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Michael Graetz

Der „Goldhagen-Effekt“

Daniel Goldhagen, ein junger Politologie-Professor der Harvard-Universität, hat mit seinem Erklärungsversuch des Holocaust die Historikergilde herausgefordert. Schon Monate bevor „Hitler's Willing Executioners“ in deutscher Übersetzung im Siedler Verlag, Berlin, erschien, entbrannte eine hitzige Debatte in den Medien über die Hauptthese des Buches, daß es einen die Juden dämonisierenden Antisemitismus in Deutschland gegeben habe, der schon seit Generationen integraler Teil der deutschen Mentalität und Kultur sei. Im christlichen Mittelalter habe er sich als Haß gegen das Volk der „Christusmörder“ manifestiert, während er sich im 19. Jahrhundert zum „eliminatorischen Rassenantisemitismus“ wandelte. Das Feindbild des Juden sei zum „kognitiven Modell“ geworden, das nicht nur das Denken der Elite, sondern auch der ganz „gewöhnlichen Deutschen“ beherrschte.

In ideeller Form, als „nationales Projekt“, gab es den Antisemitismus noch vor 1933, so daß die Nationalsozialisten bei ihrer Machtergreifung ein vorbereitetes Terrain vorfanden. Daher stießen sie auf keinen besonderen Widerstand, als sie sich anschickten, die Idee des „eliminatorischen Rassenantisemitismus“ in eine Politik der Ausgrenzung und der Vernichtung umzusetzen.

Wenn, so Goldhagens These, die deutsche Gesellschaft „durch und durch antisemitisch“ war, dann erklärt dies die Bereitschaft jener Zehn- und Hunderttausenden von Deutschen, sich direkt oder indirekt an der Realisierung der „Endlösung“ zu beteiligen. D. h. die spezifisch deutsche Tradition des Judenhasses machte den Holocaust nicht allein zum Werk Hitlers und seiner Kumpane, der fanatisierten NS-Funktionselite, der Mörder am Schreibtisch und der SS-Verbände, sondern auch zum Werk von ganz „normalen“, durchschnittlichen Deutschen, die der NS-Ideologie indifferent gegenüberstanden.

Zur Untermauerung dieser seiner These der deutschen Variante des Antisemitismus als Hauptursache des Holocaust untersuchte Goldhagen das Verhalten von Deutschen in drei Mordinstitutionen: in den Polizeiverbänden, in den Arbeitslagern und auf den Todesmärschen. In allen drei Fällen partizipierten am Massenmord „Männer und Frauen, die ihren kulturell verwurzelten, eliminatorisch-antisemitischen Überzeugungen getreu“ ihr Vorgehen für gerecht hielten. Er begründet seine Feststellung mit dem Hinweis auf die Aussagen von Teilnehmern an den Vernichtungsaktionen. Diese gaben unumwunden zu, daß sie sich an ihnen beteiligten, obwohl eine Freistellung möglich gewesen wäre. Als im Juni 1942 beispielsweise das Polizeibataillon 101 beauftragt wurde, das jüdische Getto von Jozefow in Polen zu räumen, mit anderen Worten, Frauen, Alte und Kinder zu ermorden und nur die arbeitsfähigen Männer zu selektieren, da teilte ihnen der Bataillonschef vor der Aktion ausdrücklich mit: Wer sich der Aufgabe nicht gewachsen fühle, könne vom Mordeinsatz befreit werden. Nur ein Dutzend von fünfhundert Männern machte von diesem Angebot Gebrauch. Die überwiegende Mehrheit demonstrierte nicht allein in diesem Fall bei der Ermordung von Juden einen besonderen Eifer, während man anderen „rassisch minderwertigen“ Volksgruppen gegenüber eine gewisse Schonung zeigte. Vernichtungsmissionen gegen Juden hatten Vorrang auch vor dem Kampf gegen Partisanen.

