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Gertrud Luckner
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Berichte Heft 1/1996

Altenwohnheim Gertrud Luckner in Nahariya/Israel

Das Altenheim, das Christen eine Heimat bietet, die Juden gerettet haben, geht in sein zwanzigstes Jahr, und wir sind dankbar, daß sie hier ein Zuhause gefunden haben.

In diesem Jahr starb unsere berühmteste Bewohnerin, Gertrude Babilinska, im Alter von 93 Jahren, von denen sie neun Jahre im Gertrud-Luckner-Haus lebte. Sie kam mit einem geretteten jüdischen Kind mit der „Exodus“ nach Haifa und konnte nicht an Land gehen; erst nach der Staatsgründung kamen die beiden ein zweites Mal und ließen sich in Tel Aviv nieder.

Wir haben eine lange Warteliste, aber wenn ein Zimmer frei wird, heißt es häufig: „Jetzt noch nicht“. Leere Zimmer können wir uns jedoch nicht leisten. Um den Charakter des Hauses zu wahren, können wir aber auch keine zahlenden Bewohner nehmen. Zum ersten Mal kam die Tochter einer ehemaligen Bewohnerin zu uns. Auch die zweite Generation hat noch einen Anspruch auf einen Heimplatz. Mit einem staatlichen Zuschuß und einer großzügigen Spende anläßlich eines Geburtstags konnten wir Küche und Speisesaal renovieren. Dank der guten Zusammenarbeit der Handwerker dauerte der Umbau drei Wochen, und wir überschritten den Kostenvoranschlag nicht, was hier etwas heißen will. Als nächstes sollen die Badezimmer renoviert werden, die noch im Urzustand von 1976 sind.

Durch den Neubau gegenüber ist uns die Brise vom Meer abgeschnitten. Es ist warm im Haus und die Bewohner klagen, daß sie keine Luft bekommen. Sie wären sogar bereit, die Luftkühlanlage in den Zimmern zu bezahlen, was nicht billig ist. Mit der Anschaffung der großen Waschmaschine ist unsere Stromkapazität an der Grenze. Der Kostenvoranschlag des Elektrizitätswerks für die Leitungen bis zum Tor: 15.000 NIS = 7.500 DM, hinzu kommen noch die Leitungen zu den Zimmern. Solche Ausgaben können wir aus den laufenden Einnahmen nicht bestreiten, und wenn wir staatliche Zuwendungen bekommen, müssen wir auch 50% Eigenkapital nachweisen, das wir nicht haben. So ist fürs erste nicht daran zu denken. Tagsüber können sich die Bewohner im Speisesaal aufhalten, der mit einer Spende der „Jerusalem Post“ luftgekühlt ist, und nachts müssen sie sich damit trösten, daß es vielleicht im nächsten Sommer besser ist.

Die Erweiterung des Gertrud-Luckner-Hauses um Seniorenwohnungen ist vorläufig gestrandet.

Nahariya, 22. August 1995 Elisheva Hemker

Ihre Spende für das Gertrud-Luckner-Altenheim in Nahariya können Sie mit dem Vermerk „Altersheim Israel“ überweisen auf das Konto des Deutschen Caritasverbandes bei der Sparkasse Freiburg: BLZ 680 501 01, Konto-Nr. 2 001 571. Es war der Wunsch der verstorbenen Dr. Gertrud Luckner (vgl. S. 1-10), anstelle von Kränzen eine Spende für Nahariya zu geben.

Buber/Rosenzweigs Verdeutschung der Schrift —
was bedeutete sie damals — was bedeutet sie heute?

