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Gisela Dachs

Vom Hardliner zum Friedensmacher

Es war nicht Yitzhak Rabins Art, von sich zu sprechen. Über das Privatleben des langjährigen Generalstabschefs und Ministerpräsidenten wußte die Öffentlichkeit deshalb so gut wie gar nichts. Um so erstaunter lauschten die Fernsehzuschauer, als seine Tochter Dalia wenige Wochen nach dem Mord von ihren Erinnerungen an ihn als Familienvater erzählte: Das gemeinsame Frühstück sei ein unverzichtbarer Bestandteil des Tagesablaufs gewesen; jahrelang hatte Yitzhak Rabin sie jeden Morgen zur Schule gefahren; er kam auch mit, wenn eines der Kinder zu einer Kontrolluntersuchung ins Krankenhaus mußte — seine Frau Leah mochte da nicht so gerne mit dabei sein. Sicher habe ihr Vater nicht immer viel Zeit für die Familie gehabt, räumte die Rechtsanwältin ein, aber er sei trotzdem für alle dagewesen, liebevoll und fürsorglich.

Yitzhak RabinIn dieser Rolle hatten ihn nur ganz wenige gekannt. Yitzhak Rabin sei „ein gefühlvoller Mensch gewesen, fast besessen von dem Drang, seine Gefühle zu verbergen“, schrieb Amos Oz. Erst nach seinem Tod wurde diese Facette seiner Persönlichkeit publik. Yitzhak Rabin wurde posthum zum Vater der Nation. Da waren die ungezählten Teenager, die mit rotgeweinten Augen tagelang am Tatort, vor der Privatwohnung in Ramat Aviv oder seinem Amtssitz in Jerusalem hockten und Kerzen anzündeten.

Stellvertretend für diese junge Generation hatte Rabins Enkeltochter Noa in ihrer ganz persönlichen Trauerrede die Welt zu Tränen gerührt, als sie „nicht vom Frieden, sondern von meinem Großvater“ reden wollte. Aber auch viele der Älteren entdeckten erst nach seinem Tod, wie sehr ihnen Rabin in Wirklichkeit ans Herz gewachsen war.

Der Mann, der manchmal eher wie ein verkappter Autist denn als ein weltgewandter Politiker wirkte, war ihnen zur Identifikationsfigur geworden. Durch seine erst zögerliche Annäherung an den Friedensprozeß und die dann entschiedene Durchsetzung personifizierte Rabin wie kein anderer den inneren Konflikt zwischen Furcht und Hoffnung, den im Grunde alle Israelis in sich tragen. Er hatte den Wandel selbst durchgemacht — vom Hardliner, der den Palästinensern während der Intifida „die Knochen brechen“ wollte, zum Friedensmacher, der Yassir Arafat die Hand reichte.

Zudem war Yitzhak Rabin Israels erster im Lande geborener Ministerpräsident. Er galt als typischer Sabre, so genannt nach der legendären Kaktusfrucht: außen stachelig und innen süß. In seiner Biographie verkörperte er die Entwicklung des jungen Staates.

Er wurde am 1. März 1923 als erster Sohn einer Arbeiterpionierfamilie in Jerusalem geboren, seine Kindheit verbrachte er im damals noch sehr kleinen, provinziellen Tel Aviv. Seine Mutter, eine engagierte Sozialistin, hatte nicht viel Zeit, sich um den Sohn zu kümmern. Sie starb, als er vierzehn Jahre alt war. Sein Vater, der in der Elektrizitätsgesellschaft arbeitete, war ebenfalls in der Arbeiterbewegung tätig.

Seine Studienjahre verbrachte Rabin in der Landwirtschaftsschule Kadoori in Untergaliläa, wo er seinen späteren Kommandanten Jigal Allon kennenlernte. Die besondere Freundschaft, die beide verband, sollte bis zum Tod Allons, 1981, halten.

