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Martin Stöhr

Heute von Gott sprechen

Marc Tanenbaum Lecture, Budapest 1995. Internationaler Rat der Christen und Juden.

I

Im November 1793 wurde in Paris Gott für abgesetzt erklärt. Allein der Vernunft wurden die Altäre geweiht. War die Größe der Menschen und Großartigkeit der Menschenrechte nur durch die Verkleinerung oder gar die Eliminierung Gottes zu haben? Ein halbes Jahr später (8. Mai 1794) wurde die Absetzung Gottes widerrufen und wieder ein „höchstes Wesen“ zu verehren befohlen. Offensichtlich war die geistige Schwerelosigkeit nicht gut auszuhalten. Die neue Autorität auf Erden suchte ein bißchen Autorität im Himmel. Also sollte eine Art göttliches Leichtgewicht für eine gewisse Legitimation dessen sorgen, was auf Erden geschieht.

Was hier eine revolutionäre Regierung befahl, wurde und wird bis heute von vielen Menschen immer wieder inszeniert: der Verzicht auf ein „höchstes Wesen“ oder der Wunsch nach „Religion light“. Dafür gibt es einen phantastischen Markt, jetzt auch in den vom Kommunismus befreiten Ländern. Das Angebot ist riesengroß. Es ist besonders beliebt, wenn es die verletzte Seele des einzelnen Menschen streichelt oder das angeschlagene Selbstwertgefühl stabilisiert.

Neben dem religiösen Markt gibt es eine wachsende Zahl von Menschen, vor allem in den Industrieländern, die gedankenlos oder gedankenvoll ohne ein „höchstes Wesen“ ihr Leben gestalten. Gott scheint die Selbstentfaltung zu behindern. Die Säkularisierung ist die Schwester der Religiosität. Beide sind in hochentwickelten und in primitiven Formen zu finden. Beide zeichnen sich dadurch aus, daß sie die Frage nach den biblischen Erfahrungen und Geboten, nach Recht und Gerechtigkeit gar nicht oder nur in privatistischer Verengung stellen. Frieden, Befreiung und die Gottebenbildlichkeit, also die Würde gerade der anderen Menschen, werden oft an den Rand eines solchen Lebens, sei es religiös oder sei es säkular, geschoben. Die sogenannte Postmoderne lehnt sich mit Recht gegen jede vorgeschriebene Verbindlichkeit und gegen jede fremde Autorität auf. Zugleich schafft sie dadurch eine Beliebigkeit, die ihrerseits Gleichgültigkeit verbreitet. Dabei wissen wir, daß die Todesursache vieler Menschen die Gleichgültigkeit anderer Menschen ist. Diese ist eine größere Macht als die Gewalt der bösen Menschen. Deren Aktivität lebt von der Passivität der anderen. Vielleicht wandert die Religion auf die Spielwiese der Esoterik aus wie die Kunst auf den Markt des Kommerzes umsiedelt. Dann steht die Frage im Vordergrund, was der Mensch hat und nicht was er ist.

Hier hat die Religionskritik von Voltaire, Feuerbach und Marx noch immer recht. Hier schafft sich der Mensch „Gott nach seinem Bilde“. Hier wird Religion zum „Opium des Volkes“ (Tranquilizer), das hilft, die Leiden der Welt zu ertragen oder vor ihnen in einen Rausch zu fliehen. Heute trifft die Religionskritik nicht bloß die Religionen, sondern auch Weltanschauungen, politische oder ökonomische Ideologien und die vielen Unterhaltungs- und Lebensstrategien der Frau und des Mannes auf der Straße, die vor allem von den elektronischen Medien fast total geliefert werden.

Die Religionskritik der Aufklärung sekundiert der theologisch begründeten Religionskritik, die Luther unter Rückgriff auf die biblischen Propheten und auf Jesus so formulierte: „Der Mensch will selber Gott sein statt Gott Gott sein zu lassen“ — in allen Dimensionen des Lebens.

II.

