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Ad multos annos

Drei Berliner Juden werden 75:
Pnina Navè Levinson, Ernst Ludwig Ehrlich, Nathan Peter Levinson

Zwischen März und November dieses Jahres feiern drei Juden ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag, die zu den wichtigsten Helfern bei den Versuchen geworden sind, in Deutschland das christlich-jüdische Verhältnis zu erneuern: Pnina Navè Levinson, Ernst Ludwig Ehrlich und Nathan Peter Levinson. Alle drei sind 1921 in Berlin geboren worden und hier noch bis weit in die Nazizeit hinein herangewachsen.

Gerade noch rechtzeitig konnte Pnina Navè 1935 nach Israel entkommen. Ernst Ludwig Ehrlich und Nathan Peter Levinson dagegen gingen in Berlin in die Joseph-Lehmann-Schule, wo sie im Mai 1940 das letzte in Berlin mögliche jüdische Abitur bestanden. Beide konnten 1940/41 auch noch in Berlin ein jüdisches Studium beginnen: in der im Scheunenviertel hinter dem Alexanderplatz gelegenen „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“, zu der die alte, als Hort jüdischer Forschung berühmte „Hochschule“ längst herabgestuft worden war. Beide Männer hatten hier den großen Rabbiner Leo Baeck zum Lehrer und — als Dozenten für jüdische Geschichte — den Rabbiner Dr. Leopold Lucas. Peter Levinson hat in der Festschrift für seinen Schul- und Studienkameraden Ehrlich die Abiturrede veröffentlicht, die er 1940 gehalten hatte und die erhalten geblieben ist: in jungem jüdischen Stolz gesprochen, voll Dankbarkeit für das Geschenk jüdischer Bildung in einer Lage, in der es „draußen . . . kalt und windig“ war, aber auch in einer „Angst vor der Zukunft“: Vielleicht „werden wir wirklich das Glück haben, über das Meer fahren zu können, vielleicht wird unser Weg auch ein ganz anderer sein“ — ein ganz anderer. „Juden durften damals keine Theater mehr besuchen“, erzählt Peter Levinson später, „keine Kinos, keine Cafés und natürlich keine Universitäten. Die Synagogen waren im November 1938 zerstört worden. So blieb die Lehranstalt fast der einzige Ort, an dem Juden sich geistig betätigen konnten; sie war eine Insel innerhalb eines brandenden Meeres. Draußen war die Gewalt, der Schrecken, die Einschüchterung, die Entrechtung. Innerhalb der Lehranstalt fühlte man sich wie in einer anderen Welt, der Welt des Geistes, die nicht bezwungen werden kann.“ Peter Levinson entkam 1942 aus Deutschland, und ihm gelang schließlich wirklich die „Fahrt übers Meer“, nach Amerika. Lutz Ehrlich entkam erst 1943 auf eine noch in seinen heutigen Erzählungen atemberaubende, abenteuerliche Weise aus Berlin: mit Hilfe gestohlener und gefälschter Ausweise und Stempel, in längst für den privaten Verkehr verbotenen Eisenbahnzügen über die Grenze in die Schweiz.

Heute leben die Levinsons in Jerusalem, Ernst Ludwig Ehrlich in Basel. Aber alle drei sind schon sehr früh, innere Widerstände überwindend, nach Deutschland, auch nach Berlin, zurückgekehrt. Lutz Ehrlich in der Hoffnung, hier beim Rundfunk Fuß fassen zu können, ohne Erfolg. Peter Levinson kam zum erstenmal als amerikanischer Militärrabbiner und übernahm 1950-1953 das Rabbineramt für die Jüdische Gemeinde in der Pestalozzistraße in Berlin. In den USA hatte er an der berühmten jüdisch-liberalen Hochschule von Cincinnati das in Berlin begonnene Studium abschließen können, dort u. a. als Schüler des bedeutenden Abraham J. Heschel, der ebenfalls zeitweilig in Berlin gewirkt hatte. Ehrlich hatte in Basel bei dem christlichen Alttestamentler Baumgärtel mit einer Arbeit über den „Traum im Alten Testament“ seinen Doktor machen können. Pnina Navè erarbeitete sich ihren Doktorgrad an der Hebräischen Universität in Jerusalem, wurde dort Dozentin für hebräische Literatur und konnte 1962 aus diesem Arbeitsgebiet auch in Deutschland ein Werk veröffentlichen: „Die neue hebräische Literatur“, in dem sie heutige hebräischsprachige Literatur einordnet in ihre jahrtausendealten, nie unterbrochenen geschichtlichen Zusammenhänge.