Nach dem Abschluß seiner Ausbildung trat Rabin der Elitetruppe des Haganah-Untergrunds, der Palmach, als Freiwilliger bei und begann dort seine militärische Laufbahn. Bei den vielen schweren Kämpfen 1948 zur Befreiung Jerusalems von seiner Belagerung war der 26jährige bereits Kommandant einer Brigade. Im Alter von 42 Jahren wurde er einer der jüngsten Generalstabschefs. Er befehligte den Sechstagekrieg 1967, aus dem Israel so siegreich hervorging. Als Rabin 1968 seine Militärkarriere beendete, sollte er für höhere Parteiämter vorbereitet werden. So zumindest sahen es die Älteren der Arbeiterpartei, darunter Golda Meir und Levi Eschkol, vor.

Yitzhak Rabin wurde zum Botschafter Israels in Washington ernannt. Er kehrte 1973 nach Jerusalem zurück und wurde in der Arbeiterpartei aktiv. Bei den Wahlen in der Knesset im Dezember 1973 wurde er als Abgeordneter gewählt und in der von Golda Meir gebildeten Regierung zum Arbeitsminister ernannt. Der Jom-Kippur-Krieg führte zum Rücktritt der Ministerpräsidentin, um ihre Nachfolge bewarben sich Yitzhak Rabin und Shimon Peres. Yitzhak Rabin, den die alte Garde unterstützte, gewann mit einer knappen Mehrheit. 1974 sprach die Knesset einer neuen Regierung unter Rabin das Vertrauen aus.

Bei den Wahlen 1977 kam der Likud erstmals an die Macht, und die Arbeiterpartei, die mit ihrem Spitzenkandidaten Peres angetreten war, mußte eine schwere Niederlage einstecken. Während dieser siebenjährigen Oppositionszeit wurde die Rivalität zwischen Yitzhak Rabin und Shimon Peres immer schlimmer. In der Regierung der nationalen Einheit wurde Rabin 1984 bis 1990 Verteidigungsminister. Seine Ministerpräsidenten hießen Shimon Peres und Yitzhak Shamir.

Bei den nationalen Vorwahlen der israelischen Arbeiterpartei wurde Yitzhak Rabin im Februar 1992 zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Ihn hatten diesmal selbst Shimon Peres‘ treueste Anhänger unterstützt. Denn sie wußten: Nur ein kriegserprobter General wie Rabin würde die notwendige Glaubwürdigkeit ausstrahlen, um zu gewinnen. Rabin triumphierte, und ein Jahr später kam es dann zum Durchbruch im Nahost-Friedensprozeß, der nach dem Golfkrieg in Madrid begonnen hatte.

Nach dem Osloer Abkommen mit der PLO im September 1993 unterzeichnete Yitzhak Rabin ein Jahr später den Friedensvertrag mit dem Königreich Jordanien. Im Dezember 1994 wurde ihm gemeinsam mit Shimon Peres und Yassir Arafat der Friedensnobelpreis verliehen. Wenige Wochen bevor ihn die tödlichen Kugeln trafen, konnte er noch das israelisch-palästinensische Interimabkommen Oslo 2 unterschreiben. Nach dem Abkommen „Gaza/Jericho zuerst“ bereitet es den Weg für eine palästinensische Autonomie in der West Bank. Die Verhandlungen über eine Dauerlösung sollen im kommenden Mai beginnen.

Auf Shimon Peres allein lastet nun die Verantwortung, die er seit dem Osloer Abkommen gemeinsam mit Rabin geschultert hatte. Aus den einstigen Rivalen waren in den vergangenen zwei Jahren Freunde geworden. Als es darum ging, den Weg zum Frieden zu ebnen, schienen persönliche Querelen plötzlich nicht mehr wichtig. Daß sie einander zuletzt wirklich nahestanden, war am Abend des Attentates, am 4. November 1995 in Tel Aviv, deutlich geworden. Selten hatte man sie in so vertrauter Einigkeit erlebt. Arm in Arm stand der sonst so zurückhaltende Yitzhak Rabin mit Shimon Peres auf der Rednerbühne, die Menge jubelte ihnen zu. Nie habe er den Ministerpräsidenten glücklicher und gelöster gesehen, sagte später Shimon Peres, der den ganzen Abend neben ihm geblieben war. Nach so vielen feindseligen Demonstrationen waren die hunderttausend Menschen, die sich in Tel Aviv versammelt hatten, um seine Politik zu unterstützen, in Rabins Augen eine Art Vertrauensvotum des Volkes. Sogar zum Mitsingen hatte er sich erstmals überreden lassen. „Schir Haschalom“ hieß das Lied — das Lied vom Frieden. Dann wurde er von dem rechtsradikalen Yigal Amir erschossen.

