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Elizabeth Petuchowski

Die erste jüdisch-christliche Zeitschrift „Die Kreatur“

„Die Kreatur“ war eine Vierteljahresschrift, die von 1926 bis 1930 bei Lambert Schneider, Berlin, erschienen (Neudruck 1969, Nendein, Liechtenstein) und von Martin Buber zusammen mit Joseph Wittig, einem Katholiken, und Viktor von Weizsäcker, einem Protestanten, herausgegeben worden ist. Die Herausgeber bemühten sich, damalige politische und soziale Probleme im Sinne ihrer jeweiligen Religion der Lösung näherzubringen, so daß diese Zeitschrift einen Ansatz zu einer jüdisch-christlichen Begegnung darstellt.

Nikolaj Berdjajew und Franz Rosenzweig, Dolf Sternberger und Eugen Rosenstock, Hans Ehrenberg und Rudolf Ehrenberg, Walter Benjamin, Margarete Susman und Florens Christian Rang zählten zu den Mitarbeitern der „Kreatur“. Die erste Nummer der „Kreatur“ enthält zwei Beiträge von Franz Rosenzweig: eine Probe (Band I/245-246) aus seinem angekündigten Band mit kommentierten Übersetzungen von Gedichten des mittelalterlichen hebräischen Dichters Jehuda Halevi (um 1080-1145) und einen Ende 1925 verfaßten Aufsatz, „Die Schrift und das Wort. Zur neuen Bibelübersetzung“ (I/124-130). Hier bespricht Rosenzweig das Verhängnis des Wortes, das doch ursprünglich ein gesprochenes war, zu Schrift zu werden. Er erklärt, wie diese Tatsache bestimmend ist für die Bibelübersetzung, an der er damals gemeinsam mit Martin Buber arbeitete.

Bekanntlich ist diese Bibelübersetzung, die uns hier nicht beschäftigen kann, eine außerordentliche. Bedeutend war, daß eine neue Bibelübersetzung erscheinen sollte und daß ein Jude, Martin Buber, vom christlichen Verleger Lambert Schneider aufgefordert wurde, sie zu unternehmen (Buber zog Franz Rosenzweig hinzu). Vier Jahrzehnte später mißbilligte Gershom Scholem dieses Unternehmen, da es eine tiefgründige Beschäftigung mit der deutschen Sprache bedeutet hatte. Obgleich Scholem seinerzeit den beiden Übersetzern wertvolle Hinweise gesandt hatte, wie aus der Korrespondenz hervorgeht (z. B. Buber Briefwechsel aus sieben Jahrzehnten [1973] Band II, 375-376), so dachte er später anders. Im Jahre 1963, als Buber die Bibelübersetzung in Jerusalem abgeschlossen hatte (Franz Rosenzweig war am 10. Dezember 1929 gestorben), verwarf Scholem die Tendenz dieser Arbeit: „Es lag ein utopisches Element in Ihrem Unterfangen,“1 sagte er zu Buber, „die Bibel auf unvergleichliche Weise ins Deutsche zu übersetzen.“ Es war, meint Scholem, „ein Gastgeschenk der Juden an Deutschland“.

Dann warf er die Frage auf: „Was die Deutschen mit Ihrer Übersetzung anfangen werden, wer möchte sich vermessen, es zu sagen? . . . Der lebendige Laut, auf den Sie die deutsche Sprache angesprochen haben, ist für das Gefühl von vielen von uns verhallt. Werden sich die finden, die ihn aufnehmen?“ (215)

Mit den ausschlaggebenden Worten „der lebendige Laut“ bezieht sich Scholem eben auf dieses von Rosenzweig in der „Kreatur“ erklärte Bestreben der beiden Übersetzer, ihre neue deutschsprachige Bibel dem gesprochenen Wort nahezubringen.

Rosenzweigs lebhaft witziger Geist zeigt sich in seiner Charakterisierung dieses seines eigenen Aufsatzes über das Wesentliche der neuen Bibelübersetzung in der ersten Nummer der „Kreatur“. Er nennt ihn den „beiliegenden Waschzettel“ in einem Brief vom 3. Januar 1926 an Rabbiner Jakob Horovitz (Rosenzweig, Briefe [1935], 553).

