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Gertrud Luckner
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II. Deutsche Íkumenische Versammlung

Botschaft

Versöhnung suchen — Leben gewinnen ist das Gebot der Stunde. Die Aufgabe, für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten, hat keineswegs an Dringlichkeit verloren. Sie steht nach wie vor auf der ökumenischen und politischen Tagesordnung. Denn trotz unbestreitbarer und erfreulicher Erfolge und Fortschritte wurde keines der großen Probleme, die in ihrer Gesamtheit die globale Krise der Gegenwart ausmachen, gelöst, manche haben sich sogar verschärft. Doch haben die Ereignisse seit 1989 eine neue Dimension zutage treten lassen, für die sich uns der Begriff der Versöhnung aufdrängt.

Versöhnung ist ein Wort, das hoffen läßt, Feindschaft könne überwunden, Unrecht wieder gutgemacht, verletztes Leben wieder geheilt werden. Es weckt aber auch Unbehagen und Widerstand aufgrund der bitteren Erfahrung, daß das Reden von Versöhnung oft mißbraucht wird, um Unrechtsverhältnisse zu beschönigen und zu festigen.

Wer solchen Mißbrauch vermeiden will, muß die Folgen menschlicher Unversöhntheit und Unversöhnlichkeit klar benennen und seine eigene Schuld daran offen bekennen. Zugleich kommt es darauf an, Erfahrungen gelungener Versöhnung wahrzunehmen, die dazu ermutigen, vor dem Schmerz des Benennens und der Scham des Bekennens nicht zurückzuschrecken.

Für uns Christen hängt beides untrennbar zusammen mit unserem gemeinsamen Glauben an die uns Menschen von Gott geschenkte Versöhnung. Es gibt eine Liebe, die jeden Menschen annimmt, was immer er auch getan oder unterlassen haben mag. Sie verkörpert sich für uns in Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Die Kraft dieser Versöhnung ist bis heute wirksam und ruft uns zur Umkehr.

Mit den Augen unseres Glaubens und bezogen auf unseren Auftrag, uns für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen, sehen wir in der gegenwärtigen Situation eine Reihe von Problemen, die entschlossenes und geduldiges Handeln aus dem Geist der Versöhnung fordern. Wir können und dürfen uns niemals abfinden

— mit Massenarbeitslosigkeit, mit Armut und der Ungleichheit von Lebenschancen;
— mit Gewalt in ihren vielfältigen Erscheinungsformen;
— mit dem Raubbau an den Lebensgrundlagen unserer und künftiger Generationen.

Wir anerkennen in großer Dankbarkeit das Ende des Kalten Krieges und den Gewinn an Freiheit für viele Menschen. Doch erleben wir zugleich besorgniserregende, manchmal alarmierende Entwicklungen. Viele Menschen in Deutschland und in Mittel- und Osteuropa fühlen sich in ihren Hoffnungen betrogen. Soziale Probleme haben sich erheblich verschlimmert. Armut nimmt in erschreckendem Ausmaß zu, während bei anderen der Reichtum wächst. Diese Kluft zwischen arm und reich gefährdet den sozialen Frieden. An anderen Orten herrschen Krieg, Tod und Zerstörung. Die politische Wende in Europa entläßt uns nicht aus der Pflicht zur radikalen Umkehr, die uns angesichts der globalen Krise als ein Gebot und Angebot Gottes für unsere Zeit erscheint.

Wir erinnern an alte und neue Mißstände oder Gefahren nicht aufgrund höherer Einsicht oder moralischer Überlegenheit. Wir teilen die Ratlosigkeit zahlreicher Menschen, und wir sind uns der Zerrissenheit bewußt, die der Christenheit vor Augen führt, wie oft sie sich gegen Gottes Geist der Versöhnung versündigt. Noch immer sind die Kirchen gespalten. Überdies gibt es innerhalb einzelner Kirchen Spannungen, die wir im Blick auf unseren Versöhnungsauftrag überwinden müssen. Zu häufig sind Einzelne und Gruppen Amtsträgern gegenüber machtlos und fühlen sich entmündigt. Nach wie vor sind Frauen auch in Kirchen benachteiligt, und oft werden Kinder und Jugendliche nicht ernst genommen. Wir haben wahrhaftig allen Grund zu Selbstkritik und Demut. Um so mehr dürfen wir uns über die mannigfaltigen Zeichen und Zeugnisse der Versöhnung freuen, die wir gesehen und gehört haben. Sie beweisen, daß selbst tief verfeindete Völker sich versöhnen, Täter und Opfer offen miteinander sprechen, Vorurteile und Schranken des Zusammenlebens überwunden werden können. Sie zeigen auch, daß Versöhnung niemals erzwungen werden kann, sondern stets ein kostbares und zerbrechliches Geschenk bleibt.

Wir halten fest an den vorrangigen Optionen für die Armen, für die Gewaltfreiheit sowie für den Schutz und die Förderung des Lebens. Dies verpflichtet uns als Einzelne und Gruppen, in Gemeinden und Kirchen zu einem neuen Lebensstil und dazu, uns für eine Politik zu engagieren, die sich in den Dienst dieser Optionen stellt. In diesem Sinne unterstützen wir z. B.

