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Chrysostomus, Johannes

Acht Reden gegen Juden

Eingeleitet und erläutert von Rudolf Brändle, übersetzt von Verena Jegher-Bucher. Bibliothek der griechischen Literatur Bd. 41. Anton Hiersemann, Stuttgart 1995. xii, 316 Seiten, ISBN 3-7772-9525-6.

Der frisch ordinierte Presbyter Johannes Chrysostomus (ca. 350-407) sah sich 386/87 in Antiochien vor ein seelsorgerliches Problem bzw. vor eine äußerst harte religiöse Konkurrenzsituation gestellt. Mit Hilfe einer schlagfertigen Rhetorik wollte er damit fertig werden. In seinem antiochenischen Seelsorgebereich lebten etwa 15% Juden und 40% Christen; der Rest war noch hellenistisch-heidnisch (51). Viele seiner Christen trugen seiner Meinung nach eine schwere Krankheit und Sünde in sich: Sie judaisierten, bzw. sie gingen an Sabbaten, jüdischen Fast- und Festtagen in die Synagoge und waren von den dortigen Gottesdiensten und Predigten angetan. Noch schlimmer schien ihm, daß die Judaisierer dies als etwas Gott gefälliges betrachteten. In seiner zweiten Rede ruft Johannes den christlichen Männern zu: „Wenn euch die Zeit zur Versammlung in die Kirche ruft, weckt ihr eure gleichgültigen Frauen nicht. Wenn aber der Teufel sie zu den Trompeten ruft und sie aufmerken und auf den Ruf hören, dann haltet ihr sie nicht zurück, sondern seht darüber hinweg, daß sie sich in die Fehler des Unglaubens verstricken und zur Zügellosigkeit wegschleppen lassen. Denn Hurenweiber, Lustknaben und der ganze Haufen dieser liederlichen Tänzer pflegt dort zusammenzulaufen. Doch was rede ich von unzüchtigen Dingen, die dort geschehen? Hast du nicht Angst, daß deine Frau einen Dämon erwischt?“ (108). Wie Anm. 118, S. 237, angibt, wird hier nicht deutlich, ob Johannes von den Synagogengottesdiensten spricht oder von anderen jüdischen Festlichkeiten, die mit Tänzen verbunden waren. Für ihn war nicht entscheidend, ob ein Christ oder eine Christin in die Synagoge ging oder in sonst einen jüdischen Einflußbereich. „Zwischen Theater und Synagoge gibt es nämlich keinen Unterschied“, meint er trocken (87). Er verurteilt das Judaisieren, in welcher Form auch immer, als eine Todsünde. Solche Christen haben seiner Meinung nach „ein strengeres Urteil verdient, als die Juden allesamt . . . Jeden einzelnen, der an dieser Krankheit leidet, werde ich fragen: Bist du ein Christ? Warum machst du so eifrig bei den Juden mit? So bist du ein Jude? Warum belästigst du dann die Kirche? . . . Wie glaubst nun du, der du zu jener gesetzwidrigen Lebensweise überläufst, heil davonzukommen . . . Was vermischst du Unvermischbares? Jene haben Christus gekreuzigt, den du anbetest . . . Was läufst du zu jenen, den Mördern, der du sagst, du betest den Gekreuzigten an?“ (129).

Solche und noch viel grauenhaftere Sätze belegen, daß hier ein hochfahrender Redner mit spitzer, diffamierender Rhetorik am Werk ist. Seine Nachbeter hätten diese Rhetorik durchschauen sollen, dann hätten sie seine Worte nicht als Evangelium des Judenhasses benutzen können. Johannes nennt die Juden pauschal „Hunde und geile Hengste (58; 135), Fresser und Säufer (86), unkultivierte und unzeitgemäße Leute (36; 43; 103), für ihn haben sie ein Antlitz wie Huren“ (58). Aus Hos 4,16 liest er heraus, daß sie „geeignet zur Schlachtung“ sind (60). Ihre Seelen sind von Dämonen bewohnt und auch ihre Wohnorte und Synagogen sind von Dämonen beherrscht (109). Vor allem aber sind sie Christusmörder (95 u. a.). Er fragt pathetisch: „Schaudert‘s dich nicht, wegzugehen und mitzumachen mit denjenigen, die das Blut Christi vergossen haben, und dann zu kommen und beim heiligen Mahl mitzumachen und mitzukosten vom kostbaren Blut?“ (109).

Die Synagoge mit ihrer Liturgie ist für ihn schlimmer als eine Herberge mit Diebes- und Räubergesindel; sie ist ein Unterschlupf für Dämonen (88; 90), eine Grube des Verderbens (91), der Gottlosigkeit und der Gotteslästerung (95), ein Hurenhaus, eine Räuberhöhle, ein Ort des Götzendienstes und ein Sitz unreiner Tiere (88). Die grobianistische Sprache des Johannes richtet sich zwar hauptsächlich gegen die Juden und ihre Gottesverehrung. Aber auch Christen werden schlagkräftig beschimpft: Bestimmte Christen seien „Esel“. Gewisse Mönche „fressen mehr als Elefanten und sind große Säufer“ (55).

Die Edition der „Acht Reden gegen Juden“ ist aus mehreren Gründen ein sehr gutes und verdienstvolles Werk. Die beiden Autoren, Prof. Dr. Rudolf Brändle und Dr. Verena Jegher-Bucher, legen eine philologisch exakte Übersetzung vor. Alle Nachkontrollen seitens des Rezensenten haben keinerlei Beanstandungen zutage gefördert. Zu loben ist auch die von Brändle besorgte Einleitung mit biographischen und kulturgeschichtlichen Angaben (1-79) und die 441 Anmerkungen, hinter denen eine vorsichtige theologische und historische Urteilskraft steckt. Auch über die geistige Entwicklungsgeschichte des „Goldmundes“ Johannes wird gut referiert, und zwar unter Zuhilfenahme anderer Werke und Aussprüche des Johannes und anderer damaliger Rhetoriker und Prediger. So erfährt man z. B., daß Johannes bei seiner Interpretation von Röm 9-11 „an der bleibenden Erwählung Israels festhielt und daß er am Ende seines schweren Lebens zu sagen wagte: ,Vordem liebten mich nur die Meinen, jetzt aber ehren mich auch die Juden‘ (76).

Die umsichtig kommentierte Übersetzung der acht Reden eröffnet verschiedene Wege für die Forschung. Die vielen polemisch verzeichneten Hinweise auf die Synagogengottesdienste in der Weltstadt Antiochien stellen uns erneut vor die Frage, welche Form von Judentum in Antiochien vorhanden war. Offensichtlich war es kein rabbinisiertes, sondern ein irgendwie hellenistisch gebliebenes Judentum. Der große gesellschaftliche und religiöse Einfluß dieses Judentums zeigt ferner, daß es damals zwischen den christlichen und den jüdischen Volksschichten trotz und gegen alle Polemik des Johannes einen religiösen und gesellschaftlichen Austausch gab. Das Judentum und seine Liturgie waren und blieben für viele mündige Christen attraktiv. Tragik und Sündhaftigkeit der christlichen Judenfeindschaft werden durch solche Beobachtungen zwar nicht vermindert. Der von Brändle und Jegher aufgezeigte Kontext der Reden des Johannes zeigt aber, daß es keinen lückenlosen Antijudaismus in der Spätantike gegeben hat. Man muß sich also auch da vor Pauschalurteilen hüten.

Clemens Thoma


Jahrgang 3/1996 Seite 97



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