Meines Wissens wird selten hervorgehoben — in deutschen Kreisen, weil es seine Tiefsinnigkeit in Frage stellen würde, in amerikanischen Kreisen, weil sich das Verständnis für die Anhaltspunkte nicht vermitteln läßt —, daß Rosenzweig einen forschen Humor hatte, der in seinen Briefen herrlich zum Ausdruck kommt. So, z. B., wird Rosenzweigs Hauptwerk „Der Stern der Erlösung“ (1921) oft erwähnt, doch selten gelesen, was der Autor schon damals selbst wußte. So schrieb er am 11. März 1925 darüber an seinen Vetter Hans Ehrenberg: „Es hat mich bei den Juden berühmt gemacht und mir die Wirkung auf die Juden nicht verlegt. Beides, weil sie es nicht gelesen haben. Ich staune immer aufs neue, wie unbekannt es bei seinen Lesern ist. Alle Welt meint, es sei eine Mahnung zum koscheren Essen“ (Rosenzweig, Briefe, 529).

Rosenzweig, seit 1922 gelähmt, zwei Jahre nachdem er in Frankfurt das Lehrhaus eröffnet (17. Oktober 1920) hatte, liefert praktische Vorschläge für „Die Kreatur“, Buber ermutigend und seine Mitarbeit anbietend (z. B. Rosenzweig, Briefe, 540, 19. Juni 1925). Er äußert sich auch über Joseph Wittig, den katholischen Mitherausgeber der „Kreatur“: „Wittigs Brief ist von einer herrlichen Kindhaftigkeit. Und die verdankt er ja wohl wirklich seiner Kirche und der mit ihr gegebenen Nötigung und Gewöhnung ständig dem Wort verordneter Menschen zu gehorchen, als wenn es das Wort Gottes wäre, oder bekanntlich ja besser. (Denn Gott kann man zunächst immer noch mal wieder entwischen, aber Menschen wohnen um die Ecke)“ (Rosenzweig an Buber, Rosenzweig, Briefe, 545, 2. August 1925).

Joseph Wittig schrieb an Buber, als Rosenzweig starb: [Die in der „Kreatur“ gelesene Todesnachricht] „legt sich nun wie ein grauer, schwerer Kummer auf meine Seele, immer schwerer, immer schwerer . . . ,Was wird nun mit uns?‘ Ich meine nicht, mit Ihnen und mit mir, sondern mit uns, wie wir in diesem einen Worte als eine Einheit dargestellt werden . . . Die Zeitschrift ist in sich vollendet, wie ein mehrbändiges Buch in sich vollendet ist“ (Buber Briefwechsel, II, 374, Nr. 339, 18. April 1930).

Wittig trauerte ehrlich über den Tod Rosenzweigs und auch über das Verstummen der „Kreatur“, die mit dieser Nummer ihr Erscheinen einstellte. Von biographischem Interesse ist, daß Victor von Weizsäcker, der protestantische Mitherausgeber der „Kreatur“, es war, der im November oder Dezember des Jahres 1921 Rosenzweigs Krankheit diagnostizierte.2

Ebenfalls der letzte Beitrag der letzten Nummer der „Kreatur“ enthält Texte von Rosenzweig und ist überschrieben: „Aus Franz Rosenzweigs Nachlaß.“ Posthum veröffentlicht werden Gedanken, die Rosenzweig in Aufzeichnungen, in Briefen an seine Freunde wie auch in seinem „Stern der Erlösung“ behandelt hat. Buber hat die Auswahl getroffen. Rosenzweig hatte sich während des Weltkrieges im Schützengraben mit der jüdischen Auserwähltheit befaßt, gerade zu einer Zeit, in der — wie Rosenzweig es ausdrückt — „Auserwähltheit Färbereagenz aller Nationalität überhaupt geworden ist“. Jüdische Auserwähltheit bleibe selbst unter diesen Umständen einzigartig. „Sie hat an metaphysischer Schwere nichts verloren, obwohl der Gehalt (der Atavismus war ihr stets nur Symbol, der Messianismus allein Inhalt) jetzt Allgemeingut geworden ist; denn noch immer ist (und wird es immer bleiben) sie die einzige sichtbar wirkliche Verkörperung des erreichten Ziels der Einheit (des ,Einen Volks auf Erden‘, wie es sich selbst im Sabbatgebet3 nennt), während die Völker nur auf dem Wege zu diesem zu erreichenden Ziel sind und sein müssen, wenn es je wirklich erreicht werden soll.“