Diese drei Personen stehen in spürbar enger Nähe zu ihren Nachkriegsbegegnungen mit evangelischen und katholischen Christen in Deutschland. Lutz Ehrlich ist schon 1946 von seinem aus Theresienstadt geretteten Lehrer Leo Baeck eingeladen worden, bei der Gründung der Internationalen Bewegung für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Oxford dabei zu sein. Peter Levinson war als Badischer und Hamburger Landesrabbiner daran beteiligt, Pnina Navè seit ihrer Übersiedlung nach Deutschland ebenfalls. Alle drei gehörten über Jahrzehnte zur Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag und ihrer Nachbargruppe beim Deutschen Katholikentag, Ehrlich als ihrer beider Mitbegründer. Pnina und Peter Levinson haben ihre Gesprächsbereitschaft mit Christen ihren jüdischen Gemeinden gegenüber mit Geduld und Zähigkeit verteidigen müssen, die — aus guten Gründen — kaum Verständnis dafür hatten, daß ihr Rabbiner und seine Frau ihre gute Zeit dafür verschwendeten.

Als Peter Levinson 1941 Berlin verließ, ging er zu einem nichtjüdischen Koffermacher, „und während dieser gute Mann, der sein ganzes Leben die jüdischen Kaufleute mit Koffern ausgestattet hatte, an meinem Koffer herumklopfte, sagte er zu mir: ,Junger Mann, ihr Juden werdet länger das Höre Israel sagen, als die da draußen Heil Hitler brüllen“.

Friedrich-Wilhelm Marquardt

Prof Dr. Anton Vögtle zum 85. Geburtstag

Am 17. Dezember 1995 wurde der emeritierte Professor für neutestamentliche Literatur und Exegese an der Universität Freiburg 85 Jahre alt. Vögtle stammt aus Vilsingen (Hohenz.). Er verbrachte seine Jugend und Studienjahre in Freiburg, promovierte 1935 zum Dr. theol. und absolvierte biblische Spezialstudien in Bonn und Rom. 1949 habilitierte er sich in Freiburg, wurde 1951 Professor für neutestamentliche Exegese in Trier. Seit 1952 bis zu seiner Emeritierung 1981 lehrte er in Freiburg.

Eine Schülergabe zum 75. Geburtstag verzeichnet 12 Monografien, 54 Beiträge in Sammelwerken und Festschriften, dazu weitere 33 Zeitschriftenbeiträge, Artikel in Lexika u. a. und Vögtles (Mit)Herausgeberschaft mit R. Schnackenburg von Herders Theologischem Kommentar zum Neuen Testament und im Freiburger Rundbrief. Vögtle zählt auch in der Neuen Folge (seit 1993) des Freiburger Rundbriefs zum Kreis der Konsultorinnen und Konsultoren.

Vögtles immense literarische Publikation — glücklicherweise hauptsächlich in zwei Sammelbänden „Das Evangelium und die Evangelien“ (12 Beiträge, 1971) und „Offenbarungsgeschehen und Wirkungsgeschichte“ (13 Beiträge, 1985) greifbar —, war revolutionierend mit „Das Neue Testament und die neuere katholische Exegese“ (1966). Was zunächst fast versteckt im „Anzeiger für die Katholische Geistlichkeit“ erschienen war, wurde für die 30 Theologen-Jahrgänge zum Prägestempel.

Vögtle hatte nicht nur die gesamte evangelische Forschung rezipiert, er war auch derjenige, von dem die protestantische Exegese nicht mehr sagen konnte, catholica non leguntur. Die Aufnahme Vögtles in die (ev.) Heidelberger Akademie der Wissenschaften (1973) beweist den hohen Respekt, der diesem international bekannten Forscher entgegengebracht wird. Zahlreiche Publikationen Vögtles wurden in mehrere europäische Sprachen übersetzt.

Mit der konsequent-kritischen Methode, die Vögtle auf exegetischem Feld anwendet, stößt er in bis heute noch nicht theologisch ausdiskutierte Grundsatzprobleme vor. Besonders sind hier die Fragen zu nennen, erstens, ob Jesus seinen Tod als heilsmittlerisches Geschehen verstanden hat (1975/1979), und zweitens, wie es zum Osterglauben kam (1975). Seitdem sind diese bohrenden Fragen auch der Fundamentaltheologie und der Dogmatik als Stachel ins Fleisch gesenkt.

Es gibt viele Repliken auf Vögtle, zuletzt noch 1994 durch katholische wie evangelische Gelehrte auf einem Symposion in Freiburg. Vögtles Position ist unnachgiebig geblieben: Ohne einen nachösterlichen Offenbarungsschub bleibt die Bekenntnistradition an Jesus als den zu Gott erhobenen Heilsmittler unerklärt (vgl. Apg 2,22-24).

