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Berichte Heft 4 1996

Fritz Bauer Institut

Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust Frankfurt am Main — Stiftung bürgerlichen Rechts

Am 15. Januar 1995, 50 Jahre nach der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager, haben das Land Hessen, die Stadt Frankfurt am Main und der Förderverein Fritz Bauer Institut e. V. das erste interdisziplinäre Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust in Deutschland gegründet.

Das Fritz Bauer Institut versteht sich als ein lebendiger Ort in der deutschen Öffentlichkeit zur Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. In wissenschaftlicher, pädagogischer und künstlerischer Arbeit, Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen gibt das Institut in allen Bereichen des öffentlichen und sozialen Lebens konstruktive Anstöße zur Entwicklung eines kritischen Geschichtsbewußtseins.

Dabei beschränkt sich das Frankfurter Zentrum nicht auf Veranstaltungen im eigenen Hause, sondern beteiligt sich an der Auseinandersetzung mit der Geschichte in den verschiedensten Praxisfeldern der Bundesrepublik Deutschland. Die Aktivitäten reichen von Forschungsprojekten und interdisziplinärem wissenschaftlichen Austausch über pädagogische Modellprojekte bis zu künstlerischen Auseinandersetzungsformen, von der Durchführung und kritischen Begleitung von Gedenkveranstaltungen bis zur Beratung von Kommunen, Verbänden und Unternehmen bei der eigenen Erinnerungsarbeit. Das Institut arbeitet kontinuierlich mit Forschungsinstitutionen, Gedenkstätten, Museen und Bildungseinrichtungen im In- und Ausland zusammen. Wanderausstellungen des Instituts werden im In- und Ausland laufend in Museen, Gedenkstätten, kommunalen Einrichtungen und Bildungsstätten gezeigt.

Die Publikationstätigkeit umfaßt wissenschaftliche Monographien und Sammelbände, literarische Texte und Ausstellungskataloge, pädagogische Materialien, Dokumentationen und Bibliographien, sowie das Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust.

Besucher des Instituts erwartet eine stetig wachsende mehrsprachige Spezialbibliothek zu Fragen der Geschichte, Rezeption und Wirkung des Holocaust in verschiedensten Disziplinen. Die Dokumentation des Instituts hält Zeitungsausschnitte, Aufsätze, Bibliographien, Kartenmaterial, auch „graue Literatur“ sowie eine wachsende Zahl von Fotografien zur Geschichte der Lager und Gettos wie auch der Nachkriegsgeschichte der Gedenkstätten bereit.

Die pädagogische Abteilung bietet einen umfassenden Überblick über didaktisches Material zum Thema, eigene Unterrichtsmodelle sowie Einzelberatungen für Pädagogen.

Das Fritz Bauer Institut ist bis auf weiteres in der Rheinstraße 29 im Frankfurter Westend untergebracht. Gemeinsam mit der Frankfurter Universität will es in Zukunft im ehemaligen IG-Farben-Gebäude in Frankfurt ein lebendiges Forum für ein kritisches Gedächtnis des Holocaust schaffen.

Die Arbeit des Instituts wird von einem bundesweit organisierten Förderverein unterstützt. Das Institut bewahrt das Andenken an Fritz Bauer, den großen demokratischen Justizreformer und Initiator der Frankfurter Auschwitz-Prozesse.

Fritz Bauer, 1903 in Stuttgart geboren und 1936 nach Amtsenthebung und KZ-Haft aus Deutschland emigriert, kehrte 1949 zurück, um am Aufbau eines demokratischen Rechtsstaates mitzuwirken. Er wurde zum Vorkämpfer für Strafrechts- und Strafvollzugsreformen, für Resozialisierung und eine gesellschaftliche Verantwortung der Justiz.

1952 verteidigte er, als Generalstaatsanwalt in Braunschweig, das Recht auf Widerstand gegen den Nationalsozialismus. 1959 hatte er, mittlerweile als hessischer Generalstaatsanswalt in Frankfurt am Main, wesentlichen Anteil an der Ergreifung Adolf Eichmanns und bereitete den Frankfurter Auschwitz-Prozeß (1963-1965) vor. Mit diesem Prozeß fand die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Deutschland erstmals eine breite öffentliche Resonanz.