In diesem von Buber zur Veröffentlichung in der „Kreatur“ ausgesuchten Feldpostbrief Rosenzweigs erkennen wir eine Ähnlichkeit mit Bestandteilen von Bubers Idee von „Wirklichkeit“, einer leitenden Idee in der „Kreatur“. Diese Vokabel hatte jedoch bei Buber zu jener Zeit nicht die im 20. Jahrhundert allgemein verstandene Bedeutung; sondern die Bedeutung, die Buber geltend machte, war zurückzuführen auf eine ältere im Sinne von „Verwirklichung“, nämlich Verwirklichung des Wortes Gottes und seiner Propheten. Buber besagt mit dieser Vokabel, die er schon zwei Jahrzehnte vor der „Kreatur“, auch in seinem Büchlein „Daniel“ (1913) angewandt hatte, daß gesellschaftliche und soziale Zukunftsideale biblischer, insbesondere prophetischer Herkunft sind.4 Von daher ist zu verstehen, was Buber mit der „Kreatur“ anstrebte. Theologie sollte es nicht sein, nicht einmal Religion im üblich frommen Sinn, sondern verwirklichte Religion — was er als „Wirklichkeit“ bezeichnete. Das Ziel, das er mit der „Kreatur“ in Verbundenheit mit Protestanten und Katholiken zu erreichen strebte, war ein utopisches.

Rosenzweig umzeichnet die jüdische Idee der Auserwähltheit präziser, indem er eine ihm wichtige Eigenart hervorhebt:

Denn die jüdische Idee der Auserwähltheit . . . entdeckt ihre „Herkunft“ erst als sie ihre „Bestimmung“ erfahren hat („Kreatur“ III/428).

In Rosenzweigs Überlegungen zur jüdischen Auserwähltheit also, in der zutiefst jüdischen Verbindung zwischen Herkunft und Bestimmung erkennen wir eine ansätzliche Linie zu seiner Idee über Offenbarung und Erlösung. Wir erkennen ihre Verwandtschaft zur vorwärtsblickenden, wenn nicht gar utopischen Ausrichtung der „Kreatur“, die die Unterschiede zwischen den Religionen nicht verwischte, sondern gemeinsamen Zielen entgegensah.

Rosenzweig weist auf einen Unterschied zwischen christlichem und jüdischem Glauben anhand einer Antwort an Eugen Rosenstock, der von Moriah und Golgatha gesprochen hatte. Was auf dem Moriah geschah, erklärt Rosenzweig, war nicht die Bereitschaft, etwas, nämlich einen Sohn, zu opfern, sondern den Sohn der Verheißung — deren Inhalt unmöglich würde durch dieses Opfer. Es ist das prototypische Opfer nicht der eigenen Individualität (Golgatha), sondern der . . . Existenz des „Sohnes und aller künftigen Söhne“. Rosenzweig umschreibt dies weiter: Agamemnon opfert „etwas, was er hat,“ Abraham ist bereit, alles, was er sein könnte, zu opfern („Kreatur“ III/430).

