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Trus, Armin

„ . . . vom Leid erlösen“

Zur Geschichte der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen. Texte und Materialien für Unterricht und Studium. Mabuse-Verlag, Frankfurt/M. 1995. 230 Seiten.

Seit Anfang der 80er Jahre ist die Literatur zu den nationalsozialistischen Sterilisations- und „Euthanasie“-Verbrechen so angewachsen, daß selbst von Experten die Fülle der einschlägigen Publikationen kaum noch überschaut, geschweige denn verarbeitet werden kann. Wer sich schnell und kompetent informieren möchte, ist auf Monographien angewiesen. Doch an wirklich umfassenden Gesamtdarstellungen, in denen nicht nur sämtliche Entwicklungslinien der „Euthanasie“-Verbrechen beleuchtet, sondern auch die Ergebnisse anderer Forscher gebührend berücksichtigt werden, mangelt es.

„Einen komprimierten Überblick über den aktuellen Forschungsstand“ verspricht dieses Buch. Es konzentriert sich zwar auf die Sterilisations- und „Euthanasie“-Verbrechen im Nationalsozialismus, bezieht aber ebenso die Vorgeschichte im 19. Jahrhundert und in der Weimarer Republik — unter Berücksichtigung des psychiatrischen (Kraepelin u. a.) und des rassenhygienischen Diskurses (Haeckel, Ploetz u. a.) — wie auch die Nachgeschichte (von der Karriere der Täter nach 1945 über die ausgebliebene Entschädigung der Opfer bis hin zur Singer-Debatte und „Sterbehilfe-Diskussion“ unserer Tage) mit ein. Für das Verständnis der NS-„Euthanasie“ wichtige Dokumente sind jeweils kurze Einleitungstexte vorangestellt. Ein Anmerkungsapparat wie auch das ausführliche Literaturverzeichnis ermöglichen den Leserinnen und Lesern problemloses Weiterforschen. Das ist gewiß nötig, denn ein Buch für „Multiplikatoren der historisch-politischen Bildung“ zu verfassen, das die genannten Themen auf 230 Seiten schildern und der Täter- wie Opferseite Rechnung tragen will, erfordert Kürzungen. Das mag für Leser wie Autor manchmal schmerzlich sein, kommt aber letztlich dem angestrebten Ziel zugute, einen „handlichen Zugriff“ zu bieten.

Der Autor, derzeit Lehrer an einer hessischen Gesamtschule, war von 1989 bis 1990 pädagogisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Hadamar. Die Erfahrungen des Lehrberufes schlagen sich in der Gestaltung des Buches nieder. Man hat stellenweise den Eindruck, daß Trus die Quellen so ausgesucht, die Einführungen so verfaßt hat, daß immer wiederkehrende Fragen von Gedenkstättenbesucherinnen und -besuchern und/oder Schülerinnen und Schülern („Was wußten die Patienten und Patientinnen vor ihrer Verlegung in eine Mordanstalt?“, „Wie reagierten sie?“ oder — allgemein — „Wie hat es dazu kommen können?“) beantwortet werden.

Von einigen kritischen, auf der Singularität des Nationalsozialismus beharrenden Äußerungen abgesehen, ist offenkundig, daß sich der Autor bei seiner historischen Spurensuche von den Thesen des verstorbenen Historikers Detlev Peukert und des Psychiaters Klaus Dörner leiten läßt, das heißt, er interpretiert die Forderungen nach „Ausschaltung der Minderwertigen“ bzw. ihren „Vollzug“ als eine Schattenseite der Moderne, d. h. der bürgerlich-kapitalistisch verfaßten Gesellschaft, wie sie auch heute unseren Alltag bestimmt. Das erklärt einerseits den epochenübergreifenden Ansatz, mag aber andererseits Widerspruch provozieren. Die Fülle der in diesem Sinne präsentierten Quellen verdeutlicht allerdings, daß es sich hier nicht um eine von den politisch-ideologischen Prämissen des Autors geprägte Verzerrung vergangener Wirklichkeit handelt, sondern um einen wohlbegründeten Erklärungsversuch, mit dem es sich auseinanderzusetzen lohnt.

Da wird beispielsweise die Aussage einer Krankenschwester dokumentiert, die ihr „Hineinschlittern“ in die „Euthanasie“-Aktion schildert: „Eines schönen Tages kam die Oberschwester zu mir, brachte mir einen Zettel, daß die und die Kranke sterben sollte. Ich sagte: Was soll ich machen? Sie: Du gibst ihnen 8-10 Tabletten auf ärztliche Anordnung. Da habe ich das auch getan. Am nächsten Morgen war die Kranke tot.“ Unwillkürlich fragt man sich: Was mußte geschehen, damit eine solche „Erzählung“ möglich wird? Oder: Wird derlei „eines schönen Tages“ wieder möglich sein?

Das Buch von Armin Trus ist eine geglückte Verbindung von informativen Texten und aussagekräftigen Dokumenten. Alle, die an allgemeinbildenden Schulen die Fächer Geschichte, Gemeinschaftskunde, Religion, Ethik oder Biologie unterrichten oder die in der Krankenpflege- und Arztausbildung tätig sind, werden diese Neuerscheinung zu schätzen wissen. Darüber hinaus gewiß auch alle, die sich und anderen immer wieder die Frage stellen: „Wie hat es dazu kommen können?“

Hilde Steppe


Jahrgang 3/1996 Seite 275



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