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Roland Gradwohl

Lebensnerv jüdischer Ethik getroffen

Die Unantastbarkeit, die „Heiligkeit“ menschlichen Lebens besitzt im Judentum höchste Priorität. Zu den Grundsatzungen der Tora zählt der Gottesbefehl: „Morde nicht!“ (2 Mose 20,13; 5 Mose 5,17). „Auf nichts hat die Tora mehr geachtet als auf das Blutvergießen“ (Maimonides, Hilkhot rozeach, I,4). Der Grund steht 1 Mose 9,6: „denn im Bild Gottes schuf Er den Menschen“. Wer einem anderen das Leben raubt, vergreift sich am Schöpfer. „Er hat Seine Gestalt gleichsam vermindert“, lehrt Rabbi Akiba (BerR 34,14).

Auf Mord steht im Prinzip die Todesstrafe: „Nehmt kein Sühnegeld für das Leben eines Mörders, der todesschuldig ist. Er soll hingerichtet werden“ (4 Mose 35,31). Wenn freilich bereits in talmudischer Zeit Todesurteile eine Seltenheit waren, so beruht dies im Willen der Weisen, jeglichen Justizirrtum auszuschließen. Schon geringfügigste Widersprüche in den Aussagen der zwei erforderlichen Zeugen oder eine lückenhafte Verwarnung vor dem Verbrechen wirkten sich zugunsten des Mörders aus. Die Hinrichtung entfiel. Hatte jemand jedoch ohne Zeugen gemordet, blieb er in Haft und wurde „bei knappem Brot und dürftigem Wasser“ gehalten, so daß die Unterernährung zu seinem Tod führte (mSan 9,5; bSan 81b; Maimonides, Hilkhot rozeach 4,8).

Die Kugeln, die der Mörder Yigal Amir gegen Yitzhak Rabin abfeuerte, löschten nicht nur das Leben eines Menschen aus, sie trafen zugleich den Lebensnerv jüdischer Ethik. Durch seine Schreckenstat hat Amir die „Gestalt des Schöpfers vermindert“. Daß sein Opfer der Ministerpräsident Israels gewesen ist, gibt dem Verbrechen eine zusätzliche Dimension. Amir, der pseudoreligiöse Talmud- und Jurastudent an der Bar Ilan Universität, ist ein „Rebell gegen die Herrschaft“, über den das Religionsgesetz verfügt: „Wer gegen einen König rebelliert, ist todesschuldig“ (bSan 49a; Hilkhot melakhim 3,8).

Wir aber, Juden in Israel und Juden in aller Welt, die wir das Verbrechen nicht verhindert haben, die wir zu wenig unternahmen, um der Proliferation von Gewalt und Rechtsbruch zu steuern, müssen uns heute fragen, ob wir nicht mitschuldig sind. Wenn im frühen Israel ein Ermordeter gefunden wurde, dessen Mörder nicht bekannt war, so ging man nicht zur Tagesordnung über. Es war die Pflicht der Behörden der Stadt, die am nächsten lag zur Fundstelle des Toten, ihre Hände über dem Blut eines zuvor getöteten Kalbes zu waschen und zu bekennen: „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen, und unsere Augen haben nichts gesehen. Verzeih deinem Volk Israel, das du befreit hast, Ewiger, und gib nicht Blut eines Unschuldigen in die Mitte deines Volkes Israel!“ (5 Mose 21,7 f.). Könnte es uns aber denn in den Sinn kommen, daß die Alten des Gerichtshofs Blutvergießer sind?, fragt der Talmud (mSot 9,6; bSot 45b; Raschi z.St.). Und er interpretiert: „Gemeint ist vielmehr: Wir haben ihn (den Toten; nach ySot 9,6: den Mörder) nicht ohne Speise verabschiedet, nachdem er zu uns gekommen war; wir haben ihn nicht gesehen und ohne Begleitung ziehen lassen.“ Sind wir nicht in einer vergleichbar ähnlichen Situation wie die Verantwortlichen jener Stadt? Doch können wir unsere Hände in Unschuld waschen?