— das Programm „Solidarität der Kirchen mit den Frauen“ sowie — im Bereich der Eine-Welt-Arbeit — Initiativen zu entwicklungsorientierten Geldanlagen;
— das AcK-Arbeitsvorhaben zur Überwindung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt sowie die verschiedenen Initiativen zur Einrichtung ziviler Friedensfachdienste;
— die Bemühungen, die AGENDA 21 der Rio-Konferenz auf lokaler Ebene umzusetzen sowie Konzepte nachhaltigen Wirtschaftens durchzuseten.

Wir verstehen sie als Schritte auf einem Weg der Versöhnung, den mitzugehen wir alle Menschen guten Willens einladen. Alle Christen rufen wir auf, täglich mit uns um Versöhnung zu beten.

Arbeitsgruppe 1.3: Verhältnis der Kirchen zum Judentum — Überwindung des Antijudaismus

  
  1. Die Verwobenheit des Christentums mit dem Judentum ist bislang im Konziliaren Prozeß zu wenig bewußt gewesen und nicht thematisiert worden.
    • Gerade weil es um den Aspekt der Versöhnung geht, muß die Bewußtmachung und Thematisierung erfolgen — ausgehend vom Konziliaren Prozeß — in Verkündigung, Unterricht und kirchlicher Bildungsarbeit.
  2. Das Verhältnis der Kirchen und ihrer Mitglieder (in Deutschland) zum Judentum wird noch immer verharmlost und beschönigt: Die verschiedenen Wurzeln der Judenfeindschaft — theologische, ökonomische, soziale, biologische, politische — sind zu wenig offengelegt worden und wirken deshalb weiter.
    • Die weiterbestehende geheime Sympathie mit antijüdischen Einstellungen muß aufgeklärt und überwunden werden. Dabei haben die Kirchen eine unverzichtbare Aufgabe. Doch ist einem zu leichtfertigen Reden von Versöhnung im kirchlichen und politischen Bereich zu begegnen mit dem Verweis auf das jüdische Verständnis, das vom konkreten Gegenüber zweier Personen ausgeht, zwischen denen es um Schulderkenntnis, Schuldbekenntnis und Vergebung geht.
    • Wir bitten die Mitgliedskirchen der ACK (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen), am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, oder am Sonntag danach, der Opfer der Schoa zu gedenken und konkrete Schritte im Geist der Versöhnung zu gehen.