Notizen von einem Studientag

Vor siebzig Jahren, 1925, begann Martin Buber (1878-1965), in Zusammenarbeit mit seinem Freund Franz Rosenzweig (1886-1929), die Hebräische Bibel ins Deutsche zu übertragen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg setzte Buber sich mit biblischen Themen auseinander. Bald dachte er an eine „Verdeutschung der Schrift“ in heutiger (das heißt seinerzeitiger) Sprache. Es wurde ihm klar, daß ein solches Unterfangen nicht von ihm allein zu bewältigen war. Spätestens seit 1923 war er mit Franz Rosenzweig wegen Übersetzungsfragen im Gespräch. Rosenzweig hatte ursprünglich nur eine Revision der Luther-Bibel für möglich und erlaubt angesehen. Das versuchten sie zuerst — aber es ergab nur „Trümmer“ (so Professor Talmon, Jerusalem); aus dieser Erkenntnis entwickelten sie ihre Methode. Buber strebte an, daß die Benutzer seiner „Verdeutschung“ zum hebräischen Urtext hingeführt werden sollten. Bei den Adressaten war vornehmlich an das assimilierte, dem Hebräischen weitgehend entfremdete deutsche Judentum gedacht. Als sich Lambert Schneider zum Verlegen bereitfand, konnte 1925 der erste Band erscheinen.

In der Zusammenarbeit übernahm Rosenzweig die „Rolle der gründlichen Muse, Diotima und Xanthippe in einer Person“. Bis einen Tag vor Rosenzweigs Tod waren sie beim 53. Kapitel des Jesaja-Buches angelangt. Danach arbeitete Buber auf der gemeinsamen Basis allein weiter. Ausgangspunkt war der masoretische Text, den sie als unhinterfragbare Einheit ansahen. Der für das Judentum stets grundlegenden Einheit des Textes trugen Buber und Rosenzweig auch insofern Rechnung, als sie Leitworte, wenn irgend möglich, immer mit dem gleichen deutschen Ausdruck wiedergaben und so Zusammenhänge erkennbar werden ließen. Durch Atem-Einheiten, zugleich Sinn-Einheiten, je auf einer „Atemzeile“ gedruckt (Kolometrie), zeigten sie, daß „die Schrift“ eigentlich „gesprochen“ werden sollte.

Buber widmete in diesen Jahren viel Zeit den erwachsenen-bildnerischen Aktivitäten für das verunsicherte deutsche Judentum. 1938 verließ er als 60jähriger sein Haus in Heppenheim an der Bergstraße, wo er seit 1916 mit seiner Familie gewohnt hatte, und ging nach Jerusalem. Dort wurde ihm ein Lehrstuhl für „Soziologie und Kultur“ (nicht für Bibelstudien!) angeboten. Umsiedlung und Trennung vom deutschen Judentum brachten auch ihm eine Krise. Er hatte zwar weiterhin „Hörer“, aber nicht im eigentlichen Sinne „Schüler“. Auch in dieser Zeit arbeitete er an der „Verdeutschung“ weiter. Als im Februar 1961 das Werk abgeschlossen war, sprach Gershom Scholem bei einer Feierstunde folgende nachdenkliche Worte:

„Als Rosenzweig und Sie sich an dieses Unternehmen machten, gab es ein deutsches Judentum, in dem Ihr Werk eine lebendige Wirkung, eine Aufrüttelung und Hinführung zum Original bewirken sollte. Für wen wird diese Übersetzung nun bestimmt sein, in welchem Medium wird sie wirken? Historisch gesehen ist sie nicht mehr ein Gastgeschenk der Juden an die Deutschen, sondern — und es fällt mir nicht leicht, das zu sagen — das Grabmal einer in unsagbarem Grauen erloschenen Beziehung. Die Juden, für die Sie übersetzt haben, gibt es nicht mehr. Die Kinder derer, die diesem Grauen entronnen sind, werden nicht mehr Deutsch lesen. Die deutsche Sprache selber hat sich in dieser Generation tief verwandelt . . . Was die Deutschen mit Ihrer Übersetzung anfangen werden, wer vermöchte sich vermessen, es zu sagen?“