An den Einsätzen beteiligten sich vierzig Polizeibataillone (keineswegs Eliteeinheiten wie etwa SS-Verbände), mehrheitlich bestehend aus Männern der unteren Mittelschicht, im gesetzten Alter, mit Frau und Kindern, mit minimaler militärischer und ideologischer Schulung. Sie waren keine indoktrinierten Nationalsozialisten, sondern ganz „gewöhnliche Deutsche“, die sich seit dem Einmarsch in die Sowjetunion im Juni 1941 an den Massenhinrichtungen von Juden ohne besondere Skrupel, ja sogar mit Lust und Eifer beteiligten. Da sie oft keine präzisen Anweisungen hatten, handelten sie auf eigene Initiative: Einige Angehörige des Bataillons 309 zwangen in einem Fall alte jüdische Männer zu tanzen, und als diese zu ihrem Unglück nicht flott genug tanzten, zündeten ihnen die Deutschen ihre Bärte an. Noch grausamere Erfindungsgabe demonstrierte eine Kompanie des Polizeibataillons 309, die die Juden der Gemeinde Bialystok in der Hauptsynagoge zusammendrängte, dann Benzin rund um das Gebäude goß, einen Sprengkörper durch ein Fenster warf und das Feuer des Holocaust entzündete. Hundert bis hundertfünfzig Männer des Bataillons umzingelten die Synagoge, damit keiner der mehr als siebenhundert eingeschlossenen Juden dem Inferno entkommen könne. Nur das flehende Gebet und die ohnmächtigen Hilferufe drangen nach außen.

In diesem Feldzug der Polizeibataillone wurden durch Erschießungen und alle Arten von Folterungen eine bis zwei Millionen Juden umgebracht. Goldhagen findet nur eine Erklärung für diese hemmungslose Beteiligung ganz „gewöhnlicher Deutscher“ am Massenmord: Sie waren motiviert durch den tiefsitzenden eliminatorischen Antisemitismus.

Der Protest der wissenschaftlichen Experten

Alles, was Rang und Namen in der deutschen Historikergilde hat, meldete sich zu Wort, um scharfe Kritik am Buch Goldhagens, an seiner Methode und seinem Erklärungsmodell zu üben. Seine These der Einzigartigkeit des deutschen Antisemitismus, der eine Kollektivdisposition reflektiere und schon seit dem 19. Jahrhundert auf die Ausgrenzung der Juden tendiere, so daß die Nationalsozialisten nur noch die Schleusen zur Vernichtung zu öffnen brauchten, komme einer „monokausalen“ Erklärung gleich, die eine ernsthafte Erforschung eines äußerst komplexen Phänomens blockiere. Goldhagen sei den empirischen Beweis für die Existenz einer spezifisch deutschen kollektiven Bewußtseinshaltung gegenüber den Juden schuldig geblieben und habe sich, statt auf primäre Quellen, auf wenige, überholte Arbeiten zur Geschichte des Antisemitismus gestützt.

Goldhagen verwerfe zwar mit Nachdruck die Behauptung einer Kollektivschuld, aber benütze konsequent die Kollektivbezeichnung „die Deutschen“ bei seiner Darstellung der Ereignisse, was deutlich mache, daß er eine Kollektivdisposition unterstelle. Indem er konsequent von „Deutschen“ schreibe, habe er eine „ethnizistisch-rassistische“ Komponente eingebracht.

Daß die Verbrechen von der Mehrheit der Bevölkerung nicht wahrgenommen wurden, sei nicht zu leugnen, aber die sozialpsychologischen Gründe dafür seien schwer auf einen Nenner zu bringen. Vor allem der Versuch, von der Zahl der aktiven Vollstrecker, von den Polizeibataillonen und den übrigen Tätern auf die Gesamtnation zu schließen und dieser die bewußte Billigung des Holocaust zu unterstellen, sei wenig überzeugend. Gerade Christopher Browning, der als erster eine epochemachende Studie über ein Polizeibataillon vorgelegt habe, liefere ein äußerst komplexes Bild der individuellen Beweggründe zum Morden. Er berufe sich auf die Aussage von Oswald Rufeisen, der im August 1942 bei den Polizisten als Übersetzer diente. Rufeisen berichtet, daß es begeisterte und sadistische Mörder gab, Bestien in Menschengestalt, aber auch solche, die den Einsatz gegen die Juden als unerträgliche Grausamkeit erlebten. Daß die Mörder gewöhnliche Deutsche waren, kann noch nicht bedeuten, daß alle gewöhnlichen Deutschen Mörder waren.

Kurzum, Goldhagen falle mit seinem Buch hinter den inzwischen erreichten Stand der Forschung zurück. Zu Unrecht kritisiere er alle Historiker, die auf der Höhe der gegenwärtigen Forschung stehen. Goldhagens Buch sei von einer komparativen Sozial- und Geschichtswissenschaft weit entfernt und bringe keine neuen Einsichten. Auf weiten Strecken beruhe es auf ungenügenden empirischen Grundlagen. Bedauerlicherweise habe er seine These so überspitzt formuliert, daß sie scharfen Widerspruch herausfordern mußte.

