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Ad multos annos

Willehad Paul Eckert OP: 70 Jahre

Am 20. Januar dieses Jahres feierte Pater Dr. Willehad P. Eckert seinen 70. Geburtstag. Nicht nur weil Pater Willehad auch Mitarbeiter des Freiburger Rundbriefs (in der Neuen Folge: Konsultor) ist, sondern vor allem, weil er zu den mutig anreißenden und integrativen Persönlichkeiten des modernen jüdisch-christlichen Dialogs zählt, ist uns sein runder Geburtstag Anlaß zu Dank und Gratulation.

Im Jahre 1964 gab er zusammen mit Ernst L. Ehrlich den bis heute wegweisenden Sammelband „Judenhaß — Schuld der Christen?“ heraus. Fünf jüdische und 14 christliche Autoren lieferten ihre Beiträge. Willehad P. Eckert schrieb darin über „Verpaßte Chancen christlich-jüdischer Begegnung in der deutschen Geschichte“, über Martin Bubers „Zwei Glaubensweisen“ und über „Beatus Simoninus — Aus den Akten des Trienter Judenprozesses“. Das Buch wurde auch mit 22 Kunstdrucken über christlich-mittelalterliche Juden-Darstellungen illustriert. Pater Willehads exakte Darstellung, wie es zur falschen Beschuldigung gekommen ist, Juden hätten am Knaben Simonin von Trient einen Ritualmord begangen, führte in kurzer Zeit zur Aufhebung des unseligen Kultes. Ich sehe ihn heute noch, wie er damals in Wien bei einem Vortrag strahlte, als er den Erfolg seiner Bemühungen bekanntgeben konnte.

„Judenhaß — Schuld der Christen?“ hat aber nicht nur wegen des Knaben Simonin Furore gemacht, sondern auch wegen der jüdisch-christlich vorbildlichen Gemeinschaftlichkeit, die aus dem Band spricht. Ungefähr seit dem Erscheinungsjahr 1964 gibt es im deutschen Sprachraum so etwas wie eine „große Versammlung“ (kneset ha-gedola) von Historikern, Theologen, Katecheten, Schriftstellern, Kunstgeschichtlern, Künstlern und Philosophen, die sich mindestens von Zeit zu Zeit jüdisch-christlichen Anliegen im Rahmen der jüdisch-christlichen Begegnung widmen.

P. Willehad hat dieses wissenschaftlich-menschliche Zusammenspiel in großem Ausmaß ermöglicht.

Ein Beleg hierfür ist etwa die Zeitschrift „Emuna“, die er als geschäftsführender Redakteur im Auftrag des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit von 1965-1975 herausgegeben hat. Israelische und deutsche Dichter und Romanciers waren darin ebenso mit Beiträgen vertreten wie Pharisäerforscher, Analytiker des Antisemitismus, Schauspieler, Kunsthistoriker, Theaterregisseure, Politiker und Bedenker und Überlebende der Schoa.

David Flusser hat Pater Willehad einmal wegen seiner umfassenden Interessen und Initiativen „einen der wenigen wahren Humanisten unserer Zeit“ genannt. Sein Leben trägt viel Exemplarität in sich.

Ad multos annos!

Clemens Thoma

Fünfundsiebzig Jahre Ernst Ludwig Ehrlich. Ein Nachtrag

Zum 75. Geburtstag von Prof. Dr. Ernst Ludwig Ehrlich, am 27. März dieses Jahres, meldeten sich bei ihm viele Leute von nah und fern, aus Judentum und Christentum, mündlich und schriftlich. Wer die Stationen und Wirkungsfelder des Lebens von Ernst Ludwig Ehrlich einigermaßen kennt, weiß aber, daß Gratulationen das reiche Leben dieses Mannes nicht auszudrücken vermögen. Die zu seinem 70. Geburtstag herausgegebene Festschrift ehrt ihn im ersten Satz „als den unermüdlichen Inspirator des jüdisch-christlichen Dialogs und Förderer der Erneuerung jüdischen Geisteslebens in Mitteleuropa“.

Wir vom Freiburger Rundbrief sehen uns zu einigen nachträglichen Bemerkungen veranlaßt, auf die von keiner anderen Seite her aufmerksam gemacht worden ist. Professor Ehrlich arbeitet seit 45 Jahren am Freiburger Rundbrief mit. In der „Neuen Folge“ ist er einer der Konsultoren.

