des Glaubens ist da, wo man dem Wort, nicht dem Papst, Glauben schenkt. — Und damit steht sie für viele offen: „die Zeit der Judenbekehrung ist gekommen.“13 Die Judenbekehrung, auf die Luther jetzt hofft, ist kein Selbstzweck und steht nicht allein da: Weil Juden und Christen an derselben Krankheit leiden, die ihnen ja auch von den Papisten ,eingeimpft‘ wurde, haben sie jetzt auch dieselbe Chance zu gesunden.14 Das alles ist Teil der endzeitlichen Sammlungsbewegung.

In dieser Zeit der frühen 20er Jahre kann Luther die freieste und souveränste Haltung den Juden gegenüber einnehmen. Er formuliert sie in seiner Auslegung des Magnificats15 (1521) und in der Schrift: „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei“16(1523).

Letztgenannte Schrift dient dazu, den gegen ihn erhobenen Vorwurf, er leugne die Jungfrauengeburt, zu entkräften. Er will „aus der schrifft ertzelen die ursach, die mich bewegen, tzu gleuben, das Christus eyn Jude sey von eyner jungfrawen geporn, ob ich villeicht auch der Juden ettliche mocht tzum Christen glauben reytzen.17

Luther meint, daß die Juden mit einem Übertritt zum Christentum zum eigentlichen Glauben ihrer Väter zurückkehren würden. Er ist der Meinung, daß auch das Erste Testament allein von Christus handelt18 und demzufolge sind auch die Patriarchen und Propheten —  von ihrem Glauben her —  rechte Christen. Das müsse man den Juden nur verdeutlichen.

Luther hat jüdisches Selbstverständnis nicht im Blick. Er kann nicht ermessen, daß er ihnen nicht die Rückkehr zu den Vätern ermöglicht, sondern die Aufgabe ihrer Identität fordert.

Dennoch vergißt Luther darüber nicht die Einzigartigkeit der Beziehung Gottes zu Israel. In einer Zeit, in der Juden nur mit dem Mord an Christus in Verbindung gebracht werden, hebt er die bleibenden Vorzüge Israels hervor. Das ist außergewöhnlich für seine Zeit und bis heute nicht selbstverständlich: „Und wenn wir uns gleich hoch rühmen, so sind wir dennoch Heiden, die Juden aber vom Geblüt Christ. Wir sind Schwäger und Fremdlinge, sie sind Blutsfreunde, Vettern und Brüder des Herrn ... so gehören die Juden Christus näher zu denn wir, wie auch S. Paulus Röm 9 sagt. Auch hats Gott wohl mit der Tat bewiesen, denn solche Ehre hat er nie einem Volk getan als den Juden. Denn es ist je kein Patriarch, kein Apostel, kein Prophet aus den Heiden, dazu auch gar wenig rechter Christen aus den Heiden erhoben. Und obgleich das Evangelium aller Welt kundgetan ist, so hat er doch keinem Volk die Heilige Schrift, das ist das Gesetz und die Propheten, befohlen denn den Juden ...“19

Luthers Überzeugung, daß nun eine Zeit des Aufbruchs und der Bekehrung gekommen ist, hat ganz konkrete Folgen: Er nennt die Vorwürfe gegen die Juden Lügengeschichten und Narrenwerk. „Item, daß man ihnen verbiete, unter uns zu arbeiten, hantiere und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, womit man sie in den Wucher treibt, wie sollte sie das bessern?“ Er plädiert für eine Integration der Juden in die christliche Gesellschaft, nur so könnten sie ja unsere christliche Lehre und Leben ... hören und .., sehen.“ Und er endet: „Obschon etliche halsstarrig sind, was liegt daran? Sind wir doch auch nicht alle gute Christen ... Gott gebe uns allen seine Gnade. Amen.20