Fritz Bauer verstand den Auschwitz-Prozeß als Selbstaufklärung der deutschen Gesellschaft in den Bahnen des Rechts, als Aufklärung „über die gefährlichen Faktoren in unserer Geschichte“. Mitten in den Vorbereitungen zu einem großen Prozeß gegen die Schreibtischtäter der Euthanasieverbrechen in den Reihen der NS-Justiz starb Fritz Bauer 1968. Der Prozeß fand nie statt.

Fritz Bauer Institut, Rheinstraße 29, 60325 Frankfurt am Main,
Tel: (069) 97 56 11-0, Fax: (069) 97 58 11-90
Direktor: Hanno Loewy

Hanno Loewy

Kinderoper „Brundibár“ — Sr. Maria Veronika Grüters ausgezeichnet

Das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland wurde der Benediktinerin aus Freiburg für die Rekonstruktion und die Aufführung der Kinderoper „Brundibár“ verliehen, die erstmals im KZ Theresienstadt gespielt worden war. Wie es dazu kam, schreibt die Ordensfrau in einem Brief:

“. . . Bei H. G. Adler las ich nun eine kurze Notiz über die Theresienstädter Kinderoper Brundibár von Hans Krása. Das Werk wurde in Terezin 1943/44 fünfundfünfzigmal aufgeführt. Von den 15.000 Kindern, die durch das Lager gingen, überlebten keine 100. Auch Krása wurde im Herbst 1944 in Auschwitz ermordet. Ich fragte Adler brieflich, ob die Oper noch existiere. Erfreut nannte er mir den Kibbuz Givat-Chaim-Ichud. Von dort erhielt ich die Kopie eines Klavierauszugs mit hebräischem Text, den mir Ruben Frankenstein übersetzte, später auch die Kopie des originalen Klavierauszugs aus dem KZ (tschechischer Text). Ich reimte ein deutsches Libretto. Unsere Schülerinnen waren von der Sache an sich und von der Musik im besonderen von Anfang an mitgerissen. Da wir trotz Riesenanstrengungen keine Partitur bekamen, rekonstruierte ich diese so gut es ging mit Hilfe eines Brundibárfilms einer Prager Aufführung von 1965. Wir führten die Oper an St. Ursula im Juli 1985 erstmalig in Deutschland auf. Das Echo war sehr groß: Zum erstenmal ,begriffen‘ viele Leute, was sich während der NS-Zeit in den Lagern zugetragen hatte und waren tief erschüttert. Wir durften im März 1986 Brundibár während der ,Woche der Brüderlichkeit‘ in Freiburg und in Ravensburg wiederholen und schließlich im Mai 1986 — unterstützt durch die hiesige DIG (Herr Wellbrock) — mit 75 Schülerinnen (Sängerinnen und Orchester) nach Israel fliegen, wo wir die Oper viermal aufführen konnten.

Die Resonanz war ungeheuer, denn überall saßen ehemalige ,Theresienstädter‘, die überlebt hatten, im Publikum. Sie freuten sich und weinten zugleich. Sie nahmen — wider alle Befürchtungen unsererseits — unsere Schülerinnen mit offenen Armen auf, ja, umarmten sie, und führten anschließend Gespräche mit ihnen. Die Kontakte bestehen bis heute.“

Jom Jeruschalajim in Düsseldorf

Vor vier Jahren entstand die Idee jüdischer Jugendlicher, aus dem Gemeindesaal auszuziehen und auf die Straße zu gehen. Sie feierten den Jerusalem-Tag als Straßenfest in Düsseldorf, und es kamen jüdische Jugendliche aus ganz Deutschland. „Wir wollen damit unsere Verbundenheit mit Jerusalem und der israelischen Bevölkerung ausdrücken“, sagte eine der Teilnehmerinnen. Es wurde gesungen und getanzt. Texte von Freude und Frieden brauchen keine Übersetzung. Die Passanten waren neugierig geworden und erkundigten sich, was hier gefeiert wird. Eine Passantin meinte, die aufgebaute Wand sähe aus wie die Klagemauer in Jerusalem. Richtig! In einer interessant aufgemachten Zeitung berichteten Jugendliche Wissenswertes über diesen Tag. Aber nicht nur Jerusalem war den Passanten wichtig, auch nach dem jüdischen Glauben wurde gefragt. Der Erlös dieses Festes ist gedacht für die Gründung einer Abteilung zur psychologischen Betreuung von krebskranken Kindern und Jugendlichen.