Rabins gewaltsamer Tod hat Israel verändert. Zu dem Schock und der tiefen Trauer über den Verlust kam die traumatische Erkenntnis: Der Mörder stammte aus den eigenen Reihen, er war „einer von uns“. So hatte das Attentat auf die brutalste Weise die gesellschaftliche Kluft offengelegt, die seit Beginn des Friedensprozesses immer größer zu werden drohte. Der 25jährige Student der religiösen Bar Ilan Universität hatte das vermeintliche Tabu gebrochen, wonach Juden nicht auf Juden schießen. Vielleicht hatten Rabins Sicherheitsleute auch deshalb versagt, weil sie sich nicht vorstellen konnten, irgend jemand würde diesen Konsens aufkündigen.

Die Tragödie hatte mit einem Mal jene Solidarität wieder entstehen lassen, die für Israel in der ersten Phase seiner Existenz charakteristisch war. Aber so wie die nach dem Mord eilig überklebten Hetzplakate gegen Rabin an manchen Stellen vom Winterregen wieder sichtbar gemacht wurden, sind inzwischen auch die alten gegnerischen Positionen wieder aufgetaucht. Ein Politiker wie Shimon Peres wird es deshalb auf Dauer nicht leicht haben, den Friedensprozeß voranzutreiben und gleichzeitig versöhnen zu wollen. Er war von den Rechten immer schon noch mehr gehaßt worden als Yitzhak Rabin. In deren Reihen halten ihn viele für den Mann, der Rabin in den Friedensprozeß hineingetrieben und ihn zu immer mehr Kompromissen gedrängt hatte.

Tatsächlich war Shimon Peres von Anfang an die treibende Kraft im nahöstlichen Friedensprozeß. Er, nicht Rabin, gilt als der wahre Architekt des Osloer Abkommens. Peres entwickelte damals auch als erster das Konzept „Gaza/Jericho zuerst“, er hatte begriffen, daß man den Palästinensern mehr als nur Gaza anbieten müßte, wenn ein Durchbruch erzielt werden sollte. Um zu vermeiden, daß diese Idee als israelisches Produkt galt, soufflierte er sie den Ägyptern, wohl wissend, daß sie am Ende als palästinensische Forderung auf den Verhandlungstisch kommen würde. Aber der Architekt brauchte den Bauherrn Rabin. Die beiden hatten die Rollen klug aufgeteilt. Yitzhak Rabin übernahm den Part des harten Unterhändlers, Shimon Peres den des verständnisvollen Diplomaten: „der Böse und der Gute“. Peres muß nun beides sein. Viele trauen ihm das nicht zu. Dem großen Außenpolitiker haftet in Israel das Image eines arroganten Intellektuellen an. Wo seine Freunde in ihm einen begabten Visionär sehen, halten seine Gegner ihn für einen gefährlichen Traumtänzer, für unzuverlässig, zu kompromißbereit den Arabern gegenüber, zu links. Die Ermordung Rabins hat die politischen Gegner des Friedensprozesses seither kleinlauter werden lassen. Sie sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, mit ihren Demonstrationen jenes Meinungsklima erzeugt zu haben, das den Mörder zu seiner Tat angestachelt hat.

Shimon Peres hat versprochen, dort weiterzumachen, wo Yitzhak Rabin aufgehört hat. Rabins Pläne bis zu den nächsten Wahlen im Herbst lauteten: Konsolidierung des Friedens mit den Palästinensern, Fortschritte in den Verhandlungen mit Syrien, aber keinen Durchbruch. Sein Nachfolger hat nun außenpolitisch einen schnelleren Rhythmus an den Tag gelegt. Das zeigen die Verhandlungen mit Syrien, die mit amerikanischer Hilfe wieder in Gang gebracht wurden. Von Yitzhak Rabin, der vor allem in strategischen Kategorien dachte, hatten die Syrer nicht viel gehalten. Ministerpräsident Shimon Peres wurde sogar öffentlich gelobt. Ihm ist die arabische Welt auch vertrauter. Schließlich hatte Shimon Peres in vielen langen Stunden das Oslo-2-Abkommen mit Yassir Arafat unter Dach und Fach gebracht.