Als ab 1987 die Gründerin Gertrud Luckner in immer schwerere Krankheit hineingeriet und Stimmen laut wurden, den FrRu aufzugeben, da wischte folgendes Argument die kleinmütigen Zweifel vom Tisch: Was wird denn unser Mediator und Multiplikator Professor Ehrlich sagen, wenn wir den Rundbrief und damit eine für die jüdisch-christliche Solidarität mahnende Stimme verstummen lassen? Er hat stets betont, daß die katholische Kirche Deutschlands mit dem Rundbrief besonders bezeugt, daß ihr das bereuende und aufbauende Gespräch mit dem Judentum ein Kernanliegen der Nach-Holocaust-Ära ist. „Er hatte auch das richtige Gespür, im deutschen Bereich die Rolle des Zentralkomitees der deutschen Katholiken neben der Bischofskonferenz zu erkennen“ (Georg Hüssler).

Im Herbst 1951 wurde Dr. E. L. Ehrlich von den damaligen Herausgebern unserer Zeitschrift gebeten, „uns als jüdischer Mensch, der die Verfolgung in Deutschland überlebt hat, ungeschminkt zu schreiben, wie sich, von der jüdischen Seite aus gesehen, die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel nach der Bonner Regierungserklärung (vom 27. September 1951 über die Wiedergutmachung) ausnehmen“. Unter dem Titel „Deutschland und Israel“ schrieb Ehrlich in der Folge III/IV des Rundbriefs (Dezember 1951, 14-16) einen ziemlich energischen Artikel. Man dürfe nicht in voreilige Euphorie fallen. „Das deutsche Volk hat bisher einfach nicht bewiesen, daß es den Willen hat, elementarste Gerechtigkeit zu üben . . . Auch die Aufbringung der Reparationen als solche kaufen Deutschland nicht von der Schuld seiner traurigen Vergangenheit los.“ Es müßten noch größere Anstrengungen unternommen werden, „um den Neonazismus, die nationalistische Restauration und den Antisemitismus zu bekämpfen“. In der gleichen frühen Nummer des FrRu schrieb Ehrlich (35) einen längeren Leserbrief an einen deutschen Professor, der den jüdischen Freiheitskämpfer Bar Kochba mit Hitler verglichen hatte.

Etwa in diesem Stil ging es in all den Jahren des ersten Rundbriefs (bis 1986) in immer neuen und immer besser werdenden Variationen weiter. Ehrlich attackierte christliche und nichtchristliche Antisemiten in Rezensionen, Artikeln und Zusatzbemerkungen. So bezeugte er seine religiöse, politische und soziale Mitaufbau-Arbeit für eine zu schaffende jüdisch-israelisch-christliche Verständigung und Versöhnung. Dank der ungeheuren dokumentarischen Fleißarbeit von Gertrud Luckner (vgl. den Registerband in den Jahrgängen XXXIII 1981 und XXXVII/XXXVIII 1985/86 sind Ehrlichs Beiträge zu greifen. Es wäre eine lohnende Arbeit, sie zu analysieren. Ihm verdanken wir insgesamt 264 kleinste, kleine und große Beiträge (Rezensionen, Zusatzbemerkungen, Zusammenfassungen von Vorträgen und Bemerkungen anderer über ihn).

Hinter dieser großen Anzahl schriftlicher Äußerungen im FrRu verbirgt sich ein äußerst arbeitsamer Mensch. Ehrlich hat auch in anderen Zeitschriften und Büchern viel publiziert. Er ist aber bis heute nie nur Schreiber gewesen, sondern stets auch aktiver Politiker, Religionshistoriker und Religionstheologe mit reichen Zukunftsperspektiven.

Kurz vor seinem 75. Geburtstag im März sei Prof. Ehrlich (laut KIPA-Meldung vom 28. März) bei einem Interview „fast ins Schwärmen geraten“, als die Rede auf die jüngere Entwicklung des jüdisch-christlichen Dialogs gekommen sei: Es habe „auf katholischer und protestantischer Seite gewaltige Fortschritte gegeben. Der Umgang zwischen Juden und Nichtjuden war (zu Beginn in der Nachkriegszeit) nicht unbefangen . . . Das hat sich längst geändert.“

Lieber Lutz — so lautet der Kosename von Professor Ehrlich unter Freunden —, Du hast viel zur Veränderung zum Besseren beigetragen. Der FrRu durfte eines Deiner Sprachrohre sein. Dafür danken wir Dir und Deiner hilfreichen verstorbenen Frau Nora.