Damit wir es uns aber nicht zu leicht machen, will ich auf einige Positionen hinweisen, die von Gott sagen, daß sie ihn nicht hören oder daß sie ihn nicht mehr benötigen, um mit dem Leben fertig zu werden.

  1. Ich nenne zuerst die legitime Möglichkeit der Wissenschaften, ihre Grenzen ständig zu überschreiten. Die grandiosen Erfolge z. B. der genetischen Forschung verführen einige Menschen dazu, von der „Autopoiesis“, der Selbstproduktion des Menschen und seiner Welt, zu sprechen. Alle lebenden Systeme sind „autopoietische Systeme“. Autopoiesis ist eine Entfaltung der Autonomie des Lebens. Auch die Ethik wird sich in diesem Evolutionsprozeß des Erkennens und der Weltgestaltung von selbst entwickeln (Humberto Maturana und Francisco Varela: Autopoietische Systeme, 1985). Damit ist die Konsequenz aus der These des Nobelpreisträgers Jacques Monod (Zufall und Notwendigkeit, 1975) gezogen, daß die Struktur des Organismus „eine klare und uneingeschränkte Selbstbestimmung beweist, die eine quasi totale Freiheit gegenüber äußeren Kräften und Bedingungen erschließt“. Der Atomphysiker Werner Heisenberg formulierte denselben Sachverhalt schon früher so: „Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit steht der Mensch überall nur sich selbst gegenüber.“

    Die Religionen als vorwissenschaftliche Praktiken der Welterklärung und Weltgestaltung haben ausgedient; vor allem ihre „primitivste Form“, die „jüdisch-christliche“. Dieser „alte Bund“ muß aufgelöst werden zugunsten einer Ethik, die sich dem Erkennen und Wissen verdankt (Jacques Monod).

    Ich zitiere diese These deswegen, weil ich nicht möchte, daß wir uns über lie Säkularisierung, gerade im Bereich der Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften, täuschen; genausowenig wie wir uns über die vielen Formen der Religiosität täuschen dürfen, die die Welt sich selbst überläßt und dabei aufs schönste nur für sich selber blüht.

    Beide verstehen die vielfältigen klassischen Traditionen der Religionen nicht mehr. Sie erwarten von ihnen auch nichts mehr.

  2. Gegen eine Diffamierung der Nichtgläubigen, der Atheisten ist an Albert Camus zu erinnern: „Kann man ohne Gott ein Heiliger sein? Das ist das einzige wirkliche Problem, daß ich heute kenne.“ Der Mensch lebt ohne Gott in einer Welt, die gekennzeichnet ist durch eine „zärtliche Gleichgültigkeit“. Camus sieht in radikaler Ehrlichkeit, welche Folgen aus der Einsamkeit des Menschen erwachsen. „Zu den Verbrechen des Irationalen werden die Verbrechen der Vernunft kommen“, wenn der Mensch weitergeht zum „Reich des Menschen“. Er ist leidenschaftlich daran interessiert, daß, wenn Gott schweigt, wenn die Weltordnung „gleichgültig ist“, es Menschen gibt, die sich wenigstens um die leidenden Menschen kümmern und mit allen Mitteln gegen die Macht des Todes kämpfen (Die Pest). Camus spricht (1948), nach der Schoa und nach dem Krieg, die Christen und Humanisten an: „Wir können es vielleicht nicht verhindern, daß diese Schöpfung eine Welt ist, in der Kinder gefoltert werden. Aber wir können die Zahl der gefolterten Kinder verringern. Und wenn Sie uns nicht dabei helfen, wer soll uns dann helfen?“ Wenn, so wendet er sich an die Christen, wenn das Christentum sich „endgültig die Tugend der Auflehnung und Empörung entreißen läßt, die ihm vor langer Zeit eigen war . . ., dann werden die Christen leben und das Christentum wird sterben“.  Es war Nicolai Berdjajew, der darauf hinwies, daß die „Quelle dieses Atheismus das Mitleid mit den Menschen ist“.

