Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1996 > 379  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Childs, Brevard S.

Die Theologie der einen Bibel

Band I: Grundstrukturen. Aus dem Englischen übersetzt von Christiane Oeming. Herder, Freiburg 1994. 411 Seiten.

Der Autor legt mit diesem 1. Band den anspruchsvollen Versuch vor, einerseits theologisch-systematisch und auch exegetisch bisherige Unternehmen der Biblischen Theologie zu beleuchten und zu kritisieren, andererseits aber aus der Systematik des Kanons der hebräischen und christlichen Bibel heraus eine eigene Hermeneutik und Theologie der Bibel zu entwickeln. Im ersten Band geht der Autor auf die Grundstrukturen seines Ansatzes ein. Belesen und kundig in der Forschungsgeschichte Biblischer Theologie, entwickelt Childs die These, daß die Bibel zwei unterschiedliche, sich z. T. ergänzende, aber auch widersprechende Stimmen zu Gehör bringe, die vornehmlich von christlichen Hörern und Hörerinnen zu vernehmen seien, ohne das Alte Testament und das Neue Testament ihrer jeweiligen Eigenständigkeit zu berauben oder gar das Erste Testament der jüdischen Tradition wegzunehmen. Von daher ist das Buch auch in der jüdisch-christlichen Begegnung zu bedenken und zu rezipieren. In fünf Kapiteln setzt Childs Baustein für Baustein seinen Ansatz zusammen, der von der ,Theologie des Kanons‘ mit seinen Themen Gott — Tora — Einheit des Volkes Israel und seine Geschichte — Biblische Traditionen —Jesus —Auslegung der frühen Kirche her gedacht ist. Lange bevor das Erste Testament der Bibel Maßstab für die weitere Entwicklung wurde, beanspruchten und erhielten einzelne biblische Bücher richtungweisende Geltung, wobei die Tora wohl Ausgangspunkt der Kanonbildung gewesen sein dürfte. Den Prozeß der Kanonbildung nicht nur unter historischen oder religionswissenschaftlichen, sondern unter theologischen Gesichtspunkten zu bewerten, ist das eigentliche Verdienst des Buches von Childs.

Die Aufteilung des hebräischen Bibelkanons in Tora, Propheten und Schriften ist im Babylonischen Talmud belegt (bBB 14b-15a). Der LXX-Kanon ist bewußt anders gestaltet als der hebräische. Rut wurde z. B. den „Richtern“ nachgeordnet oder die Chronikbücher / Esra / Nehemia fanden ihren Platz nach den Büchern der Könige. Ein Block „Geschichtsbücher“ entstand. Die in Jesus Christus, seinem Leben und Sterben und seiner Auferstehung entstandene neue Situation verlangte nach einer christlichen Entfaltung des Christusgeschehens. Das Neue Testament ist also kein Anhängsel des Alten Testaments, sondern ein gleichberechtigter Part daneben.

Anfang des 2. Jahrhunderts n. Z. war der aus dem Judentum übernommene Kanon biblischer Schriften des „Alten Testaments“ für die junge Kirche verbindlich geworden; dazu gesellten sich Bücher, die im weitesten Sinn als „apostolisch“ galten und die nun das Christusgeschehen aus christlicher Sicht und beginnender Tradition interpretierten. Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts betonten gegen die Auslegungstradition der alten und mittelalterlichen Kirche, daß die Bibel als Schrift Gottes Wort sei, und es begann die Suche nach dem, was man „inneren Kanon“ nennt, nämlich nach der „Biblischen Theologie“ als theologische Aufgabe.

In seinen Prolegomena geht Childs der verzwickten Begriffsgeschichte der Biblischen Theologie nach und will dabei Biblische Theologie „als konstruktive theologische Aufgabe der Gegenwart“ herausarbeiten. Gedrängt und knapp stellt sich dann Childs‘ Versuch dar, gegenwärtige Modelle Biblischer Theologie Revue passieren zu lassen. Auch verschiedene antike und mittelalterliche Zugänge zur Thematik helfen, die ambivalente Situation zu erschließen. Dabei ist die Bibel eben keine Geschichte z. B. über Jesus, sondern für Christen und Christinnen die Quelle von Christi Präsenz in dieser Welt.

