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Sauerbier, Edith (Hg.)

Auf der Suche nach einer neuen Christologie: Von Jesus, dem Juden,

Hedwig-Dransfeld-Haus, Bendorf 1994. 103 Seiten.

Ein höchst aufregendes Bändchen in bescheidenem Gewande, diese „Dokumentation der 1. Theologischen Sommerwoche 1993“ im Hedwig-Dransfeld-Haus Bendorf. Das dem jüdisch-christlichen Dialog, auch dem Gespräch mit dem Islam, seit langem verpflichtete Haus wollte einmal gezielt der Frage nachgehen: „Was bedeutet es für die christliche Theologie, daß christlicher Glaube seine Wurzeln im Judentum findet?“ Die für das Unternehmen Verantwortlichen stellten fest: „Das Christentum hat nicht nur durch die Einverleibung unterschiedlicher religiöser Traditionen, sondern immer auch durch die Enteignung des Judentums seine Identität aufgebaut.“ Erinnert wird an das Wort der ihr Jüdisch-Sein nie verleugnenden katholischen Theologin und Ordensfrau Charlotte Klein (1914-1984) (vgl. FrRu NF 2/1995, 141). „Es kann sein, daß die Vorstellungen der Christen von Jesus zu absolut sind, sogar im Neuen Testament, und die Christen müssen vielleicht ihre Christuslehre überdenken und die Titel, die sie Jesus verliehen haben, qualifizieren.“ — Erinnert wird auch an das ,Wort der Deutschen Bischöfe von 1980‘ „Wer Jesus Christus begegnet, begegnet dem Judentum.“

Beim Neutestamentler Peter Fiedler geht es darum, anhand der neutestamentlichen Zeugnisse die Entstehung der Jesusbewegung einerseits, den Ablösungsprozeß vom Judentum andererseits einsehbar zu machen; von der späteren heidenchristlichen Vereinnahmung Jesu zurückzufragen nach der Tora-treuen Lebensweise und Verkündigung des Juden Jesus von Nazaret.

Der Dogmatiker Karl-Heinz Minz stellt fest, „daß die Frage nach dem Verhältnis Jesu zur Tora kein akademisches Glasperlenspiel ist“. Antijudaismus definiert er als „Vorurteile, die durch stereotypes Denken überliefert werden“ und belegt das an markanten Beispielen. Durch verzerrenden Blick werde „die heilsmittlerisch-sakramentale Funktion der Tora als Gnade“ unerwähnt gelassen bzw. radikal umgedeutet. Minz weist nach, daß solche (Fehl-)Deutungen weder jüngsten lehramtlichen Aussagen noch der chalkedonensischen Formel „wahrer Gott und wahrer Mensch“ gerecht werden.

Der evangelische Systematiker Martin Stöhr entfaltet seine Gedanken „Wie die entstehenden Gemeinden zum Glauben an Jesus, den Christus kamen in sechs Thesen. Seine Grundeinsicht: „Eine einzige gute Nachricht durchzieht die ganze Bibel.“ Jedoch sind durch „unterschiedliche Auslegungstraditionen und Wirkungsgeschichten zwei unterschiedliche Fortsetzungsgeschichten im nachbiblischen Judentum und im nachbiblischen Christentum“ entstanden. Die Einzigartigkeit des bleibend Aufeinanderbezogenseins von Juden und Christen macht er vor allem fest an der gemeinsamen Perspektive der Geschichte, am gemeinsamen Glauben, daß Gott seine Welt nicht aufgibt, an der in Bildern ausgedrückten gemeinsamen Hoffnung auf Vollendung.

„Die Überwindung des Antijudaismus als Aufgabe der Kirchen“ verbindet die Sionsschwester Katherine Wolff zunächst mit dem Aufarbeiten z. B. des Negativbildes „Pharisäer“ oder der sogenannten „Schuld“ aller Juden — damals und heute — am Tod Jesu, der Entgegensetzung von ,Gesetz und Evangelium‘, ,altes‘ und ,neues‘ oder ,wahres‘ Israel. Weiter sieht sie einen wichtigen Schritt darin, „das Judentum in dem kennenzulernen, was von seinem eigenen Selbstverständnis her wesentlich ist“ — wozu uns sogar ein vatikanisches Dokument auffordert. Aus der fortbestehenden Heilsbedeutung des Judentums seien Konsequenzen für das Theologisieren wie für die Praxis der Kirchen und Christen zu ziehen.

Der in Israel lebende katholische Theologe Wilhelm Bruners macht an der Gleichniserzählung von älterem und jüngerem Bruder (Lk 15,11-32) deutlich, „wie heute christliche Frauen und Männer Jesus, den Juden feiern können“, und zwar „rettend und lebenserweckend“.

Der umfangreichste, vielleicht überraschendste und spannendste Beitrag, auch was die Art der theologischen Rede betrifft, stammt von Hans Ucko, einem Pastor der Schwedischen Kirche, der beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf arbeitet und als Kenner asiatischer Theologie gilt: „Christus durch die Brille der anderen betrachten.“ Da steht z. B. der Satz: „Es scheint legitim geworden zu sein, im Namen der Offenbarung die Bewegungsfreiheit und die Aktionsfreiheit Gottes zu begrenzen.“ Es geht ihm um die Anerkenntnis von Gottes erlösendem Wirken in Menschen anderer religiöser Traditionen, ohne sie zu ,anonymen Christen‘ zu machen!

Ruth Ahl


Jahrgang 3/1996 Seite 63



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