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In memoriam

Leonhard Ragaz

Am 6. Dezember 1995 jährte sich nach einem halben Jahrhundert der Todestag des Schweizer reformierten Theologen Leonhard Ragaz, des Vorkämpfers für einen religiösen Sozialismus und der Anbahnung einer ganz neuen Beziehung zu Israel.

Ragaz wurde am 28. Juli 1868 in Graubünden geboren. Nach einer erfolgreichen kirchlichen und akademischen Laufbahn als Münsterpfarrer in Basel und später als Theologieprofessor in Zürich legte er sämtliche offiziellen Ämter nieder, wurde in einem Arbeiterviertel in Zürich seßhaft und identifizierte sich ganz mit dem Kampf des Proletariats um die Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiterklasse.

Hand in Hand mit diesen sozialen Bestrebungen ging sein Ringen um eine ökumenische Verbindung mit dem Judentum. In seiner Schrift über das Judentum sprach er schon in den frühen zwanziger Jahren von einem neuen Israel, das aus Juden und Christen gebildet sein sollte. Er lehnte darin jeden Versuch einer Judenmission ab und meinte, daß die Christen bessere Christen, die Juden bessere Juden werden müßten, um gemeinsam dieses neue Israel zu bilden.

Auf beiden Seiten wurde das viel zu wenig anerkannt, aber in Martin Buber fand Ragaz seinen jüdischen Gesprächspartner, und durch Buber wurde ich auf Ragaz hingewiesen, mit dem mich ein intensiver Briefwechsel verband, der nun zur Veröffentlichung freigegeben wurde. Dieser Briefwechsel wurde von einer jungen Theologin, Susanne Vetter, sorgfältig ediert und kommentiert und mit einem Vorwort von Prof. Ferdinand Hahn versehen, für die Publikationen des Ragaz-Instituts in Darmstadt bestimmt. An der Katholischen Hochschulgemeinde Darmstadt hielt Pfarrvikarin Susanne Vetter am 1. Dezember 1995 einen Vortrag zum Thema: „Wegbereiter des christlich-jüdischen Dialogs: Leonhard Ragaz und Schalom Ben-Chorin.“

In den Jahren des Holocaust trat Ragaz unerschrocken für das Lebensrecht des jüdischen Volkes ein und führte in seiner Zeitschrift „Neue Wege“ einen Kampf gegen die Schweizer Politik des „Das Boot ist voll“.

Als entschlossener Pazifist verstieß er bewußt gegen die Verdunkelung Zürichs im Kriege und stand an der Spitze vieler Protestaktionen gegen eine eidgenössische Politik stillschweigender Gleichschaltung mit dem Dritten Reich.

Sein unerschütterlicher Glaube gab auch mir neue Hoffnung. In einem seiner Briefe, in seiner kräftigen Handschrift, schrieb er mir, was immer auch kommen werde, das Hakenkreuz werde nicht über Zion wehen. Ich trug diesen Brief wie einen Talisman mit mir.

In seiner Theologie wurde Ragaz nicht müde, mit der Monotonie der Wahrheit zu betonen, daß das Ziel der Geschichte, und damit auch der Heilsgeschichte, das Reich Gottes für diese Erde sei. Jede Transzendierung in ein Himmelreich lehnte er radikal ab, da hierin die Gefahr einer Vertröstung auf das Jenseits bestehe, die den Christen der sozialen Verantwortung in Staat und Gesellschaft weitgehend enthebe.

In dieser diesseitigen Frömmigkeit näherte sich Ragaz dem Judentum. Wie sehr er sich mit diesem oft identifizierte, zeigt eine kleine Episode aus der Zeit seiner akademischen Lehrtätigkeit. Eines Tages betrat er sein Seminar, eine Broschüre in seiner Hand schwingend, und sagte seinen Studenten, daß er ihnen eine wahrhaft christliche Zeitschrift mitgebracht habe. Es handelte sich um die von Martin Buber herausgegebene Zeitschrift „Der Jude“.

In seinen „Neuen Wegen“ stellte mir Ragaz diese Tribüne zu meiner Kontroverse mit Wilhelm Vischer zur Verfügung, einem Theologen aus dem Kreise um Karl Barth. Vischer vertrat in seinem aufsehenerregenden Buch „Das Christus-Zeugnis des Alten Testaments“ (Mitte der dreißiger Jahre) die alte These, daß die hebräische Bibel nur im Lichte des Evangeliums ihren wahren Sinn erhalte. Bis zur Absurdität wurde diese These vertreten, so daß sogar aus dem Buch Esther ein Christus-Zeugnis herausdestilliert wurde.

Die große Gefahr dieses christlichen Fundamentalismus bestand und besteht aber darin, daß der Eigenwert der hebräischen Bibel damit geleugnet und dem Antijudaismus der Weg gebahnt wird.

Was das gerade in der Zeit des Dritten Reiches bedeutete, war unverkennbar, spielte den sogenannten Deutschen Christen in die Hände und stellte damit eine Unterstützung der nationalsozialistischen Judenverfolgung auf theologischer Ebene dar.

Nur Ragaz gab einem jüdischen Autor in dieser Zeit die Möglichkeit, in einer christlichen Zeitschrift die Polemik mit Vischer durchzukämpfen.

Die Ungunst der Verhältnisse verwehrte es Ragaz, das Land Israel noch zu besuchen, aber er blieb ihm innerlich tief verbunden.

Den Untergang des Dritten Reiches aber durfte dieser Vorkämpfer gegen Nationalsozialismus und Faschismus noch erleben.

Ein reiches literarisches Werk hinterließ dieser eigenwillige theologische Denker, der von Tolstoi, Carlyle und dem Schweizer Sozialisten Kutter beeinflußt war, sich aber auch von dem schwäbischen religiösen Sozialisten Blumhardt, Vater und Sohn, inspiriert sah, welchen er sein zweibändiges Werk „Der Kampf um das Reich Gottes in Blumhardt Vater und Sohn“ widmete. Schon 1906 erschien das grundlegende Werk von Ragaz „Das Evangelium und der sozialistische Kampf der Gegenwart“. Zu Beginn der zwanziger Jahre publizierte er seine zweibändige Geschichtstheologie „Weltreich, Religion und Gottesherrschaft“, und in seiner 1952 erschienenen Autobiographie zeichnete er seinen Weg von Kirche und Universität zu seiner freien Gestaltung eines Lebens in franziskanischer selbstgewählter Armut.

In einem mehrbändigen Kommentar zur Bibel wird Ragaz als engagierter Exeget erkennbar, der sich nicht mit einer historischen Deutung oder dogmatischen Interpretation begnügt, sondern existentiell, und auch wiederum zeitgebunden, das Wort der Bibel in einer Neu-Konfrontation mit dem Text zum Leser sprechen läßt.

In dieser Bemühung wußte er sich auch wieder mit Martin Buber eng verbunden.

Im Schweizer Judentum fand Ragaz leider zu wenig Widerhall, aber in Israel gab es einen kleinen Kreis von Menschen, die ihm nahestanden und seine Bemühungen um Israel teilten. Zu ihnen durfte ich mich zählen, und diese Verbindung hatte ich Martin Buber zu verdanken, der mich auf den einsamen Rufer in der Schweiz hinwies und damit einen Dialog anbahnte, der mich in Glaube und Denken prägte. Leben und Werk von Leonhard Ragaz dürfen nicht der Vergessenheit anheimfallen, denn seine Botschaft muß noch in unserer Zeit weiterwirken.

Schalom Ben-Chorin


Jahrgang 3/1996 Seite 153



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