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Nur der Friede ist heilig

Höhepunkt der gemeinsamen Initiative von Christen, Juden und Muslimen war die Zentralveranstaltung in der „Alten Synagoge Essen“, in der an den Beginn der Kreuzzüge vor 900 Jahren gedacht wurde. „Gott will es“, war der begeisterte Ruf abendländischer Ritter und Fürsten und der ca. 90.000 Kreuzfahrer (vgl. auch FrRu NF 3/1996, 161-167). Unter diesem Motto wurden Juden, Muslime, Slawen, Mongolen, griechisch- und russisch-orthodoxe Christen, Katharer, Hussiten und viele andere zu Feinden im Namen Christi.

„Nur der Friede ist heilig“ haben die 20 Mitträger dieser gemeinsamen Initiative die über 50 Veranstaltungen (Tagungen, Vorträge, Lesungen, Ausstellungen, Studienfahrten) in verschiedenen Städten an Rhein und Ruhr überschrieben.

Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, distanzierte sich von dem sogenannten Heiligen Krieg. „Kein Krieg ist heilig. Auch dann nicht, wenn er als der islamisch erlaubte Verteidigungskrieg geführt wird. Nirgends ist im Koran deswegen vom heiligen Krieg die Rede.“ Und das Wort „djihad“ mit „Krieg“ zu übersetzen sei schlichtweg falsch. Djihad ist der totale Einsatz eines jeden für das Gute und gegen das Böse.

Das Schlüsselwort des Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Peter Beier, das auch das meiste Erstaunen und den Widerspruch wachrief, war: „Religion ist heilig! Ich bestreite das . . . Ich mißtraue Religion. Denn sie kann in jedem Augenblick umschlagen in fundamentalen Irrsin, bar jeder Rationalität, bar jedes Gedächtnisses an Menschlichkeit, bar jeder Regung, die Menschen bewegt.“

Und der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Duisburg, Oberhausen und Mülheim, David Polnauer, fragte: „Wie also steht es mit dem Frieden? Haben wir von den Kreuzzügen gelernt?“ Statt Probleme an entfernten Orten lösen zu wollen, gilt es vor der eigenen Tür zu kehren.

Weihbischof Franz Grave aus Essen: „Wir müssen darüber erschrecken, in welchem Umfang Gewalt auch bei der Durchsetzung religiöser Ziele angewendet wurde.“ Und er forderte, Religion dürfe nie zur Legitimation von Gewalt mißbraucht werden. „Nicht das Schwert regiert, nicht der Haß, sondern der Aufbauwille und der Verstand. Der Friede lädt ein, sich auf den anderen einzulassen, sich ihm mitzuteilen.“ Er zitierte Johannes Paul II. mit folgenden Worten: „Die Herausforderung des Friedens, wie sie sich gegenwärtig jedem menschlichen Gewissen stellt, übersteigt die religiösen Differenzen.“

Einfühlungsvermögen und Behutsamkeit im Umgang mit Menschen unterschiedlichen Glaubens sei nötig für ein friedliches Zusammenleben.

Christlich-jüdischer Dialog im Schatten Luthers

Ein Beitrag zum Luther-Gedenkjahr

In der Einladung zur Studientagung der Buber-Rosenzweig-Stiftung der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hieß es:

„Das gegenwärtige Luther-Gedenkjahr 1996 gibt Anlaß zu verschiedensten Betrachtungsweisen über Persönlichkeit und Wirkung des deutschen Reformators in Theologie, Kirchengeschichte, Sozialgeschichte und Politik.

Luthers Einstellung zu den Juden hat sich im Lauf seines Lebens verändert. Welche Erklärung gibt es dafür?

Unter welchen Voraussetzungen und wann sind judenfeindliche Ansichten Luthers in Kirche und Politik zum Tragen gekommen?