Die Warnschrift war an der Wand. Seit Wochen rechnete der Geheimdienst mit der Möglichkeit, daß ein irregeführter Fanatiker ein Attentat gegen die politische Führung versuchen könnte. Doch was geschah? Wie reagierte die Bevölkerung, als die Hetze „Rabin ist ein Mörder!“, „Rabin ist ein Verräter!“, „Die Kampagne des politischen Mordes“ (Minister Jossi Sarid) weiterging? „Das sind rechtsradikale Splittergruppen“, hieß es jeweils. Und die Politiker des rechten Lagers, das sich so gerne als „das nationale Lager“ zu bezeichnen pflegt, ließen es geschehen, daß an einer ihrer Massenkundgebungen — einer Demonstration auf dem Kikar Zion in Jerusalem — Posters erschienen, die Rabin in der Uniform eines SS-Offiziers zeigten. Erst im nachhinein haben sie diese Posters mißbilligt. Sind sie „unschuldig am vergossenen Blut“?

Sind wir unschuldig, wenn das Grab des Massenmörders Baruch Goldstein in Hebron zur Pilgerstätte umfunktioniert wird? Wenn der Platz beim Grab mit Marmorplatten umgeben, in der Nähe eine Torarolle plaziert wird, damit dort Gottesdienste stattfinden können?

Sind wir unschuldig, wenn Rabbiner und Schriftkundige den Mythos von der „Heiligkeit des vollumfänglichen Landes Israel“ (erez Jisrael hasch-tema) kolportieren und die Integrität des „Volkes Israel“ minder achten als das „Land Israel“? Sind wir unschuldig, wenn Rabbiner und Schriftkundige — nicht nur in Judäa und Samaria, sondern auch in den USA! — Yitzhak Rabin delegitimieren, dehumanisieren, indem sie ihn als „Bösewicht“ (rascha) und „Auslieferer“ (moser) — Auslieferer von Juden an den Feind (Maimonides, Hilkhot chowel umasik, VIII,9f.) — bezeichnen? Und wie klein ist der Schritt, bis dann ein Fanatiker zur Waffe greift, um diesen „rascha“ physisch zu liquidieren?

Sind wir unschuldig, wenn Religion und Politik verquickt werden und die Tora zum politischen Instrument degradiert wird?

Sind wir unschuldig, wenn der Schalom, der Friede, der immer nur durch einen Kompromiß zu erreichen ist, weniger gilt als Erez Israel „in biblischen Grenzen“? Wenn jedes Kind mit Leichtigkeit herauszufinden vermag, daß jene Grenzen fließend und nicht definiert sind.

Sind wir unschuldig, wenn wir nicht tagtäglich auf die Barrikaden gingen, um der Erosion der Mitmenschlichkeit zu begegnen?

Wir sind es nicht, und wir bekennen es. Wir sind mitschuldig, mitverantwortlich. Wer einen Mord nicht verhindert, den er zu verhindern vermag, wer einen Verfolger nicht rechtzeitig zur Strecke bringt, vergeht sich gegen die religiöse Satzung. Maimonides (Hilkhot rozeach, 1,14) stellt unmißverständlich fest: „Jeder, der retten kann und nicht rettet, übertritt das Verbot in 3 Mose 19,16: ,Bleib nicht stehen beim Blut deines Nächsten‘. Wir haben nichts oder zu wenig unternommen, um der Gewalt die Stirne zu bieten. Wir alle, die wenigen mit Zivilcourage und die schweigende Mehrheit. Und jetzt stehen wir vor einem Scherbenhaufen, wir, die Juden in Israel, die Juden in der Diaspora. Doch es ist nicht zu spät, um „das Übel aus unserer Mitte zu tilgen“ (5 Mose 13,6). Entschlossen gilt es, den antidemokratischen Kräften, die Israels Staatsgesetz abzuschaffen suchen, einen Riegel vorzuschieben. Etwa jenen Leuten, die während eines kulturellen Abends in der Stadt Ariel (Samaria) klatschten, als sie die Nachricht vom Mord erfuhren, oder jenen, die in der Siedlung Tapuach „Hallel“, das jüdische Lobgebet, sprachen, um ihrer Freude Ausdruck zu verleihen. Oder auch jenen, die als Anhänger Meir Kahanes in Brooklyn Geld „für unseren Helden und Gefangenen Yigal Amir“ sammeln (Tageszeitung Jediot Acharonot, 7. November 1995). Zum anderen werden, so ist zu hoffen, Israels Polizei und der Sicherheitsdienst ihre Aufgaben erfüllen, und inskünftig Politiker und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vor der Mörderkugel zu schützen wissen.

Doch es genügt nicht. Eltern, Lehrer und Erzieher müssen die wahren, echten Werte des Judentums weitergeben, damit die Drachenbrut religiösen und nationalistischen Fanatismus keine Chance hat.


Jahrgang 3/1996 Seite 87



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