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Clemens Thoma

Yitzhak Rabin — ein Mord und seine Ursachen

Die Hand gehorcht der Seele

Mord ist kein physischer Vorgang

Im Jahre 1840, als sich Frankreich wieder einmal zum Krieg gegen England rüstete, schrieb der Dichter Heinrich Heine (1797-1856): „Das Eisen der Bajonette tötet nicht, sondern die Hand, und diese gehorcht der Seele“.1 Dies läßt sich mit Schaudern auf die Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin am 4. November 1995 anwenden. Unmittelbar nach der Tat und bei Verhören sagte der Mörder: „Ich tat es, um den Friedensprozeß zu stoppen . . . Wir müssen kaltblütig sein . . . Wenn man im Krieg tötet, ist dies ein erlaubter Akt . . . Ihr glaubt an den Frieden, ich glaube an Gott . . . Ich lasse mich darin nicht erschüttern . . .“ Ein Überzeugungstäter also! Er richtete seine Mordwaffe gegen den Ministerpräsidenten, weil ihn seine Seele, die offensichtlich mit biblischen und halakhischen Zitaten gefüllt ist, dazu aufgepeitscht hatte.

Mit der großen Mehrheit des israelischen Volkes und der Juden und Jüdinnen in der ganzen Welt sind wir von Trauer und Bestürzung über diesen Mord erfüllt. Wir würden aber unsere Überzeugungen, die wir von Gertrud Luckner2 überkommen haben, verraten, wenn wir nicht zusammen mit vielen jüdischen und nichtjüdischen Denkern, Politikern und Journalisten — Frauen und Männern — den Finger auf die schmerzende Wunde legen würden, unter der das jüdische Volk derzeit leidet, und die der Mord neu aufgerissen hat. Der Herd dieser Wunde befindet sich in der Seele des jüdischen Volkes, das sich seit biblischen Zeiten mit Gott, Tora und Land Israel verbunden weiß. Viele aus dem Volk können es nicht verstehen, wenn Verhandlungen geführt werden, die einen Teilverzicht des Landes Israel mit sich bringen. Es ist, als würde ihnen etwas von ihrer Seele ausgerissen.

1. Einige jüdische Stimmen

Der neue Grand Rabbin von Genf, Marc-Raphael Guedj, wurde vor kurzem gefragt, was man angesichts der Ermordung von Yitzhak Rabin bei der Erziehung von jungen religiösen Zionisten und Zionistinnen in Israel und in der jüdischen Diaspora neu überdenken müsse. Seine Antwort: „Es scheint mir, daß die Schüler des Rav Kook,3 und besonders jene seines Sohnes Zwi Jehuda Kook, ihre ganze Tora auf eine Ideologie gegründet haben. Sie haben ein messianisches Gedanken-System geschaffen, in dem die Territorien und die Ausdehnung des Landes einen hohen Rang einnehmen und zum Schwerpunkt der ganzen Tora werden. Von dem Moment an, wo man eine Ideologie konstruiert, ist man nicht mehr weit von Gewaltanwendung entfernt. Wir Juden waren stets höchst kritisch bezüglich Idolatrien4 in der Außenwelt. Wir müssen aber ebenso wachsam sein bezüglich Ideologien innerhalb des Judentums. Es geht dabei nicht um beschuldigende Kahlschläge . . . Wir müssen aber aufpassen, daß unser Bezug zum Land Israel nicht zur Idolatrie und daß die Tora nicht zur Ideologie wird. Daher müssen wir den Diskurs mit bestimmten Kreisen des religiösen Zionismus eröffnen — dies ist von fundamentaler Wichtigkeit.“5