Wie stellen sich Christen und Juden, die in Zusammenarbeit und Dialog miteinander stehen, der Persönlichkeit des deutschen Reformators und seiner Wirkungsgeschichte?

Welche Perspektiven können aus der problemhaltigen Geschichte der Beziehungen von Juden und Christen in Deutschland gezogen werden?

Prof. Dr. Berndt Schaller wies in seiner Einführung darauf hin, daß Luthers Wirkung weit über die Evangelische Kirche hinausreiche; sie erstrecke sich auf die gesamte neuzeitliche Geistesgeschichte, ebenso wie auf die Politik. Heutige Bemühungen um eine Neugestaltung der Beziehungen zwischen Christen und Juden dürften nicht an Luther und seiner Wirkungsgeschichte vorbeisehen.

Prof. Dr. Rainer Wohlfeil (emeritierter Historiker der Universität Hamburg) wandte sich dagegen, Luther nur aus seiner Zeit verstehen zu wollen; es gelte, ihn aus seiner eigenen Theologie heraus zu verstehen; man dürfe Luther auch nicht für seine eigene Position instrumentalisieren, ihn einseitig zum Judenfreund oder zum Judenfeind, zum Antisemiten zu stilisieren. Wohlfeil erinnerte an den Satz des Thüringer Landesbischofs Martin Sasse, Luther habe als Freund der Juden begonnen; doch sei er aufgrund von Erfahrungen zum größten Antisemiten seiner Zeit geworden.

Solch ein oft gebrauchtes Interpretationsmuster bezeichnete er als falsch. Luther halte vielmehr von Anfang an als theologische Linie durch:

— Gottes Zorn liegt aufgrund ihres Unglaubens über dem jüdischen Volk,
— Juden sind von sich aus unbekehrbar,
— Juden lästern Gott und Christus unaufhörlich;
— nachbiblisch ist das Judentum das Beispiel des im Kampf mit Gott stehenden Menschen; allerdings befinden sich Juden mit Christen in einer Solidarität der Schuld.

Luthers Sicht der Juden sei unauflösbar mit seiner Sicht verbunden, daß die Weltgeschichte im Unglauben apokalyptisch zu ihrem Ende voranschreite. Christen dürften deshalb nicht an der Sünde der Juden teilhaben. Daher seien in ihrer Mitte deren Synagogen zu verbrennen, Häuser zu zerstören, ihnen das Geleit zu verweigern . . ., wie er 1543 geschrieben hat. Seine Vorschläge seien zwar historisch erklärbar, doch widersprächen sie auch schon zu seinen Lebzeiten dem Gebot der christlichen Liebe und seien von daher zu verurteilen. In seinen Schriften — so Wohlfeil — habe Luther sich nicht an Juden gerichtet, sie seien lediglich Objekte seiner innerkirchlichen kritischen Rede; er stellt sie in eine Reihe mit Häretikern, Scheinchristen, Papisten und Schwärmern; wie die Papstkirche ist das Judentum Gesetzesreligion. Juden seien — apokalyptisch — der Prototyp der Einbruchstelle des Teufels in die Gesellschaft.

Luther hatte zwar gehofft, daß er durch seine Bibelübersetzung und Christentumsreform etliche Juden zum Christentum reizen könnte, doch habe er sich z. B. nicht für die Gewährung von Aufenthaltserlaubnis für bedrohte Juden eingesetzt, da er Juden nicht in ihrem Irrtum bestärken wollte.