Martin Buber, der hauptsächlich als Religionswissenschaftler und Geschichtenerzähler bekannt ist, war die treibende Kraft der „Kreatur“. Die Tatsache, daß er die Herausgabe der seit 1916 erschienenen Monatsschrift „Der Jude“ im Jahre 1922 an Ernst Simon übertrug, zwei Jahre ehe sie zu erscheinen aufhörte, hat seinen Grund sicherlich darin, daß Buber sich mehr und mehr dem jüdisch-christlichen Dialog zuwandte. Heute kann man sich schwer vorstellen, wieviel Hoffnung und guter Glaube unter den deutschen Juden herrschte, nicht nur bei Buber. Ein Beispiel für den Unterschied zwischen Auffassungen von damals und heute befindet sich in einem Dankbrief vom 19. Juni 1932 von Rabbiner Hugo Hahn, Essen, an Martin Buber, anläßlich der Übersendung eines Exemplars vom „Königtum Gottes“: „Das Werk ist nach meiner Überzeugung dazu geschaffen, eine neue Bibelgeneration zu erziehen“ (Buber Briefwechsel, II, 439). Wie Rosenzweig und Buber sah auch Hahn im Jahr 1932 einer Bibelgeneration entgegen, darunter die Juden Deutschlands.5

Buber sah in der Religion nicht vergangene Geschichte, sondern etwas, das heute vor sich geht.6 Das ist das Jüdische an ihm: die religiöse Ausrichtung führt zur Tat. „Die Kreatur“ war in genau diesem Sinne als eine Tat zum Zusammenbringen der Religionen gedacht und dazu bestimmt, zu wohlüberlegten Taten anzuspornen. Ob ein praktisches Ergebnis dabei herauskam? War auch dieses, manchmal teils politische Unternehmen fehl am Platz, wie Scholem es von der Bibelübersetzung meinte?

Gustav Landauer riet Buber im Zusammenhang mit „Daniel“: „Sie müssen also noch für einige Konkretheit, Anschaulichkeit, Lebendigkeit sorgen“ (Buber Briefwechsel, I, 308, 10. August 1912, Nr. 183). Am 9. September 1912 (ebenda, 311, Nr. 185) schrieb Landauer: „Sie sollten sich nicht begnügen, kunstvoll aber gelassen die Resultate in Ihrem Innern zu beschauen und aus Ihrer Seele abzuschreiben, Sie müßten uns stärker, lebendiger zwingen.“ Landauer weist hin auf Bubers Motive, besonders auf seine Beschäftigung als Erzieher. Buber selbst schrieb im Mai 1922: „Für die Universität habe ich nur mäßiges Interesse, für die Schule in jedem Dorf ein lebhaftes.“

In ihrem biographischen Abriß zum dreibändigen Briefwechsel Bubers, den Grete Schaeder herausgab, kritisiert sie Bubers Naivität in politischen Dingen (Buber Briefwechsel, I, 67). Im Rückblick mag man Buber „Naivität in politischen Fragen“ vorhalten können. Selbst „Die Kreatur“ könnte als ein Ausläufer dieses Bestrebens betrachtet werden.

Hier sei nur angedeutet, daß sich z. B. Hermann Levin Goldschmidt mit Aspekten von Bubers Wirklichkeitsauffassung auseinandersetzt,7 sie als „biblisch verwurzelt“ erkennt und in diesem Zusammenhang auch Bubers Herausgabe der Zeitschrift „Die Kreatur“ als eine denkwürdige Tat anerkennt.

Ein Thema, das in der „Kreatur“ von vielen Mitarbeitern und immer wieder besprochen wird, ist Erziehung. Ernst Simon (1899-1988)8 lieferte den Beitrag „Das Werturteil im Geschichtsunterricht“ („Kreatur“ II/442-454). Dieser Artikel bespricht Situationen, die Ähnlichkeit haben mit der Lage der deutschen Lehrer in den fünfziger und sechziger Jahren unseres Jahrhunderts. Er handelt von Einstellungen, die eine Generation von der anderen übernommen hat und abschütteln möchte. Er fragt, wieweit das einem Lehrer möglich ist. Er setzt sich auseinander mit der „Pflicht zur Wahl“, nämlich politisch Stellung zu nehmen und wie sich das auf „die Geschöpfe Gottes“ (= Kreatur) auswirkt, sowohl auf Zeitgenossen als auch auf die jüngere Generation.