In der Zeitschrift „The New Yorker“ vom 20. November 1995 wird von David Remnick ein breites Spektrum geistig-religiöser Voraussetzungen des Mordes an Rabin ausgefaltet und es kommen auch Stimmen zu Wort, die eine radikale jüdische Neubesinnung fordern. Am Anfang steht die den Mörder und sein geistiges Umfeld betreffende These: „Die Rhetorik des Mörders war ein Echo auf die Rhetorik gewisser rabbinischer Lehrer, die ihre Ansichten in jüdischen Presseorganen deponiert hatten. Sie war auch ein Echo auf Sprechchöre und Plakate, die von messianischem Eifer durchpulst waren und sich so zur Sprache der Gewalt pervertiert haben.“ Dann wird ein New Yorker Rabbi zitiert, der Rabin als „Überlieferer“ (moser) bezeichnet hatte, der die Juden gleichsam den Kreuzfahrern überliefere. David Remnick berichtet ferner, daß nach Rabins Tod in der New Yorker Yeshiva-Universität eine intensive öffentliche Besinnung einsetzte. Der Universitätspräsident Norman Lamm machte darauf aufmerksam, daß verschiedene Yeshiva-Absolventen in ihrer Kritik an Rabin viel zu weit gegangen waren. Baruch Goldstein, der 29 betende Muslime in der Hebroner Abraham Moschee im Jahre 1994 ermordet hatte, war Student der Yeshiva-Universität gewesen.6 „Es ist höchste Zeit“ — so Norman Lamm — „die Zusammenhänge zwischen Rhetorik und Aktion zu untersuchen . . . Jetzt, da der Mörder und sein Opfer Juden waren, ist es klar, daß der Mörder als ein Glied einer größeren Verschwörung gehandelt hat.“ Um die Dringlichkeit einer geistig-religiösen Neuorientierung zu unterstreichen, zitierte Lamm das biblische Buch der Sprichwörter: ,Tod und Leben sind in der Hand der Zunge‘ (18,21).

Arthur Hertzberg, ein prominenter liberaler Rabbi von New Jersey, ist laut „The New Yorker“ der Auffassung, derzeit werde im Judentum die Sprechweise einer intensiven Prüfung unterzogen: „Während achtzehn Jahrhunderten konnten wir ohne weiteres sagen, dieses oder jenes sei hurerisch und widergöttlich. Solche Ausdrücke hatten keine Konsequenzen und leisteten keiner Ermordung Vorschub. Was aber in letzter Zeit geschehen ist, ist dem ähnlich, was zwischen 66-70 unserer Zeitrechnung passiert ist. In diesen vier Jahren vor der Tempelzerstörung ermordeten die Zeloten die Gemäßigten. Dies waren Zeichen des nahenden Unterganges. Danach hatten wir keine Waffen mehr und konnten uns ohne viel Verantwortung einer ungehemmten Rhetorik hingeben.“ Etwa seit dem Jahre 70 unserer Zeitrechnung hofften die von irdischer Macht ausgeschlossenen Juden — so Hertzberg — auf große messianische Ereignisse, die das verwundete Volk wiederherstellen würden. „Wenn sich aber heute jemand in ein messianisches Denken hineinbegibt, dann befindet er sich auf einem gegnerischen Pol gegenüber dem demokratischen Denken. Wer Israel als eine weltliche Demokratie versteht mit einer helfenden Rolle für das Judentum, der kann die Entscheidungen der israelischen Regierung verstehen. Wer aber Israel als eine erste Phase des messianischen Zeitalters und eines messianischen Dramas versteht, für den sind die Entscheidungen einer demokratischen Regierung nicht akzeptabel.“ Nach Hertzberg handelten Rabin, Peres und Arafat mit ihren Bemühungen um Frieden und Kompromiß im Sinne wahrer Religiosität, dies sei aber kaum verstanden worden. Wer um Frieden ringt, handelt im Geiste der Tora, auch wenn er nicht observant ist. Hertzberg fährt fort: „Ich teile die messianischen Erwartungen verschiedener orthodoxer und chassidischer Kreise nicht. Wenn ein Messias zu kommen hätte, dann hätte er in die nazistischen Todeslager kommen müssen. Ein Messias, der nicht in Auschwitz war, hat auch im Eastern Parkway (New York) und in der West Bank nichts zu suchen. Unsere Politik kann sich nur auf die menschliche Vernunft stützen.“

2. Ähnliche Erfahrungen

Es ist ziemlich dasselbe, ob gesagt wird, die Seele, die Gesinnung, die Rhetorik oder die Zunge könne zur Voraussetzung eines Mordes werden. Keine böse Tat ist ein rein physischer Ablauf. Jede Tat ist innerlich vorausgeplant und hat ihre geistig-seelisch-emotionalen Antriebe. Zuerst kommt die Theorie, dann erst die Praxis, und es kann gut sein, daß die Idee auf ihrem Weg zur Realisierung außer Kontrolle gerät . . . Die UNO-Resolution 1510 aus dem Jahre 1960 verlangt, daß alle Erscheinungsformen rassistischer, religiöser oder ethnischer Herabsetzung als Menschenrechtsverletzung zu verurteilen und in die Gesetzgebung der Mitgliedsstaaten aufzunehmen sind.7 In allen demokratischen Staaten ist den Verantwortlichen heute klar, daß Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Verachtung der Religiosität, Neonazitum etc. ein steter, kaum wegzubringender Bodensatz ist, aus dem alle möglichen Verbrechen hervorgehen: Brandstiftung, Grabschänderei, Terroranschläge, Attentate usw. Ein Mensch kann leicht in derlei Verbrechen hineinschlittern, wenn er nicht rechtzeitig erkennt, daß er sich in einer theoretischen Sackgasse befindet und wenn er nicht die Kraft zum Widerstand gegen sich selber aufbringt.