Im zweiten Kapitel seines Buches geht Childs der Suche nach einem neuen Ansatz nach, daß allein der biblische Kanon die normative Grundlage einer Biblischen Theologie sein müsse und nicht die Rekonstruktion früherer Schichten oder Textformungen. Childs kann verschiedene kompositorische Techniken im Überlieferungsprozeß biblischer Traditionen ausmachen. Das bedeutet, daß er so etwas wie ein „Kanonbewußtsein“ in der biblischen Literatur selbst annehmen muß. Im Sinne Childs‘ gehören biblischer Text und seine jeweilige theologische Funktion zusammen. Daraus ergibt sich die Einsicht Childs‘, daß der neutestamentlich-christliche Gebrauch des Alten Testaments für sich genommen keine zentrale Kategorie einer Biblischen Theologie mehr begründen könne. Hinter dieser Problemformulierung verbirgt sich die wesentliche theologische Frage, wie Altes Testament und Neues Testament aufeinander bezogen oder zu beziehen sind und wie sich das Verhältnis Biblischer Theologie zur Dogmatik insgesamt gestaltet. Der Hauptinhalt der Biblischen Theologie sei, die Wirklichkeit Gottes in der biblischen Literatur zu begreifen:

„Gott ist einer; dessen Sein in der Liebe besteht, welche in der in Freiheit gegebenen Verpflichtung gegenüber der Menschheit begründet ist und diese Beziehung ist konstitutiv für sein Sein“ (108). Die Konzeption Childs‘ rekurriert zu sehr auf die „Wirklichkeit Gottes“ als statisches Prinzip. Spannender wäre es, wenn die Wirklichkeit Gottes diskontinuierlich und unter der Wirklichkeit des Kreuzes betrachtet werden würde. Childs sitzt nämlich zwischen allen Stühlen, will er aus christlicher Perspektive das Zeugnis von Gottes Erlösungswillen im Alten Testament einerseits in bezug zur Geschichte Israels und andererseits vom ahistorischen Kairos der Auferstehung her interpretieren, denn das radikal Neue — nicht nur des Neuen Testaments — läßt sich nicht mehr mit historischen und historisierenden Begrifflichkeiten aussagen, geschweige denn historisch-kritisch rekonstruieren. Dieser Umstand läßt die Autorität der Heiligen Schrift sehr schnell zu einem komplexen Problem werden, denn das Wort Gottes hat neben seinem Bezug zur biblischen Literatur die Sprach- und Kultursituation der mit ihm Angesprochenen als neuen Kontext hinzugewonnen.

Den Spuren traditioneller alttestamentlicher Forschung folgt Childs dann im dritten Kapitel. Neue Perspektiven wären sicherlich hinzugekommen, hätte er „das Glaubenszeugnis des für sich allein genommenen Alten Testaments“ in verschiedenen sozialen, politischen und historischen Kontexten betrachtet, denn er hätte dann seine These, daß Glaubenszeugnis nicht literarische Quelle, sondern ,kanonische Geschichte‘ sei, einlösen können. Daß Israels Geschichte göttliches und menschliches Handeln umfasse und nicht nur nach religionswissenschaftlichen Kriterien erfaßbar sei, ist als zusammenfassende Aussage doch ein wenig platt. Man erwartet gerade in der Diskussion methodologischer Probleme die Bereitstellung wirklicher Kategorien einer Biblischen Theologie.

Das vierte Kapitel (Das Glaubenszeugnis des für sich allein genommenen Neuen Testaments) ist analog zum dritten Kapitel aufgebaut, d. h. Childs geht Schritt für Schritt die neutestamentlichen Großeinheiten durch und betont die Intention der neutestamentlichen Schriften insgesamt, das Christusereignis ins Gedächtnis zurückzurufen.

Fruchtbar und sehr anregend gestaltet sich die Lektüre des letzten Kapitels, in dem Childs an Hand von Gen 22,1-19 und Mt 21,33-46 zeigt, wie Exegese im Kontext einer Biblischen Theologie aussehen kann. Die beiden Exegesen mit ihrer jeweiligen Fülle von Einzelbeobachtungen stellen ein interpretatorisches Glanzstück dar. Dieses Kapitel markiert den Mangel einer Biblischen Theologie. Die biblischen Schriften sind nämlich nicht die Form der Biblischen Theologie, sondern stellen „nur“ das Material dafür zur Verfügung. Auf den letzten Seiten seines Buches nimmt Childs Abschied von einer triumphalistischen Haltung des Christentums gegenüber anderen Religionen. Dabei bleibt die Türe zur Versöhnung durch Christus offen.

Dem Buch ist eine große Leser- und Leserinnengemeinde zu wünschen; es bleibt im guten Sinn des Wortes theologisch fragwürdig.

Wilhelm Schwendemann


Jahrgang 3/1996 Seite 203



top