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Berichte Heft 3/1996

Die romanische Judenstadt in Regensburg

Seit Juli 1995 kamen bei großflächigen Ausgrabungen am Neupfarrplatz nördlich der Neupfarrkirche in Regensburg die Kellergewölbe von zwei massiven Steinhäusern zum Vorschein. Die Tonnengewölbe eines Hauses sind durch einen romanischen Bogen miteinander verbunden. Anlaß dieser Grabung war ein geeigneter Platz für eine Trafostation.

Als daher im Westen des Platzes ein neues Areal sondiert wurde, kamen die Fundamente der berühmten gotischen Synagoge mit ihren drei Mittelsäulen (erbaut ca. 1230) und Fundamente der Vorhalle zum Vorschein, die Albrecht Altdorfer am Tag vor ihrer Zerstörung auf Radierungen ganz exakt(!) festgehalten hat. Es lassen sich sogar die Stellen verifizieren, an denen der Zeichner stand. Eine Langmauer der Synagoge ist auf 17m erhalten. Die einzige noch erhaltene Synagoge aus dieser Zeit ist die berühmte Altneuschul in Prag (erbaut ab 1270).

Die Sensation ist für die Ausgräberin Dr. Silvia Codreanu-Windauer und ihr Team jedoch die 1,50m tiefer liegende romanische Synagoge von Regensburg, die sicher ins 12., vermutlich schon ins 11. Jh. gehört. Es war ein Saalbau mit 12m Länge und ca. 8m Breite, in der Mitte die Bima. An einer Ecke konnte der Abdruck eines Holzpfeilers für eine Brüstung nachgewiesen werden.

Diese alte Synagoge liegt genau unter der gotischen. Sie hat ihre nächste Parallele in der romanischen Synagoge von Köln, die durch eine Grabung vermessen werden konnte. Von der Synagoge in Speyer blieb nur eine einzige Mauer, die alte Synagoge in Worms wurde von den Nazis 1938 niedergebrannt.

Die gotische Synagoge in Regensburg war um 5m nach Westen erweitert. Die Entdeckung der mittelalterlichen Synagogen in Regensburg ist eine Sensation und gilt als Jahrhundertfund. Im Süden der Neupfarrkirche wurde inzwischen ebenfalls hervorragende Bausubstanz mit Torbögen, einem fein gearbeiteten romanischem Bogen und einer schönen Mauernische freigelegt. Der ganze Neupfarrplatz in Regensburg war im 12. Jh. mit massiven Steinhäusern bebaut, die Mauerfundamente sind ca. 1,50m stark.

Vor unseren Augen erscheinen die Keller einer Judenstadt, die zur Zeit der Entstehung des Frankfurter Gettos (1462) schon 450 Jahre hinter sich hatte. Im Moment muß alles darangesetzt werden, um die Grabung und Dokumentierung dieses in Deutschland und weit darüber hinaus einzigartigen Zeugnisses jüdischer Geschichte zu sichern.

Vor 750 Jahren wurde Regensburg freie Reichsstadt, exakt vor 800 Jahren kam Jehuda he-Hasid nach Regensburg und gründete hier die berühmte Schule der Chasside Aschkenaz, der jüdischen Frommen in Deutschland. Termingerecht zum Jubiläum zeigen sich die Fundamente dieser berühmten Judenstadt.

Leider sind nicht alle Behörden, Geschäftsleute und Politiker von diesen Funden begeistert; denn sogar der lokale „Christkindlmarkt“ mußte verlegt werden. Die Reaktionen sind sehr gespalten, gehen bis „rausreißen“ oder „zuschütten“. Es gab sogar einen Stadtratsbeschluß quer durch die Parteien, um die Ausgrabung auf die Keller zweier mittelalterlicher Häuser zu begrenzen. Es ist zu befürchten, daß die „Judenmauern“ lokal-politisch „ausgeschlachtet“ werden — gar nicht zu reden von den „reichen Juden“, die das alles bezahlen sollten. Ist es nur ein Stück Provinzmentalität, der hier in einer Epoche der knappen Gelder die Einsicht fehlt?

