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Somary, Felix (Hg.)

Erinnerungen eines politischen Meteorologen

Matthes & Seitz Verlag, München 1994. 475 Seiten.

Der Titel läßt eine der unzähligen Memoiren eines wenig bekannten Akteurs auf der Bühne des 20. Jahrhunderts vermuten. Es geht aber um weit mehr! Laut dem Klappentext sei dem Nationalökonom, Bankier, Schriftsteller, Politiker und Diplomaten Felix Somary, 1881 in Wien geboren, 1956 in Zürich gestorben, „beschieden gewesen, an den wichtigsten Wendepunkten unserer Zeit von verschiedenen Staaten herangezogen zu werden als ,Fachmann für Krieg und Krise‘. Als unbequemer Ratgeber und Beobachter habe er sich nie „vor den Götzen unseres Jahrhunderts“ gebeugt, wie er selber sagte.

Sein Sohn Wolfgang sagt im Vorwort: „Klarsicht zu erlangen und zu vermitteln war seine Aufgabe; in diesem Sinne wirkte er als Prophet, freilich auf Kosten aller persönlichen Interessen als Bankier. Die Wahlverwandtschaft umschloß Tocqueville und Ibn Khaldun, Jakob Burckhardt und Swift sowie die internationalen Staatsmänner früherer Jahrhunderte; seine Leitbilder waren Jeremias und Johannes der Täufer: Stimmen aus der Wüste . . . Mit seinem scharfen Sinn für die Wertung historischer Ereignisse betrachtete er seinen Beruf als priesterliches Amt: kulturelle und finanzielle Werterhaltung, um sich die Freiheit für höhere Aufgaben leisten zu können, vor allem die Freiheit, Machthabern entgegenzutreten . . . Schweigend vertrat er die Einsicht: Geld sei durch Geist zu weihen, die Entfaltung des Geistes durch Geld zu ermöglichen“. Hier spricht nobel gültiges Judentum!

Den Beruf des Bankiers wahrzunehmen als priesterliches Amt — ist das faßbar, heute, da leichtfüßig von Job, weniger von Beruf, gar Berufung die Rede ist?

Der Leser, der Felix Somary, einem der großen Unbekannten unseres Jahrhunderts, erstmals in dieser vervollständigten Neuausgabe der ein Jahr vor dem Tod veröffentlichten Erinnerungen begegnet, kommt nicht aus dem Staunen heraus. Ein erstes Schmökern mag da und dort zur skeptischen Frage von Carl J. Burckhardt führen, ob denn der „kluge Ostjude“ so real, unbestechlich und genau habe sehen und warnen können? Die Gesamtheit der knappen, selten mehr als vier oder fünf Seiten langen Notate räumt den Zweifel aus.

Auf Felix Somarys Rat hin begann die Schweizer Regierung 1936 sich wirtschaftlich (individuelle, allgemeine Vorratshaltung) und militärisch gegen das Naziregime zu rüsten. Auch in die aktuellen weltpolitischen, weltwirtschaftlichen Abläufe, Verflechtungen gibt das Buch vertiefte Einsichten. Der junge Wirtschafts- und Bankjurist Somary nahm in Wien noch an den, wie heute gesagt würde, interdisziplinären Privatseminaren von Sigmund Freud teil. — Lebenslang verbunden blieb er dem Psychotherapeuten Viktor E. Frankl. Sein unbestechliches und scharfsinniges Gedankengut eröffnet viele Perspektiven zu ganzheitlicher — d. h. wirtschaftliches, soziales und ethisches Denken und Handeln einschließender — Begegnung und Versöhnung.

Otto Kopp


Jahrgang 3/1996 Seite 215



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