Diese vor 34 Jahren gesprochenen Worte gaben einem Studientag den Titel „Grabmal der deutsch-jüdischen Kultur oder Geschenk der Juden an die Deutschen?“, der aus Anlaß der 30. Wiederkehr des Todestages von Martin Buber (13. Juni 1965) vom Martin-Buber-Haus in Heppenheim als Sitz des Internationalen Rates der Christen und Juden zusammen mit weiteren Institutionen veranstaltet wurde und über hundert Teilnehmer versammelte. Die Hauptreferate hielten Prof. Dr. Shemaryahu Talmon, Jerusalem, zu „Martin Bubers Werk an der Hebräischen Bibel“ und Prof. Dr. Willy Schottroff, Frankfurt, zu „Die Bedeutung der Verdeutschung der Schrift von Buber-Rosenzweig für die christliche Theologie“. Eine Podiumsdiskussion aller Referenten über „Die gegenwärtige Bedeutung der Verdeutschung der Schrift von Buber und Rosenzweig“ beschloß den Studienteil.

Dr. Daniel Krochmalnik, Heidelberg, sprach zum Thema „Martin Buber und das Neue Denken“. Er charakterisierte Buber als Philosophen, Mystiker, Erzähler, Übersetzer — eigentlich jedoch als ,Propheten‘, der vor die Wahl von „wirklichem Leben“ und „Scheinleben“ stellt. Als ,religiöser Mensch‘ wollte Buber zur religiösen Unmittelbarkeit führen. Nietzsches „Bleibt der Erde treu“ war auch ein Motto der prophetischen Philosophie Bubers in Nachfolge seines Lehrers Georg Simmel und im Kontext der gesamten Lebensphilosophie der ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts. Fast gleichzeitig mit Denkern wie Franz Rosenzweig, Ferdinand Ebner, Gabriel Marcel und anderen habe Buber das ,Neue Denken‘ konzipiert, das im Gegensatz zum monologisch angelegten ,Alten Denken‘ dialogisch angelegt war, Sprachdenken, Gespräch. 1923 erschien Bubers programmatische Grundschrift „Ich und Du“, die er in späteren Traktaten interpretiert, variiert, erweitert hat.

Sein dialogisches Denken prägte auch seine Arbeit mit der Bibel, die für ihn Gespräch, Dialog war — Zwiesprache mit dem Namenlosen. Professor Talmon, der noch selbst bei Buber gehört hat, ließ die Tragik einer gewissen Einsamkeit dieses Mannes durchschimmern, der in sich Jerusalem und Athen verband. Er nannte ihn den größten jüdischen Lehrer der Christenheit.

Professor Schottroff berichtete, daß die christlichen Fachleute damals die ersten Bände der ,Verdeutschung‘ wenig freundlich aufnahmen — es paßte nicht in ihre Schubladen. Dem damals wie auch heute noch zu hörenden Vorwurf einer exzentrisch-expressionistisch-archaisierenden Sprache hielt er entgegen, daß Buber/Rosenzweig bewußt verfremdeten, bewußt hebräische Eigenheiten beibehielten, „das Deutsche umfremdeten“ (Prof. Licharz), damit ganz neu gehört werden konnte. Die ursprüngliche „Gesprochenheit“ der Schrift sollte wieder erfahrbar werden.

Die Bedeutung für christliche Leser und ihre Theologie heute sah Schottroff zum Beispiel in einer Sensibilisierung für die Unaussprechbarkeit des Gottesnamens. In der theologischen Konsequenz dieser Unaussprechbarkeit, dieser Namenlosigkeit, liege, daß es keine Aufspaltung geben kann und darf zwischen einem jüdischen Gott und einem christlichen Gott — jenem Rache und Gewalt, diesem Liebe und Gnade zuteilend. Eine weitere wichtige Konsequenz: Diese jüdische Übertragung habe für Christen die Wirkung eines freigelegten Palimpsests: Die von ihnen als Altes Testament bezeichneten Schriften können sie hier in einer Version kennenlernen, die vor jeder christlichen Vereinnahmung liegt. Ein Beispiel: Luther (und auch noch die Einheitsübersetzung) übersetzen Ijob 19,25 „Ich weiß, mein Erlöser lebt“; bei Buber/Rosenzweig steht „mein Auslöser“. Solches Rückgängigmachen christlicher Aneignung ist auch an anderen Stellen nachzuweisen. Am Buberschen Text können Christen und Juden gemeinsam einer Unwahrheit begegnen.

