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Münz, Christoph

Der Welt ein Gedächtnis geben

Geschichtstheologisches Denken im Judentum nach Auschwitz. Chr. Kaiser, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1995. 584 Seiten.

Christoph Münz legt hier das Ergebnis langer Studien über das geschichtstheologische Denken zu den Fragen vor, die sich der jüdischen Theologie nach Auschwitz gestellt haben. Es sind die bedrückenden Fragen wie diese: Kann ein Jude nach Auschwitz noch sinnvoll vom Gott der Geschichte sprechen? Wo war Gott in Auschwitz? Wo war seine Liebe zu seinem auserwählten jüdischen Volk? Worin liegt noch der Sinn der jüdischen Geschichte? Gibt es einen solchen Sinn überhaupt? (24). Die Todeslager und Gaskammern haben das geschichtliche und religiöse Selbstverständnis des Judentums verändert. Münz geht diesem Thema in der Überzeugung nach, daß jeder Historiker diese vor allem in den USA geführte Diskussion kennen muß, wenn er die Tragödie des Judentums und ihre Auswirkungen auf jüdisches Geschichtsdenken auch nur annähernd wahrnehmen will. Man fragt sich bedrückt, warum die christliche Theologie im deutschen Sprachraum, von wenigen Ausnahmen abgesehen, diese Diskussion noch kaum aufgenommen hat, die der herkömmlichen Theodizeeproblematik noch einmal eine neue verschärfte Dimension gibt.

Ungewöhnlich ist der Rahmen, in den die jüdische Holocaust-Theologie gestellt wird, nämlich in das, was Münz „Struktur und Zentralität von Gedächtnis im Judentum“ nennt. Münz zeigt, daß dieses Postulat zu erfüllen ist. Mit dem Titel „Der Welt ein Gedächtnis geben“ bezieht sich Münz ausdrücklich auf die Bibel, in der Worte wie „gedenken“, „sich erinnern“, „nicht vergessen“ eine große Rolle spielen. Das Gedächtnis des jüdischen Volkes und der Glaube, im Gedächtnis Gottes aufgehoben zu sein, waren immer auch Garant für jüdische Identität. Die Katastrophe von Auschwitz bedeutet für dieses jüdische Geschichtsverständnis die größte Herausforderung.

Ausgangspunkt war für Münz das Erstaunen darüber, daß im „Historikerstreit“ in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre in Deutschland intensiv Fragen nach der Bedeutung und historischen Einordnung des Holocaust diskutiert wurden, ohne zu berücksichtigen, wie die betroffenen Juden diese Probleme beurteilen und bewerten. Man darf annehmen, daß der unselige Historikerstreit anders verlaufen wäre, wenn man auch die Stimmen der Opfer und die Überlegungen jüdischer Theologie, Philosophie und Historiographie einbezogen hätte.

Münz geht von der Holocaust-Forschung in der Geschichtswissenschaft, besonders in Deutschland, aus und fragt dann nach den spezifisch jüdischen Kennzeichen einer Geschichtsschreibung des Holocaust. Intensiv befaßt er sich mit der Kategorie der Unverstehbarkeit des Holocaust und den daraus resultierenden Konsequenzen für die Geschichtsschreibung. Dabei kommt auch das Paradox zur Sprache, daß gerade die Schriftsteller, die die Unverstehbarkeit des Holocaust betonen, die wichtigsten Beiträge zum Verständnis des Unverstehbaren geliefert haben.

Die Begriffe „Holocaust“ und „Schoa“ werden auf ihre Herkunft und Bedeutung hin befragt und gründlich diskutiert. Es zeigt sich, daß die Konnotationen nicht nur zu dem biblischen Opferbegriff „Holocaust“, sondern auch zu dem in letzter Zeit bevorzugten Begriff „Schoa“ (Gefahr, Katastrophe, Unheil o. ä) problematischer sind als meist angenommen wird (108 f.), weil auch dieses Wort ursprünglich einen biblischen Kontext hat und vor allem deshalb, weil es in vergleichsweise banalen Zusammenhängen Anwendung findet.