  3. Die Bibelwissenschaft ist in unseren Kirchen aufgeteilt in zwei getrennte Disziplinen: die Exegese des „Alten„- und des „Neuen Testamentes“. Zu leicht wird dadurch das Zweite Testament als Erfüllung des Ersten Testamentes verstanden; die genuine jüdische Kanonbildung sowie die jüdische Bewertung und Exegese der einzelnen Schriften („Tora„, „Propheten“ und „Schriften„) werden übersehen. (Beispiel: 2 Chronik 36,23 als Abschluß der jüdischen Bibel fordert dazu auf, hinaufzuziehen nach Jerusalem; Maleachi 3,23 f. als Abschluß des christlichen „Alten Testamentes“ findet seine direkte Fortsetzung in Lukas 1,17).
    • Die Exegese in der christlichen Theologie und die Bibelarbeit in der Gemeinde haben die jüdische Schriftauslegung aufzunehmen. Die Kooperation zwischen christlicher Exegese und Judaistik ist von daher zu intensivieren. Lehrende und Studierende sollten verpflichtet sein, auch durch Jüdinnen und Juden selbst die jüdische Interpretation der Bibel und ihrer Wirkungsgeschichte im Judentum zu hören. Ebenso sollten sie verpflichtet sein, kritisch die judenfeindliche Wirkungsgeschichte in der christlichen Rezeption der Bibel zu bedenken.
  4. Viele Texte und Darstellungen in der langen Tradition kirchlicher Lehre, Verkündigung, Liturgie und Kunst beinhalten noch immer antijudaistische Einstellungen und vereinnahmen in einer Israel enterbenden Weise jüdische Tradition für die Kirche (z. B. „das wahre Israel„, das Volk Gottes, die christologische Interpretation der Psalmen).
    • Gebetstexte und Lieder sollten von Antijudaismen befreit werden. Wo christologische oder trinitarische Formulierungen antijüdische Engführungen enthalten, müssen diese erkannt und benannt werden. Das gilt ebenso für antijüdische Formulierungen in neutestamentlichen Schriften. Die vorgegebenen Perikopenreihen und die Kommentare dazu bedürfen einer Revision. Hier liegt eine Aufgabe derer, die für die Gestaltung der Gottesdienste und des Unterrichts verantwortlich sind.
  5. Neue offizielle kirchliche Texte über das Verhältnis der Kirchen zum Judentum und zum Verständnis der Heiligen Schrift finden — auch bei Kirchenleitungen — zu wenig Beachtung.
    • Ein (selbst)kritisches Wahrnehmen von christlichen Aussagen zum Judentum und zur Heiligen Schrift ist (weiter)zuentwickeln und in den Kirchen auszuhalten. Die Einsichten, die in neuen offiziellen kirchlichen Texten formuliert wurden, müssen konsequent in der kirchlichen Lehre, Verkündigung und Liturgie wirksam werden. Die Verkündigung des Evangeliums setzt die Anerkennung des lebendigen Erbes des Judentums voraus.
  6. In der Einheitsübersetzung wird der Name Gottes (das Tetragramm JHVH) in die deutsche Sprache übernommen. Damit wird zugleich in der christlichen Liturgie entgegen der am 1. Gebot orientierten jüdischen Tradition und auch entgegen der bisherigen christlichen Tradition dieser Gottesname in einer die Jüdinnen und Juden brüskierenden Weise ausgesprochen.
    • Das 1. Gebot und die ihm folgende jüdische Praxis bedürfen ausdrücklicher Erklärung. Mit den Juden sollten die Christen den einen Gott als den HERRN benennen (bzw. DU, ER, IHN usw.).
  7. Durch das Nichtbedenken der jüdischen Tradition und die unkritische Übernahme hellenistischer Denkweisen wird die ursprüngliche Spannung biblischer Bilder und Worte eindimensional oder sogar dualistisch aufgelöst, was entweder zur Verarmung und Mißdeutung führt (z. B. Frieden, Gerechtigkeit) oder sogar zur Verteufelung (vgl. das Bild der Saraph-Schlangen, die in Numeri 21,6 mit „Giftschlangen“ und in Jesaja 6,2 mit Seraphim übersetzt werden; siehe dazu die Verteufelung der Schlange in Offenbarung 12,9).
    • Es sind Übersetzungen zu empfehlen, welche die Fülle der hebräischen Wortbedeutungen zu wahren versuchen (z. B. die Verdeutschung von Buber-Rosenzweig).
  8. Die Offenheit der messianischen Vorstellungen des lebendigen Judentums wird im Christentum oft nicht ausgehalten, sondern führt zu unversöhnter Gegnerschaft. Seine Hoffnungssymbole (z. B. das Neue Jerusalem) werden vereinnahmt und nicht als genuin jüdisch wahrgenommen.
    • Die christliche Verkündigung muß lernen, das Judentum als eine dem Christentum bereits vorauslaufende und mit ihm gleichzeitig existierende lebendige und vielfältige Größe zu erkennen. Das verbietet jede triumphalistische Überheblichkeit (vgl. Römer 11,20). Es bedarf der Einübung, Unterschiede — z. B. im Messiasverständnis — in gegenseitiger Achtung auszuhalten.
      Die biblischen Hoffnungssymbole sind ein Anstoß zum gemeinsamen Bemühen um die Gestaltung einer Welt in Gerechtigkeit und Frieden.
  9. Der noch weiter wirksame Absolutheitsanspruch der christlichen Kirchen schließt das Judentum aus der Heilsgemeinschaft des Volkes Gottes aus — entgegen Römer 9-11.
    • In der Praxis der christlichen Kirchen bedarf es der Erkenntnis, daß Wahrheit in geschichtlichem und sozialem Kontext ausgedrückt wird. Jüdinnen und Juden suchen ebenso wie Christinnen und Christen nach tieferer Wahrheit. Sie halten unterschiedliche Ausdrucksweisen der Wahrheit aus und versuchen, die Wahrheit im (gemeinsamen) Handeln zu bewähren.
  10. In der hebräischen Bibel und im Judentum sind Religion und Ethik in einer Weise verknüpft, daß z. B. der Schöpfungsglaube, die Gottebenbildlichkeit des Menschen und die Befreiung aus Versklavung und Unterdrückung konkrete ökonomische Folgen haben (z. B. Schabbat, Jubeljahr). Im Christentum werden z. B. die Worte Sünde, Gerechtigkeit und Frieden nicht mehr in ihrer materiellen Konkretheit verstanden. Sie werden vergeistigt und individualisiert. Das Christentum ignoriert weitgehend, daß das Recht auf Beheimatung und das Gebot der Fremdenliebe Kernpunkte der jüdischen Ethik sind. „Bewahrung der Schöpfung“ ist ebenso ein Gebot der hebräischen Bibel wie der Friedensauftrag und die Forderung, gerecht zu handeln.
    • An der gemeinsamen Schrift orientierte (möglichst gemeinsame) Reflexion des Handelns sollte für die Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit und des Rechts fruchtbar gemacht werden.
    • Wir sind mitverantwortlich für das Lebensrecht des jüdischen Volkes in der Diaspora und im Staat Israel. Wir haben alles zu vermeiden, was zu einer Polarisierung zwischen dem israelischen und palästinensischen Volk führt. Wir haben vielmehr dazu beizutragen, daß ein Zusammenleben in Frieden und Gerechtigkeit möglich ist.

Vom 12.-16. Juni 1996 fand in Erfurt die II. Deutsche Ökumenische Versammlung statt. Wir veröffentlichen von den erarbeiteten Texten die „Botschaft“ sowie den Bericht der Arbeitsgruppe „Verhältnis der Kirche zum Judentum“.


Jahrgang 3/1996 Seite 269



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