Die Diskussion darüber, was offen bleiben soll, wie man die offen bleibenden Funde präsentiert und zugänglich machen soll, steht noch vor uns. Es bedarf allen Einsatzes, um den Regensburgern die Bedeutung dieser Funde zu vermitteln, und es bleibt zu hoffen, daß es gelingt.

Andreas Angerstorfer

Christlich-jüdische Studienwoche

Vom 10.-14. Juli 1995 fand die Christlich-Jüdische Sommeruniversität des Instituts Kirche und Judentum erstmals an der Humboldt-Universität zu Berlin statt. In insgesamt 12 Seminaren und weiteren, öffentlichen Abendveranstaltungen wurde das Thema „Liturgie und Leben — Religiöse Erfahrung in Theorie und Praxis“ behandelt. Acht jüdische und vier christliche Dozentinnen und Dozenten erarbeiteten mit über 200 Teilnehmenden zentrale Teile der — vielen Zeitgenossen verschlossenen — jüdischen und christlichen Liturgie in ihrer Verbindung mit den Lebenszusammenhängen beider Gemeinschaften.

Bischof Huber beschrieb in seinem Grußwort auf der Eröffnungsveranstaltung der Studienwoche die Bemühungen um eine Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses als konstitutiven Teil gegenwärtiger theologisch-kirchlicher Arbeit, die Präsidentin der Humboldt-Universität, Professorin Marlis Dürkop, würdigte zu Beginn des Schlußgottesdienstes die Sommeruniversität als Teil der universitären Aktivitäten zum Gewinn eines neuen Verhältnisses zur jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik. Der Gottesdienst im Dom, dessen Liturgie aus Liedern, Texten und Gebeten bestand, die von jüdischen wie von christlichen Teilnehmern mitgesungen und mitgesprochen werden konnten, fand lebhaften Zuspruch auch von Gästen, die nicht an der Sommeruniversität teilgenommen hatten. Höhepunkt war die Predigt von Oberrabbiner Dr. Ragins aus Los Angeles. Er zeichnete den Ort des Gottesdienstes in die jüngere deutsche Geschichte ein und entfaltete in Aufnahme der Erzählung vom brennenden Dornbusch in 2. Mose 3 die Aufgaben, die in der heutigen Zeit auf angehende Vertreter einer Religionsgemeinschaft in ihrem Dienst an anderen Menschen warten.

Stärker als in den Jahren zuvor fand die Sommeruniversität das Interesse auch von Berufstätigen, vor allem von Pfarrerinnen und Pfarrern, die die Studienwoche als Möglichkeit zur Fortbildung nutzten.

Peter von der Osten-Sacken

Bundeskanzler Helmut Kohl mit der Goldmedaille der lnternationalen Organisation „B‘nai B‘rith" ausgezeichnet

Zur Feier der Verleihung der hohen Auszeichnung mit der Goldmedaille der Organisation B‘nai B‘rith am 25. Januar 1996 in München war eigens der israelische Ministerpräsident Shimon Peres gekommen. Peres hielt auch die Laudatio. Der Korrespondent des israelischen Blattes Macariv in München, Gad Schimron, berichtete darüber am 26. Januar 1996 u. a.: „Ministerpräsident Shimon Peres hielt eine einfühlsame Rede bei der Feier der Verleihung der Goldmedaille der B‘nai B‘rith an Kanzler Kohl. Er bedachte ihn mit viel Lob und sagte, daß Kohl ohne Zweifel einer der großen Glücksfälle im Aufbau der guten Beziehungen zwischen dem Staat Israel und Deutschland sei. Im Verlauf der Begegnung der beiden Männer wie auch während des ganzen abendlichen Festes herrschte eine warmherzige Atmosphäre zwischen Shimon Peres und dem Regierungschef des größten Landes in Europa.“ Kohl führte auch ein Gespräch mit Frau Arad, der Gattin des vermißten israelischen Piloten Ron Arad, und versprach ihr jede mögliche Hilfe bei der Suche nach ihrem Mann.