„Da sitzen Proletarierkinder neben Beamtenkindern, solche, die zum erstenmal in ihrer Familie ,höhere Schüler‘ sind, neben Sprößlingen aus alten Gelehrtenfamilien, neue Reiche neben Verarmten, Katholiken neben Protestanten, Juden neben Freidenkern. Alle haben sie zu Hause eine Zeitung ,ihrer Richtung‘, nicht alle lesen darin, aber alle hören die dort üblichen Werturteile, Vergleiche, Rückbeziehungen. Und wenn sich auch bei vielen die eigene Einstellung als ein trotziger Gegensatz zur elterlichen äußern mag, so hat dann zwar die elterliche in dieser gegensätzlichen Form gewirkt, aber eben doch gewirkt“ (443-444).

Auch Walter Benjamin wurde um einen Beitrag für „Die Kreatur“ angeschrieben. Aus einem Brief von Benjamin geht hervor, worum Buber ihn gebeten haben mag, zumindest: welche Wünsche oder Anweisungen er dieser Aufforderung beifügte. So schreibt Benjamin: „Eines kann ich Ihnen aufs Bestimmteste zusagen — das Negative: alle Theorie wird meiner Darstellung fernbleiben. Das Kreatürliche gerade dadurch sprechen zu lassen, wird mir, wie ich hoffe, gelingen“ (23. Februar 1927, Buber Briefwechsel II, 280). Benjamins Artikel „Moskau“ erschien in der „Kreatur“ II/71-101.

Im folgenden Band der „Kreatur“ (III/118-136) erschien ein weiterer Artikel über Rußland, „Die Verwirklichung des Menschen im Russen“ von Karl Nötzel, ein eher feuilletonistischer Beitrag, der auf Vertrautheit mit Rußland beruht und auch verallgemeinert. Nötzel war 1870 in Moskau geboren, ausgebildet als Chemiker. Er lebte in Pasing bei München als Schriftsteller, verfaßte soziologische Werke und Bücher zur russischen Literatur- und Kulturgeschichte, u. a. „Das heutige Rußland. Eine Einführung an der Hand von Tolstojs Leben und Werken“ in 2 Bänden, 1915-1918, „Einführung in den russischen Roman“ 1920 und „Das Leben Dostojewskis“ 1925.

Eine ansprechende Erscheinung in der „Kreatur“ ist der Dichter Alfons Paquet.9 Er sagt von sich, er gehöre dem Menschenschlag an, „dem Städte bleibender, wichtiger als Staaten sind“. Er war viel gereist, auch in Sibirien und in der Mandschurei, in Nordamerika, China und Palästina. Seine Reiseberichte erschienen in der „Frankfurter Zeitung“. Beide Eltern waren „fromme Baptisten“. Wie Hanns Martin Elster in seiner Einleitung zu der dreibändigen Ausgabe der „Gesammelten Werke“ (1970) erklärt: „Er wuchs in einer so echten und reinen Religiosität auf, in einem seelisch und gemüthaft durchbluteten Christsein, daß er diese Verwurzelung seines geistigen Seins niemals verlieren oder gar unterdrücken konnte“ (Vorwort, 6). Die Art von Paquets Gedichten mutet veraltet an, was er sagt, klingt wie von heute.

Paquet ist es, der den Nachruf auf Florens Christian Rang (1864-1924) in der „Kreatur“ verfaßte („Florens“, I/131-134). Rang war es gewesen, dem die Idee für ein Organ wie „Die Kreatur“ ursprünglich gekommen war. Hugo von Hofmannsthal, ein Freund Rangs, schrieb an Buber über diesen Artikel, vielleicht teils ironisch? „Auch Paquets gute einfache Worte (welche Wohltat jede deutsche Äußerung, die sich von Übertreibung freihält!) las ich mit ernstem Gefühl“ (Buber Briefwechsel, II, 275, Nr. 234, 19.12.1926).

