Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1996 > 355  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Almagor, Gila

Auf dem Hügel unter dem Maulbeerbaum

Carl Hanser Verlag, München-Wien 1994. 144 Seiten.

1953, in Erez Israel, in der Nähe von Tel Aviv, in einem Kinderdorf. Waisenkinder, Überlebende der Schoa. Dort auf dem Hügel unter dem Maulbeerbaum treffen sie sich, um ihre Freuden und Ängste zum Ausdruck zu bringen, ihr Schweigen zu brechen, ihre Erinnerungen aufzufrischen. Die meisten Kinder wissen, daß ihre Eltern tot sind, ermordet in den Konzentrationslagern Nazi-Deutschlands. Viele Kinder leben in der hoffnungslosen und bangen Ungewißheit, ob nicht morgen die Nachricht kommt, daß man doch noch irgendwo auf der Welt verstreut irgendwelche lebende Verwandte gefunden hat oder wenigstens einen eindeutigen Nachweis, daß die gesamte Verwandtschaft ausgerottet wurde, damit man nun endgültig sicher weiß, daß man allein auf der Welt ist.

Der Roman erzählt von diesen Waisenkindern, von Aviha, Jole, Jurek, Mira, Alex, Mischa, Chawi. Nach dem physischen Überleben der NS-Zeit und der Flucht nach Israel geht es nun um das seelische Überleben an einem neuen Ort, in einer neuen Zeit, mit einer völlig neuen Familie. Und es geht um Erinnerung, das zentrale Anliegen der gesamten Schoa-Literatur. Ein Kind wird sich unter dem Maulbeerbaum bewußt, daß sein Leben nur dann einen Sinn bekommen wird, wenn es das Grab seines Vaters findet, von dem es überhaupt keine Erinnerung mehr hat. Das Kind findet das Grab in einem jüdischen Friedhof in Haifa. Der Vater hat die Schoa überlebt, ist aber gleich nach der Ankunft in Israel gestorben. Auf das Grab des Vaters stellt das Kind einen Blumenstock: Vergißmeinnicht aus Holland. Ein anderes Kind hat völlig vergessen, wer es selbst ist. Es kennt nicht einmal seinen richtigen Namen. Das Trauma der Schoa hat seine Erinnerungen blockiert. Bis es sich plötzlich an die blauen Augen seiner Mutter erinnert. Der Schleier des Vergessens reißt auf. Sein Name, seine Eltern, sein Bruder, sein Haus fallen ihm wieder ein. Endlich kann sich das Kind auf die Suche nach überlebenden Verwandten machen.

Gila Almagor, israelische Schauspielerin und Schriftstellerin, ist es in diesem Buch beeindruckend gelungen, den Schock der Schoa anhand von Erlebnissen in einem Kinderdorf darzustellen, Erlebnisse, die aus der Erinnerung aufsteigen. Eine zentrale Aussage des Buches lautet daher: „Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich an nichts. Ich weiß nicht, wer meine Eltern waren und wie sie aussahen. Auch nicht, wo ich vor dem Krieg und während des Krieges war und wie ich am Leben geblieben bin, ich erinnere mich an nichts. Manchmal versuche ich mich zu erinnern, aber ich kann es nicht. Ich erinnere mich an nichts, an gar nichts. Als hätte man mir die Erinnerung weggenommen und mir wäre sonst nichts geblieben.“

Herbert Winklehner


Jahrgang 3/1996 Seite 121



top