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Leser-Echo Jahrgang 2/1995

Zu Clemens Thoma „Die Affäre Dreyfus in neuer Sicht“ (FrRu NF 2/1995, 81-86)

Prof Dr. David Flusser, Jerusalem:

Es war gut, daß Clemens Thoma der „Affäre Dreyfus“ gedacht hat. Man sollte sich aber auch an die pseudo-christliche Komponente des damaligen Geschehens erinnern, nicht nur wegen der Vergangenheit, sondern auch wegen der Gefahr für die Zukunft. Ich will hier besonders vom katholischen Antisemitismus reden. Ich benütze das Wort „Antisemitismus“, weil ich weiß, daß man mit Recht von der Gefahr des christlichen Antijudaismus spricht, aber man vermeidet den Begriff „Antisemitismus“ in bezug auf das Christentum. In der modernen Zeit hat sich aber der Antisemitismus wie ein Vampir an das Christentum angehängt. Er hängt zwar nicht vom Christentum ab, aber er drapiert sich christlich — und besonders katholisch!

Seit dem 19. Jh. gibt es zwei Arten von pseudo-christlichem Antisemitismus — die manchmal sogar als Verbündete zusammen gegangen sind. Die erste Art ist der christliche Sozialismus, der Sozialismus der dummen Leute, wie jemand gesagt hat. Er blühte (oder blüht noch?) sowohl unter den Katholiken (Lueger) als auch unter den Protestanten (Stoecker). Der zweite nicht-christliche Antisemitismus, der natürlich nicht auf die Christen beschränkt ist, ist der „reaktionäre“ Antisemitismus der Rechten. Der ist besonders katholisch (und auch russisch-orthodox). Der Zusammenhang zwischen diesem „faschistoiden“ Antisemitismus mit dem sogar pervertierten Christentum ist mir unverständlich. Daß dieser „katholische“ Antisemitismus entscheidend bei der „Affäre Dreyfus“ mitgewirkt hat, ist klar. Wer darüber mehr lesen will, lese das Buch von Jesu Denis Bredin „L'Affaire“, 1983. Wie weit sind da die kirchlich-konservativen Tendenzen entscheidend gewesen? Da müßte man klarer sehen.

Was Frankreich selbst anbelangt, habe ich die Dinge sogar persönlich seit 1935 verfolgt — damals ist am 12. Juli 1935 Dreyfus gestorben, was ich natürlich nicht gewußt habe. Daß es eine direkte Verbindung zwischen den katholizisierenden Gegnern des Dreyfus mit der berüchtigten Zeit von Vichy gegeben hat, ist mir klar geworden. Was genau mit dieser rechts-konservativen Tendenz im französischen Katholizismus heute geschieht, weiß ich leider nicht genau, aber daß auch dort dieses Ungeheuer zum Leben erwacht ist, scheint mir sehr wahrscheinlich zu sein. Aber es hat sich doch in Frankreich — hoffentlich nicht nur vorläufig — etwas zum Guten geändert. Eine der treibenden antisemitischen Kräfte gegen Dreyfus war die katholische Zeitung „La Croix“.

Hoffentlich bin ich kein guter Prophet, aber alles spricht dafür, daß der unchristliche katholische (und russisch-orthodoxe) Antisemitismus aus dem Todesschlaf erweckt wurde, hauptsächlich in Osteuropa. Scheinbar wurde „das Hindernis“ weggetan, und es regt sich bereits „das Geheimnis der Bosheit“ (vgl. 2 Thess 2,5-7).

„Das Hindernis“ wurde nach der Tradition mit dem römischen Imperium zusammengebracht. Das dritte Rom, das (kommunistische) Reich der Moskowiter ist nicht mehr. Dadurch wurde nach der kirchlichen Überlieferung der Weg für den Antichrist frei — und der Antichrist sucht Angestellte. Da er nicht wählerisch ist, kann er auch unter den Hilfskräften den erweckten pseudochristlichen Antisemitismus gebrauchen. Der leere Raum, nicht nur in Osteuropa, kann durch allerlei Unholde besetzt werden. Zu diesen Unholden gehört auch der pseudokatholische Antisemitismus des rechten Lagers, der so viel Schaden zu Dreyfus' Zeiten angerichtet hat. Das Dumme ist, daß ich zwar weiß, was man dem christlichen Antisemitismus erwidern kann! Aber wie kann man dieses Untier bekämpfen? Eines ist sicher: Wir alle sollen auf diese eklige Gefahr aufpassen! Das geht gleich-falls die Juden, die Agnostiker und die Christen an.

Vor nicht langer Zeit habe ich gehört: Es geschah in Psowsk, einem Zentrum der russisch-orthodoxen Kirche. Da hat eine Frau bei der dortigen Zeitung angefragt, ob es stimme, was sie gehört hat, daß nämlich Jesus ein geborener Jude gewesen sei. Da hat der dortige Archimandrit in der Zeitung so geantwortet: „Bekannt sei den rechtgläubigen Christen, daß es keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen gebe. Und wie kann man von dem Judesein Christi sprechen, da Er doch die zweite Person der hl. Dreieinigkeit ist!“ Also sprach der Archimandrit: Causa finita!?