Eine intensive Rezeption der Einstellung Luthers zu den Juden habe es zwischen 1917 und 1933 gegeben; von Christen und Nichtchristen, aber auch von Juden sei Luther um die Jahrhundertwende als Autorität angerufen worden, erklärte Dr. Christian Wiese (Bonn). Wiese zeigte „Theologie und Gesellschaft zur Jahrhundertwende im Schatten Luthers“. Die Welle moderner Judenfeindschaft ist verbunden mit wirtschaftlichem Niedergang; antijüdische Denkmuster sind in antisemitische integriert worden. Der Hofprediger und Abgeordnete Adolf Stoecker habe die Arbeiter vor den Sozialisten bewahren wollen, unter denen er jüdische antichristlich zersetzende Elemente sah; ebenso wie im Liberalismus. Seit 1890 zeige sich bei Stoecker eine Mischung aus rassischem Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Nationalismus; Juden erscheinen als minderwertig und zerstörerisch. Der Rassentheoretiker Houston Stewart Chamberlain hat das Bild des „deutschen Luther“ geprägt. Luther sei geradezu die Identifikationsfigur deutschen Nationalismus geworden. Mit Berufung auf Luther hat man das AT achten, aber die Juden verachten gelernt. 1887 ist ein „antijüdischer Katechismus“ herausgegeben — und selbst auf den von Juden als Freund geachteten Theologen Franz Delitzsch (1813-1890) ist ein Schatten Luthers gefallen, da er den Juden — bei aller Sympathie — keinen Widerspruch zu seiner Lehre einräumte. Theologisch können drei judenfeindliche Tendenzen festgestellt werden: eine rein theologisch argumentierende, für die Adolf von Harnack steht; eine, die im Judentum eine politische Bedrohung sah, und eine rassistisch infizierte, die eine vom Judentum gereinigte deutsche christliche Theologie entwickeln wollte (Beispiel: Werner Grundmann).

Mit Luther — so Wiese — läßt sich keine theologische Tradition begründen, die der Judenfeindschaft und -vernichtung etwas Wirksames entgegensetzen könnte. Allerdings könnte die Einsicht in die Solidarität der Sünder und in die Geschwisterschaft von Juden und Christen über den Juden Jesus einen Weg der Annäherung eröffnen.

Es fällt schwer, keine Verbindungslinie zu ziehen zwischen Luthers Rat an die christlichen Landesherren von 1543 und der Reichspogromnacht von 1938, bekannte Arnulf Baumann, Vorsitzender des Ausschusses Kirche und Israel der Vereinigten Evangelischen Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD).

Es sei eine allgemeine Auffassung der Christen seiner Zeit gewesen, Juden als feindliche Größe anzusehen; Luther hat nicht als einziger gegen Juden polemisiert; doch seine Gehässigkeit den Juden gegenüber ist in seinen letzten Lebensjahren auffallend.

In seiner Polemik gegen Juden spiegelt sich auch die Geschichte einer enttäuschten Hoffnung, Juden für den christlichen Glauben gewinnen zu können.

Luther ist mit Richard Wagner vergleichbar, sagte Günther Bernd Ginzel (Köln); beide leisteten Großartiges, gleichzeitig sind sie jedoch Motoren der Judenfeindschaft und lieferten das Rüstzeug für Auschwitz.

Aufgrund ihrer über den Juden Jesus gegebenen Beziehung zum Judentum zeichnet Christen schon seit dem Johannes-Evangelium ein Ringen mit ihrer Existenzangst aus. Unter dem Schock von Auschwitz suchten sie, Luther zu reformieren. Doch die Rede von der „bleibenden Erwählung Israels“ — in gegenwärtigen kirchlichen Dokumenten — steht nicht mehr in der Tradition Luthers.

Es gibt in der evangelischen Theologie große Anstrengungen, die Judenfeindschaft endgültig zu überwinden, doch ist es nicht möglich, Luther zu streichen; man kann nur feststellen, daß unterschiedliche Tendenzen in ihm vorhanden sind. Jüdischerseits muß man erkennen, daß es zumeist in Luthers Schriften um einen innerchristlichen Streit geht, wenn er von Juden redet.

Luthers Verknüpfung von christlicher Nächstenliebe und scharfer Barmherzigkeit hat den Staat zu antijüdischem Handeln ermutigt. Demnach gefährdet der jüdische Geist die von Luther geeinte neue Sprachgemeinschaft der Deutschen. So hat man alles Ärgerliche auf die Juden übertragen können. Als Deutscher ist man durch Luther eins mit dem Christentum geworden, bis dahin, daß die Deutschen — nicht Israel — als auserwähltes Volk galt.

Ginzel betonte abschließend: „Juden wollen Christen nicht von ihrem Christsein abbringen, umgekehrt aber sollte dasselbe gelten.“

Ansgar Koschel


Jahrgang 3/1996 Seite 302



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