Im Falle der Judenfeindschaft wurde im christlichen Bereich allzulange sträflich daran vorbeigesehen, daß der Weg hin zum Mord bei einer christlich drapierten Ideologie bzw. in einer vergifteten Seele beginnt. Es wurde nicht beachtet, daß den Predigern, Katecheten und Seelsorgern genau auf den Mund geschaut werden müßte. Ist ihre Rhetorik von Judenfeindschaft geprägt? Führt sie zum Tod oder zum Leben? Ein treffendes Beispiel ist der Kirchenvater Johannes Chrysostomus (349-407). Er war ein eifriger und frommer Presbyter in Antiochien, wo auch viele Juden lebten. Er meinte, einen verderblichen Einfluß der jüdischen Mitbürger auf seine christlichen Schäflein festgestellt zu haben. Dem wollte er mit brillanter Rhetorik abhelfen. Je spitzer er seine Attacken gegen die Juden formulierte und je derbere Bilder er aus der Bibel beizog, desto sicherer war er der Zustimmung seiner Bewunderer. Das krasseste Beispiel seiner verderbenbringenden Redekunst lieferte er in seiner ersten Rede gegen die Juden:

Ich habe gesagt, daß eine Synagoge nicht besser als ein Theater ist und führe das Zeugnis des Propheten an . . . Was sagt denn der Prophet? ,Du bekamst die Stirn einer Dirne, zeigtest Scham vor niemandem‘ (Jer 3,3). Wo aber eine Hure steht, ist auch der Ort ein Hurenhaus. Ja, mehr noch: Nicht ein Hurenhaus und Theater ist die Synagoge, sondern eine Räuberhöhle und ein Unterschlup für wilde Tiere. Es heißt nämlich: ,Eine Hyänenhöhle ist mir euer Haus geworden‘ (Jer 7,11). Nicht einfach eine Höhle eines Tieres, sondern eines unreinen Tieres.“8

Hier werden von einem Prediger des 4. Jh. Spuren gelegt, auf denen später die Verderber des jüdischen Volkes schreiten konnten. Die judenfeindlichen Vergleiche aus dem Tierreich und dem Rotlicht-Milieu werden von Johannes ohne Umsetzungsprozeß aus der Bibel genommen und in eine ganz andere Situation hineingepflanzt. Damit wird die Heilige Schrift zum Grundbuch der Feindschaft zwischen Griechen und Juden, der Prediger wird zum Fundamentalisten und die Auswege zu Verständnis und Versöhnung werden verbaut. Die Aussagen des Johannes und deren Wirkungsgeschichte zeigen ferner, daß religiöses Empfinden in der Mitte der menschlichen Seele eingelagert ist. Damit gehört die Pflege und Reinerhaltung der religiösen Anlage und des religiösen Wissens zu den wichtigsten Präventiv-Maßnahmen gegen Haß, Feindschaft, Intoleranz, Verleumdung und Mord. Dies hat die Ermordung Rabins auch dem jüdischen Volk schmerzhaft vor Augen geführt. Die Christinnen und Christen haben diese Erfahrung schon früher machen müssen. Sie können daher hoffentlich Verständnis für die schmerzlichen innerjüdischen Auseinandersetzungen nach Rabins Tod aufbringen.

3. Land oder Leben?

„In zu vielen Schulen der religiösen Zionisten wird der Wert des Landes Israel mehr betont als der Wert des Lebens. Die Lehrer heben die jüdischen Lehren über die Bewahrung der Souveränität des Landes Israel mehr hervor als die Lehren, wonach jemand, der das Blut eines andern Menschen vergießt, das Abbild Gottes in der Welt zerstört.“ Dieses Urteil fällte Thomas L. Friedman am 16. November in der New York Times. Nach Friedman können Bibel und Talmud aus sich allein das heute geforderte moralisch-ethische Verhalten nicht voll bestimmen. Beide heiligen Werke sind auf heutige Lehrer und auf die heutige gesellschaftliche Situation angewiesen, sonst kommen sie nicht zum Leuchten. Um die Tora gültig für die heutige Zeit zu aktualisieren, genügt ein fundamentalistisches Bibelverständnis in keiner Weise. Die heutige Denk- und Seinslage ist nicht mehr theokratisch, sondern demokratisch. Die Bibeldeutungen müssen sich dem anpassen. Dies ist mit Hilfe des Geistes Gottes möglich, wie Paulus sagt (1 Kor 2,13). Jede religiöse Bibelinterpretation muß sich fragen, welches die Hauptanliegen der Bibel sind und wie diese heute zum Tragen gebracht werden können. Die Hauptanliegen der Hebräischen Bibel sind eindeutig auf den Frieden unter den Menschen gerichtet und nicht auf Krieg, auf Versöhnung und Verzeihung und nicht auf Verurteilung und Herabsetzung.

