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Schoeps, Julius H. - Schlör, Joachim (Hg.)

Antisemitismus

Vorurteile und Mythen. Piper, München 1995. 310 Seiten, Abb.

Der vorliegende Sammelband, herausgegeben von zwei Wissenschaftlern am Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam, gibt einen Überblick über die gefährlichen Stereotypen, die sich im Lauf der Geschichte herausgebildet und auf verhängnisvolle Weise ausgewirkt haben. In insgesamt 24 „Bildern“ werden die einzelnen Vorurteile von verschiedenen Autoren beschrieben, die sich aus religiösen und ökonomischen, psychologischen und ideologischen, politischen und nationalistischen Quellen speisen.

Die 24 „Bilder der Judenfeindschaft“ machen den Hauptteil des Bandes aus. Die Themen dieser Bilder: Die „Gottesmörder“. „In der Synagoge“. Der „Ritualmord“. „Blut und Blutschande“. Der „ewige Jude“. „Der Wucherer“. „Shylock“. „Die jüdische Weltverschwörung“. „Dunkelmänner“. Das „Mauscheln“. Der „jüdische“ Name. Der „jüdische Körper“. Die „Mörder der Göttinnen“. „Die Jüdin“. „Drückeberger“. „Der Verräter“. „Der Urbantyp“. „Der Ostjude“. „Der Intellektuelle“. „Der Zersetzer“. „Der Kapitalist“. „Der Kommunist“. „Der Israeli“. Die »Auschwitz-Lüge“. Im Rahmen dieser 24 Arbeiten wird eine Fülle an Material ausgebreitet. Man erfährt dabei auch etwas, um beliebige Beispiele zu benennen, über Ahasver und die Protokolle der Weisen von Zion, über Bachofens Mutterrecht und feministische Theologie, über Judasinterpretationen und Börsenspekulationen. Manche Themen kommen mehrfach vor, z. B. die christliche Judenfeindschaft oder die Stereotypen von Wucher, Börse und Kapitalismus.

Leider gibt es kein Register, das die wichtigsten Namen und Stichwörter enthält.

Alles in allem ist man schockiert über das schreckliche Arsenal von Verzerrungen, Verleumdungen und Beleidigungen, das der Antisemitismus bis heute erfunden hat. Furchtbar ist dabei die nicht zu leugnende Tatsache, daß manche Symptome dieses pathologischen Antisemitismus auch heute (wieder und noch) virulent sind.

Zusätzlich zu den einzelnen Artikeln machen ca. 50 Bilder und Karikaturen anschaulich, wie die verheerenden Stereotypen auch visuell vermittelt wurden. Das Repertoire der Bilder erstreckt sich von der Gestalt der „Synagoge“ an mittelalterlichen Kirchen bis zu Verunglimpfungen Israels durch die Prawda im Jahr 1971.

Wenn es schon nicht möglich ist, auf alle Beiträge einzugehen, so darf doch ein kurzer Hinweis auf die beiden ersten Arbeiten nicht fehlen. Im Bild der „Gottesmörder“ (von Karl-Erich Grözinger) werden paulinische Texte (1 Thess 2,14-16), Tendenzen der Passionsgeschichte, Joh 8,40-44, Kirchenväter wie Melito von Sardes und Augustinus, Luthers antijüdische Schrift usw. vorgestellt und kritisch gesichtet.

Man vermißt einen Hinweis, wie die Kirchen heute zum „Gottesmord“ stehen. Während bei den anderen Vorurteilen mindestens manchmal auch Prozesse der Aufarbeitung genannt werden, sucht man eine entsprechende Anmerkung hier vergebens, so daß der unkundige Leser leicht den Eindruck gewinnen könnte, dieses furchtbare theologische Vorurteil sei auch heute noch offizielle Lesart der Kirchen.

Zwei sachliche Richtigstellungen: Die „Heilandsanklagen“ des Karfreitag heißen nicht „Improberia“ (57), sondern „Improperien“. So schlimm auch Texte wie 1 Thess 2,14-16 gewirkt haben, von ihrer „Dogmatisierung“ (58) kann man nicht sprechen.

Das zweite Bild „In der Synagoge“ (von Rabbiner Joel Berger) fällt insofern aus dem Rahmen, als es nicht die Synagoge als Stereotyp christlicher Judenfeindschaft herausarbeitet, wie es der Titel nahelegt, sondern auf lebendige und anschauliche Weise die z. T. schlimmen Erfahrungen schildert, die ein Rabbiner heute machen muß, wenn Christen, vor allem Schulklassen, eine Synagoge besuchen. Berger listet hier ein paar Fragen auf, die ihm in der Synagoge gestellt worden sind und die von Voreingenommenheit und Unkenntnis auch heute zeugen. Nur ein Beispiel: „Wenn bei Ihnen hier in der Synagoge geschrieben steht: Du sollst nicht töten, warum haben Sie dann Jesus getötet?“ (71). Der Rezensent weiß allerdings aus langjähriger eigener Erfahrung, welch großen geistigen und religiösen Gewinn Schüler und Schülerinnen von einem Synagogenbesuch haben können, wenn er einigermaßen gut vorbereitet und mit der jüdischen Gemeinde abgestimmt wird.

Werner Trutwin


Jahrgang 3/1996 Seite 136



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