Fazit: Auch wenn sich vieles, z. B. die deutsche Sprache, nicht im Sinne Bubers weiterentwickelt hat, so bleibe sein Werk doch eine Spitzenleistung deutsch-jüdischer Kultur. Möglich war das, weil es zwischen Moses Mendelssohn und Franz Rosenzweig für rund 150 Jahre eine blühende deutsch-jüdische Kultur gab. Um dem näherzukommen, könnten Juden und Christen ein gemeinsames Lehrhaus einrichten — eine Institution, gegen die Buber keine Vorbehalte hegte —, denn am Lernen führt kein Weg vorbei, um schöpferisch weiterzukommen.

Ruth Ahl

Aus Rabins Rede in Jad Mordechai (Kibbuz ehemaliger Gettokämpfer) am 28. April 1995

Die Leute von Jad Mordechai haben gezeigt, daß der Kampfgeist der Gettokämpfer in dieser schwierigen Schlacht für die Entstehung des Staates Israel zum Beispiel wurde.

Die Gettokämpfer kämpften in den Gettos von Polen, um die Nazis zu besiegen und um die schrecklichste Vernichtungsmaschine der Geschichte zu stoppen. Sie kämpften auf den Dächern und in den Abwasserkanälen — obwohl sie niemals eine Chance hatten. Trotzdem blieben sie siegreich.

In der Geschichte der Menschheit haben die Gettokämpfer einen festen Platz in der Erinnerung der Nation gefunden, als Bewahrer der brennenden Glut der nationalen Ehre. Diese Ehre war das Vermächtnis von tausend Jahren jüdischer Geschichte in den Ländern Europas, das in Flammen aufging — und sie haben nicht verloren.

Fünfzig Jahre später wollen wir immer noch nicht glauben, was geschehen ist. Unser Verstand faßt es nicht. Unsere Herzen sind aufgewühlt. Aber wir haben keinen Wunsch nach Rache.

Wir haben uns aus der schrecklichen Tragödie des Holocaust erhoben — und wir gehen vorwärts. Das Heldentum der Gettokämpfer war der Eckstein für die Entstehung des Staates Israel. Wir gehen vorwärts, vom selben Ort aus, von derselben letzten Stunde, in der sechs Millionen Juden und viele andere umgekommen sind. Wir stehen für die Hoffnungen und die letzten Träume der sechs Millionen — die nicht mehr sind . . .

Die Überlebenden des Holocaust verlassen das Land der Lebenden. Sie gehen von uns, hier in Israel und in der Diaspora, sie, die durch den Schrecken und das Feuer gegangen sind, sie, die gelitten haben, die sahen, hörten, die Zeugnis abzulegen wußten, sie, die zu erzählen wußten.

Und auf der anderen Seite, während sie ihrem Tod entgegengehen, erheben die törichten Leugner des Holocaust ihre Köpfe, sagen, so etwas hätte es nie gegeben, es sei erfunden, die Geschichten seien übertrieben, Lager und Öfen habe es nicht gegeben. Dazu bleibt uns nur zu sagen: Die Nazis nahmen den Juden ihr Leben — und die Holocaust-Leugner versuchen nun, den sechs Millionen ihren Tod zu nehmen.

