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Huberta Gumppenberg

Mein Jude aus der Reitmorstraße oder: Ich habe Gutes unterlassen

Als ich 1929 mit meiner Familie nach München kam, wohnten wir für zwei Jahre in der Reitmorstraße im Lehel. Unsere Wohnung lag im Parterre und war vom Nachbarhaus getrennt durch ein schmales Stück Garten. Zweimal habe ich erlebt, daß eine jüdische Familie aus dem Nachbarhaus in diesem von der Straße abgeschlossenen Gartenstück ihr Laubhüttenfest feierte. Von meinem Fenster aus konnte ich den Bau der Hütte beobachten: Eine Art kleine Gartenlaube wurde aufgestellt, das Dach mit Zweigen bedeckt, leichte Tische und Stühle für das Innere gebracht. Als das Fest herannahte, sah ich noch den festlich gedeckten Tisch und einen siebenarmigen Leuchter. Das Fest selbst sah ich nicht, denn es kam mir indiskret vor, weiterhin an meinem Beobachtungsposten zu bleiben. Wohl aber hörte ich ihre Gebete und Gesänge.

Sonst wußten wir kaum etwas von unseren Nachbarn. Das einzige, was wir mit Verwunderung, aber auch mit Respekt, feststellen konnten, war die Tatsache, daß am Samstag — am Sabbat — der Vater der Familie, wenn die Haustüre geschlossen war, die Straße auf und ab ging, bis die Türe von irgend jemand geöffnet wurde. Offensichtlich wollte er durch das Drücken der elektrischen Türglocke nicht das Sabbatgebot verletzen.

Das war alles. Wir sind dann bald nach Schwabing gezogen, und ich habe kaum mehr an diese Nachbarschaft in der Reitmorstraße gedacht.

Erst sehr viel später, nach 1933, nach den Nürnberger Gesetzen, nach der Konferenz von Wannsee, als die Juden aus München und nicht nur aus München vertrieben waren, wie gesagt, erst sehr viel später — zu spät — ist in mir der Gedanke aufgetaucht: Warum bist du nicht in jener Zeit, am Anfang, in die Reitmorstraße gegangen und hast nach dieser jüdischen, nach dieser gläubig jüdischen Familie geschaut? Vielleicht hättest du ihnen helfen können, irgendwie, vielleicht aber hätte es ihnen nur gutgetan, zu erleben, daß überhaupt jemand an sie denkt.

Dazu wäre kein Mut nötig gewesen, geschweige denn ein Heroismus, nur ein wenig Nachdenken. Aber: Es war zu spät! Ich hatte Gutes unterlassen.


Jahrgang 3/1996 Seite 249



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