Luthers jüdische Zeitgenossen nehmen aufmerksam und dankbar diesen amen Ton eines Christen wahr. Zum Dank übersenden sie ihm eine Handschrift des 130. Psalm in deutscher Übersetzung mit hebräischen Buchstaben.21

3. Grenzziehungen

Von Anfang an stehen bei Luther zwei Sichtweisen der Juden relativ unverbunden nebeneinander. Sie verkörpern a) die selbstgerechte Haltung, die Gottlosigkeit, die Gott nicht Gott sein läßt. Sie sind b) selbst Opfer der Papisten, die ihnen das Evangelium vorenthalten haben und denen nun — zum ersten Mal das Evangelium und die wahre Kirche offensteht. Während a) als Postulat ohne Überprüfung an der Wirklichkeit aufrechterhalten werden kann, ist b) an Voraussetzungen gebunden. Wenn nämlich angesichts äußerer Bedrohungen die Türen der Kirche (des Glaubens) geschlossen und der Binnenraum verteidigt werden muß, muß sich auch entscheiden, wer dazu gehört, wer bereit und willens ist und wer nicht.

Im „Großen Katechismus“ schreibt Luther in der Auslegung des Glaubensbekenntnisses bereits 1529:

„Darum unterscheiden und sondern diese Glaubensartikel uns Christen von allen andren Leuten auf Erden. Denn die außerhalb der Christenheit sind... mögen zwar... einen wahrhaftigen Gott glauben und anbeten, aber sie wissen doch nicht, wie er gegen sie gesinnt ist. Sie können von ihm auch weder Liebe noch Gutes erhoffen; deshalb bleiben sie in ewigem Zorn und Verdammnis.22

3.1. „Scharfe Barmherzigkeit“

Luther predigt auf der Wartburg (Nach dem Gemälde von H. Vogel)
Luther predigt auf der Wartburg (Nach dem Gemälde von
H. Vogel) Foto: dpa
1543 entstehen drei „Judenschriften“. Grund: weil „die elenden heillosen Leute nicht auffhören, auch uns, das ist die Christen, an sich zu locken“23(Luther erfuhr von judaisierenden Christen 1537/38 im böhmisch-mährischen Raum). Im Januar: „Von den Juden und ihren Lügen“, im März „Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“, im August „Von den letzten Worten Davids“.

Vieles in diesen Schriften klingt wie eine scharfe Zusammenfassung des bereits Gesagten: Die Juden beharren willentlich auf ihrer Selbstgerechtigkeit, sie lästern Maria, Christus, Gott. Diese Sicht erfährt nun, da Luther annimmt, das Ende der Zeiten stehe unmittelbar bevor, eine Zuspitzung: „Wenn nu Gott jtzt oder am jüngsten Tag mit uns Christen also wird reden: Hörestu es, Du bist ein Christ und hast gewust, das die Juden meine Son und mich öffentlich gelestert und geflucht haben, Du aber hast jnen raum und platz dazu geben ... Sage mir: was wollen wir hie antworten? ... Da ist unser zu sehen und stilschweigen eben so viel, als theten wirs selbs.24 Die Konsequenzen: Um an der Schuld der Juden nicht teilhaftig zu werden, müssen sie vertrieben werden. Im gleichen Jahr (1543) verfaßte er sieben Ratschläge an die politischen Machthaber. „Erstlich, daß man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke ... Zum anderen, daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre ... Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall tun, wie die Zigeuner ... Zum dritten, daß man ihnen nehme alle ihre Gebetbüchlein und Talmudisten ... Zum vierten, daß man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren ... Zum fünften, daß man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe ... Zum sechsten, daß man ihnen den Wucher verbiete und nehme ihnen alle Barschaft und Kleinod ... Zum siebenten, daß man den jungen starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß ihrer Nasen...“25

