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Benz, Wolfgang

Der Holocaust

C. H. Beck, München 1995. 126 Seiten.

„An den Fakten des Holocaust sind Zweifel nicht möglich, die Suche nach Erklärung im Sinne menschlicher Moral und Vernunft dauert an“ (118). Dieser letzte Satz des Buches führt zur Zweiteilung der Holocaust-Problematik: Tatsache und Ursache. Im Buch geht es trotz hier und da eingestreuter moralischer Bewertungen — Stichwort „Mörder“ — um das, was und wie es geschah. Die Wannseekonferenz 1941, oft als Beschlußkonferenz mißverstanden, wird zu einer Koordinierungskonferenz zurückgestuft, denn: „Eine Verabredung zur Ausrottung von Millionen Menschen hätte die Kompetenz der Besprechungsteilnehmer erheblich überstiegen“ (7). Zudem war der Beschluß zu dem, was „Aussiedlung, Endlösung, Sonderbehandlung, Evakuierung“ genannt wurde und „Ausrottung“ meinte, schon viel früher auf oberster Führungsebene gefallen, da zur Zeit der Konferenz die Todesmaschinerie längst funktionierte und nur noch perfektioniert wurde. Denn die Ausrottung des Judentums beginnt 1933 auf schleichende Weise mit der schrittweisen Ausgrenzung und Diskriminierung der Juden und endet in der Gettoisierung und Vernichtung in den KZ.

In den 13 kurzen Kapiteln werden die Stadien der Ausrottung geschichtlich nachvollzogen und durch ein erdrückendes Beweismaterial bestätigt.

Hingewiesen sei besonders auf folgende Themen des bekannten Antisemitismus-Forschers: Der Patriotismus der deutschen Juden im Gefolge ihrer rechtlichen Gleichstellung (12.000 jüdische Opfer im Ersten Weltkrieg), die Fadenscheinigkeit der Begründung für die Judenverfolgung (Verschwörertheorien), die zum Schutz vereinheitlichte Organisation der in viele Gruppen aufgespaltenen deutschen Juden (Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau, Reichsvereinigung der Juden in Deutschland), die „Territoriale Endlösung“ durch geplante Schaffung eines Judenstaates an Orten wie Madagaskar, Alaska, Guayana, Neuguinea, Afrika, der Mißbrauch der jüdischen Organisationen und ihrer Ältesten für die Durchführung der Deportationen. Des Völkermordes an den Sinti und Roma wird im 11. Kapitel eigens gedacht. In den Massakern und im industrialisierten Massenmord in den Vernichtungslagern kommt der Holocaust zu seinem Abschluß.

Auf die Frage nach dem „Wie“ oder nach der Möglichkeit, daß mitten im aufgeklärten 20. Jahrhundert in einem zivilisierten Volk, in dem ein Lessing für die Achtung der Juden geworben hatte, ein solch historisch einmaliger Völkermord überhaupt gelingen konnte, gibt die Schrift wenigstens indirekt Antwort. „Aussiedlung, Endlösung, Sonderbehandlung, Evakuierung“, jene harmlos klingenden Worte, die die Ausrottung von nicht-arischen „Untermenschen“ und von „Ungeziefer“ verdeckend beschönigen, machen deutlich, daß die amoralische Grundlage der Möglichkeit des Holocaust in einer Außerkraftsetzung des achten Gebotes Gottes liegt, nämlich „Du sollst nicht lügen“. Wie die Schrift von Seite zu Seite nachweist, begleitet die ständige Lüge den Holocaust bis hin zur als Dusche eingerichteten Gaskammer. Der permanenten Lüge folgt die Aufhebung der weiteren Normen menschlichen Miteinanders, wie sie im 4. bis 10. Gebot formuliert sind. Wer sich verläßlich informieren will, dem kann diese kurze Zusammenfassung von Forschungsergebnissen sehr dienlich sein.

Bernd Bothe


Jahrgang 3/1996 Seite 277



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