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Herbstrith, Waltraud

Edith Stein

Jüdin und Christin. Verlag Neue Stadt, München 1995. 137 Seiten.

Edith Stein — eine Frau von europäischer Bedeutung? So wird sie von ihrer bekannten Mitschwester und Biographin, Waltraud Herbstrith, im 50. Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus im Hinblick auf die angestrebte Einigung Europas vorgestellt. Die Biographie will nicht eine vollständige Lebensbeschreibung geben, sondern das Leben dieser am 9. August 1943 in Auschwitz ermordeten und am 1. Mai 1987 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochenen Theresia Benedicta a Cruce in ihrer „internationalen“ Vielseitigkeit vorbildlich zum Leuchten bringen.

Schauen wir vom Lebensende zurück auf die reiche Persönlichkeit Edith Steins: Sie war Jüdin aus orthodoxer Familie und nahm als Kind das jüdische Erbe in sich auf. Sie wurde mit 15 Jahren für mehrere Jahre Atheistin — typisch für die damalige Zeit, in der viele Intellektuelle eine gottferne Jugend durchlebten wie etwa Charles de Foucauld. Sie ist Deutsche und hat ihr Vaterland sehr geliebt. Im Ersten Weltkrieg wird sie aus Patriotismus freiwillig Krankenschwester. Als Schülerin von Edmund Husserl studiert sie Philosophie, promoviert und habilitiert sich, hat aber als Frau und Jüdin keine Möglichkeit für eine Universitätslaufbahn. Sie wird Christin. Im Sommer 1921 besucht sie ihre Freundin Hedwig Konrad-Martius, greift abends in den Bücherschrank, findet die Autobiographie der hl. Theresia von Avila, liest sie in einem Zug durch und sagt: „Das ist die Wahrheit“ (63).

Am 1. Januar 1922 folgt die Taufe in Bad Bergzabern, wo eine Tafel über dem Taufbrunnen in der Pfarrkirche heute daran erinnert. Sie ist sieben Jahre Gymnasiallehrerin bei den Dominikanerinnen in Speyer. Sie erhält einen Lehrauftrag am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster/Westfalen, der 1933 sein Ende findet. Sie kann im guten Sinne des Wortes eine emanzipierte Frau genannt werden. In zahlreichen Vorträgen setzt sie sich für die soziale Gleichberechtigung der Frau ein, der auch die traditionellen Männerberufe offenstehen müßten, so wie sie selbst ihr Leben beruflich nach ihrem Willen gestaltet.

Sie wird Karmelitin und gibt damit ihrem Leben eine radikal religiöse Wende. Der Jesuitenpater Przywara bezeichnet sie noch lebend „als eine schon fertige Heilige“ (81). Da sie in einem Racheakt gegen die Kirche als jüdische Katholikin ermordet wird, wird sie von der Kirche als Märtyrin selig gesprochen. Dagegen beanspruchen die Juden sie als die ihrige, weil sie als Jüdin und nicht als Christin ihr Leben verlor. Beides stimmt.

1939 opfert sie ihr Leben Gott auf: „Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkommener Unterwerfung unter seinen heiligsten Willen mit Freude entgegen. Ich bitte den Herrn, daß er mein Leben und Sterben annehmen möchte zu seiner Ehre und Verherrlichung, für alle Anliegen . . . der heiligen Kirche . . . für die Rettung Deutschlands und den Frieden in der Welt“ (99).

Sie hat ihr Judentum nie verleugnet und tritt für ihr Volk ein. Sie schreibt an Pius XI. und bittet um ein Gespräch. Sie möchte den Papst bewegen, zum Schutz der Juden eine Enzyklika zu erlassen. In Rom verkennt man die Gefahr. Christin und Jüdin — man könnte sagen, daß ihr Christentum die logische Konsequenz aus dem Alten hinüber ins Neue Testament ist. Oder: „Wie im nahtlosen Gewand Jesu ist in ihrem Leben jüdisches und christliches Erbe nahtlos vereint“ (120). Sie ist so sehr jüdische Christin, daß sie zum Jesuitenpater Hirschmann sagt: „Sie ahnen nicht, was es für mich bedeutet, wenn ich morgens in die Kapelle komme und im Blick auf den Tabernakel und das Bild Mariens mir sage: ,Sie waren unseres Blutes‘“ (120). Ja, sie vergißt nicht einmal ihre Peiniger, wenn sie sich fragt: „Wer sühnt für das, was am jüdischen Volk im Namen des deutschen Volkes geschieht?“ (120). Könnte man nicht antworten: das jüdische Volk?! Denn „Sie brachte das Leiden Christi in Zusammenhang mit dem Leiden des jüdischen Volkes. Wie Christus geschmäht und grausam getötet worden war, so sah sie auch ihr Volk erniedrigt und entehrt. Wie das Kreuztragen für sie aussehen sollte, sah sie noch nicht, das aber war ihr klar geworden, daß sie im Karmel betend und liebend für die Ungerechtigkeit in der Welt einstehen wollte“ (89).

So stellt das Buch dem Leser eine aktuelle Selige vor, eine moderne Frau, in deren Leben der gute Geist einer Zeit und der zeitlose Glaube eine gelungene Einheit bilden.

Bernd Bothe


Jahrgang 3/1996 Seite 283



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