Prof. Pfr. Dr. W. Licharz, Eschborn:

Clemens Thoma hat in einem sehr informationsreichen und problemorientierten Aufsatz über eine bedeutende Tagung der Hebräischen Universität in Jerusalem im November 1994 berichtet, die zur Erinnerung an den Dreyfus-Prozeß vor hundert Jahren veranstaltet worden war. Er analysiert die Rede des Historikers Michael Graetz, in der eine neue Sicht des Zusammenhangs von Dreyfus-Affäre und Entwicklung des politischen Zionismus gegeben wird. Thoma sagt: „Der Prozeß zeigte die Schwachstellen zwischen Staat und Bürgern, zwischen parlamentari-scher Demokratie und Militär und zwischen liberalen, extremen nationalistischen Strömungen im französischen Staat. Die Zionisten des fin de siècle wollten sich aber kaum mit diesen weitgreifenden Problemen in Zusammenhang mit der Dreyfus-Affäre befassen ... Die Zionisten der Jahrhundertwende waren nicht in der Lage, den Dreyfus-Prozeß in seiner ganzen Breite zu berücksichtigen“ (84-85).

Wenn dies aber so ist, was bedeutet eine solche Erkenntnis für die Beurteilung des Weges und der Strategien des offiziellen politischen Zionismus von seiner Entstehung bis zur Gründung des Staates Israel? Auf zwei wichtige Punkte möchte ich im folgenden hinweisen. Ich erinnere erstens daran, daß die sogenannte „demokratische Fraktion“ innerhalb der zionistischen Bewegung, die von Anfang an einen Kulturzionismus anstrebte, nie ernst gehört und ihre Vorstellungen über die Erneuerung des Judentums nie in den Mittelpunkt der Arbeit auf den Zionistenkongressen gestellt wurden. Chaim Weizmann, Berthold Feivel, Martin Buber, um nur diese drei Namen zu nennen, sind in der zionistischen Arbeit immer Außenseiter geblieben.

Ich möchte zweitens an den Briefwechsel zwischen Gershom Scholem und Walte' Benjamin erinnern, vor allem an den aus dem Jahre 1931. Scholem war 1923 bereits nach Palästina gegangen und hatte die Schwierigkeiten und Aporien hautnah mit-erlebt. Benjamin hatte am Ende eines langen Briefes an Scholem die Frage nach den Beschlüssen des Zionistenkongresses 1931 gestellt. Scholem gibt in seinem Antwortbrief eine Analyse zionistischer Politik, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigläßt: „Deiner am Schluß vorgebrachten bescheidenen Anfrage, wie der letzte Zionistenkongreß zu beurteilen ist, läßt sich leider nur durch die Darlegung der äußerst unerfreulichen Situation begegnen, in der er uns zurückgelassen hat.“ (Mit „uns“ meint Scholem jene kleine Gruppe des Brith Schalom in Palästina, die sich für die Zusammenarbeit mit Arabern einsetzte. Sie wurde in einer Resolution über das „Endziel“ des Zionismus vom erwähnten Zionistenkongreß ausgeschlossen. W.L.) „Um die Wahrheit zu sagen, das radikale Auseinanderfallen meiner Intention des Zionismus, welche als auf eine Erneuerung des Judentums gerichtete ich als eine religiös-mystische schließlich mit Zustimmung charakterisieren höre, und der empirische Zionismus, der von einem unmöglichen und provokatorischen Zerrbild einer politisch angeblichen ,Lösung der Judenfrage' ausgeht, ist mit der Entwicklung der letzten zwei Jahre, die in den Beschlüssen dieses Kongresses kulminierte, evident geworden. Nun ist ja gewiß der Zionismus als Bewegung immer wesentlich mehr gewesen als seine empirische Organisationsform, aber es gab doch auch in all diesen Jahren eine Möglichkeit für Menschen wie mich, unsere Sache, die weiß Gott nichts mit Engländern oder Arabern originär zu tun hatte, innerhalb dieser Organisation zu verfolgen ... Seit aber nun in den letzten Jahren die puren Reaktionsmächte im Zionismus sich auf ihre Weise geltend machen, politisch ebenso wie moralisch, und es auf diesem Kongreß sogar zu Beschlüssen gekommen ist, die unmittelbar diese Seite der Sache betreffen, ist für mich und manchen anderen die Krise in unserem Verhältnis zu dieser Sache akut geworden. “ Die Scholemsche harte, aber ehrliche Analyse zionistischer Politik und zionistischer Strategien zeigt in erschütternder Weise, wohin eine Befreiungsbewegung eines Volkes führen kann, die nur die äußere Befreiung von politisch-gesellschaftlichen Zwängen im Sinn hat. Der Dreyfus-Prozeß hätte ein Lernprozeß in doppelter Richtung für die deutschen Juden werden können: Zum einen hätte er sie selbst-kritisch gegenüber ihrer eigenen Existenz in den europäischen Staaten machen können, zum anderen hätte er sie auf einen Befreiungsweg führen können, auf dem in Erinnerung an jüdische Traditionen, insbesondere an prophetische Verheißungen, eine Zionismuspolitik möglich geworden wäre, in der von Anfang an auch die arabische Seite in ihren unveräußerlichen Rechten auf das Land in den Blick gekommen wäre.