Paquet stellte Rang als einen Mann vor, „der Jurist, Philosoph, Theologe in einem und daher jedes fast ohne Grenzen war und neben dem Gelehrten zugleich ein Praktiker von eminenter Erfahrung“ (131). Sein Vater war katholisch, seine Mutter evangelisch. Rang war ehrenamtlicher Schiedsrichter in Wetzlar gewesen. „Seine geschriebene Sprache ist schwierig wegen der Energie und Reinheit der Flexion“ (131). Im Alter von 31 Jahren entschied sich Rang, der mit 22 Jahren Doctor juris geworden war, Theologie zu studieren, um Pfarrer zu werden. Acht Jahre später, nachdem er als Pfarrer amtiert hatte, erkannte er, daß seine Arbeit anderswo lag. Er siedelte mit Frau und vier Kindern nach Bonn über und setzte Florens vor seinen Namen, „wie in einem Jubel des Erblühens“ (133). Er studierte nun Philosophie und bereitete seine Wiederanstellung als Verwaltungsbeamter vor. In Koblenz arbeitete er als Regierungsrat, Direktor des Oberversicherungsamtes. Artikel von ihm erschienen posthum in jedem der drei Jahrgänge der „Kreatur“.

Hugo von Hofmannsthal war begeistert von Rangs „Das Reich“ („Kreatur“ I/104-123) und erkundigte sich: „Ist denn seit diesem ersten kein weiteres Heft der ,Kreatur‘ erschienen?“ (Buber Briefwechsel, II, 275). Hofmannsthal schildert Rang in einer Rede über „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“ (vgl. Schaeder, Buber Briefwechsel, I, 85 ff.).

Über Rangs „Glaube, Liebe und Arbeitsamkeit: Ein Brief an Walther Rathenau“ in „Kreatur“ II/34-70 schreibt Benjamin an Martin Buber am 26. Juli 1927 (Buber Briefwechsel, II, 286, Nr. 245): „Dieser Brief ist eines der konzentriertesten Bekenntnisse, die ich von ihm kenne.“10 Buber widmet sein „Königtum Gottes“ „den Freunden, die mir geholfen haben die Schrift zu lesen, Florens Christian Rang und Franz Rosenzweig“.

Wie menschlich ansprechend Rang gewesen sein mag, überzeugend sowohl durch seine Einfachheit wie auch seine Wucht, geht hervor aus einem Exzerpt, „Intuition. Aus nachgelassenen autobiographischen Aufzeichnungen“ in „Kreatur“ I/367-369.

Schließlich soll der Beitrag eines weiteren Autors vorgestellt werden: Eduard Strauss (1876-1952), Religionswissenschaftler, von Beruf Biochemiker, Mitarbeiter am Freien Jüdischen Lehrhaus in Frankfurt. Er gab am Lehrhaus Vorlesungen über Neues Testament, Buddhismus und Mystizismus in den Religionen der Welt. Für den ersten Jahrgang der „Kreatur“ lieferte Eduard Strauss eine sich über drei Nummern erstreckende Studie über Franziskus von Assisi (214-229, 336-360, 468-484). Sie mag aus ursprünglichen Vorlesungen am Lehrhaus bestanden haben.

„Wer saget denn ihr, daß ich sei? So fragt Jesus von Nazaret seine Jünger.“ Dies sind die einleitenden Sätze dieser einfühlsamen Studie. Der Autor überzeugt seine Leser/Hörer gleich von seiner Vertrautheit mit der christlichen Bibel. Er steht aber gewissen Aspekten der historischen Kirche kritisch gegenüber (z. B. 216). Mit Sympathie weiß er von der „überirdischen Erscheinung“ des Franziskus zu erzählen (338) und vom Sakrament des Altars zu berichten (338). Die Studie endet mit der Wiederholung des anfänglichen Satzes, um darzulegen, daß die Person des Franziskus einen neuen Schwerpunkt des Heils setzt. Nicht lediglich der Orient ist dazu bestimmt. Über die Kreuzzüge schreibt er, daß sie „mehr und mehr ihren ursprünglichen Antrieb“ verlieren, denn sie haben den Osten nicht gewonnen. Der „Orient des Heils“ scheine „nach Europa verlegt, in die Landschaft Umbrien“. „Er [Franziskus] ist das Zeichen des Erwachens der christlichen Seelen in der westlichen Welt.“ „Der Raum der christlichen Ökumene und das Eigenleben der europäischen Menschen, ihrer Sprachen und Werke, ihrer Nationen und Persönlichkeiten hebt in ihm an“ (484).

