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Hirsch, Samson Raphael

Pirqei Avot, Sprüche der Väter

Übersetzt und erläutert. Morascha, Basel-Zürich 1994. 123 Seiten.

Samson Raphael Hirsch (1808-1888) ist eine der herausragendsten, aber auch umstrittenen Gestalten des westeuropäischen Judentums. Hineingeboren in eine traditionelle und gebildete Familie, entwickelte Hirsch vom Kindesalter an eine Neigung zu Frömmigkeit und Tradition sowie Interesse an religiöser und weltlicher Bildung, die ihn zur Ausbildung als Rabbiner führten. Bereits mit 22 Jahren nahm Hirsch die Tätigkeit als Rabbiner auf, die er bis zu seinem Tod ausübte.

Neben dem Elternhaus prägte die in Hamburg entstehende Reformbewegung entscheidend Hirschs Treue zum jüdischen Erbe, zumal viele Diskussionen zu diesem Thema im Hause Hirsch abgehalten wurden. 1851 wurde Hirsch als Rabbiner der israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt zum Führer der Neo-Orthodoxie, die neben Gottesdienstreformen großen Wert auf Verbindung und Förderung von religiöser und weltlicher Bildung sowie auf die Teilhabe an der europäischen Kultur legte. Hirsch übersetzte und kommentierte den Pentateuch (1867-78), die Psalmen (1883) und als letztes Werk Israels Gebete mit den Sprüchen der Väter, welche postum 1895 publiziert wurden. Die hier vorliegende Separatausgabe der Sprüche der Väter präsentiert der Verlag in der gleichen Aufmachung wie die Gebete Israels (1992), Horew, die Pflichten Israels (1992) und Psalmen (1995).

Die Sprüche der Väter sind ein Traktat der Mischna, der in den ersten vier Kapiteln die mündliche Tradition auf die Gabe der Tora am Sinai zurückführt (1,1) und dann die ganze Kette der frühen Tradenten aufzählt, indem von jedem Gelehrten ein oder mehrere Aussprüche zitiert werden. Kapitel fünf ist eine Zusammenstellung von Zahlensprüchen, und Kapitel sechs enthält eine Lobrede auf die Tora.

So wie es das Anliegen der Väter war, die Tora für ihre Zeit zu aktualisieren, so kommentiert Hirsch seinerseits die Sprüche der Väter im Hinblick auf seine eigene Zeit, nicht um Neues zu verkünden, sondern um seine Leser und Leserinnen auf die Wege der Tora zu führen und diese ihnen verständlich zu machen. Geradezu Hirsch aus dem Herzen spricht Rabbi Gamliel III., wenn er sagt (Av 2,2): „Schön ist Torastudium (talmud tora) mit bürgerlicher Geschäftstätigkeit (derech erez), denn die Beschäftigung mit beiden läßt sündige Gedanken nicht aufkommen.“ Unter „derech erez“ versteht Hirsch zunächst „alles, was die allgemein menschliche und bürgerliche Bildung betrifft“, im Zusammenhang hier die „der bürgerlichen Existenz zugewandte Geschäftstätigkeit“ (22). Mit der Betonung von Bildung und Beschäftigung wollte Hirsch der um sich greifenden Assimilation Einhalt gebieten und betonen, daß moderne emanzipierte Juden, statt sich abzusondern, die Pflicht hätten, kulturelle Werte der nicht-jüdischen Welt zu erwerben, ohne dabei das Torastudium zu vernachlässigen. Die Begründung zu dieser Verbindung bringt Hirsch zu Av 4,1 (62): „. . .die Jüdische Gotteslehre hat nichts Überirdisches und Jenseitiges zum Inhalt, vielmehr ist es das ganze diesseitige irdische Leben in seiner reichen Mannigfaltigkeit und der Vielseitigkeit seiner Beziehungen, welches durch die Gotteslehre gestaltet und geregelt werden soll . . . Eine möglichst vollständige Kenntnis des Tatsächlichen aller menschlichen irdischen Beziehungen bildet die Voraussetzung einer richtigen Verwirklichung der göttlichen Gesetze.“ Wer sich mit dieser Einstellung unter das Joch der Tora begibt, dem sind die bürgerlichen Pflichten keine Last, sondern eine Freude (zu Av 3,6, S.46).

Obwohl es sich hier um eine Übersetzung handelt, hat Hirsch wohl eine fortgeschrittenere Leser- und Leserinnenschaft vor Augen, da er manche Stichworte und Zitate in den Erläuterungen entweder nur hebräisch gibt oder transkribiert, aber ohne Übersetzung, was das Verständnis für nicht Hebräischkundige etwas erschweren dürfte. An der gut leserlichen und übersichtlichen Separatausgabe ist nur zu bemängeln, daß für die Verweise auf andere Stellen die Seitenzahlen aus der Gesamtausgabe der „Gebete Israels“ übernommen wurden (vgl. 67), statt sie anzupassen an die vorliegende Ausgabe.

Olivia Franz-Klauser


Jahrgang 3/1996 Seite 212



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