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Steinbach, Peter - Tuchel, Johannes (Hg.)

Widerstand in Deutschland 1933-1945

Ein historisches Lesebuch. C. H. Beck, München 1994. 358 Seiten.

Nach dem Lesen der zahlreichen Zeugnisse, Dokumente, Tagebuchaufzeichnungen, Berichte oder Stellungnahmen während und nach der NS-Diktatur bleibt der Eindruck, ein Stück deutscher Geschichte nacherlebt zu haben, die es von 1933 bis 1945 auch gegeben hat: Menschen, die Weitblick genug hatten, um vor der Katastrophe zu warnen; Menschen, die Standfestigkeit genug bewiesen, zu ihrer Meinung trotz heftigster Angriffe von allen Seiten zu stehen; Menschen, die Zivilcourage genug besaßen, um sich gegen alle Gefahr mit Wort und Tat auf die Seite der Opfer zu stellen und für sie einzutreten; schließlich Menschen, die Mut genug hatten, für Demokratie, Menschenrechte, Gerechtigkeit, Freiheit und Glauben, wenn nötig auch zu sterben. Die Herausgeber haben in diesem Buch eine Fülle an Material zusammengetragen und für den Leser durch ergänzende Kommentare und Einfügungen aufbereitet. In manchen Fällen, wie etwa die Aussagen von Hans und Sophie Scholl nach deren Verhaftung, oder die politische Grundsatzerklärung von Alexander Schmorell, sind die Dokumente sogar erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Dadurch wird deutlich: Es gab in Deutschland einen Widerstand gegen das Hitler-Regime. Es war aber trotzdem zu wenig. Denn auch dieser Eindruck bleibt am Ende des Buches, auch wenn die Herausgeber keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben: Es war nicht genug. Allzu oft wurden die Einzelnen oder Gruppen alleingelassen oder viel zu wenig ernstgenommen. Dies gilt vor allem für den Widerstand der evangelischen und katholischen Christen, der sich durch großartige Einzelkämpfer auszeichnete, „die Entscheidung zum Widerstand“ blieb jedoch auch für den gläubigen Christen „letztlich eine einsame Entscheidung, bei dem ihm die Amtskirche nicht zur Seite stand“. Gerade deshalb sind die dargelegten Zeugnisse der Regimegegner und Widerstandskämpfer auch eine Mahnung an heute zu mehr Standfestigkeit und Zivilcourage, wenn es darum geht, die Grundrechte des Menschen gegen alle Angriffe zu verteidigen. Es bleibt die Hoffnung, daß die Herausgeber recht behalten, wenn sie schreiben: „Nein: Der Tod der Widerstandskämpfer war nicht sinnlos, wenn wir uns mit ihnen beschäftigen — mochten die Nationalsozialisten in ihren Mordtaten auch Abschreckungsmittel sehen, so stehen die Widerstandskämpfer heute als Menschen vor uns, die beispielhaft die Substanz jeder menschenwürdigen politischen Ordnung belegen und verteidigen, ja mehr: die jede Ordnung erst zu einer guten Ordnung werden lassen.“

Herbert Winklehner


Jahrgang 3/1996 Seite 295



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