Daß Eduard Strauss als Jude der christlichen Ökumene entgegensah, ist bemerkenswert und rechtfertigt die Aufnahme dieses Aufsatzes in „Die Kreatur“, die dem Christentum wie auch dem Judentum gewidmet war. Der jüdische Autor wußte, daß sich Franz von Assisi nicht zum Judentum äußerte: „Sogar von seinem Aufenthalt an geheiligten Stätten [auf seiner Ostfahrt] schweigt die Legende, wie sie von Beziehungen zu dem Einen Volk des Anfangs, in bedeutsamer Nichtentsprechung schweigt“ (483). Interessant ist, daß auch der jüdische Dichter Paul Celan (1920-1970) von Franziskus fasziniert war.

Ein Brief Bubers an Eduard Strauss über Franziskus (Buber Briefwechsel, II, 251, 16. April 1926, Nr. 211) bezeugt ebenfalls Verständnis sowohl für Franziskus wie überhaupt für das Phänomen der anfänglich Ketzerischen, der unbequemen Geistträger innerhalb der Kirche.

Strauss ist voller Hoffnung für eine friedliche Koexistenz verschiedener Völker in dem christlichen Europa, das die Legenden um Franziskus seit Jahrhunderten feiert. Vielleicht sollte auch für Strauss gelten, was oben über Buber gesagt wurde: im nachhinein kann ihm die Zuversichtsberechtigung nicht abgesprochen werden. Nicht er irrte, sondern die Mächte des Bösen, die seine Hoffnungen Lügen straften, denen es gelang, aus welchen Gründen auch immer, verheerende Siege zu feiern.

„Die Kreatur“ war eine Reaktion auf damalige soziale Zustände. Sie wollte Änderungen fördern, und zwar positive, wenn man bedenkt, welche Formen die Reaktion annehmen kann. „Die Kreatur“ bot kein parteiliches Programm, das alle Mitarbeiter unterschrieben. Man könnte sich fragen, ob die Tatsache, daß so viel Hoffnung verfrüht war, gegen das Unternehmen als solches oder gegen die Herausgeber in Anschlag gebracht werden darf. Es ist fair und notwendig, dieses Unternehmen nicht nur im Rückblick, sondern auch in seiner eigenen Zeit zu bewerten. Es fragt sich, ob „Die Kreatur“ mit dem Zukunftsglauben und der ehrlichen Ermunterung zu gemeinschaftlicher Verbesserung der gemeinsam erlebten Welt auf der negativen Seite gebucht werden dürfen, weil sie damals nicht gelangen.

  1. „An einem denkwürdigen Tage“, Judaica 207-215, hier 214.
  2. Nahum Glatzer, Franz Rosenzweig: His Life and Thought (21961),106.
  3. Eigentlich zitiert das Gebet 1 Chr 17,21 [EP].
  4. Vermutlich reagierte Rosenzweig mit dem zitierten Satz auf Bubers „Daniel“, indem er die leitenden Gedanken darin voraussetzte und von ihnen ausging.
  5. Es sei gesagt, daß sich der im Deutschen so wortmächtige Buber — nach dem Bericht von Gershom Scholem — bis an sein Lebensende als einen polnischen Juden identifizierte (Scholem, „Martin Bubers Auffassung des Judentums“, Judaica II [1970], 138).
  6. Nahum N. Glatzer, „The Frankfort Lehrhaus“, LBIYB 1 (1956), 105-122, hier 112.
  7. In W. P. Eckert, H. L. Goldschmidt, L. Wachinger, Martin Bubers Ringen um Wirklichkeit (1977), 14-15.
  8. Freund Bubers seit Mitarbeit am „Juden“. Seit 1936 in Jerusalem. Lehrte Pädagogik an der Hebräischen Universität.
  9. 1881 Wiesbaden — 1944 Frankfurt. Starb im Luftschutzkeller an Herzkrankheit.
  10. Rang zu Kommunismus, vgl. „Kreatur“ II/61.

Jahrgang 3/1996 Seite 111



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