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Golan, Ester

Auf Wiedersehen in unserem Land

EGON Verlag, Düsseldorf 1995. 198 Seiten.

Ester Golan, geb. Ursula Dobkowsky, hat ein autobiographisches Zeitdokument zusammengestellt, das den Briefwechsel mit ihren Eltern zwischen April 1939 und Oktober 1942 umfaßt.

Die Stationen dieses document humain sind Glogau, Berlin, Whittingham in Schottland. Nach schier unendlich langen Bemühungen ist die Verfasserin durch einen der Kindertransporte von Deutschland nach England gelangt, wo sie auf einem Gut der Familie Balfour in einem ehemaligen Herrenhaus mit einer größeren Gruppe untergebracht wurde.

Diese Station sollte eigentlich eine Vorbereitung für die Einwanderung nach Israel bilden, zog sich aber so viele Jahre hin, daß ein Überleben der Eltern in Berlin nicht mehr gegeben war.

Die Briefe der Eltern bilden den erschütternden Bericht eines jahrelangen Wartens auf Ausreisemöglichkeiten aus dem Dritten Reich, wo sich die Schlinge um den Hals der Preisgegebenen immer enger und enger zog.

Unendliche Variationen immer wieder getäuschter Hoffnungen bilden das Grundmotiv.

Bei aller Sorge um die eigene nackte Existenz bleiben die Eltern aber dennoch unermüdlich besorgt um das Schicksal ihrer Tochter. Ihrem älteren Bruder ist im Rahmen der Jugend-Alija die Einwanderung nach Erez Israel gelungen, und auch die kleinere Schwester konnte noch gerettet werden, aber der Weg der Eltern führte über Theresienstadt nach Auschwitz, dem Ort ohne Wiederkehr.

Erst Jahre nach dem Kriege gelangte Ester Golan endlich nach Israel, wo sie zunächst als Kinderpflegerin in einem Kibbuz arbeitete, dann als Jugendleiterin und Touristenführerin. Anfang der siebziger Jahre brachte sie die erstaunliche Energie auf, ein Studium zu beginnen. Sie wählte Soziologie und Pädagogik an der Universität Haifa.

Anschließend unterrichtete sie, reiste viel und wirkte als Vortragende in Israel und Deutschland.

Von Haifa führte sie der Weg nach Jerusalem, wo sie heute im christlich-jüdischen und deutsch-israelischen Dialog aktiv ist.

In ihrem Nachwort schreibt Irmgard Klönne: „Im Wintersemester 1987 bot ich an der Universität Paderborn ein Seminar an: ,Vertrieben aus Deutschland. Texte von Frauen 1933-1945‘. In einer der Seminarsitzungen stellte ich einen Brief von Else Dobkowsky vor und erzählte von Ester Golans Lebenserinnerungen, die für eine inzwischen geplante Veröffentlichung sprachlich bearbeitet werden müßten. Spontan erklärten fünf Studentinnen ihr großes Interesse.“

Daraus geht hervor, wie stark und lebendig das Interesse im heutigen Deutschland an der unbewältigten Vergangenheit des Dritten Reiches und der Schoa geblieben ist. Eine dritte Generation will durch das Zeugnis von Zeitgenossen das Schicksal der Juden in Deutschland kennenlernen.

Darin liegt der Wert dieses Buches, das nicht nur ein Einzelschicksal einer jüdischen Familie in den Unheilsjahren des Holocaust schildert, sondern durch diese Schilderung ein Kollektivschicksal tragischster Art der Vergessenheit entreißt.

Die Eltern Dobkowsky haben nichts unversucht gelassen, aus Deutschland herauszukommen, aber alle Versuche schlugen fehl. Zunächst war natürlich die Einwanderung nach Erez Israel das vorgegebene Ziel. In Berlin war es vor allem Mutter Else, die sozusagen zum ständigen Gast im Palästina-Amt an der Meinekestraße wurde, wo Frau Recha Freier, die Gründerin der Jugend-Alija, und andere Funktionäre der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ihre Gesprächspartner wurden, aber sie von Enttäuschung zu Enttäuschung führen mußten.

Schließlich versuchten sie ganz wahllos irgendeine Form der rettenden Auswanderung, sei es nach Schanghai oder als Diener-Ehepaar nach England. Nichts fruchtete.

Es ist enervierend, diese vergebliche Suche nach Rettung Station um Station mitzuerleben, und es grenzt ans Wunderbare, daß über all diesen Enttäuschungen dennoch bei Ester Golan der Lebenswille und sogar die Menschenliebe siegen konnte.

So wie das weltberühmt gewordene Tagebuch der Anne Frank das Schicksal eines jungen jüdischen Mädchens schilderte, so wird hier das exemplarische Schicksal einer jüdischen Familie in Nazi-Deutschland nacherlebbar. Familienfotos aus allen Stationen dieses Buches ergänzen den Bericht und machen ihn noch anschaulicher. Der Verfasserin soll hier gedankt werden für diesen Beitrag zur Zeitgeschichte.

Schalom Ben-Chorin


Jahrgang 3/1996 Seite 210



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