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Sommer-Lefkovits, Elisabeth

Ihr seid auch hier in dieser Hölle?

Erinnerungen an die unheilvollen Zeiten 1944-1945. Chronos Verlag, Zürich 1994. 112 Seiten.

Eine jüdische Apothekerin aus Presov, Slowakien, erinnert sich an die Zeit ihrer Verfolgung, ihrer Verstecke vor der Gestapo, ihrer Deportation nach Ravensbrück und Bergen-Belsen und ihrer Befreiung von der britischen Armee. Der Großteil ihrer Familienangehörigen erlebte die Rettung nicht mehr, darunter ihr Mann, ihre Mutter, ihr ältester Sohn. „Ich habe erkannt, daß es richtig ist, diese Zeilen zu hinterlassen“, schreibt die Autorin. Dann folgt die Begründung: „Es gibt sechs Millionen Menschen, die keine Aussage machen konnten, um so mehr müssen es die Überlebenden tun. Es gibt Menschen, politische Gruppierungen, die den Holocaust leugnen. Jeder der Überlebenden, der schweigt, läßt zu, daß die Leugner gehört werden.“

Diese Erinnerungen sind daher nicht irgendein weiteres Buch in der Fülle an schriftlichen Aufzeichnungen der Überlebenden, es ist vielmehr ein weiteres, ungeheuer wertvolles Dokument, daß das Schweigen bricht, das Vergessen aufhält und den Leugnern und Lügnern von heute ein Zeugnis der damaligen Ereignisse entgegenstellt. In diesen Erinnerungen wird nicht nur die Brutalität und Menschenverachtung der nationalsozialistischen Massentötungsmaschinerie am jüdischen Volk deutlich, sondern auch die vielen kleinen und großen Hilfen, die Menschen trotz eigener Lebensgefahr geleistet haben. Wie etwa jene alte, namenlose Frau, die in einem Körbchen versteckt warme Milch und Brot brachte. „Das war für uns unfaßbar“, erinnert sich die Autorin. „Milch und weiches Brot! Das bedeutete uns damals riesig viel, nicht nur für unseren knurrenden Magen, sondern auch für unsere Seele war das eine Geste der Hoffnung zum Überleben.“

Der Autorin ist es ein besonderes Anliegen, in ihren Erinnerungen gerade auch diesen Menschen ein Andenken zu setzen. So schreibt sie in ihrem Dankeswort: „Die Beschreibung der fürchterlichen Untaten will ich aber nicht ohne einen speziellen Dank beenden. Er gilt den zahlreichen unbekannten kleinen Menschen, die mit ihren winzigen, aber damals gefährlichen Wohltaten unseren Glauben, daß Menschlichkeit und Anstand nicht völlig ausgestorben waren, bekräftigen.“ Wir dürfen der Autorin dankbar sein, daß sie die Kraft gefunden hat, ihre Erinnerungen nicht nur aufzuzeichnen, sondern auch zu veröffentlichen.

Herbert Winklehner


Jahrgang 3/1996 Seite 65



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