Weil sich die Größe der Katastrophe nur dem erschließt, der die biblischen und rabbinischen Grundlagen jüdischen Geschichtsverständnisses kennt, gibt Münz einen Überblick über diese Thematik. Damit kann er seine These von der Struktur und Bedeutung des Gedächtnisses im Judentum grundlegen.

Nach einer Beschreibung über die jüdische Wahrnehmung des Holocaust vor allem in den USA und in Israel steht in der Mitte des Buches die jüdische Holocaust-Theologie selbst. Sie wird in drei Schritten entfaltet. Ausgangspunkt ist das orthodoxe Judentum, das zur Deutung des Holocaust vor allem die beiden traditionellen Grundfiguren „Unserer Sünden wegen“ und „Zur Heiligung des göttlichen Namens“ benutzt. Sie finden sich in den Gettos und Lagern oft bei den Opfern selbst, auch in den überaus bewegenden Responsen der Rabbiner während des Holocaust, von denen Beispiele hier zitiert werden. Am ehesten sind die Orthodoxen geneigt, den Holocaust in den Gang der jüdischen Geschichte einzuordnen und seine Verstehbarkeit nicht um jeden Preis zu bestreiten. — In einem zweiten Schritt werden die vier schon klassischen geschichtstheologischen Deutungen vorgestellt: Ignaz Maybaum, Richard Rubenstein, Emil Fackenheim, dem sich Münz vor allem verpflichtet weiß, und Eliezer Berkovits. Sie sehen in Auschwitz vorwiegend nicht nur ein weiteres Beispiel in einer langen jüdischen Leidensgeschichte, sondern ein unvergleichliches Ereignis. Ihre Überlegungen bewegen sich mehr oder weniger weit von den orthodoxen Deutungen weg und sind im Judentum umstritten. — Schließlich erhalten wir noch einen Überblick über die weitere Entwicklung der jüdischen Holocaust-Theologie, soweit sie an die drei Namen Arthur Cohen, Irving Greenberg und Marc H. Ellis gebunden ist. Danach unternimmt es Münz, eine qualitative Bestimmung des jüdischen Gedächtnisses zu geben und diese von der jüdischen Historiographie abzugrenzen. Es ist der weit über das Judentum hinausreichende Grundkonflikt von wissenschaftsorientierter Geschichtsschreibung und gedächtnisorientierter Erinnerung. Für den ersten Typ gelten Abstraktion, Distanz, Bemühen um Objektivität, Nüchternheit, Detailsicherung, d. h. Kategorien, die zum Verständnis der jüdischen Katastrophe nicht ausreichen und sogar einem Verständnis im Weg stehen können. Für den zweiten Typ gelten Engagement, Sensibilität für die Opfer, Auseinandersetzung mit dem Zivilisationsbruch, der Auschwitz bedeutet, und Herausforderung zu kultureller und gesellschaftlicher Neubesinnung.

Zum Schluß stellt sich Münz dem Problem, warum die jüdische Holocaust-Theologie in Deutschland, von Ausnahmen abgesehen, bislang so wenig zur Kenntnis genommen wurde. Dafür gibt es viele Gründe (Verdrängung, Angst, Vorurteile, Desinteresse an jeder Theologie). Die tieferen Ursachen sieht Münz darin, daß der Grundkonflikt zwischen einem historiographisch orientierten und einem gedächtniszentrierten Geschichtsbewußtsein die Grenzlinie zwischen christlich geprägter und jüdisch geprägter Kultur darstellt. Hier erhebt sich allerdings die Frage, ob die beiden Weisen des Geschichtsbewußtseins, die es gewiß gibt, so einseitig einerseits auf das Judentum und andererseits auf das Christentum bezogen werden können, wie es Münz nahelegt. Gehen beide Formen nicht eher quer durch das jüdische und christliche Geschichtsbewußtsein? Haben nicht beide Kulturen Anteil an beiden Formen, wenn sicher auch in der deutschen Geschichtsschreibung wichtige Defizite an der gedächtniszentrierten Geschichtsschreibung zu registrieren sind und diese darum von der jüdischen Weise des Gedenkens lernen muß? Aber wird hier nicht ein Antagonismus zwischen jüdischer und christlicher Welt unterstellt, der erst noch zu beweisen wäre?

Werner Trutwin


Jahrgang 3/1996 Seite 290



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