Erneuerung des Judentums in der Tradition von Achad Haam und Martin Buber, Umkehr jedes einzelnen Juden und die Ausrichtung auf ein jüdisches Gemeinwesen in Erez Israel, das in seinem gesellschaftlichen Aufbau vorbildlich für andere Völker hätte werden können, darum ging es allen Kulturzionisten.

Zu Uri R. Kaufmann „Judentum im Unterricht“ (FrRu NF 3/1995, 205-212)

Rafael Frick, Institut für Religionspädagogik der Erzdiözese Freiburg:

Im Bericht von Uri R. Kaufmann wird über den kath. Religionsunterricht ausgeführt: „Es fällt aber auf, daß nur in der 7. Klasse Hauptschule die Rede vom Staat Israel ist. Sonst kommt dieses Thema im Gegensatz zum evangelischen Religionsunterricht nicht zur Sprache.“

Dies ist unzutreffend. Auch im Realschulplan (Klasse 9 LPE 7) wird der Staat Israel unter „Stationen der jüdischen Geschichte“ in der Hinweisspalte angesprochen (S. 292 bzw. S. 61 in der Arbeitshilfe RS).

Zu Clemens Thoma „Verschaukeltes Judentum“ (FrRu NF 4/1995, 241-250)

Sr. Waltraud Herbstrith, Tübingen:

Ich bin immer froh, wenn Sie gute Dinge im Freiburger Rundbrief darlegen. Das „verschaukelte Judentum“ finde ich ganz richtig gedeutet . . . Die Sache mit Edith Stein/Rees sehe ich ähnlich, aber das müßte von außen her angegangen werden. — Mich hat erschüttert, daß weltweit diese messianischen Bewegungen sind. Die Nüchternheit des Christlichen sollte darin bestehen, Juden nicht zum Glauben an Jesus bekehren zu wollen.

P Andreas Oberländer OSB, Silben:

. . . Wir betonen: Jesus war Jude. Jesus kommt aus dem Judentum. Sie unterstreichen das auf S. 250 auch. Auf derselben Seite legen Sie den Judenchristen jedoch nahe, sie mögen ihr Judesein zurückhaltender äußern. Sie kommen aber doch auch aus dem Judentum. Sollen sie etwas verleugnen? Auf S. 252 überzeugt mich Punkt 3 nicht ganz: „. . . Jesu Lehre, seine Auslegung der Tora . . .“ Man müßte das „seine“ unterstreichen. Dann liefe allerdings die Argumentation nicht mehr so glatt. Punkt 3 wäre (dann) zu streichen.

Prof. Flussers Brief (S. 337 f.) ist verwirrend mit seinen unpräzisen Schlagworten. Ein kleiner klärender Kommentar in der nächsten Nummer wäre hilfreich.

Dr. Wilhelm Wuellner, Berkeley:

Clemens Thoma ,verschaukelt‘ das Judentum wohl etwas zu früh. Jeder Mensch ist frei in der Wahl seiner Religion. Auch Konversionen von der einen zu einer anderen Konfession oder Religion sind niemandem verboten; sie gehören zum Spiel des Geistes Gottes und der Menschen. Wenn sich ein messianisches Judentum heute in den USA und anderswo, ja selbst in Israel, zu Wort meldet, dann ist zunächst nach seinen Früchten zu fragen, bevor man negative Urteile fällt. Das Phänomen eines dynamischen messianischen Judentums wirft für die jüdisch-christliche Begegnung völlig neue Probleme auf, da diese Art des Judentums weder von seiten Israels noch von seiten der Kirchen anerkennbar ist: ein tertium quid, das noch auf keine Schaukel paßt.

Zur Rezension von Michael Wolffsohns Buch „Verwirrtes Deutschland?“ (FrRu 4/1995, 293-296) von Andreas Angerstorfer

Dr. Otto Kopp, Kriens (Luzern):

... Herr Angerstorfer betreibt hier Politik, angeblich im Namen des jüdisch-christlichen Dialogs.

Den Nato-Doppelbeschluß umschreibt er als Wille, die damalige BRD mit Raketen vollzupflastern. So kann aber nicht mit diesem „kleineren Übel“, dessen Einsatz leider notwendig geworden war, umgegangen werden. Daß diese Nachrüstung Osteuropa Freiheit und Menschenrechte brachte, dafür gibt es einen authentischen Zeugen: Michael Gorbatschow!

Der Tapferkeit, mit der Michael Wolffsohn seinen schmalen Weg geht, sei hier Dank gezollt.



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