    Der Berliner Theologe Friedrich Daniel Schleiermacher fragte auf dem Höhepunkt der Aufklärung, ob die Zukunft denn so weitergehe, daß das Christentum mit der Barbarei und die Wissenschaft mit dem Unglauben gehen werde? Dahinter stand seine Sorge, daß die Christen es sich zu einfach machen. Sie reden dann nur von Gott, wenn sie sich in feste Dogmen oder hinter der Gewalt der Gesellschaft versteckt haben. Heute wissen wir seit Auschwitz, daß auch die Wissenschaften zu Komplizen der Barbarei werden konnten. Alle konnten sie tun, wofür sie bezahlt oder wozu sie verführt oder kommandiert wurden. Sie verhielten sich nicht anders als alle Institutionen in meinem Land. Der Verrat am Menschen war nahezu perfekt. Auschwitz steht für eine singuläre Barbarei. Sie hat ihre kräftigen Wurzeln in der Vornazizeit, auch in der langen Tradition der christlichen Judenverachtung. Barbarei breitet sich in dem Maße aus, wie darauf verzichtet wird, die Schlüsselfragen der Philosophie und des Glaubens zu stellen: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“ (Immanuel Kant). Wenn Menschen, ihre Gesellschaften, Bürokratien und Wissenschaften diese Fragen vergessen zu beantworten, wird die Menschlichkeit vergessen.

    Dann wird die Geschichte oder Gott gefragt: Wie konntest du so etwas zulassen? Dann bekommt Gott den Abschied und nicht die Unmenschlichkeit der Menschen. Dann wird gesagt, Gott sei in Auschwitz gestorben (Richard Rubenstein). Auf diesen „Tod Gottes“ hatte vor über 100 Jahren schon Friedrich Nietzsche hingewiesen: „Wir haben ihn getötet — ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder . . . Was taten wir, als wir die Erde von der Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? . . . Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? . . . Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? . . . Gott ist tot. Gott bleibt tot. Und wir haben ihn getötet! . . . Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selbst zu Göttern werden, um nur ihrer (dieser Tat) würdig zu erscheinen?“

    Der Marxismus-Leninismus baute darauf, daß die Menschwerdung des Menschen nur durch die Veränderung der Verhältnisse zu erreichen sei. Die Avantgarde des Proletariats, die kommunistische Partei, habe das Recht, mit Gewalt nachzuhelfen. Sie habe Einsicht in den Geschichtsablauf. Zu ihrem Glück sollten die Menschen gezwungen werden. Das führte dazu, daß es sehr bald Ober- und Untermenschen gab.

    Als Martin Buber und Paul Tillich 1928 einen großen Kreis von religiösen Sozialisten nach Heppenheim einluden, analysierten sie den Stalinismus in der Sowjetunion. Es fehlte dort, so Buber und Tillich, jede Partizipation der Menschen an der Geschichte. Sie hätten das Recht, von unten nach oben aus den Dörfern, Städten und Betrieben ihre Gesellschaft demokratisch zu bauen. Statt dessen gab es den Zentralismus der Partei, die den Staat total beherrschte. Der zweite Kritikpunkt war: Die Wirtschaft war nicht menschengerecht, sondern nach ihren eigenen Gesetzen organisiert. Wie kann sie da den Menschen dienen?

    Das Schlimme am Marxismus ist nicht sein Materialismus — die materiellen Bedürfnisse werden von den Religionen allzuoft vernachlässigt —, sondern sein Idealismus. Dieser übersieht die Wirklichkeit, die Würde und den Sinn des menschlichen Lebens. Er macht sich ein Bild vom Menschen, einem Ebenbild Gottes. Er ist nur das Ensemble der gesellschaftlichen Bedürfnisse und Bedingungen. Solange die soziale Frage weltweit ungelöst ist (und sie ist ungelöst), werden Menschen (nichtreligiös oder religiös) Veränderungen ihrer schlimmen Lebensverhältnisse fordern und versuchen. Und das zu Recht.