Im ältesten israelitischen Glaubenslied, dem Siegeslied am Schilfmeer, heißt es: ,. . . Adonai ist ein Kriegsheld, Adonai ist sein Name‘ (Ex 15,3). Diese Gottesbenennung war durch die Umstände bestimmt: Die aus Ägypten fliehenden Israeliten hatten das Heer Pharaos im Rücken und das Meer vor sich. Adonai rettete sie aus den Klauen des Pharao und vor den Schlünden des Meeres. Er erwies sich so als Retter aus Tyrannei und Lebensgefahr. Daher konnte er als Kriegsheld bezeichnet werden. Aber bereits in biblischer Zeit wurden die Umstände dieser Bezeichnung vergessen. Um religiöse Kriegsideologien wegschieben zu können, bezeichneten spätere Texte Gott nicht mehr als Krieger, sondern als den, der alles Kriegstreiben abschafft: „Er schafft Kriege ab bis an die Grenzen der Erde. Er zerbricht die Bogen und zersplittert die Speere. Die Schwerter verbrennt er im Feuer“ (Ps 46,10; ähnlich Hos 2,20; Jes 54,2 f.; Sach 9,9 f.; Jdt 9,7; 16,2). Der Frieden ist also ein größeres Gut als der Besitz des Landes. Dieser Friede kann im israelischen Territorium allein noch nicht gedeihen. Er muß sich vielmehr vom Modellfall Israel aus auf alle Länder auf der ganzen Erde ausdehnen (vgl. Jes 60,2 f.).

Wer sich über die Friedenspolitik der weltlichen Regierung Rabin entsetzt hat, kann vielleicht in den „realpolitischen“ Worten des Propheten Jesaja eine Beruhigung finden:

An jenem Tag wird eine Straße von Ägypten nach Assur führen, so daß die Assyrer nach Ägypten und die Ägypter nach Assur ziehen können. Ägypten wird zusammen mit Assur dem Herrn dienen. An jenem Tag wird Israel als dritter dem Bund von Ägypten und Assur beitreten, zum Segen für die ganze Erde. Denn der Herr der Heere wird sie segnen und sagen: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur, das Werk meiner Hände, und Israel, mein Erbbesitz“ (Jes 19,23-25).

Der ägyptische Präsident Anwar al Sadat hat diese Passage bei seinem Besuch in Jerusalem im Jahre 1977 zitiert. Er wurde 1981 wegen des Friedensschlusses mit Israel von einem Moslem ermordet. Yitzhak Rabin ist 14 Jahre später unter den Kugeln seines jüdischen Mörders gestorben. Sadat und Rabin waren Helden des Friedens und handelten im Geiste der Tora, die den endgültigen Frieden in Israel und zwischen den Völkern will.

  1. Heinrich Heines sämtliche Werke, hg. v. Ernst Elster, Leipzig o. J., 221.
  2. Vgl. FrRu NF 1/1993-94, 1-8 und 1/1996, 1-10.
  3. Rav Abraham Isaac Kook (1865-1935): erster aschkenasischer Oberrabbiner in Israel, wichtigste Gründergestalt und Bedenker des gesetzestreuen religiös-zionistischen Judentums. Er formulierte den Satz, wonach die Rückkehr ins Land Israel „der Beginn der göttlichen Erlösung“ (‘atchalta di-ge‘ulla) ist.
  4. Vergötzungen, Götzendienst, Bilderverehrung.
  5. Zitiert aus der page française 5 der „Jüdischen Rundschau“ (Basel) Nr. 48 vom 30. Nov. 1995.
  6. Vgl. FrRu NF 3 (1993/94),161-165.
  7. Vgl. FrRu NF 1/1995, 1-5
  8. Zit. nach Johannes Chrysostomus, Acht Reden gegen Juden. Stuttgart 1995, 87. Vgl. in diesem Heft 97-99.

Jahrgang 3/1996 Seite 81



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