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Schalom Ben-Chorin

Du sollst nicht morden

Ich werde oft provokativ gefragt, wieso es in Israel eine allgemeine Wehrpflicht gibt, obwohl das mosaische Gesetz doch vorschreibt: „Du sollst nicht morden.“

In allen jüdischen Übersetzungen, von Mendelssohn bis Buber/Rosenzweig, heißt es „morden“, nicht „töten“.

Der hier gebrauchte hebräische Ausdruck „Lo thirzach“ bedeutet „morde nicht“ und kommt von dem hebräischen Wort „Rezach“, Mord. Das biblische Recht kennt durchaus Fälle, in welchen das Töten gestattet, ja sogar geboten ist. Die Todesstrafe, selbst für kultische Vergehen, ist der Bibel nicht fremd, und der Krieg kann zum Zwecke der Verteidigung, ja in besonderen Fällen auch zur Eroberung (des Landes der Verheißung), zur heiligen Pflicht werden. Der heutige Mensch hat hier sicher seine erheblichen Schwierigkeiten mit dem Text.

Der Staat Israel hat die Todesstrafe praktisch aufgehoben. Sie wurde bekanntlich nur einmal, im Falle Eichmann, vollzogen.

Das Gebot im Dekalog spricht eindeutig vom Mord und unterscheidet diesen vom unbeabsichtigten Totschlag (Dtn 19,6 ff.). Das althebräische Recht sah für den unbeabsichtigten Totschlag, oder besser gesagt für die Tötung durch Unfall, drei Freistädte vor, in welchen der Verursacher eines solchen Unfalls vor der Blutrache gesichert sein sollte.

Wir empfinden heute besonders deutlich die oft feine Demarkationslinie zwischen Mord und fahrlässiger Tötung. Es gibt aber Grenzfälle, die uns das an sich so klare Gebot immer wieder zum Problem machen. Gehört der Selbstmord unter das Gebot „Du sollst nicht morden“? Die offiziellen Religionen haben es so gedeutet und den Selbstmord als Todsünde verdammt. Im Judentum sind ganz bestimmte Ausnahmefälle vorgesehen, in denen der Mensch sogar verpflichtet ist, sein Leben zu opfern: wird der Jude zum Götzendienst gezwungen oder auch zur Annahme einer anderen Religion, so muß er das Martyrium vorziehen. Wer zum Mord gezwungen werden soll, muß das eigene Leben opfern, und schließlich ist der Fall vorgesehen, daß Menschen zur Blutschande genötigt wurden. Auch in diesem Falle ist der Freitod geboten. Für diese extreme Situation werden im Talmud Beispiele angeführt, die aus der Epoche der Zerstörung Jerusalems durch die Römer stammen.

Die Grundfrage, um die es geht, ist die Mündigkeit des Menschen. Ist der Mensch Herr über sein eigenes Leben und seinen eigenen Tod? Endlich ist die Frage, ob Abtreibung, die Vernichtung noch ungeborenen Lebens, unter dieses Gebot fällt, überaus strittig. Das rabbinische Recht und das Recht der katholischen Kirche gehen hier auseinander. Die Halacha (das jüdische Religionsgesetz) statuiert im Falle einer Geburt, die nach Ansicht der Ärzte zum Tode der Mutter führen müßte, sogar die Tötung der Leibesfrucht, wobei auf den talmudischen Grundsatz zurückgegriffen wird: „Wenn dich einer umbringen will, komme ihm zuvor und erschlage ihn.“ Das Recht der katholischen Kirche fordert hingegen die Geburt unter Preisgabe der Mutter, da Gott immer noch die Möglichkeit hat, auch das Leben der Mutter zu erhalten.

Vor allem aber ist die Verantwortung der Staatsmänner unter das Gebot „Du sollst nicht morden“ zu stellen. Wo der Friede nicht als das höchste Gebot in der Politik erkannt wird, steht das Leben unzähliger Menschen auf dem Spiel. Die Regierung Israels hat ihrem unbeugsamen Friedenswillen klaren Ausdruck gegeben. Es wird aber schwer, ihn durchzuhalten, wenn auf der anderen, der moslemischen Seite, der Mord unter dem Rufe „Allah akbar“ (Gott ist groß) gleichsam zur Tugend erklärt wird. Diese Inkongruenz stellt eine harte Geduldsprobe dar, die es durchzuhalten gilt. Der Friedenswille enthebt uns nicht der Wehrpflicht, denn die Existenz unseres Staates und das Lebensrecht des jüdischen Volkes in seiner historischen Heimat kann nur durch Selbstverteidigung gesichert werden.

Es ist sehr schwer, hier immer jeweils die richtige Entscheidung zu treffen. Sie kann nur gefunden werden im Sinne Albert Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“, vor dem eigenen Leben und dem des Mitmenschen. Die Forderung bleibt: Du sollst nicht morden, aber es kann nicht die willkürliche Erweiterung in ein „Du sollst nicht töten“ zur letztgültigen Maxime erhoben werden.

Die Armee Israels hat sich „Zwa Hagana le-Israel“, Verteidigungsarmee Israels, genannt, und solange sie dies bleibt, ist sie legitim.


Dieser Beitrag wurde vor dem Mord an Israels Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin geschrieben.


Jahrgang 3/1996 Seite 100



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