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Fogelman, Eva

„Wir waren keine Helden“

Lebensretter im Angesicht des Holocaust. Motive, Geschichten, Hintergründe. Aus dem Englischen von Bodo Schulze. Campus, Frankfurt/New York 1994. 323 Seiten.

Eva Fogelman geht der Frage nach, warum Nicht-Juden den Juden halfen. Die Motivation und die Psyche stehen im Vordergrund ihrer jahrelangen Recherchen, in denen sie den nichtjüdischen Rettern und Retterinnen, wie sie genannt werden, in vielen Teilen der Welt nachgereist ist, um in Interviews zu erfragen: Was bewog Menschen, unter Gefahr ihres eigenen Lebens und das ihrer Familien, besonders auch der eigenen Kinder, Juden vor der Verfolgung zu retten? Wie entstanden die „Retterselbst“? Welche Umstände führten zur rettenden Tat? Aus welchem Berufsmilieu stamm-ten sie? Warum leisteten sie einen solchen ebenso selbstlosen wie lebensgefährlichen Dienst, und das oftmals über Jahre hinweg?

Retterinnen und Retter kamen aus allen Berufsschichten und Bereichen und befanden sich in unterschiedlichsten Lebensaltern. Es waren Bauern, Aristokraten, Angestellte, Kindermädchen, Arzte, Diplomaten, Priester und Hufschmiede. Männer wie Frauen waren gleicherweise vertreten. Dabei findet sich eine breite Anzahl von Gründen und Motiven, die gar nicht auf einen Nenner zu bringen sind.

Die meisten, nämlich 32% der Befragten, handelten aus humanitären Gründen. Religiöse Motive spielten bei religiös geprägten Menschen eine Rolle; aber unter den Retterinnen und Rettern befanden sich auch Atheisten, die sich durch den Holocaust in ihrer Überzeugung bestätigt glaub-ten.

Judeophile machten mit 28% die zweitgrößte Gruppe aus. Einige führte der Beruf zur Hilfe, nämlich rund 5%. 22% waren Mitglieder von Netz-werken. Aber es gab auch selbst Antisemiten, die aus moralischen Grün-den halfen. Schließlich fanden sich auch solche, die aus schlichtem Haß auf die Naziherrschaft und dem Wunsch, ihr Widerstand zu leisten, handelten. Bei manchen bündelten sich die Motive.

12% der Befragten waren während des Holocaust in einem Alter zwischen fünf und einundzwanzig Jahren.

Bemerkenswert sind Nebenprodukte der Recherchen. So zeigt sich, wie sehr die totale Korrumpierung der Moral auf der einen Seite dabei zu ei-nem ständigen Unterlaufen moralischer Grundsätze auf der anderen Seite führte. Darf denn eine Frau einen Grenzbeamten verführen und mit ihm schlafen, wobei sie sogar ein Kind empfängt, um Juden den Grenzübergang zu ermöglichen? Ist ständiges „Lügen, Stehlen, Betrügen, Fälschen“ bis hin zum „Mord“ erlaubt, nur weil die Gegenseite so handelt? Kann ein solches Verhalten ausreichend mit moralischer Notwehr gerechtfertigt werden? Man bedenke, daß Retterinnen und Retter jahrelang ein „un-moralisches“ Leben führen mußten, um ihre Schützlinge am Leben zu er-halten.

Es ist erschreckend, wie nach dem Krieg Retterinnen und Retter ihre ei-gene Hilfeleistung verleugnen mußten, um von der sie umgebenden, manchmal immer noch antisemitischen Bevölkerung nicht eben deswegen selbst diskriminiert oder gar bedroht zu werden. Sie lebten isoliert und von der Gesellschaft geschnitten in der eigenen Heimat weiter. Etliche zogen aus ihrer Kriegsheimat fort, um anderswo anonym das Leben einigermaßen menschlich erträglich weiterführen zu können. Viele siedelten nach Israel über, wo sie jahrelang ein armseliges Dasein fristeten, bis

Staat und Gesellschaft ihrer bewußt wurden. Die physischen und psychischen Schäden der Retterinnen und Retter sind beträchtlich und haben ihnen nach dem Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft oftmals ein menschlich gelungenes Leben nicht mehr ermöglicht. Manche wurden und blieben ihr ganzes Leben lang krank. Aber es gab auch jene, die zufrieden auf diese Zeit ihres Lebens zurückblicken konnten in dem Bewußtsein, richtig gehandelt zu haben.

Ein so tiefgreifendes und lesenswertes Buch mag seinem Gegenstand genügen. Jedoch klingt hier und da ein neues Thema an, das nur am Rande gestreift wird. So befaßt sich die Autorin fast ausschließlich mit jenen Rettungen, die gelangen, und weist nur auf einige Fälle hin, in denen die Rettungsaktionen aus wiederum unterschiedlichen Gründen mißlangen. Da-mit wäre ein weiteres Feld angezeigt, auf dem zur Vervollständigung der „Erinnerung“ geforscht werden könnte, damit auch die Namen derjenigen aufbewahrt bleiben, deren Hilfe sie zusammen mit ihren jüdischen Schützlingen ins Unglück führte. Eine Nachforschung dieser Fälle, in denen alles Bemühen letztendlich umsonst blieb bzw. im Gefängnis oder in einem grausamen Tod endigte, ist ein Gebot der Stunde nach 50 Jahren und eine Aufgabe für die Zukunft, wenn die „Erinnerung, die das Geheimnis der Erlösung“ ist, gelingen soll.

Bernd Bothe


Jahrgang 3/1996 Seite 208



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