Kohl ging auch auf die Rolle ein, die der Iran im internationalen Terror spielt. Im Blick auf Syrien und den Libanon sagte Kohl vor israelischen Journalisten, es müßten solide Fundamente in den Beziehungen zu diesen Ländern errichtet werden. Zurückhaltung bei Pressemeldungen sei aber geboten.

Aus dem Hebräischen übersetzt von Alwin Renker.

Erev Schabbat

Einen Höhepunkt der Woche der Brüderlichkeit bildete in München die Schabbat-Eröffnung im Restaurant der Israelitischen Kultusgemeinde. Rabbiner Itzchak Ehrenberg gab erklärende Worte. Eine besondere Freude war es, daß Cantor Grünfeld sich den ganzen Abend Zeit nahm. Er sang traditionell zum Schabbat gehörende Lieder. Zum Essen wurden sowohl jüdische Gerichte gereicht wie gefillter Fisch, als auch Speisen aus dem Nahen Osten, wie Humus oder ein Kichererbsenbrei. Die Stimmung war sehr fröhlich, man sah aber den Augen mancher Anwesenden an, daß ihnen die Teilnahme doch nicht ganz leicht fiel.

Der Schabbat ist ein Geschenk Gottes an die Menschen, nicht nur der Körper, sondern auch die Seele soll ruhen. Eingeladen waren u. a. die Altstipendiaten der Harms-Seidel-Stiftung.

Erschreckt haben uns die strengen Sicherheitsvorkehrungen und der festungsartige Charakter des Gebäudes der Israelitischen Kultusgemeinde. Ist es sogar heute noch nötig, daß sich Juden, um ihrem Glauben nachgehen zu können, derart verschanzen müssen?

Die Antwort auf die Frage an Cantor Grünfeld, was er Christen, die diese Zeilen lesen, sagen möchte, war nach einigem Zögern: „Gott hat Adam erschaffen in seiner Gestalt. Wir sind alle Kinder Adams, und deshalb sollen wir alle einander akzeptieren als Brüder, einer den anderen trotz Meinungsverschiedenheit, Mentalitätsverschiedenheit und Kulturverschiedenheit. Weil wir alle als Kinder Adams geschaffen sind mit Gottes Gestalt, sind wir Brüder.“

Cornelia Kober

Franz-Rosenzweig-Gastprofessur an der Universität Gesamthochschule Kassel

Anläßlich des 100. Geburtstags des in Kassel geborenen bedeutenden jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig veranstaltete die Universität Gesamthochschule Kassel vom 7. bis 12. Dezember 1986, unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten, einen großen Internationalen Franz-Rosenzweig-Kongreß, zu dem über 70 Referenten und mehr als 380 Teilnehmer aus über 12 Ländern angereist waren. Um das Andenken an Franz Rosenzweig wachzuhalten und sich in die Verpflichtung seines Denkens zu stellen, hat die Universität Gesamthochschule Kassel eine jährlich jeweils im Sommersemester zu vergebende Franz-Rosenzweig-Gastprofessur gestiftet, die inzwischen bis zum Jahr 2000 verlängert worden ist. Diese wird an Gelehrte — Philosophen, Human-, Gesellschafts- und Religionswissenschaftler — vergeben, die aus ,rassischen‘ Gründen durch den Nationalsozialismus verfolgt und aus ihrer Heimat vertrieben wurden, die daher ihre wissenschaftliche Laufbahn im nicht-deutschsprachigen Ausland aufbauen konnten, jedoch in ihren Forschungen sich speziell Fragen der europäisch-jüdischen Kultur annehmen und die so in ihren Lehrveranstaltungen an der Kasseler Universität etwas von dem durch den Nationalsozialismus zerstörten jüdischen Erbe wieder sichtbar zu machen vermögen.

