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Flusser, Vilém

Jude sein

Essays, Briefe, Fiktionen, hg. von Stefan Bollmann und Edith Flusser. Bollmann Verlag, Mannheim 1995. 189 Seiten.

Meines Vetters Jude sein

Mein Vetter, ein mit Recht ruhmvoller Denker, konnte wegen seines tragischen Todes nicht selbst seine das Judentum berührenden Texte auswählen. Es ist eine Großtat seiner Frau Edith, daß diese wichtige Sammlung herauskommen konnte. Sie hat sich nämlich so mit dem Gedankengut ihres Mannes identifiziert, daß sie seine portugiesischen Texte einfühlsam verdeutscht hat. Daneben beinhaltet das Buch auch ursprünglich deutsch verfaßte Studien. Sie sind nun veröffentlicht und in die übrige Vielfalt der Texte eingereiht: „Stationen“, „Jude sein“, „Odi et amo“ und „Eine jüdische Literatur“. Das Nachwort habe ich selber beigesteuert. Was ich jetzt schreibe ist nicht nur eine Empfehlung, sondern auch eine Gebrauchsanweisung. Denn das Jude sein des Buches ist nicht nur, was man für ,Die und Den‘ braucht, ,sondern auch eine Hypostasierung der Jüdischkeit des Verfassers; und anders wollte er es eigentlich nicht verstanden haben. Aber vorerst möge man mir erlauben, ein wenig auszuholen.

Im ersten Buch Mose erfahren wir, daß es für den Mundschenk des Königs von Ägypten nicht einfach gewesen ist, im königlichen Gefängnis auf die Entscheidung zu warten, ob er gehängt oder erhöht werde. Der Traum des Mundschenks hat allerdings auf die königliche Gnade hingedeutet. So wurde der Traum von einem hebräischen Traumdeuter dem „ägyptischen Joseph“ richtig verstanden. Joseph hat den Mundschenk gebeten, sich später seiner zu erinnern, wenn es ihm wieder gutgehen werde. „Doch der Mundschenk gedachte nicht des Joseph und vergaß ihn“ (Gen 40,23). Also nicht nur ein Vergessen gab es damals, sondern auch ein Verdrängen der störenden Belastung! Das sollte man sich auch in bezug auf das heutige Judentum vor Augen halten. Es geht um eine riesenhafte Verdrängung, welche ganze Generationen mehr oder minder intuitiv weitertragen. Es wäre wichtig gewesen, wenn dieser langwierige Prozeß bemerkt worden wäre. Diese Dekomposition wird jedoch auch heute weiter befördert und mit vielen und mannigfaltigen Peripetien und mit sehr viel Selbsttäuschung angereichert. Das Verdrängen des Judentums unter den Juden ist schwerwiegender als der Verlust der christlichen Komponente! Wenn ein Christ oder eine Christin sich entschließt, sich von der christlichen Tradition zu lösen, dann bleibt er/sie weiter ein Schweizer/eine Schweizerin oder ein Deutscher/eine Deutsche. Ein Jude aber, der sein Judesein wegdrängt, reißt sich von seinen eigenen Wurzeln aus. Solches geschieht auch in Israel, und man beginnt es auch im Judenstaat zu merken. Unter diesen Vorzeichen ist das Herausfinden des Wesens des Judentums noch weit schwerer. Sogar die heutige jüdische Orthodoxie (oder Orthopraxie) ist auch eine Verfallserscheinung, da sie selbst degeneriert ist, und fast nur deshalb florieren kann, weil die Mehrheit der Juden ihr fernsteht. Und doch wird die jüdische Orthodoxie — und in ihr hauptsächlich die „Paradoxis“ der „Gesetzlichkeit“ — in den letzten Jahrzehnten von seiten assimilierter Juden und auch von nichtjüdischer Seite — fast könnte man sagen — als ein reines makelloses Modell angehimmelt. Auch mein Vetter wurde von den Geboten des Judentums angezogen, nicht ganz ohne meine Mitschuld.

Mein Vetter ist also ein genialer Repräsentant des „Spätjudentums“, eine reife Frucht des Vergessen-Wollens. Das sollten die nicht jüdischen Leser und Partner im Gedächtnis behalten. Aber bei einem solchen Denker, wie er es war, hat dies nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile: Man sieht das Judentum nicht nur von innen, sondern auch von draußen. Allerdings entsteht dabei bei ihm und bei seinen modernen Kommilitonen ein Zustand, in dem man über das Wesen des Judentums „nicht genug Worte“ hat. Die Wendung „nicht genug Worte“ hat Franz Rosenzweig in seiner frühen Phase über das Christentum geprägt. Später wurde er zu einem der frühesten Wortführer, der für das eigene, verwundete Judentum „nicht genug Worte“ finden konnte. Das führte schon bei Rosenzweig zu einer Hypostasierung der zeitgenössischen Krise des Judentums: Der gegenwärtige Zustand des Judentums wurde als Maß aller jüdischen Zeiten und Dinge betrachtet. Der Schmetterling fliegt nicht mehr, er ist im Tode konserviert!

Nach diesen grundsätzlichen Reflexionen über meinen Vetter komme ich endlich zum Buch selbst. Man kann es den Lesern des FrRu NF nicht genug empfehlen! Das imaginäre Gespräch mit Abraham (18-24) ist, wenn ich dies sagen darf, auch als Literatur klassisch. Und Viléms Worte über die jüdische Ehrfurcht vor dem andern (33) sollte man immer wieder von neuem lesen und sich tief einprägen. Es geht ja um das Wesen des jüdischen Humanismus. Was mein Vetter auch sonst vom Judentum beschreibend definiert, ist nicht nur zutiefst interessant, sondern auch bestechend. Und dabei wollte mein Vetter sicher nicht seine Person geniehaft hervorheben. Er hat mir erzählt, wie er sich selbst am Anfang darüber gewundert hat, daß er für die Menschen so fesselnd gewesen ist. Diese faszinierende Wirkung haben auch seine Schriften und besonders sein hier leider nur kurz besprochenes Judenbuch.

Irgendwo habe ich gelesen, daß Graham Greene gesagt (oder geschrieben) hat, die zwei gescheitesten Juden, die er getroffen hat, seien Albert Einstein und Vilém Flusser gewesen. Mit Nathans Worten möchte ich dies kritisch ergänzen:

Wenn dem Volke weise
nichts weiter wär‘ als klug? und klug nur der,
der sich auf seinen Vorteil gut versteht? (Nathan der Weise III 5)

so pflegt man uns von außen beneidend zu sehen. Wir wollen aber nicht so klug sein — und sind es, Gott sei Dank, nicht.

David Flusser


Jahrgang 3/1996 Seite 168



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