Bleib weiter frisch und wachsam.

Clemens Thoma

Professor Dr theol. Franz Mußner zum 80. Geburtstag

Am 31. Januar 1996 vollendete Franz Mußner, em. Ordinarius für Exegese des Neuen Testaments an der Universität Regensburg und Domkapitular des Bistums Passau, sein 80. Lebensjahr. Der Jubilar gehört zweifellos zu den bedeutendsten Neutestamentlern der Gegenwart.

Mußner wurde in Oberbayern geboren. Seine theologischen Studien absolvierte er in Passau, Eichstätt und Würzburg. Wegen politischer Unzuverlässigkeit im Jahre 1944 aus dem Militärdienst entlassen, wurde Mußner 1945 zum Priester geweiht.

Es ist hier unmöglich, die Publikationstätigkeit Mußners auch nur annähernd darzustellen. Zwei Werke seien aber hervorgehoben, die ihn zur intensiven Begegnung mit dem antiken Judentum führten: die Kommentare zum Jakobusbrief und zum Galaterbrief, die inzwischen zu Standardwerken der wissenschaftlichen Kommentarliteratur des 20. Jahrhunderts geworden sind. Vor allem Mußners Auslegung des Galaterbriefes hat zu einer Neuinterpretation des jüdischen Gesetzesverständnisses in der neutestamentlichen Exegese geführt. Seine Einsicht, daß das Urchristentum seine Wurzel im Judentum hat und dieser tragenden Basis um der eigenen Identität willen bedarf, hatte nachhaltigen Einfluß auf das christlich-jüdische Gespräch in den letzten 25 Jahren. Mußners Beheimatung im katholischen Glauben schenkte ihm die Offenheit für diesen theologisch und gesellschaftlich wichtigen Dialog, der nicht nur als eine Reaktion gegen den Ungeist des nationalsozialistischen Rassismus zu verstehen ist, sondern im Verständnis des Jubilars zur Sache des Christentums selbst im Sinne von Röm 11,18 („Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“) gehört. Zeugnis für Mußners schöpferische Beschäftigung mit dem Judentum sind seine Bücher „Traktat über die Juden“ (11979, 21988, unterdessen in sechs Weltsprachen übersetzt), „Die Kraft der Wurzel“ (21988) und „Dieses Geschlecht wird nicht vergehen“ (1991). Für seine Verdienste um das christlich-jüdische Gespräch wurde ihm 1985 die hohe Auszeichnung der „Buber-Rosenzweig-Medaille“ zuteil. Wiederholte mehrwöchige Vorlesungen in Jerusalem ließen ihm das Land Israel zur zweiten Heimat werden. Seit vielen Jahren ist er Mitarbeiter am „Freiburger Rundbrief“ und seit 1993 Konsultor an der Neuen Folge des FrRu. Mit Frau Luckner war er sehr befreundet.

Franz Mußners Interessen gehen weit über die rein exegetische Forschung hinaus. Literatur, Philosophie und Musik sind für ihn als Lebensräume ebenso wichtig, gewinnt das Wesen des Glaubens doch gerade in Zeit und Geschichte, d.h. aber in Relation zum Menschen in seinem Denken und Handeln, seine Gestalt.

Die Katholisch-Theologische Fakultät in Passau hat in Würdigung des Lebenswerkes Mußners beschlossen, dem Jubilar die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Sie ehrt damit einen herausragenden Wissenschaftler und einen katholischen Theologen, dessen Wort auf katholischer Seite Gewicht hat und der von jüdischer Seite als Gesprächspartner hochgeachtet ist. Sie setzt damit auch selbst ein Zeichen zum Dialog mit Religionen und Konfessionen.

Franz Mußner ist vielfältig zu danken, verbunden mit dem Wunsch, daß er auch weiter in stabiler Gesundheit seinen Beitrag für Wissenschaft, Gesellschaft und Kirche zu leisten vermag. Ad multos annos!

Rudolf Hoppe


Jahrgang 3/1996 Seite 233



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