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Lustiger, Arno

Zum Kampf auf Leben und Tod

Vom Widerstand der Juden 1933-1945. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 1994. 628 Seiten.

Eine Überzeugung auszurotten ist schwer, besonders wenn es eine bequeme ist. Dieser Aufgabe widmet Arno Lustiger sein Leben, und hoffentlich mit Erfolg. Es geht um die hartnäckige Meinung, daß sich die Juden demütig wie Schafe zur Schlachtbank führen ließen. Dies war aber gar nicht so, und natürlich wußte „man“ von einzelnen, die Widerstand geleistet hatten in den KZ oder der Résistance in verschiedenen Ländern, aber das wurde eben als die Ausnahme von der Regel hingestellt. Dieses Wissen war nie wirklich relevant geworden, und überdies paßte die Legende von den demütigen oder gar servilen Schafen viel besser zum vor-gefaßten — noch immer existierenden — Antisemitismus. Nicht einmal die Heldenhaftigkeit und der Kampfgeist, die die Israelis in ihrem eigenen Land in den Kriegen bewiesen haben, änderte viel an diesem Vorurteil. Es ist unverständlich, was die Vertreter der jüdischen Widerstandslosigkeitsvermutung eigentlich erwarteten. Sollten die wenigen, bereits entmachteten, ihrer finanziellen und bürgerlichen Möglichkeiten beraubten Juden einem Heer von bestgerüsteten Mördern eine Not-wendende Niederlage bereitet haben, wo es doch der gesamten Heere der Alliierten des fünfjährigen Krieges bedurfte, um ihrer Herr zu werden.

Arno Lustiger hat es nun unternommen, alle die unzähligen Kämpfer und Kämpferinnen der Vergessenheit zu entreißen und ihre Geschichte zu erzählen und zu dokumentieren. Viele, sehr viele werden anonym bleiben, denn unter den damaligen Zuständen wurden keine Archive angelegt, es wurde gekämpft und gestorben, oft namenlos.

Eine heterogene Gesellschaft kommt da zusammen: Universitätsprofessoren, Hausfrauen, Handlanger, Gymnasiasten, erwachsen vor der Zeit, Musiker, Handwerker, Kommunisten, Orthodoxe, Bürgerliche, und, und, und. Alle nur mit dem einen Wunsch, zu kämpfen bis zum Tod für die Freiheit und Würde des jüdischen Volkes und dem Nazifeind so viel und so schwer zu schaden, wie und wo nur immer möglich.

Weit über 100 Namen und Kurzbiographien, geordnet nach Ländern, Konzentrationslagern, Gettos, in alliierten Armeen, als Spione für diese sind in dem Buch zusammengedrängt, unterbrochen von Auszügen aus Verhören, Aufzeichnungen und amtlichen Dokumenten der Nazis, die auf die Widerstandsaktionen Bezug nehmen und damit, sicher unbeabsichtigt, Zeugnis davon geben, wie schwer es diese „Terroristen“ den SS-Leuten und Aufsehern gemacht haben. Die für die Geschichtsforschung unentbehrliche Sammlung ist ein würdiges Denkmal und eine bleibende Ehrung der fast Vergessenen, Helden des jüdischen Widerstands gegen die Höllenhunde der Nazis.

Arno Lustiger, selber ein Überlebender aus Auschwitz und Buchenwald, weiß, wovon er schreibt. Es ist nicht nur äußerst wichtig, sondern es ist auch faszinierend zu erfahren, wie die einzelnen Kämpfer lebten und starben.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 3/1996 Seite 60



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