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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 3/1996 Heft 4

Papst in Tunesien
Wenig Beachtung fand in den Medien der Besuch von Papst Johannes Paul II. in Tunesien. In der Kathedrale von Tunis und bei Begegnungen mit den nordafrikanischen Bischöfen sowie dem Staatspräsidenten Ben Ali betonte der Papst, daß die Religion das Gewissen der Gesellschaft sein müsse. Christentum und Islam sollen gemeinsam für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit eintreten. Beide Religionen sollten sich besser kennenlernen und ihre unterschiedlichen spirituellen Grundlagen akzeptieren.

Substanzverlust
David Rothschild vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund stellt einen Substanzverlust bei der jüdischen Bevölkerung fest: Fast jede jüdische zweite Ehe ist eine Mischehe, ein beträchtlicher Teil der Juden fühlen sich nicht mehr als solche, ein Teil der Kinder bekommt keinen jüdischen Unterricht mehr. Was für die Juden in der Schweiz festgestellt wird, trifft ebenso für die Juden in Deutschland und vermutlich auch in anderen Ländern zu. So berichtet das Londoner Institut für jüdische Politik-Studien, daß immer mehr Juden in Großbritannien ihre religiöse Identität aufgeben. Knapp die Hälfte der jüdischen Männer unter 40 Jahren hätten eine Frau nicht-jüdischen Glaubens geheiratet. Ihre Nachkommen gelten darum religiös nicht mehr als Juden.
Es ist zwar kein Trost, aber doch eine Tatsache, daß die christlichen Kirchen Ähnliches von sich sagen müssen.

Jüdische Grabsymbolik
In der Synagoge in Freiburg war eine Ausstellung mit Fotos von Heinz Ney zu sehen, die unter dem Thema „Jüdische Grabsymbolik und Bilder des Lebens“ stand. Für Ney (als Christ) gehört es zum Dialog und zur Auseinandersetzung mit dem Judentum, seine Eindrücke im Bild darzustellen. Die Grabsteine stehen im jüdischen Friedhof in Rappenau-Heinsheim. Ney sagt von sich, daß sein Wissen über die Symbolik sehr spärlich war, doch er hat sich intensiv damit beschäftigt und „einige Mosaiksteinchen jüdischen Lebens und Sterbens“ erworben. Und daran läßt er den Betrachter teilnehmen, indem er die Symbole in kurzen Begleittexten erläutert. Damit fangen die Steine an zu leben und laden ein, auch andere jüdische Friedhöfe zu besuchen.

Lehrstuhl für „Jüdische Geschichte und Kultur in Europa“
Ab dem Sommersemester 1997 kann der Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilian-Universität München seine Tätigkeit aufnehmen. Eine Stiftung, gegründet von Nicolaj Kiessling, wird das Projekt unterstützen und hat gemeinsam mit dem Freistaat Bayern die Finanzierung sichergestellt. Erforscht werden sollen Geschichte, Kultur, Literatur, Kunst und Tradition der Juden als Teil der europäischen Völkergemeinschaft, so definierte es Jörg Ernst Ulte, Vorsitzender des Stiftungsvorstandes. Zum Stiftungsrat gehören u. a. auch Michel Friedman, Direktionsmitglied im Vorstand des Zentralrats der Juden in Deutschland und Charlotte Knoblauch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München.

Dichtung 96
„Wir werden an der libanesischen Grenze ein Festival organisieren“, verkündeten die Initiatoren des „Festival 96“, während an der libanesischen Grenze noch Kanonendonner zu hören war. Ende Mai d. J. fand es in unmittelbarer Nähe der Sicherheitszone statt. Das Publikum konnte drei Tage mit israelischen Dichtern verbringen, die Gedichte in Hebräisch, Jiddisch, Arabisch und Russisch vorgetragen haben. Dazu gab es Pop- und Rockkonzerte, Workshops für kreatives Schreiben u. a. m. Ilana Zuckermann, die Veranstalterin, wollte den Menschen zeigen, wie wichtig Literatur ist. „Eine demokratische Gesellschaft muß ihre Kultur pflegen.“

Christliche geschulte Fremdenführer
Das Tourismusministerium in Israel initiierte einen vierwöchigen Kurs für Jerusalemer Fremdenführer, die christliche Pilgergruppen fachgerecht durch die Heilige Stadt Jerusalem führen sollen. Gelehrt wurde christliche Glaubenslehre, Lektüre aus dem Neuen Testament, christliche Kunst und Ikonographie. Christliche Besucher von Jerusalem können im Reisebüro eine Liste dieser Fremdenführer mit der Zusatzausbildung anfordern.

Verleger und Autor Rudolf Hirsch
Vier Jahre lebte und überlebte Rudolf Hirsch mit Vater und Bruder im Versteck die Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Danach begann er im S. Fischer Verlag und war dessen Geist und Gewissen. Verbunden mit R. Hirschs Namen ist die „Neue Rundschau“. Schließlich gründete er seinen eigenen Verlag. 30 Jahre widmete er sich der großen Hugo-von-Hofmannsthal-Ausgabe.

Kielce
Es ist kaum zu glauben, aber es geschah wahrhaftig: Anderthalb Jahre nach der Befreiung von Auschwitz wurden die noch überlebenden Juden in Kielce von polnischen Soldaten und den Bewohnern auf brutalste Weise ermordet. 27.000 Juden waren in Kielce der Endlösung zum Opfer gefallen. Am 4. Juli 1946 brach ein neuer Judenpogrom in der südpolnischen Stadt aus, dem fast alle Juden des Ortes zum Opfer fielen. Nachdem die erste Empörung abgeklungen war und die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, war es still um das Verbrechen geworden. Erst nach der Wende klärte man den Vorfall auf: Ein kleiner Junge, der sich unerlaubt vom Elternhaus entfernt hatte, brachte das Gerücht vom Ritualmord auf und die Eltern verbreiteten es in der Stadt. Ein kleiner Anlaß — eine furchtbare Wirkung.


Jahrgang 3/1996 Seite 317



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