III.

Die Menschen auf dem Markt der Religiosität oder der Säkularisierung leben praktisch „etsi Deus non daretur“, als ob es Gott nicht gäbe. Diese Formel hatte der Jurist und Theologe Hugo Grotius (1583-1645) geprägt, als er ein Völkerrecht zu entwickeln versuchte, das nicht nur die christlichen Nationen binden sollte, sondern auch die „Heiden“, denen der biblische Gott unbekannt war. Recht war für Grotius eine notwendige Ordnung für Gottes Schöpfung. In ihm wird Gottes Willen umgesetzt.

Im Gefängnis der Nazis schreibt Dietrich Bonhoeffer 1944 seine aufregenden Briefe. Er ist enttäuscht, daß die Kirchen ebenso wie Deutschland jämmerlich versagten. Sie wollten einfach nur „die nackte Selbsterhaltung“ und nicht „die Herstellung des Rechtes“. Was aber ist für ihn Recht? Er gibt die Antwort: „Ist nicht die Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden der Mittelpunkt von allem . . . und nicht eine individualistische Heilslehre? Nicht um das Jenseits, sondern um diese Welt, wie sie geschaffen, erhalten, in Gesetze gefaßt, versöhnt und erneuert wird, geht es doch.“ In einem späteren Brief (18. Juli 1944) denkt er weiter: „Wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, daß wir in der Welt leben müssen — , etsi Deus non daretur‘. Und eben das erkennen wir — vor Gott!“ Er kritisiert eine Auffassung des Glaubens, die ihn zur Therapie religiöser Probleme verkommen läßt. Der große Fehler besteht darin: „Man versucht der mündig gewordenen Welt zu beweisen, daß sie ohne den Vormund ,Gott‘ nicht leben könne. Wenn man aber in weltlichen Fragen schon kapituliert hat, so bleiben doch immer die sogenannten ,letzten Fragen‘ — Tod, Schuld —, auf die nur ,Gott‘ eine Antwort geben kann und um derentwillen man Gott und die Kirche und den Pfarrer brauche. Wir leben also gewissermaßen von den sogenannten letzten Fragen der Menschen. Wie aber, wenn auch sie ,ohne Gott‘ beantwortet werden? . . . ,Gott‘ als Arbeitshypothese, als Lückenbüßer für unsere Verlegenheit ist überflüssig geworden.“

In einer Bilanz nach 10 Jahren Naziherrschaft schreibt Bonhoeffer, daß die Dummheit kein intellektuelles, sondern ein moralisches Defizit sei. Wieviele Akademiker aller Fakultäten — auch der Theologie — haben den Nationalsozialismus unterstützt. „Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen.“ Gegen diese Dummheit hilft keine Information, sondern nur wirkliche Befreiung. Und dann zitiert er Psalm 111,10, daß „die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit“ sei. Diese Befreiung befreit den Menschen zu einem „verantwortlichen Leben vor Gott“. Das ist die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit. Und Befreiung ist nicht nur ein geistiger Prozeß. Im Gefängnis liest er immer mehr im Ersten Testament. Er wendet sich gegen eine weitverbreitete Praxis des Christentums, den Glauben zu spiritualisieren und das ewige Leben ins Jenseits zu verlagern. Er erinnert an Israels Befreiung aus Ägypten und Babylon, um deutlich zu machen, daß es um „geschichtliche Erlösung“ geht, um Befreiungen „diesseits der Todesgrenze“. „Israel wird aus Ägypten erlöst, damit es als Volk Gottes auf Erden vor Gott leben kann.“ Die Berufung der Kirche versteht er analog. Er erinnert an die christliche Auferstehungshoffnung, die den Menschen „an sein Leben auf der Erde verweist“.

IV.

Heute von Gott zu sprechen heißt auch über die Menschen nachzudenken, die von Gott schweigen und über das Schweigen Gottes nachzudenken. Wird das nicht vergessen, kann ich den Versuch machen, einige Gedanken zu skizzieren, wie heute von Gott zu sprechen ist.