Der „Goldhagen-Effekt“

Die wissenschaftlich-methodischen Unzulänglichkeiten, die seine Kritiker aufgedeckt zu haben glaubten, konnten aber dem einzigartigen Publikumserfolg seines Buches keinen Abbruch tun. Allein von der deutschsprachigen Ausgabe wurden bereits 80.000 Exemplare verkauft. Der Andrang des Publikums, das an öffentlichen Debatten mit Goldhagen in Hamburg, Berlin, Frankfurt und München teilhaben wollte, war enorm. Hunderte erhielten keine Karten zu den Veranstaltungen. Dieser Ansturm verlangt nach einer Erklärung.

Goldhagen hat sich von jener Historiographie abgesetzt, die sich auf die Funktion des nationalsozialistischen Systems und seiner bürokratischen Vernichtungsmaschinerie konzentrierte und die Täter mehr und mehr in der Anonymität verschwinden ließ. Dagegen rückte er die Täter wieder in den Mittelpunkt, um aus deren individuellem Verhalten Motive, Gedanken und Empfindungen herauszulesen. Er geht von der Annahme aus, daß die Beteiligten am Vernichtungsprozeß reflektierten, vor moralische Schicksalsfragen gestellt waren, und ähnlich wie fast jeder Verbrecher immer noch in der Lage waren, zu unterscheiden zwischen Gut und Böse, daß sie über eine gewisse Entscheidungsfreiheit verfügten und daher auch Verantwortung und Schuld tragen. Durch die direkte und schonungslose Hinwendung zu den Tätern und ihren Motiven hat Goldhagen in aller Schärfe die Frage der moralischen Verantwortung des Individuums gestellt, ungeachtet von dessen Postierung in der Hierarchie des Vernichtungssystems. Zweifellos hat die Radikalität und die Direktheit der Sprache vor allem Leser und Leserinnen sowie Zuhörer und Zuhörerinnen der dritten Generation aufgeweckt.

Die schärfste Kritik richtete sich gegen Goldhagens These einer „Kausalkette“ zwischen einem tiefsitzenden „eliminatorischen“ Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft und der „Endlösung“. Goldhagen wäre sicher gut beraten gewesen, wenn er diese These differenzierter formuliert und auch durch empirisches Beweismaterial gründlicher gestützt hätte. Trotz der Defizite scheint aber die These doch nicht so abwegig zu sein, zumindest wenn man das Verhalten von Staat und Gesellschaft, von Kirchen und Parteien in dem halben Jahrhundert nach dem Holocaust verfolgt. Sie bemühen sich, nicht allein durch Aufklärungsarbeit Vorurteile gegen die Juden und andere ethnische Minderheiten abzubauen, sondern nützen dem demokratischen System zur Verfügung stehende Mittel, um einem „eliminatorischen“ Rassenantisemitismus und dessen Agenten einen Riegel vorzuschieben. Diese Nachkriegspolitik ist nicht nur ein Versuch, das Fehlverhalten in der Vergangenheit zu korrigieren, sondern sie räumt ein, daß eine kausale Verknüpfung von Antisemitismus und Holocaust nicht ganz von der Hand zu weisen ist.

Goldhagens Buch muß als ein Beitrag im Ringen des jüdischen Volkes mit dem größten Trauma seiner Geschichte gewertet werden. Aus der Perspektive dieses Volkes werden, zumindest teilweise, die Akzente der Forschung anders gesetzt als bei der Masse der Täter. Bei den Opfern behalten die Fragen des Verhaltens der Täter, die Fragen ihrer Motive und Handlungen und des Einflusses der Kultur und der Gesellschaft, der sie entstammen, ein besonderes Gewicht. Es ist sicher kein Zufall, daß das Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ von einem jüdischen Forscher, Sohn eines Überlebenden des Holocaust, verfaßt wurde. Kritiker haben ihm dies zu Unrecht vorgehalten. Sie haben damit bewiesen, daß sie den Stellenwert der ethnisch-religiösen Gruppenzugehörigkeit im historischen Rekonstruktionsversuch unterschätzen. Dieser Zugehörigkeit kommt zweifellos eine positive Bedeutung zu bei der Wahl der Thematik, bei der Fragestellung und beim Bestreben des Forschers, im Ringen um die Formierung eines jüdischen kollektiven Gedächtnisses nach dem Holocaust prägend mitzuwirken.



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