Die Zeit tut ihre Arbeit. In einigen Jahren, einem Jahrzehnt oder vielleicht zwei wird es niemand mehr geben, der noch über die Schrecken sprechen kann. Ich sehe eine Verpflichtung darin, den Überlebenden des Holocaust eine Verantwortung aufzuerlegen, heute, morgen, gestern, in Israel und in der Diaspora, eine nationale Verpflichtung, eine historische Verpflichtung — nämlich zu sprechen, aufzudecken, zu erzählen, nichts zu verbergen, nicht stumm zu bleiben. Zeugnis abzulegen, mündlich, schriftlich oder durch Fotografien, um es für die Geschichte des jüdischen Volkes zu bewahren, für zukünftige Generationen, denen schwerfallen wird, es zu glauben. Jeder, der Zeuge des Holocaust gewesen ist, jeder Überlebende muß aussagen, muß erzählen — damit wir mehr wissen, damit wir es noch wissen.

bl

Zentrum zur Erforschung des „wahren Islam“

Scheich Rajai Abdo hat in Zusammenarbeit mit der IIA (Israel Interfaith Association) ein Zentrum zur Erforschung des „wahren Islam“ eröffnet. Das Ziel ist, durch Weiterbildung Muslimen und Nicht-Muslimen zu helfen, den „wahren Islam“ zu verstehen. Das Zentrum erkennt die Notwendigkeit, junge Muslime, aber auch Imame, die gegen Juden feindselig eingestellt sind, zum „wahren Islam“ zu führen.

Als „wahrer Islam“ wird bezeichnet, was im Koran als Frieden (Sure 2,208) genannt wird.

Folgende Punkte werden zur Erreichung des Zieles angewandt:

  1. Das Zentrum wird Vorträge anbieten, durch die der „wahre Islam“ in islamischen und nicht-islamischen Schulen, in den autonomen Gebieten, in Israel und in der ganzen Welt gelehrt wird.
  2. Das Zentrum wird in Zeitungen und Zeitschriften Artikel zu verschiedenen Themen, die die tolerante und nicht-gewalttätige Seite des Islam illustrieren, veröffentlichen.
  3. Das Zentrum wird sich bemühen, junge Menschen in den Schulen zu erreichen, und zwar in Zusammenarbeit mit Schulen und akademischen Institutionen wie dem Van-Leer-Institut in Jerusalem, um sie zum „wahren Islam“ heranzubilden.
  4. Das Zentrum verpflichtet sich, für eine gewisse wirtschaftliche Unterstützung solcher Imame und Gelehrten zu sorgen, die den „wahren Islam“ zu lehren gewillt sind.
  5. Das Zentrum wird an islamischen und interreligiösen Konferenzen teilnehmen, um seine Kontakte zu erweitern mit dem Ziel breit angelegter Kooperation bei der Aufgabe, die Menschen dieser Welt zum „wahren Islam“ zu erziehen.
  6. Das Zentrum wird regelmäßig Dialoge führen mit Führungspersönlichkeiten der monotheistischen Religionen sowie mit muslimischen und jüdischen Führungspersönlichkeiten im besonderen.
  7. Das Zentrum wird Erholungs- und Bildungsprogramme für jüdische Jugendliche und Erwachsene anbieten, zunächst in Jericho und später in anderen Teilen der autonomen Gebiete, um die alte Harmonie und Freundschaft, die einst in der (gar nicht so fernen) Vergangenheit existierten, wiederzubeleben.
  8. Das Zentrum wird anerkannte Gelehrte nach Jericho einladen, um über den „wahren Islam“ zu sprechen. Es wird aber auch Gelehrte der beiden anderen monotheistischen Religionen einladen, um über das „wahre Judentum“ und über das „wahre Christentum“ zu sprechen. Diese Vorträge werden öffentlich sein.
  9. Das Zentrum wird ständigen Kontakt zu anderen islamischen Zentren in der Welt halten, um sich auszutauschen und von den Erfahrungen der anderen zu profitieren.
  10. Das Zentrum wird die Gesetze und Wünsche der Palästinensischen Nationalen Autonomie und der Regierungen Israels und Jordaniens respektieren und ihnen folgen.