Er hoffe, daß Rabins Tod den Friedensprozeß nicht beeinflussen würde, hatte Arafat mit zitternden Worten am Abend des Attentats erklärt. Wenige Tage später versicherte ihm der amtierende Ministerpräsident Shimon Peres am Telefon, daß Israel sich an die festgelegten Termine halten würde. Aber die Tatsache, daß Rabin von einem Israeli umgebracht wurde, könnte dennoch die bisherigen Verhandlungspositionen beeinflussen. So hatten die Palästinenser in der Vergangenheit oft skeptisch den Verdacht geäußert, der israelische Verweis auf die eigenen Extremisten sei bloß taktisches Spiel, um Kompromisse zu umgehen. Nun hat der Mord bewiesen, daß nicht nur Arafat, sondern auch die israelische Regierung ihre Opposition im Auge behalten muß. Shimon Peres wird — trotz allem Aufwind für den Friedensprozeß — Realpolitik betreiben müssen. Sein Volk ist gespalten wie noch nie. In einer Umfrage befanden 61 Prozent der befragten säkularen Israelis und 62 Prozent der religiösen Zionisten, daß die Ermordung Rabins die Kluft zwischen ihnen nur noch vergrößert hat. „Was für ein Israel wollen wir? Wollen wir eine demokratische, offene Gesellschaft oder eine Theokratie?“ Die Frage ist nicht neu, sondern bloß dringlicher geworden. Alle diejenigen, die sich Israel in Zukunft als ein mehr oder weniger normales Land vorstellen, verweisen auf die Anfänge des Zionismus, der ursprünglich säkular und sogar antiklerikal ausgerichtet war. Theodor Herzl wollte einen sicheren Zufluchtsort für Juden in ihrer alten Heimat schaffen. Bei der Gründung der zionistischen Bewegung vor knapp hundert Jahren hatte der Wiener Journalist einen liberalen Staat vor Augen, in dem Juden die Mehrheit bilden. Nach der Staatsgründung 1948 übernahmen religiöse Juden die zionistische Idee. Sie kämpften als Soldaten und zeichneten sich aus durch den Willen, ihren Glauben mit dem Leben in einer modernen Gesellschaft zu verbinden. Ihr Symbol war die gestrickte Kippa, die heute für viele säkulare Israelis zum Stigma geworden ist.

Der Aufstieg dieser religiösen Zionisten hatte nach dem Sechstagekrieg begonnen. Die Eroberung der West Bank galt ihnen als Gotteszeichen, keine säkulare Regierung dürfe Land aufgeben, das den Kindern Israels versprochen wurde. Das Abkommen mit den Palästinensern hat das Ende dieser bestimmten Form von religiösem Zionismus eingeleitet. Und Shimon Peres‘ Formel lautet heute mehr denn je: Land gegen Frieden.

Yitzhak Rabin hat ein politisches Testament hinterlassen, das zur Fortführung des Friedensprozesses verpflichtet. Die lange Gästeliste auf seiner Beerdigung zeigte, daß er in seiner letzten Amtszeit viel erreicht hatte: einstige Erzfeinde waren als Freunde gekommen. Derselbe Friedensprozeß aber, der den äußeren gemeinsamen Feind geschwächt hat, läßt die vorhandenen inneren Brüche stärker an die Oberfläche treten. Der Gegensatz zwischen fanatischen Siedlern und denjenigen, die für territoriale Kompromisse eintreten, ist nur einer von vielen. Es geht genauso um den Streit zwischen religiösen und säkularen Israelis, zwischen orientalischen Juden und Ashkenasim, zwischen Armen und Reichen.

Das junge Land Israel befindet sich an der Schwelle zu einem schwierigen Alter. Die Entwicklung ist offen: Schlimmstenfalls könnte die Ermordung Rabins den Beginn einer Desintegration der israelischen Gesellschaft bedeuten; im günstigen Fall wird er zu lebhaften Debatten führen und den Sinn für eine gemeinsame Identität der Juden in Israel wiederbeleben.


Jahrgang 3/1996 Seite 90



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