In diesen Zusammenhang gehört auch die monumentale Forschungsbilanz, die Anton Vögtle in seinem Buch „Die ,Gretchenfrage‘ des Menschensohnproblems“ erst 1994 veröffentlicht hat. Zum 65. Geburtstag Vögtles (1975), also bereits vor 20 Jahren, war der Titel der Festschrift „Jesus und der Menschensohn“ gewählt worden. Die Problematik des „Menschensohns“, Gegenstand der (unveröffentl.) Habilitationsschrift Vögtles, reicht freilich ins Jahr 1949 zurück und hat den Forscher Vögtle nie mehr ruhen lassen. Allen Kritikern, die ihm unterstellen, er habe den „Menschensohn“ aus dem Selbstbewußtsein des irdischen Jesus „hinausoperiert“, hält Vögtle entgegen, er habe nur die exegetisch-wissenschaftlich vertretenen Auffassungen über den „Menschensohn“ bilanziert. Er sei zum Ergebnis gekommen, nicht nur evangelische Theologen, sondern auch katholische Theologen befürworteten die erst nachösterliche Verwendung der Menschensohn-Bezeichnung. Dazu habe er, Vögtle, eine ausführliche Erklärung und Begründung vorzulegen versucht.

Über die hohe Bedeutung für den christlich-jüdischen Dialog, die die Forschungen Vögtles auf diesem Gebiet haben, braucht man kein Wort mehr zu verlieren, wenn man mit Vögtle der Auffassung ist, die judenchristliche Verkündigung basiere auf dem Glauben an die Parusie Christi. Die Verkündigung habe die in der Henoch-Apokalypse vorfindliche Bezeichnung Menschensohn (= Endrichter und Erlöser im Himmel) verwendet bzw. diese in den (christlichen) Parusie-Worten beheimatet. Von dort seien die Aussagen dann in die authentischen Jesusworte sekundär eingedrungen.

Mit diesem Phänomen, daß der „verkündende Jesus“ zum „verkündigten Jesus Christus“ wird, hat Vögtle (vgl. „Wer ist Jesus Christus?“ 1977) dem Verständnis von Leben und Werk des Jesus von Nazaret die Beurteilungsgrundlage geliefert. Sie wird übrigens in dem als konservativ geltenden „Katechismus der katholischen Kirche“ (1992) wie selbstverständlich genannt (vgl. Nr. 126).

Der zweite, nicht minder wichtige Themenkomplex der Forschungen Vögtles gilt dem Neuen Testament und der Zukunft des Kosmos (1970). Eine schöne und lesenswerte Frucht dieser Arbeit ist „Das Buch mit den sieben Siegeln“ (Die Offenbarung des Johannes, 1981). Eine bemerkenswerte breite Resonanz fanden die Publikationen Vögtles, die er nach seiner Emeritierung (1981) verfaßte, darunter sind Sachbücher mit einer auch für Nichtfachleute hohen Lesbarkeit, wie z. B. „Die Dynamik des Anfangs“, Leben und Fragen der jungen (= Ur-)Kirche, 1988, und „Anpassung oder Widerspruch?“ (von der apostolischen zur nachapostolischen Kirche) 1992. Ebenso griff Vögtle in die modernen Tagesprobleme ein, z. B. mit dem Titel „Was ist Frieden?“ 1983. Nicht unerwähnt sollen Vögtles Meditationen zu Weihnachten (Lk 2,1-20) und Ostern (Mt 28,16-20) bleiben; sie erschienen in mehreren Auflagen.

Stets neu rang unser Jubilar mit der wissenschaftlichen Summe, die er aus seinem Forscherleben zu ziehen gewillt war, zuletzt noch mit einer wöchentlich (!) ihm abverlangten Veröffentlichung für gebildete Christinnen und Christen in „Christ in der Gegenwart“. Ab 20. Februar 1994 erschien dort in der Rubrik „Die Schrift“ eine Serie von Beiträgen bis zum 12. Februar 1995, wobei es u. a. geht um unnötige Glaubensbarrieren, die unaufgebbare Herausforderung des Osterglaubens, Altbiblisches Weltbild und Neues Testament, Parusieschilderungen, Kosmische Endereignisse und Christuserzählungen.

Vögtle wollte und will, daß die historisch-kritische Bibelauslegung eine Hilfe sei, absolut hilfreich selbst für Glaubenszweifler. Gerade so könnte unsinniges „Wörtlichnehmen“ der Bibel, ob es nun von unhaltbaren lehramtlichen Positionen oder fundamentalistischen Bibellesern geübt werde, zurückgewiesen werden.

Der Freiburger Rundbrief NF kann sich glücklich schätzen, einen solchen Berater (Konsultor) zu besitzen.

Wir gratulieren dankbar und wünschen Prof. Vögtle Gottes Segen — ad multos annos.

Alwin Renker


Jahrgang 3/1996 Seite 148



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