  1. Es ist eine Stimme in der Welt, eine Stimme unter vielen Stimmen. Manchmal wird sie totgeschrien. Aber sie ist unverwechselbar, weil sie sich selbst vorstellt — im Bund mit Israel und, so glaube ich als Christ, in dem Juden Jesus von Nazaret, der nichts anderes wollte und will, als was Gott will: „. . . daß allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1 Tim 2,4). Hier ist nicht die Rede von einer theoretischen Wahrheit, sondern von einer Wahrheit, „die zum Licht führt, wenn sie getan wird“ (Joh 3,21). Es ist eine Wahrheit voller Aufklärung zum Leben. Es ist die Stimme des einen Gottes, von dem die Bibel berichtet. So verschieden wir sie hören — es ist keine beliebige Stimme. Sie wartet auf eine Antwort. Auch menschliches Schweigen ist eine Antwort. Das Ritual der Religionen gibt manchmal keine Antwort. Denn: „Gott erkennen heißt, den Elenden und Armen zu ihrem Recht zu verhelfen“ (Jer 22,16). „Dieu parle bien de Dieu“ (B. Pascal).

    Nach Auschwitz muß die Antwort in der Richtung gesucht werden, daß Recht und Gerechtigkeit, menschliche Würde und Frieden auf Erden so praktiziert werden, daß Auschwitz nie und nirgendwo wieder vorbereitet wird. Es gilt Elie Wiesels Satz: „Ich kann Jude sein mit Gott oder gegen Gott, aber nicht ohne Gott.“ Die Freiheit, auch zum Widerspruch, verdankt sich Gott.

  2. Sigmund Freud hat darauf hingewiesen, daß der Mensch der Neuzeit drei tiefe Kränkungen erfahren hat. Von Kopernikus lernte er, daß er und seine Erde nicht im Mittelpunkt des Kosmos leben; von Darwin, daß er ein Glied in der Kette der Evolution ist, und von Sigmund Freud, daß er nicht einmal Herr im eigenen Haus der Seele ist. (Inzwischen hat der Mensch weitere Kränkungen erfahren.)
      
    Es sind also nicht die Wissenschaften und ihre Erkenntnisse, die den Menschen einmalig und wertvoll machen. Sie können ihm auch den Eindruck der Wertlosigkeit vermitteln. Der Wert des Menschen beruht darin, daß er ein singuläres Ebenbild des singulären Gottes ist und zugleich, daß er der Mitarbeiter dieses Gottes in der Geschichte ist. Er trägt die Hoffnung auf einen „neuen Himmel und eine neue Erde“. Der Status quo ist noch nicht die definitive Wahrheit. Es gibt eine Verantwortung für die Geschichte und für das menschliche Leben und Zusammenleben.

  3. Heute von Gott zu sprechen heißt von seiner Schöpfung zu sprechen. Es ist eine Schöpfung. Sie zerfällt nicht in eine Weltgeschichte und eine Heilsgeschichte. Es gibt keine religiösen Probleme. Es gibt Fragen, die alle Menschen haben. Lebensanfang und Lebensende, Schuld und Leid, Erziehung und Wachstum, Reichtum und Armut, Gewalt und Haß, Krieg und Frieden, Krankheit und Tod, Liebe und Vertrauen, Eigentum und Macht, Sexismus und Rassismus, Wissen und Dummheit. Wie lerne ich und wo lerne ich damit umzugehen? Alle Religionen haben auf diese Fragen der Realität praktische und reflektierte Antworten zu geben. Tun sie das nicht, machen sie sich selbst zu Esoterik oder zu Opium.

    Über die Antwort verfügen aber nicht nur ein paar Zentralen. Antwort mit seinem Leben zu geben ist die Chance und die Würde eines jeden Menschen. Hier einen streitbaren Diskurs zu führen, hat mit dem Widerstand einer Gesellschaft zu rechnen, deren Subsysteme und Menschen oft mehr an Unterhaltung und Selbstbehauptung interessiert sind.

