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Stryjkowski, Julian

Echo

Aufbau-Verlag, Berlin 1995. Aus dem Polnischen übersetzt von Esther Kinsky. 429 Seiten.

Es fällt der Rezensentin schwer, einem Buch über das nicht mehr existierende Schtetl und das auf immer untergegangene Leben dort die Anerkennung zu verweigern. Damit stellt man sich außerhalb des Trends und zieht sich leicht den Vorwurf des Antisemitismus zu. Der Trend geht ja dahin, alles, was über das Schtetl und das dortige Leben publiziert wird, mit Ehrfurcht und Kritiklosigkeit anzunehmen, besonders in diesen letzten erinnerungsträchtigen Jahren, nicht Jubiläen! Man sollte jedoch unterscheiden zwischen Literatur und Dokumentation. Beides hat seine Berechtigung und seinen Wert.

„Echo“ gehört, meiner Meinung nach, eher zur Dokumentation. Es ist ohne den nicht mehr greifbaren ersten Band nur schwer zu verstehen und auch überladen mit Zitaten aus frommen jüdischen Erbauungsbüchern, dem Midrasch und Aussprüchen von verschiedenen Zaddikim. Aus der Story, die sich um den Selbstmord eines Zwölfjährigen, der am Unverständnis seiner frommen orthodoxen Eltern zerbricht, und um die Verstoßung einer Tochter, Lehrerin an einer polnischen gojischen Schule, die ein Verhältnis mit einem Goj hat, hätte ein spannendes Buch entstehen können. Das aber ist nicht gelungen. Bloß Verzweiflung über die Sturheit, Engstirnigkeit und Lieblosigkeit der orthodoxen Gemeinde zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist vorherrschend.

Was hätte der begnadete Erzähler Isaac B. Singer aus dem Stoff gemacht! Seine Geschichten sind im gleichen Milieu angesiedelt, auch er hat sich daraus befreit und plädiert für Offenheit, auch bei ihm leidet der Leser unter der dumpfen Enge der eisern festgehaltenen Tradition, die nichts mehr mit Gottesfurcht und Treue zu Gottes Gesetzen zu tun hat, dafür um so mehr mit der Furcht vor Menschengesetzen, die tödlich sind.

Doch damit die innere Abwehr nicht Seite um Seite anwächst und man froh über das Verschwinden, zu welchem Preis auch immer, dieses geistigen Gefängnisses ist, braucht es den Dichter. Trostlosigkeit allein macht noch keinen guten Roman.

Der Autor selbst ist in einer solchen Gemeinde aufgewachsen, wurde dann aber Zionist und später Kommunist, kennt dieses traditionelle Leben aus eigener Erfahrung und eigenem Leiden. Da er polnisch schreibt und nicht jiddisch wie Singer, liegt es sicher nicht an der Sprache, daß seine Bücher beinahe unbekannt sind. Dem Verständnis für das Judentum und seinen Reichtum an Weisheit und Güte dienen sie nicht. Denn das Leben im Schtetl konnte ja nicht nur aus Nörgeleien, Sturheit, Neid und Armut bestehen. Nirgends leuchtet der Witz und das Lachen-trotz-allem auf, und die Hoffnungslosigkeit verdüstert auch den Aufbruch der wenigen Rebellen.

Ein Pluspunkt allerdings ist dem Roman zu bescheinigen: Er ruft nach der unbedingten Absage an jeglichen Fundamentalismus, sei er nun jüdisch oder christlich. Blinder Glaube und Unterwerfung unter das, was schon immer so war, und die Verweigerung des Primats der Liebe vor allem unreflektierten Gehorsam gegenüber Geboten aus alter Zeit, weil sie eben aus alter Zeit stammen, ist nicht nur steril, sondern lebensfeindlich. In diesem Sinne gelesen, hat der Roman schon seinen Verdienst.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 3/1996 Seite 137



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