Die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur ist in der deutschen Universitätslandschaft eine einmalige Einrichtung. Seit 1987 konnte die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur neunmal mit Wissenschaftlern aus verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen besetzt werden:

1987: Prof. Peter Fuss PhD, Philosophie, St. Louis, Missouri, USA
1988: Prof. Leonard H. Ehrlich PhD, Philosophie und Judaic Studies, Amherst, Mass., USA
1989: Prof. Dr. Joachim Israel, Soziologie, Göteborg, Schweden
1990: Prof. Dr. Eveline Goodman-Thau, Religionswissenschaft, Jerusalem, Israel
1991: Prof. William W. Hallo PhD PhD h. c., Altorientalistik, New Haven, Conn., USA
1992: Prof. Dr. Zwi H. Rosen, Politische Philosophie, Tel Aviv, Israel
1993: Prof. Dr. Dr. h. c. Jacob Goldberg, Osteuropäische Geschichte, Jerusalem, Israel
1994: Prof. Dr. med. Dr. phil. Benjamin Maoz, Psychiatrie, Beer Sheva, Israel
1995: Prof. Rivka Horwitz PhD, Jüdische Geistesgeschichte, Beer Sheva, Israel.

aus: Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Wege finden — Brücken bauen.
FS. Deutsch-Israelische Gesellschaft AG Kassel. 69 ff.

Rachel Dror geehrt

In diesem Jahr wurde die Otto-Hirsch-Medaille, die von der Landeshauptstadt Stuttgart und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gestiftet wird, an Rachel Dror verliehen. Die Laudatio hielt Prof. Dr. Elias Lehmann, Beer Sheva (Israel).

Rachel Dror wurde 1921 in Königsberg (Ostpreußen) geboren. 1935 mußte sie als Jüdin das Gymnasium verlassen und konnte 1939 mit dem letzten legalen Schiff nach Israel fliehen. Ihre Eltern wurden 1941 in Auschwitz vergast. In Palästina arbeitete sie in der Landwirtschaft, in einem Kinderheim und bei der Polizei. 1957 kehrte sie nach Deutschland zurück und arbeitete von 1969 bis zu ihrer Pensionierung 1986 als Fachlehrerin für Bildende Kunst und Technik an der Sonderschule für Schwerhörige und Sprachbehinderte in Stuttgart. 1978 begann für sie eine intensive Phase des jüdisch-christlichen Dialogs. Sie baute den Erzieherausschuß in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gemeinsam mit Dr. Edgar Winkler auf, dessen Leitung sie seitdem innehat. In Schulen, Volkshochschulen und Pfarrgemeinden hielt sie Vorträge über Themen zum Judentum und über ihre Erlebnisse während der Nazizeit. Schüler und Erwachsene sind bei ihr zu Gast und feiern mit ihr jüdische Feste.

Rachel Dror macht aufmerksam auf das Menschliche als einen wesentlichen Faktor in den zwischenmenschlichen Beziehungen.

bl

Verleger Peter Lang

Der Berner Verleger hat sich vor kurzem aus seinem von ihm gegründeten international hochangesehenen Buchverlag nach England zurückgezogen. Viele jüdisch-christlich-wissenschaftliche Bücher sind dank seines Engagements erschienen. Aber auch sonst ist er ein Mitstreiter für die Sache Israels und des Judentums. 1967, als der ägyptische Präsident Nasser „die Juden im Meer ertränken“ wollte, rief Peter Lang „Pro Israel“ ins Leben, um für das bedrängte Israel Geld sammeln zu können. Rund 4,5 Millionen Schweizerfranken kamen zusammen. Unser Dank geht nach England, wo der Unermüdliche ein Erziehungswerk aufbauen will.

Clemens Thoma


Jahrgang 3/1996 Seite 227



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