Luther ist beim Gegenteil dessen angelangt, was er 1523 forderte: Dort rief er die Christen auf, Zeugnis abzulegen und die Juden in ihre Gesellschaft zu integrieren, damit sie dieses Zeugnis auch erfahren können. Jetzt, im Kampf um die Reinerhaltung der wahren Kirche in der Endzeit, kennt er nur noch eines: Bekehrung oder Vertreibung. Doch damit hat Luther wesentliche Elemente seiner eigenen Theologie aufgegeben:

—  Die Solidarität von „Prediger und Predigthörern“26 von 1523 ist dahin. Dort konnte er sagen: „Sind wir doch auch nicht alle gute Christen ...“ und konnte im Wissen, daß wir alle dessen bedürfen, mit den Worten schließen: „Gott gebe uns allen seine Gnade.27 Jetzt finden wir Luther in der „sicheren Pose des Besitzers“: „Wir Christen ,gleuben recht... ,wir haben die Schrift besser‘... Das, was dem Christen zur Freude und zum Heil dient, gereicht dem Juden ,zur Schande‘“.28 Vom „simul justus et peccator“ ist hier nichts mehr zu spüren.

—  Vorbei ist die Zeit, da Luther mit und für Reuchlin sprach, um Konfiszierung und Vernichtung des Talmud zu verhindern. Vorbei auch die Zeit, da er klar sah, daß Juden, ausgeschlossen von Handwerk und Landwirtschaft, von Christen in Wucher, d. h. in Zinsgeschäfte, gedrängt wurden. Jetzt wirkt Luther mit an der Mär, daß Juden auf der faulen Haut liegen und Christen „aussaugen“. Er stimmt jetzt sogar in die üble Nachrede ein, daß Juden Christen nach dem Leben trachten.

—  Luther hat damit auch sein Wissen aufgegeben, daß die Reformation in Gottes Hand liegt: „Wir müssen eine scharfe Barmherzigkeit üben, ob wir doch etliche aus der Flamme und Glut erretten können.“ Hier tut Luther, was er den Juden immer vorwarf: Er läßt Gott nicht Gott sein.

4. Fazit

Luthers antijüdische Äußerungen und seine gewalttätigen Empfehlungen in der Spätzeit sind nicht auf einen Bruch in seinem Denken und auch nicht auf schlechte Erfahrungen oder Enttäuschungen im Alter zurückzuführen. Sie liegen, wie seine positiven Aussagen zu den Juden, in seinem theologischen Denken begründet. Denn zweierlei Sichtweisen blieben unverbunden nebeneinander stehen und führten zu gegensätzlichen Äußerungen:

1. Die Aufnahme der traditionell-christlichen Sicht des Judentums als in Äußerlichkeit und sinnlosen Gesetzen erstarrt, die niemals in lebendigem Austausch mit zeitgenössischen Juden überprüft wurde. Dieses „Zerrbild“ paßte als Negativpol hervorragend, um die reformatorische Erkenntnis zu verdeutlichen.

2. Die an der Schrift gewonnene Erkenntnis, daß die Juden das Volk sind, dem Gott besondere Ehre getan hat, die Christus als seine Blutsverwandten näher zugehören als wir Heiden, die jedoch Opfer der Papisten wurden, die ihnen das Evangelium vorenthielten. Der Aufbruch und die Offenheit, die der Anbruch der Endzeit mit seiner Wiederentdeckung und Freilegung des Evangeliums bedeuteten, umfaßte auch die Juden. Als sie sich jedoch „weigerten“, zu ihrem eigentlichen Glauben „zurückzukehren“, als sich die Zeit des Aufbruchs in eine Zeit des (endzeitlichen) Kampfes wandelte, wird für Luther diese zweite Sichtweise irrelevant. Die nie an der Realität überprüfte Sicht des (willentlich) verstockten Juden bleibt allein bestimmend. Luther kann die Juden nur noch auf der Seite der Gegner des Glaubens, mithin des Teufels einordnen.

