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Meyer, Michael A.

Von Moses Mendelssohn zu Leopold Zunz

Jüdische Identität in Deutschland 1749-1824. C. H. Beck, München 1994. 284 Sei-ten.

In sechs Kapiteln behandelt der Autor, der sich seit der ersten Veröffentlichung dieses Buches auf Englisch (1967) einen Namen gemacht hat, Personen und Probleme, über die mindestens ebensoviele Bücher zu schreiben wären und mittlerweile auch schon geschrieben worden sind. Es ist in der Tat schwer verständlich, warum eine Dissertation nach 27 Jahren unverändert herauskommt. Des Verfassers Meinung (12), die seitherige Forschung habe nichts Wesentliches verändert, zeugt von einem Selbstbewußtsein, das man einem Doktoranden allenfalls nachsehen mag, dem reifen Professor kaum. Immerhin ist (um nur dies zu nennen) 1973 Alexander Altmanns Mendelssohn-Biographie erschienen, die man ruhig als Jahrhundertwerk bezeichnen darf.

Viel Raum widmet Meyer der Diskussion zwischen Mendelssohn und Lavater, ohne über die konventionellen Ansichten hinauszukommen. Weder das eigentliche Thema, das Lavater anschlug, noch Lavaters Stellung (die in ihrer Weise ebenso gefährdet war wie diejenige Mendelssohns) kommen in den Blick. Wenn die Zeitschrift „Sulamith“ David Sinzheim als aufgeklärten Rabbiner bezeichnet, ist das verständlich; aus heutiger Sicht müßte dieses Urteil erheblich differenziert werden.

Über den napoleonischen Sanhedrin, in dem Mendelssohns Einfluß deutlich feststellbar ist, hat Charles Touati in einem 1979 erschienenen Sammelband Eindringliches gesagt, das man berücksichtigen sollte. Angesichts der Bedeutung dieses Sanhedrin für die Entwicklung in Deutschland genügt die bloße Erwähnung kaum. Was Leopold Zunz betrifft, so vermißt man sowohl einen Hinweis auf seinen akuten Messianismus als auch auf seine Ablehnung der zu seiner Zeit entstehenden jüdischen Institutionen mit wissenschaftlichem Anspruch und Programm.

Am Ende seiner Ausführungen (210) scheint der Verfasser sehr vorsichtig anzudeuten, die Reformbewegung des 19. Jahrhunderts (kurz nach der von ihm behandelten Epoche) habe so etwas wie eine „dauerhafte Lösung“ der Frage nach der jüdischen Identität in der europäischen Kultur gefunden. Im Rückblick wird man wohl sagen müssen, die Antwort der Reform sei weder schlechter noch besser gewesen als die der (von Meyer nicht einmal erwähnten) neuen Orthodoxie.

Für den mit dem Gegenstand noch nicht vertrauten Leser bietet das Buch im großen und ganzen eine recht gute, lebendig geschriebene und durch viele gut gewählte Zitate belegte Einführung. Die Ausstattung ist vortrefflich und die Übersetzung verdient höchstes Lob.

Simon Lauer


Jahrgang 3/1996 Seite 214



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