bl

Der Streit um den Besuch Kardinal Lustigers

Kardinal Jean-Marie Lustigers Besuch (vgl. FrRu NF 4/1995, 257-266) hatte ein vielfältiges Echo in der Öffentlichkeit und in den Medien, noch bevor er überhaupt den Boden von Tel Aviv betreten hatte. Als einer der schärfsten Gegner des Besuchs tat sich Oberrabbiner Israel Meir Lau hervor, der in seiner Freitagspredigt die Tel Aviver Universität aufforderte, die Einladung rückgängig zu machen, da Lustiger als getaufter Jude kein gutes Beispiel für die israelische Jugend sein könne, wie mit dem Holocaust umzugehen sei. Lustiger symbolisiere „die geistige Vernichtung“ des Judentums, sagte Lau, sie führe „wie die physische Vernichtung zur ,Endlösung‘ des jüdischen Problems“.

Lustiger, der wie Lau als Jugendlicher den Holocaust erlebt hat, ist mit 14 Jahren im Zweiten Weltkrieg zum Christentum übergetreten. Der Sturm der Entrüstung entzündete sich besonders daran, daß der Kardinal als Gast oder sogar als Sprecher zur Eröffnungsversammlung des „Jom ha-Schoa“ eingeladen worden sein sollte. Später stellte sich heraus, daß eine Einladung zum Podium nie ergangen war.

Lustiger sprach auf dem Symposium der Universität Tel Aviv. In dem sehr persönlich gehaltenen Vortrag sagte er, der Holocaust sei die tiefste Stufe des Bösen, die jemals in der Welt erreicht worden sei. An ihrer Durchführung hätte die ganze Welt, darunter auch die katholische Kirche, mitgewirkt, und sei es auch nur durch Wegsehen oder Schweigen. Eine angemessene Strafe Gottes dafür wäre die Vernichtung der Welt gewesen. Aber schon in der Sintflut-Geschichte der Bibel habe Gott angekündigt, daß er die Welt nicht noch einmal vernichten wolle.

In der gemeinsamen Verantwortung für die Welt heute müßten Kirche und Synagoge zusammenarbeiten. Es wäre ein Irrtum der Kirche gewesen, die Synagoge enterben und ihr die Bibel wegnehmen zu wollen, ebenso müsse aber auch das Judentum anerkennen, daß die Botschaft der Bibel durch die Kirche in der ganzen Welt verbreitet worden sei. So sei es auch für das Judentum heute an der Zeit, die Kirche als Partner und nicht als Götzendiener oder Eroberer anzusehen. Es käme heute nicht darauf an zu fragen: „Was ist gut für das Judentum?“, sondern: „Was ist gut für die ganze Welt?“ Es könne keine Trennung mehr zwischen dem Heil der Juden und dem Heil der ganzen Welt geben.

bl

Junge Israelis lernen Deutsch bei deutschen Gasteltern

In der niedersächsischen Kleinstadt Stade waren sechs junge Israelis (16 bzw. 17 Jahre alt) im Rahmen eines Schüleraustausches bei Gasteltern für einen Monat untergebracht. Sie besuchten in Stade das deutsche Gymnasium. Das Erlernen der deutschen Sprache wird ihnen sicher auch später berufliche Vorteile bringen.

Untergebracht waren sie bei Familien, die gleichaltrige Jugendliche haben, damit die jungen Israelis Kontakte finden können und Gelegenheit hatten, die deutsche Sprache zu sprechen.

Die Idee dazu entstand vor ca. einem halben Jahr, als Carola Ammon, die Leiterin des Goethe-Instituts in Tel Aviv, zu einem Vortrag von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Stade eingeladen war.

Deutsch als Muttersprache von ehemaligen Einwanderern spielt nur noch eine untergeordnete Rolle in Israel. Für die junge Generation ist Deutsch weniger belastet als für die ältere Generation und sie gehen unbefangen mit der deutschen Sprache um.

Seit fünf Jahren gibt es in Israel auch an einigen Gymnasien Deutschunterricht, zum Teil als zweite (Wahl-)Pflichtsprache.

bl


Jahrgang 3/1996 Seite 67



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