Luther hat, wie viele vor und nach ihm, mitgebaut an der antithetischen Struktur unseres „christlichen“ Denkens im Hinblick auf die Juden: Hier wir Christen, die wir die Schrift „besser“ haben —  ihr Juden dort, verstockt, selbstgerecht und von Gott verworfen. An diese antithetische Struktur des Denkens konnte sich auch der aus anderen Quellen gespeiste rassistische Antisemitismus der Nazis problemlos anschließen. Und deshalb, weil die Kirche solches Denken gewohnt war, war sie so machtlos, so unfähig, Schuld zu empfinden. Allerdings beide Kirchen.

  1. Markus J. Wenninger, Man bedarf keiner Juden mehr. Graz 1981, 257.
  2. Zu diesem Problemkreis vgl. Ernst L. Ehrlich, Luther und die Juden, in: Kremers (Hg.), Die Juden und Martin Luther —  Martin Luther und die Juden. Neukirchen 1985, 73; Johannes Brosseder, Luthers Stellung zu den Juden im Spiegel seiner Interpreten. München 1972, 381 ff.
  3. WA 37. 661,20-24. Zit. n. Brosseder, 384, Anm. 5.
  4. WAT 4. Nr. 4007; 73,15-24; 12. Sept. 1538, zit. n. Oberman, Luther. Berlin 1982, 162.
  5. Kurt Aland (Hg.), Luther deutsch, Bd. 1. Stuttgart 1969,117.
  6. ebd., 25.
  7. Von den Juden und ihren Lügen. 1543. WA 448,4-7. Zit. n. Walther Bienert, Martin Luther und die Juden, Frankfurt 1982, 139 (92).
  8. Dictata super Psalterium. 1513-15. Zu Ps 74,6. WA 3.501,5-9. Zit n. Bienert a. a. O. 24 (5).
  9. Aland, a.a.O., 24.
  10. Aland, a.a.O., 117.
  11. H. A. Oberman, Wurzeln des Antisemitismus. Berlin 1981, 139.
  12. Oberman, 140, darin zitiert aus WA 3.563,31-564,16.
  13. ebd., 147.
  14. „Jedoch, da jetzt aufgeht und leuchtet das goldene Licht des Evangeliums, besteht Hoffnung, daß viele Juden sich ernsthaft und gläubig bekehren ...“, WA BR 3. Nr. 629. 101,1-102,48 (Brief an Bernhardus Iudeus renatus in Geppingen, Juni 1523). Zit. n. Bienert, 71 (48).
  15. Das Magnificat verdeutscht und ausgelegt 1521. WA 7. 544-604 600,33-601,7.
  16. WA 11.307-336.
  17. WA 11.314,1-28.
  18. M. Luther, Röm.-Brief-Vorlesung, in: H. H. Borcherdt, G. Merz, Martin Luther Ausgewählte Werke, Erg.reihe Bd. 2. München '1957, 330.
  19. WA 11.315,25-316,3. Zit n. Bienert, a. a. 0.76 (52).
  20. WA 11.336,22-37. Zit. n. Bienert, a.a.O. 80 (56).
  21. Vgl. M. Stöhr, Martin Luther und die Juden, in Kremers, Die Juden und Martin Luther. 93.
  22. Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der evang.-luth. Kirche. Luth. Kirchenamt der VELKD (Hg.). Gütersloh 1986.
  23. WA 53.417,1-10. Zit. n. Bienert, a. a. 0.134 (90).
  24. WA 53.531,24-532,6 (Von den Juden und ihren Lügen). Zit. n. Brosseder, a. a. 0.373.
  25. Von den Juden und ihren Lügen. 1543. WA 53.523-526. Zit. n. Bienert, a.a.O. 150 (100).
  26. Stöhr, a. a. 0.100.
  27. WA 11.336,22-37. Zit. n. Bienert, a.a.O. 80 (56).
  28. Stöhr, a. a. O.

Jahrgang 4/1997 Seite 14



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