  4. Die Welt ist zerstörbar. Die Menschen sind verletzlich. Sie sind verführbar zur Unmenschlichkeit. Sie schauen gern zu. Es passiert sehr viel. Ich bin dabei, ohne dabeizusein. Die Rolle, Opium des Volkes zu sein, ist längst auf die Medien übergegangen (Neill Postman).

    Heute von Gott zu sprechen heißt, sich damit nicht abzufinden. Eine andere Perspektive auf die Realitäten ist immer neu zu suchen. Franz Kafka notierte: „Die Welt kann nur von der Stelle aus für gut angesehen werden, von der aus sie geschaffen wurde; denn nur dort wurde gesagt: Und siehe, sie war gut — und nur von dort aus kann sie verurteilt und zerstört werden.“

    Menschen haben nicht das Recht, die Welt zu zerstören oder sie zur Selbstzerstörung zu verurteilen. Sie sind an den Ort gerufen, wo die Stimme zu hören ist, an dem ein Konzept von tikkun olam mitgeteilt wird. Juden und Christen haben Gottes Stimme im Ohr: Alles Geschaffene ist gut. Aber weder dürfen Menschen und Dinge noch Strukturen wie Gott verehrt werden. Die strikte Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf konstituiert menschliche Freiheit und Verantwortung. Die Menschen arbeiten dafür, daß die Kreatur gut wird, wo sie nicht gut ist. Und das ist sie an vielen Stellen nicht. So danken sie dem Schöpfer und Vollender der Welt. So geben sie ihm die Ehre. Das ist in den Katechismen der Reformationszeit die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens: Gott die Ehre geben.

  5. Heute von Gott zu reden heißt, die souveräne Stimme Gottes freizuhalten von unseren Interessen. Sie darf auch nicht mit irgendwelchen Weltanschauungen (Ideologien) identifiziert oder verwechselt werden. Sie spricht in der schriftlichen Offenbarung wie in der mündlichen Offenbarung des jüdischen Volkes. Aber der Tenach hat zwei Fortsetzungsgeschichten: Für die Juden die mündliche Offenbarung im Talmud und Midrasch. Für die Christen im Neuen Testament. Es berichtet von Jesus, der den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs den Völkern bekanntmacht. In beiden Traditionen stehen die Türen zur Welt offen. In beiden Traditionen findet ein leidenschaftliches Gespräch darüber statt, was der Wille Gottes heute sei. Dieses Gespräch, intern wie im Dialog mit anderen, ist für Christen orientiert an dem Gebet aus der jüdischen Tradition, dem Vater Unser. Dessen drei Bitten am Anfang heißen: Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe — wie im Himmel so auf Erden. Es ist nicht unsere Sorge, daß Gottes Wille im Himmel geschehe, wohl aber, daß er auf der Erde geschieht. Und das hat zutiefst mit dem biblischen Gottesverständnis zu tun: „Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig thront und dessen Name ist ,der Heilige‘: In der Höhe und als Heiliger throne ich und bei den Zerschlagenen und Demütigen, daß ich den Geist der Gebeugten belebe und das Herz der Zerschlagenen erquicke“ (Jes 57,15). Von diesem Gott sprechen wir. Und wir sprechen von ihm nur, weil er uns, ja seine ganze Kreatur anspricht. Wo er Gehör findet, schafft er einen Geist, der Menschen denen nahestehen läßt, die „unten“ sind und die die Nähe dessen suchen, der „in der Höhe“ lebt genauso wie unten.

Martin Buber erzählte einmal, daß Ben Gurion ihn gefragt habe: „Professor Buber, warum glauben Sie eigentlich an Gott?“ Buber antwortete: „Wenn es ein Gott wäre, von dem man reden kann, dann würde ich auch nicht glauben. Weil es aber ein Gott ist, zu dem man reden kann, darum glaube ich an ihn.“


Jahrgang 3/1996 Seite 102



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