Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1996 > 386  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Stegemann, Ekkehard - Stegemann, W. Wolfgang

Urchristliche Sozialgeschichte

Die Anfänge im Judentum und die Christusgemeinde in der mediterranen Welt. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1995. 416 Seiten.

Mit diesem umfangreichen Werk ist den beiden Autoren (beide Neutestamentler) nach zahlreichen Vorarbeiten ein eindrucksvoller, überzeugender Wurf gelungen, der so manche ältere Engführung vermeidet. Beide Autoren kommen aus dem Umfeld des christlich-jüdischen Dialogs. Dennoch erliegen sie nicht der oft naheliegenden Gefahr, die sozialgeschichtlichen und theologischen Differenzprobleme der ersten beiden Jahrhunderte zu harmonisieren, um so aus dem verdammten Teufelskreis antijudaistischer Positionen endlich herauszukommen. Das vorliegende, oft spärlich fließende Quellen- und Forschungsmaterial wird wissenschaftlich korrekt und unter fairer Ausnutzung des vorgegebenen Rahmens interpretiert. Es war an der Zeit, daß auf dem lange nicht ernst genommenen Feld der „urchristlichen Sozialgeschichte“ neue Perspektiven eröffnet werden, die auch theologische Konsequenzen nach sich ziehen. Allein, wie und unter welchen sozialen, nicht nur theologischen Bedingungen die „Christusgemeinde“ (sei es als jüdisch-messianische „Sekte“ oder als „charismatische Bewegung“) den Schoß des Judentums verließ, ist eine spannende und folgenreiche Geschichte, an deren Ende — bis heute — die Frage der je eigenen Identität steht — in Verbundenheit oder in Getrenntheit. Dabei unterscheiden die Autoren die Zeit vor und nach der Tempelzerstörung (70 d. Z.) ebenso wie die Gegebenheiten inner- und außerhalb des Landes Israel. Sie sind sich auch des methodischen Problems bewußt, „zwischen den Klassifizierungssystemen moderner Analysen und antiken Analogien zu unterscheiden“. Sie verschweigen die Grenzen der „Anwendung moderner sozialgeschichtlicher Begrifflichkeit“ nicht. Die Gefahr der Verfremdung antiker Vorgänge durch heutige Wissenschaftlichkeit ist nie völlig zu vermeiden, doch das „Soziologen-Deutsch“ bleibt erträglich, auch wenn man hin und wieder zum Fremdwörterbuch greifen muß.

Entscheidend ist eine Gliederung in vier Hauptteile, die je für sich und in unterschiedlicher Reihenfolge gelesen werden können, weil sie durch Seitenverweise miteinander verknüpft wurden.

Die Hauptteile: Wirtschaft und Gesellschaft der mediterranen Welt im 1. Jh. — Sozialgeschichte des Judentums im Land Israel und die Jesusnachfolge (wichtig: der religiöse Pluralismus in Israel und das Devianzphänomen. Mt und Joh schwerpunktmäßig als ntl. Quellen, wobei mir zweifelhaft erscheint, daß beide „im Land Israel“ entstanden) — Sozialgeschichte der christusgläubigen Gemeinden in Städten des Römischen Reiches (mit wichtigen Erörterungen über die „Gottesfürchtigen“ und den Begriff der „Ekklesia“ sowie über externe Konflikte der Christusgläubigen mit dem Heidentum und dem Judentum der Diaspora) — Soziale Rollen und soziale Situation von Frauen in der mediterranen Welt und im Urchristentum.

Gerade dieser letzte Abschnitt (über 40 Seiten) ist angesichts feministischer Theologien und Aktivitäten von besonderer Bedeutung. Was das damalige Rollenverständnis anlangt (patriarchalische Grundstruktur), haben wir es mit keiner spezifisch jüdischen, sondern mit einer gemein-antiken Gegebenheit zu tun. Zu Recht schreiben die Verfasser: ,„Wenig sinnvoll scheint uns auch, die Rolle der Frauen in der Jesusbewegung als Kritik oder Durchbrechung religiöser bzw. überhaupt patriarchalischen Normen des Judentums zu deuten. Die patriarchale, die Vorherrschaft der Männer betonende und stabilisierende gesellschaftliche Ordnung war nicht spezifisch jüdisch, sondern gemeinantik.“ „Ebenso setzten die exklusiven religiösen Vorschriften für jüdische Frauen . . . geordnete häusliche Verhältnisse voraus.“ Und genau hier war die charismatische Jesusbewegung (Wanderbewegung) mit „ihren“ Frauen gar nicht mehr angesiedelt (vgl. die Auslegung von Mk 15,40 f.). Alle hatten ihre Großfamilien verlassen, gehörten meist der sozialen Unterschicht an und genossen teilweise einen zweifelhaften Ruf („öffentliche“ Frauen, „Dirnen“ usw.). Eine „emanzipatorische Bewegung“ war das nicht. Nur, was mich wundert: Die Geschichte der Ehebrecherin Joh 8,1 ff. findet keine Erwähnung.

Mit einer differenzierenden Erörterung der Frauen in den späteren Christusgemeinden („Ekklesia“) schließt das wichtige Buch. Das umfangreiche Literaturverzeichnis zeugt von einer breiten Verarbeitung des Forschungsstandes (auch aus dem anglo-amerikanischen Raum). Das Bibelstellenregister (NT) ermöglicht die praktische Auswertung des Buches im Rahmen von Bibelarbeiten.

Hans L. Reichrath


Jahrgang 3/1996 Seite 216



top